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Maria Kron, Birgit Papke u.a. (Hrsg.): Zusammen aufwachsen

Cover Maria Kron, Birgit Papke, Marcus Windisch (Hrsg.): Zusammen aufwachsen. Schritte zur frühen inklusiven Bildung und Erziehung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-7815-1762-2. 17,90 EUR.
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Thema

„In diesem Buch geht es um eine Pädagogik der Begleitung und Förderung kindlicher Bildungs- und Entwicklungsprozesse in inklusiven Zusammenhängen und um die Teilhabe von Kindern mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen“ (Bucheinband).

Herausgeberinnen und Herausgeber

Maria Kron ist Diplompsychologin, Heil- und Sonderpädagogin und Professorin für Sonder- und Heilpädagogik und Inklusion an der Universität Siegen.

Birgit Papke ist Diplompädagogin und Diplomsozialpädagogin. Sie lehrt im Studiengang Soziale Arbeit des Fachbereichs Erziehungswissenschaft an der Universität Siegen.

Marcus Windisch ist Diplomsozialarbeiter und an der Universität Siegen verantwortlich für die wissenschaftliche Koordination und Forschung.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist das Produkt des Forschungsprojekts Early Childhood Education in Inclusive Settings/Frühe inklusive Bildung und Erziehung, „in dem es um die frühe inklusive Erziehung in europäischen Ländern ging, unter besonderer Beachtung der Inklusion und Teilhabe von Kindern mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen, von Kindern mit Behinderungen“ (S. 9).

Aufbau

  1. Die zu besprechende Publikation vereinigt Beträge europäischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Praktikerinnen und Praktiker:
  2. Einleitung (Maria Kron)
  3. Reflexionen über das Konzept der Inklusion
  4. Inklusive Praxis – eine Frage der Konzepte
  5. Situationen der frühkindlichen Bildung und Erziehung – Beobachtungen in verschiedenen europäischen Ländern
  6. Das Arrangement (halb-)strukturierter Spiel- und Lernsituationen
  7. Individuelle Unterstützung in der inklusiven Erziehung
  8. Pädagogische Unterstützung des gegenseitigen Verständnisses – Signale und Verhalten übersetzen, Konflikte lösen
  9. Beispiel – Situationen mit vielfachen Herausforderungen
  10. Zusammenarbeit mit Eltern
  11. Inklusion in der Praxis – Wichtige Prinzipien und offene Fragen
  12. Maria Kron: Zusammen (auf)wachsen – Unterschiedlichkeit erleben
  13. Literatur
  14. Autorenspiegel

Das detaillierte Inhaltsverzeichnis ist verfügbar unter http://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/1762.html

Inhalte

In ihrer Einleitung stellt Maria Kron heraus, dass das zu besprechende Handbuch Materialien bereithält, die für die inklusive Erziehung nutzbar sind. Hierzu werden Beispiele aus unterschiedlichen europäischen Ländern geboten. Der Fokus wurde dabei besonders auf die Bildungsrahmenpläne und –enpfehlungen gelegt. „Unser Blick richtet sich vor allem [...] auf Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen“ (S. 11). Wie aus dem Abschnitt Aufbau erkennbar, werden Theorie und Praxis miteinander verknüpft.

Ein Ziel dieser Publikation ist es einen Dialog zu beginnen: „Die Interpretation unserer Befunde kann unterschiedlich sein, je nach Situationen, auf die sie bezogen sind. Aber das Wichtigste beim Lesen dieses Manuals ist es, dass Sie, liebe Leserin/lieber Leser, sich fragen, was aus ihrer Sicht von Bedeutung ist“ (S. 12).

Für die weitere Lektüre ist die terminologische Stimmigkeit wichtig. Das Konzert wird nur harmonisch erklingen, wenn alle Instrumente richtig gestimmt sind. Diese terminologische Klärung erfolgt durch eine hervorgehobene Bestimmung der Begriffe Integration und Inklusion: „Wir verstehen Inklusion als einen Prozess, der darauf abzielt, ein angemessenes Umfeld für alle Kinder zu schaffen. Das bedeutet für die pädagogische Arbeit, dass Konzepte, Programme und Aktivitäten an die Bedürfnisse und Interessen der Kinder anzupassen sind und nicht etwa umgekehrt die Kinder sich den von ihnen unabhängig entworfenen Vorstellungen anzupassen haben“ (S. 15f.). Zum erstgenannten Begriff der Integration erfährt die Leserinnen- und Leserschaft jedoch keine weitere Klärung. Letzteres liefert dann einige Seiten weiter Eric Plaisance in seinen Anmerkungen zu den Begrifflichkeiten, indem er sich einer Tabelle zur Praxis der Integration und Inklusion von Andreas Hinz aus dem Jahre 2002 bedient.

Der zweite zu klärende Begriff ist der der Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen. Hier gilt es „die Perspektive zu überwinden, dass eine Person gänzlich durch eine organische Beeinträchtigung definiert wird, die sie möglicherweise hat, und […] zu unterstreichen, dass eine Behinderung nicht eine Person charakterisiert, sondern die Situation, die die Gesellschaft für diese Person schafft“ (S. 16). Behinderungskonzepte treten in den Hintergrund und verschwinden schließlich ganz (kurze Anmerkung des Rezensenten: Dieses Verschwinden von Behinderungskonzepten kann für die Betroffenen fatale und für die Fachwelt leider noch nicht absehbare Folgen haben. Ähnlich sieht es aus, wenn wir Konzepte für die Altenarbeit in den Hintergrund stellen. Irgendwann gibt es die Alten dann gar nicht mehr).

Inhaltlich von besonderem theoretischem Interesse ist das zehnte Kapitel, in welchem wichtige Prinzipien und offene Fragen zur Inklusion in der Praxis aufgeworfen werden. Überblicksartig sollen an dieser Stell die in Kapitel 10.1.6 genannten wichtigen Prinzipien aufgeführt werden, da aus ihnen ein Frage zur Diskussion resultiert:

1. Interessen und Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt stellen

  • Von den Interessen der Kinder ausgehen
  • Situationen und Umgebungen schaffen, die das Interesse der Kinder wecken

2. An Lernprozessen teilhaben – Situationen schaffen, die die Fähigkeiten aller Kinder ansprechen

  • Heterogene Gruppen bilden
  • Flexible Strukturen – Wechsel zwischen Groß- und Kleingruppe
  • Curricula und Anforderungen anpassen
  • Balance zwischen Freispiel und strukturierten Situationen
  • Ein vertrauensvolles Klima gestalten
  • Die Fähigkeiten und Talente aller Kinder hervorheben und wertschätzen
  • Abbau von Barrieren
  • Individuelle Unterstützung und gemeinsame Momente schaffen
  • Individuelle Förderpläne – Umsetzung und Einbettung in Gruppenrotationen

3. Pädagogische Unterstützung des gegenseitigen Verständnisses

  • Umgang mit Vielfalt
  • Situationen für das Kind mit spezifischem Förderbedarf schaffen, die auch für andere Kinder attraktiv sind (‚Beziehungs-Management‘)
  • Fähigkeiten und Talente für andere Kinder sichtbar machen
  • Unbekannte Signale und Verhaltensweisen für die anderen Kinder übersetzen
  • Den Sinn von befremdlichem und herausforderndem Verhalten auf[…]decken und die Normalität auf[…]zeigen

4. Wissen und Einstellungen – Haltrungen der Pädagogen und Pädagoginnen in der Praxis

  • Das Kind als Protagonisten seiner eigenen Entwicklung akzeptieren
  • Reflexion der Vorbildfunktion
  • Zusammenarbeit mit den Eltern

5. Günstige Bedingungen inklusiver Praxis

  • Kooperation im Team (in der Gruppe)
  • Die Einrichtung als unterstützender Hintergrund
  • Positive architektonische und räumliche Einflüsse
  • Netzwerke und Zusammenarbeit im Gemeinwesen: Kooperation mit anderen Diensten“ (S. 222).

Fragen zur Diskussion

  • Wie geht es mit der Inklusion nach dem behinderten Kindsein weiter?
  • Was kommt nach der Schule?
  • Oder muss man fragen: Was kommt nach der Inklusion?
  • Dürfen die durch inklusive Erziehung mit Empowerment ausgestatteten behinderten Menschen in der Behindertenbegleitung und –arbeit powerful tätig sein?
  • Wie wird Inklusion für den nachschulischen Bereich definiert?
  • Bis in welches Alter hinein greifen die in 10.1.6 genannten wichtigen Prinzipien zur Inklusion? Konkret: Gilt das alles nur für Kinder mit so genannten besonderen pädagogischen Bedürfnissen?
  • Dürfen diese besonderen (ich erlaube mir hier die folgende Bezeichnung zu verwenden) behinderungsbedingten Bedürfnisse im Erwachsenenalter nicht mehr vorherrschen? Noch krasser:
  • Sind Erwachsene mit letztgenannten Bedürfnissen überhaupt erwünscht?

Fazit

Eine, u. a. mit Blick auf die UN-Behindertenrechtskonvention, spannende Lektüre, die sich an Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen und –pädagogen, Lehrerinnen und Lehrer richtet, „die den Blick nach draußen suchen und offen sind für Anregungen aus anderen europäischen Ländern“ (Einband).

Gerade mit Blick auf die wichtigen Prinzipien zur Inklusion ist eine Ausweitung des Gesamten auf die Andragogik in der Behindertenbegleitung, -arbeit und –hilfe dringend notwendig. Glücklicherweise hat die AKTION Sorgenkind begriffen, dass aus behinderten Kindern auch behinderte Menschen – deshalb AKTION Mensch - werden. Der Behindertenbegleitung, -arbeit und -hilfe ist dieser Lern- und Erkenntnisprozess in diesem Sinne auch zu wünschen.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 10.12.2010 zu: Maria Kron, Birgit Papke, Marcus Windisch (Hrsg.): Zusammen aufwachsen. Schritte zur frühen inklusiven Bildung und Erziehung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2010. ISBN 978-3-7815-1762-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10506.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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