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Anna Magdalena Ruile: Lernen in Jugendszenen

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 31.08.2011

Cover Anna Magdalena Ruile: Lernen in Jugendszenen ISBN 978-3-8288-2380-8

Anna Magdalena Ruile: Lernen in Jugendszenen. Ein Ausweg aus sozialer Ungleichheit im Bildungssystem? Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 127 Seiten. ISBN 978-3-8288-2380-8. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.

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Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin studierte von 2004 bis zu ihrem Examen 2009 Ethnologie, Geschichte und Soziologie an der Universität Augsburg. Seit Oktober 2010 ist sie dort wissenschaftliche Mitarbeiterin und untersucht Jugendkulturen und deren Szenen. Außerdem schreibt sie bei der Kompetenzsoziologin Michaela Pfadenhauer in Karlsruhe an ihrer Dissertation zum Kompetenzerwerb in der HipHop-Szene. Bei dem zur Rezension anstehenden Titel handelt es sich um die Veröffentlichung ihrer Magisterarbeit.

Thema

Das Buch beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und den Grenzen des so genannten informellen Lernens. Die Autorin untersucht den Kompetenzerwerb in Jugendszenen unter der doppelten Fragestellung, ob die dort erworbenen Kompetenzen alltags- und berufstauglich seien und ob sie die Ungleichgewichte eines selektierenden Bildungswesens austarieren könnten. Dazu ruft Ruile vier Zeitzeugen auf, - Jugendliche, die sich nach ihrer Szenekarriere in einem ‚normalen‘ Berufsalltag etabliert haben. Sie recherchiert den Kompetenzerwerb und fragt nach dem Gebrauchswert des dort Gelernten.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort hebt Michaela Pfadenhauer, Hochschullehrerin in Karlsruhe und Co-Autorin der Expertise über Unsichtbare Bildungsprogramme von 2004 den Wert der hier vorliegenden Untersuchung zum Kompetenzerwerb in Jugendszenen hervor: Szenekompetenzen seien nicht bloße subkulturspezifische Abzeichen, sondern taugten durchaus zur Qualifikation für das ‚richtige Leben‘ danach; aber leider böte informelle Bildung keinen Ausgleich zu unzureichender schulischer Bildung und den damit zusammenhängenden Formalqualifikationen. Damit beantwortet Pfadenhauer bereits die als Untertitel angelegte Frage des Buches, ob denn das Lernen in Szenen ein Ausweg aus sozialer Ungleichheit sei: Nein!

In ihrer Einleitung (1) formuliert die Autorin die Notwendigkeit einer vollständigen Ressourcennutzung der heranwachsenden Generationen zur Sicherung des Lebensstandards einer schrumpfenden und älter werdenden Bevölkerung in Deutschland. Nach Ansicht von Ruile genügt das deutsche Bildungssystem diesem Anspruch keinesfalls und kann dadurch seine eigentliche Aufgabe nicht erfüllen.

2. Einführung

Das Entstehen des Phänomens Jugend in der jüngeren Neuzeit (2.1) wird korrekt beschrieben, allerdings - und darin zeigt sich die Herkunft der Publikation als Magisterarbeit - nur gestreift und im Rückgriff auf Farins ‚Jugendkulturen‘ sekundär belegt und nicht im direkten Bezug etwa auf Aries, Postman oder von Hentig. Die Darstellung ihrer Geschichte vor dem Zweiten Weltkrieg läuft auf eine Beschreibung der Wandervogelbewegung zu (als einer ersten Vorform einer Jugendszene?); die Darstellung der Nachkriegsjugend wird als zeitliche Abfolge bestimmter sich ablösender Subkulturen beschrieben; erst die Entwicklung ab den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts wird als Ausdifferenzierungsprozess gesehen. Dabei irritiert die Abschnittsüberschrift etwas: Was bedeutet ‚Historischer Blick auf die Jugend‘?

Der Abschnitt 2.2 liefert eine Beschreibung der Konturierung der Jugendphase: Ruile sieht die Jugend korrekt als Lebensphase und weist auf die fehlende Trennschärfe bei möglichen Begrenzungsbeschreibungen nach unten (zur Kindheit) oder nach oben (zum Erwachsenendasein) hin. Damit betont sie die Eigenständigkeit und geht von der Annahme ab, Jugend sei ein bloßes Übergangsphänomen.

Mit Blick auf ‚Individualisierung und Pluralisierung‘ (2.3) werden die Beckschen Strukturierungen von Lebensperspektiven zunächst nach Schroer sekundär entwickelt und danach mit einem kurzen Blick auf Beck selber konkretisiert und als Übergang von der Normalbiographie zur Wahlbiographie beschrieben. Hier macht Ruile noch keine schichtspezifischen Unterschiede von Individualisierungsoptionen aus.

Unter der Überschrift ‚Folgerungen für die Jugend‘ (2.4) liefert Ruile einige Konkretisierungen zu den Ausführungen zur ‚Lebensphase Jugend‘ (2.2). Sie beschreibt die Umstrukturierung der Phase als einen ‚Sozialen Kontrollwechsel‘: Zur Beschreibung dieser Phänomene zieht sie neben Hitzler (2005) auch Literatur aus den siebziger (Ferchhoff) und den achtziger Jahren des letzten Jahrhundert (Zinnecker) zu Rate, so dass die Charakteristik dieser Phase in zeitlichen Pendelbewegungen erläutert wird: Der Abschnitt leidet unter diesen ‚Tempuswechseln‘. Was bedeutet ‚Heute‘?

Anscheinend möchte Ruile die Achtziger als die Geburtszeit der Szenen (in Deutschland? - überhaupt?) beschreiben. Das passiert in einer längeren Paraphrase (Zinnecker 1987), deren Verwendungssinn sich der Rezensent deutlicher expliziert gewünscht hätte. Klar wird, dass sie ein älteres gegen ein neues Szeneverständnis setzt. Dazu diskutiert sie zum Ende des Abschnitts den ‚neueren‘ Szenebegriff Hitzlers. So vollzieht Ruile den Anschluss an ihren Abschnitt 2.1: Die ‚Szene‘ wird als der Ort eines jugendlichen Wir-Bewusstseins beschrieben. Zugang und Zugehörigkeit zur Szene seien an den Erwerb ihrer Codes gebunden. Der Gebrauch dieser Codes mache die ‚Szene-Kompetenz‘ aus. Weiterhin erfahren wir: Szenen leben von Events; es gibt eine Typik der Szene.

Auf den etwas diffusen ‚Heute‘-Begriff der Autorin wurde bereits hingewiesen: Leider muss sie ‚Jugend heute‘ (2.5) unter Heranziehung der Shell-Studie von 2006 beschreiben, weil die 2009er Studie zu spät erschienen war, dass sie sie noch in ihre Arbeit hätte einfließen lassen können. Die zentrale Erkenntnis von Ruiles Ausführungen ist: Die soziale Herkunft spielt eine herausragende Rolle bei der Entwicklung der Jugendlichen und der Entfaltung ihrer Lebensperspektiven.

3. Jugend und Schule

Ruile beschreibt zunächst (3.1) den Bedeutungszuwachs von Schule bei der Zuweisung von Chancen und sieht einen Druck vor allem auf Bildungsferne, und unter der Überschrift ‚Soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem‘ (3.2) beschreibt sie die Rolle der Schule bei der Zementierung der sozialen Ungleichheit. Die Gründe dafür werden mir nicht klar, weil die Argumentation nicht differenziert genug erfolgen kann; die Absicherung mit Max Weber und Pierre Bourdieu wirkt unpassend und ist auch nur sekundär vermittelt. (S.65)

4. Jugend und informelles Lernen

Ein Übergang vom formellen Lernen in der Schule zu informellen Lernen in der Freizeit wird als gesetzt angenommen. Lernen wird sehr kurz beschrieben; und auch das informelle Lernen wird - wahrscheinlich dem Umfang der Arbeit geschuldet - unter Umgehung einer einleitenden grundsätzlichen Klärung des Begriffs nur knapp entwickelt: Dabei hält der Rezensent die ‚Europäische Kommission‘ keinesfalls für eine Referenz, die allgemein anerkannte Definitionen zum formellen und damit auch zum informellen Lernen liefern könnte (S.68).

Interessant und wichtig ist die Gleichsetzung von informellen und außerschulischen Lernen (S.71). Dabei entwickelt Ruile die These, dass die Bedeutung außerschulischen Lernens zunehme.

Weil ein zentraler Ort dieses Lernens die Szene sei (4.2), schlussfolgert Ruile, dass auch dort Kompetenzen erworben werden. Die Autorin setzt Lernen und Kompetenzerwerb gleich, allerdings ohne diese Identifizierung explizit zu begründen. Hier (S.73) finden wir den Hinweis auf den Titel des Buches: Lernen in Jugendszenen.

Die Rolle dieses Lernens wird am Beispiel von vier Jugendlichen aufgezeigt (4.3), die - vorgestellt in vier Kurzportraits - zu Wort kommen. Bei diesen jungen Leuten handelt es sich um zwei Angehörige der Indieszene und um zwei HipHoper: Allesamt sind männlich - es ist schwer, weibliche Szeneangehörige zu finden.

Deren Leben in der Szene sei durch harte Arbeit gekennzeichnet: Die Aktivitäten in der Szene erfordern Anstrengungen und werden von informellen Lernprozessen begleitet und gesteuert, die zu Berufen qualifizieren, ohne dass die Szenegänger eine Formalqualifikation zur Ausübung dieses Berufes angestrebt hätten. Allein diese Beobachtung allein ist schon eine erstaunliche und bemerkenswerte Erkenntnis der Arbeit.

Mit dieser Beobachtung schließt Ruile folgerichtig an die Untersuchungen von Hitzler und Pfadenhauer zum Kompetenzerwerb in Szenen an und geht gleichzeitig, wie Pfadenhauer das in ihrem Vorwort unterstreicht, auch noch darüber hinaus, weil sie die Transferierbarkeit von Szenekompetenzen beschreibt und zu neuen Erkenntnissen zur Untersuchbarkeit von Szenekompetenzen kommt.

Nachdem Ruile durch ihre Interviews feststellen konnte, dass in Ihren vier Fällen durch die Schichtzugehörigkeit auch der Szeneerfolg und die Nachszenelaufbahn vorgeprägt worden seien, generalisiert sie ihre Fragestellung und sucht nach sozialen Ungleichheiten an informellen Bildungsorten (4.4). Diese schichtspezifisch unterschiedlichen Aneignungsweisen findet sie im Rückgriff auf die letzte ihr zur Verfügung stehende Shell-Studie von 2006, bei der Medien- und Internetnutzung und beim Zugriff auf die so genannten informellen Netzwerke tatsächlich wieder: Soziale Ungleichheiten schaffen auch hier unterschiedliche Zugriffsoptionen.

In ihrer abschließenden Zusammenfassung nimmt Ruile die Tendenzen und Erkenntnisse noch einmal zusammen und formuliert in Fragen ihre Ansprüche an die Wissenschaft, die Relevanz des Erwerbs von Szenekompetenzen genauer zu untersuchen. Gleichzeitig erneuert sie ihren Appell an uns alle, dafür zu sorgen, dass sämtliche Ressourcen der nachwachsenden Generation nutzbar gemacht werden müssen, um unseren Lebensstandard zu sichern.

Diskussion

Mit der Veröffentlichung des Buches ist eine zweckgebundene wissenschaftliche Arbeit dem Fachdiskurs überantwortet worden. Diesem Diskurs sind die zeitlichen Beschränkungen bei der Entstehung des Werkes gleichgültig, auch wenn jeder Wissenschaftler, der Magister- oder Diplomarbeiten betreut, von den Möglichkeiten, aber auch von den Grenzen einer solchen Leistung weiß.

Ruile geht - aus soziologischer Perspektive - von der Notwendigkeit einer vollständigen Ressourcennutzung der heranwachsenden Generationen zur Sicherung des Lebensstandards einer schrumpfenden und älter werdenden Bevölkerung in Deutschland aus. Der Gedanke ist zwar einerseits zwingend, birgt aber andererseits? wenn man diesen Anspruch verabsolutiert, das Risiko einer Instrumentalisierung des Bildungsbegriffs: Bildung sei eine Ressource, die vollständig ausgebeutet werden müsse, um den Bestand unserer Gesellschaft und die Qualität unseres Lebens zu sichern. Hier gilt es sich zu versichern, dass Bildung in dieser gesellschaftlich relevanten Funktion nicht aufgehen darf: In der erziehungswissenschaftlichen Perspektive ist Bildung Selbstbildung. Und Selbstbildung ist mehr als nur Kompetenzerwerb.

Die vier Interviews liefern genaue Hinweise auf die Optionen einer Szenekarriere, und sie zeigen auch, dass in diesen vier Fällen die Herkunft der Jugendlichen den Weg in die Szene und aus der Szene heraus mit bestimmt. Sie zeigen aber nicht, dass das deutsche Bildungssystem an diesen Wegen Schuld hat - auch wenn man natürlich von außerhalb der hier durchgeführten Untersuchung genügend Nachweise führen kann, dass dem tatsächlich so ist. In so weit erscheint dem Rezensenten der Untertitel des Buches: Ein Ausweg aus sozialer Ungleichheit im Bildungssystem? etwas irreführend: Das kann man an Hand der vier Leitfadeninterviews und nach der Diskussion der Herausforderungen von Jugend heute nicht beantworten, weder mit Ja noch mit Nein.

Dem Buch scheint ein deskriptiver Szenebegriff unterlegt, der affirmativen Charakter aufweist: Jugendliche leben in Szenen, in denen informelles Lernen praktiziert wird oder zumindest immerzu möglich ist. Dabei wird auf die unterschiedlichsten Charakteristika unterschiedlicher Szenen zwar verwiesen, aber diese werden nicht expliziert. Hier fehlt eine Differenzierung. Wir wollen hoffen, dass die Szenekompetenzen etwa der Hools und der Autonomen Nationalen nicht alltags- und beschäftigungsrelevant werden.

Fazit

Bei dem rezensierten Titel handelt es sich in der Tat um eine ganz ausgezeichnete Magisterarbeit, die in konsequenter Gliederung und sprachlich sehr klar einen aktuellen Sachverhalt der Möglichkeiten informellen Lernens herausarbeitet, erläutert und konkretisiert. Das tut sie unter Berücksichtigung neuer, aber leider nicht neuester Forschungsergebnisse. Dabei merkt man der Arbeit mitunter ihre zeitliche Beschränkung doch an, weil die Auseinandersetzung mit der Literatur gleichsam stichpunktartig und ausschnittsweise erfolgt, denn die Autorin orientiert sich in einzelnen Abschnitten ihrer Arbeit jeweils an wenigen Seiten eines einzelnen Leitmediums und vergleicht nur in Ansätzen unterschiedliche Sichtweisen miteinander. Der eigentliche Wert der Arbeit liegt in den klaren Aussagen über den Wert der informellen Lernstandorte und die Möglichkeiten zum Kompetenzerwerb: HipHop bildet.

Was man mit dieser Erkenntnis anfängt, ist nicht mehr Gegenstand der Arbeit (aber womöglich Gegenstand der Dissertation von Ruile): Soll man die Ressourcen der Jugend durch eine Funktionalisierung der Kompetenzerwerbsmöglichkeiten in Jugendszenen zu einem weiteren Zentrum des Bildungsgedankens machen? Soll man die Jugendszenen als zweite Bildungssäule der schulischen Ausbildung an die Seite stellen? Abgesehen davon, dass sich Szenegängerinnen und Szenegänger, aber auch die Szeneavantgarde für eine solche ‚Aufwertung‘ der Szenen bedanken würden, scheint der Gedanke gar nicht mal abwegig.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 31.08.2011 zu: Anna Magdalena Ruile: Lernen in Jugendszenen. Ein Ausweg aus sozialer Ungleichheit im Bildungssystem? Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2380-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10504.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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