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Simone Abendschön: Die Anfänge demokratischer Bürgerschaft

Rezensiert von Prof. Dr. Leonie Wagner, 22.03.2011

Cover Simone Abendschön: Die Anfänge demokratischer Bürgerschaft ISBN 978-3-8329-5581-6

Simone Abendschön: Die Anfänge demokratischer Bürgerschaft. Sozialisation politischer und demokratischer Werte und Normen im jungen Kindesalter. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. 418 Seiten. ISBN 978-3-8329-5581-6. 59,00 EUR. CH: 99,90 sFr.
Reihe: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung - Band 18.

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Thema

In den letzten Jahren hat bezogen auf das Themenfeld "Kinder und Politik" ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Wurden Kinder lange Zeit als unmündig und abhängig begriffen, so werden sie seit den Diskussionen um und der Verabschiedung der Kinderrechtskonvention (1989), der Etablierung von Kinderparlamenten und –foren und den Überlegungen zu einem Kinderwahlrecht zunehmend als junge StaatsbürgerInnen betrachtet. Damit setzen auch verstärkt Bemühungen ein, Angebote im Rahmen politischer Bildung für Kinder zu kreieren. Die Frage des Erwerbs und der Verfügung von Kindern über politische Wertorientierungen ist in der politikwissenschaftlichen Forschung jedoch nur in Ansätzen untersucht worden. Die Studie von Simone Abendschön nimmt im Rahmen eines DFG-Projektes diese Lücke zum Anlass, nach der Sozialisation politischer und demokratischer Werte und Normen im jungen Kindesalter zu fragen.

Autorin

Simone Abendschön hat von 2004 bis 2008 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung im DFG-Projekt "Demokratie leben lernen" gearbeitet. Seit 2008 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Entstehungshintergrund

Die Untersuchung entstand im Rahmen des DFG-Projekts "Demokratie leben lernen" (DLL-Studie) am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung als Dissertation (Abschluss 2009, summa cum laude). Die Autorin nutzt die in diesem Projekt erhobenen empirischen Quellen erstmals insgesamt.

Aufbau und Inhalt

Simone Abendschön macht in der Einleitung zu ihrer Untersuchung auf einige der Gründe für den festzustellen Perspektivwechsel aufmerksam. Neben der Kinderrechtskonvention ist es nicht zuletzt die zunehmende Politikferne bis –abstinenz Jugendlicher und die Entstrukturierung der Phase Kindheit in Bezug auf die Jugendphase. Begleitet werden diese Veränderungen durch eine andere Sicht auf Kindheit und Sozialisation, in der das "Sein" anstelle des defizitorientierten "Werdens" die paradigmatische Orientierung darstellt. Insofern geht es der Autorin um die politische Sozialisation junger Kinder und die Rolle, die Normen und Werte darin einnehmen. Sie untersucht Genese und Beschaffenheit einer politisch-demokratischen Werteausstattung und den Zusammenhang der Einflüsse unterschiedlicher Sozialisationsinstanzen in diesem Prozess.

Methodisch wurden neben der Exploration dienenden Tiefeninterviews und vorgeschalteten Gesprächen mit PädagogInnen vor allem mehrere quantitativ angelegte Befragungen vorgenommen: Standardisierte Befragungen von über 700 Kindern zu zwei verschiedenen Erhebungszeitpunkten (1.unmittelbar vor Schuleintritt, 2. nach Einschulung). Zusätzlich wurden die Eltern per Fragebogen bezogen u.a. auf den familiären Hintergrund und die KlassenlehrerInnen u.a. bezogen auf den Lehrstoff befragt.

Im anschließenden 2. Kapitel erarbeitet Simone Abendschön die konzeptionellen Grundlagen: ein auf die Untersuchung bezogenes Wertkonzept. Hierzu betrachtet sie Ergebnisse der Wert- und Einstellungsforschung, der Sozialisationsforschung und der Entwicklungspsychologie und klärt zentrale Konzepte wie die Begriffe Wert, Norm, Einstellung. Das 3. Kapitel ist der Frage der Übertragbarkeit dieser Konzepte auf junge Kinder gewidmet. Die Autorin unterzieht deshalb Untersuchungen der politischen Sozialisationsforschung der 1960er und 1970er Jahre einer kritischen Überprüfung und zeigt deren Weiterentwicklung analog des sich wandelnden Verständnisses von Sozialisation. Dabei bezieht sie sich auch auf Untersuchungen der Moralentwicklungsforschung und nicht zuletzt auf die Ergebnisse der DLL-Studie. Diese zeigen, dass auch bereits junge Kinder über moralische und politische Wertvorstellungen verfügen.

Im 4. Kapitel geht es um die Frage des Erwerbs dieser Wertorientierungen und den daran beteiligten Sozialisationsinstanzen und –faktoren. Auch hier zieht Simone Abendschön wiederum eine beachtliche Anzahl von Untersuchungen unterschiedlicher Provenienz heran, die jeweils auf verschiedene Aspekte Rückschlüsse erlauben. So werden neben der Berücksichtigung der Sozialisationsinstanzen Familie, Schule, Medien und peers sowie subjektbezogenen Faktoren diese noch durch die Betrachtung struktureller und spezifischer Rahmenbedingungen aufgefächert (z.B. sozioökonomischer Status, ethnische Herkunft, Erziehungsstile, religiöse Praxis, Lehrperson, Schulklima, Geschlecht, Alter). Daraus ergeben sich im Zusammenhang mit den vorausgehenden Kapiteln Erwartungen an die Ergebnisse der Empirie, die die Autorin im anschließenden 5. Kapitel überprüft. Hier nimmt Simone Abendschön eine Feinanalyse bezogen auf die politischen bzw. demokratischen Wertorientierungen Regeln und Normen, "guter Bürger", Gleichberechtigung und Prestige jeweils bezogen auf die verschiedenen Sozialisationsinstanzen und den Zusammenhang zwischen diesen vor.

Im 6. Kapitel fasst sie die Ergebnisse zusammen und gibt Ausblicke bezogen auf die Bedeutung der Rahmenbedingungen für und Herausforderungen von Kindern an Politik sowie auf weitere Forschungsthemen. Im Anhang finden sich Verweise auf die URLs, an denen die Fragebögen zu finden sind, ergänzende Tabellen und das Literaturverzeichnis.

Diskussion

Simone Abendschön hat eine durchdachte und materialreiche Untersuchung vorgelegt. Neben den methodischen Schritten, Verfahren und Verknüpfungen sowie einer akribischen Aufarbeitung unterschiedlicher relevanter Forschungsstände ist die Studie jedoch vor allem durch ihre inhaltlichen Ergebnisse interessant:

Die maßgeblichen Sozialisationsinstanzen bei jungen Kindern bleiben Familie und Schule, wobei Medien und peers hier unterstützend und verstärkend wirken können. Und:

"Kinder interessieren sich bereits für Politik und nehmen gerne und (meistens) aufmerksam die Möglichkeit wahr, Erwachsenen ihre Meinungen und Einstellungen zu politischen und gesellschaftlichen Sachverhalten mitzuteilen. Mit diesen Kenntnissen, ihrer Unterstützung von politischen und demokratischen Werten und Normen, ihrem Interesse und ihrer Begeisterungsfähigkeit verfügen sie also schon über wichtiges „Handwerkszeug“ zum jungen Staatsbürger und können ihre Meinungen und Einstellungen artikulieren. […] Die Partizipation von Kindern an für sie relevanten Entscheidungen kann zudem als weiterer verstärkender Einflussfaktor auf ihre politische Sozialisation betrachtet werden. Dies lässt sich aus den Ergebnissen dieser Arbeit bezüglich interaktiver Unterrichtsmethoden und sozialer Integration teilweise folgern. Allerdings gilt auch hier, dass diese Prozesse zumindest im jungen Kindesalter positiver Verstärkung durch Rollenbilder bedürfen." (S.355)

Damit sind zentrale Ergebnisse und gleichzeitig Herausforderungen benannt, die insbesondere bezogen auf die Kompensationsmöglichkeiten von Defiziten in familiärer oder struktureller Hinsicht durch die Schule (und vermutlich auch der vorgeschalteten Einrichtungen für Kinder) von Interesse sind. Bereits im Kindesalter nämlich lassen sich unterschiedliche Wertorientierungen feststellen, die zum Teil auf familiäre sozioökonomische und strukturelle Benachteiligungen zurückgeführt werden können. Institutionelle Arrangements können hier kompensieren, wenn die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass ein förderndes Klima geschaffen und entsprechende Lernprozesse ermöglicht werden. Diese Erkenntnis ist sicher nicht bahnbrechend neu, gibt aber bezogen auf die Frage der "politischen Bildung und Kultur" u.a. der Schule ein deutliches Signal. Institutionelle Bildung kann insofern zwar nicht alles heilen, sie kann aber umgekehrt durch Versäumnisse auch dazu beitragen, dass Defizite weiterhin existieren und das Interesse von Kindern an und für "Politik" weiterhin gering und demokratische Orientierungen schwach ausgeprägt bleiben.

Fazit

Simone Abendschöns Untersuchung besticht durch genaue Beschreibungen des Vorgehens und eine sehr differenzierte Auswertung von Literatur und empirischem Material – eine Differenziertheit, die aber eine ebensolche Lektüre erforderlich macht. Kein Buch, das "mal eben" Auskünfte gibt, aber ein Buch, das denen hilft, die sich genau und tiefgehend auch für einzelne Aspekte des Gesamtthemas interessieren.

Rezension von
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Es gibt 14 Rezensionen von Leonie Wagner.

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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 22.03.2011 zu: Simone Abendschön: Die Anfänge demokratischer Bürgerschaft. Sozialisation politischer und demokratischer Werte und Normen im jungen Kindesalter. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. ISBN 978-3-8329-5581-6. Reihe: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung - Band 18. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10505.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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