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Christa Schmidt: [...] Träume als Schlüssel zu Familiengeheimnissen

Cover Christa Schmidt: Das entsetzliche Erbe. Träume als Schlüssel zu Familiengeheimnissen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2003. 176 Seiten. ISBN 978-3-525-46201-0. 23,90 EUR.
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Das Thema

In diesem vor allem tiefenpsychologisch orientiertem Buch geht es insbesondere um verschiedene Formen von Geheimnissen und Traumata aus der Vergangenheit, die sowohl von heutigen Klienten als auch von vorherigen Generationsmitgliedern erlebt sein können. Es wird die Weitergabe von Traumata über zum Teil mehrere Generationen hinweg sowie einzelne therapeutische Interventionsstrategien thematisiert. Dabei werden insbesondere Kriegserlebnisse, Lebenslügen, Verrat, Unfälle, Verschleierungen, verheimlichte Todesfälle und andere traumatische Verluste explizit genannt. Anhand von Therapiebeispielen bei fünf Frauen (!), die in 240 bis 800 Therapiestunden über drei bis acht Jahre hinweg von der Autorin behandelt wurden, wird die transgenerationale Weitergabe von Traumata und deren Überwindung geschildert. Dabei legt die Autorin einen besonderen Schwerpunkt auf die Einordnung und Bearbeitung von Träumen.

Die Autorin

Dr. phil. Christa Schmidt ist Diplom-Psychologin und als Psychoanalytikerin in eigener Praxis tätig.

Aufbau und Inhalt

Zunächst stellt die Autorin dar, welchen Stellenwert sie Traumata zumisst. Sie versteht Traumata als "überwältigende Ereignisse, sie überschwemmen und überfordern die Betroffenen, so dass diese die bedrohlichen Situationen, Bilder und Gefühle nicht verarbeiten können." Anhand plausibler Fallbeispiele werden die (Nach-)Wirkungen von Traumata auf Kinder und die Enkelgeneration erläutert. Dr. Schmidt erklärt nachvollziehbar, wie sich Traumata in heutigen Symptomen äußern und wie sich die Vermischung von Vergangenem und Gegenwärtigem in einer verzerrten Wirklichkeit und verwirrten Identität ausdrücken können. So leiden traumatisierte Menschen oftmals unter Depressionen, unerklärlichen Ängsten, Trauer, Aggressionen, Schuld und Scham.

Nach einer kurzen Darstellung verschiedener psychoanalytischer Modelle zur Erklärung von Traumata wendet sich die Psychoanalytikerin den Träumen zu. In deren Bearbeitung sieht sie den "Schlüssel" zur Überwindung von Traumata. So befasst sich dann auch der über 100 Seiten starke Hauptteil mit fünf Klientengeschichten. Hierbei beschreibt die Autorin nach einer kurzen Schilderung der Vorgeschichte der Klientinnen die zahlreichen Träume und deren Deutung in den Behandlungsverläufen.

Im abschließenden Teil fasst Christa Schmidt ihre jahrelangen und vielfältigen Erfahrungen zusammen. Dabei zeigt sie auf, welche Hilfe die genaue Rekonstruktion der Familiengeschichte und deren differenzierte Einordnung in die aktuelle Lebenssituation der Klientinnen sein kann. Anhand des Märchens "Die Schneekönigin" wird noch einmal die transgenerationale Verstrickung bei Traumata dargestellt.

Das Literaturverzeichnis beinhaltet vor allem psychoanalytische Fachbücher der letzten Jahrzehnte.

Zielgruppe

Dieses Buch eignet sich für alle beraterisch und therapeutisch professionell Tätigen, welche sich mit teils unerklärlichen Problemkonstellationen konfrontiert sehen. Insbesondere psychologisch und psychoanalytisch arbeitende Fachleute werden von der Schilderung der auf längere Zeit angelegten Therapie profitieren können.

Fazit

Dieses Fachbuch ist eine äußerst fundierte und gründlich reflektierte Hilfestellung bei der Überwindung von Traumata. Die Autorin stellt in sprachlich gut verständlicher Art die Bedeutung von (transgenerationalen) Traumata und die Notwendigkeit ihrer Behandlung dar.Die diversen Wirkmechanismen sowohl der Traumata als auch von deren Therapie werden sehr schlüssig und anhand treffender Beispiele geschildert. Das Buch ermutigt zu einer veränderten Blickrichtung bezüglich akut zu behandelnder Symptomatiken. Auch wenn der psychoanalytische Weg ein sehr zeitintensiver ist, welcher den Klientinnen einiges abverlangt, wird deutlich, dass neben den zur Zeit sehr populären kurztherapeutischen Ansätzen die psychoanalytische Therapie vielfältige, weiterführende Lösungsmöglichkeiten eröffnen kann.Das Buch wäre durch eine deutlicher gekennzeichnete Gliederung mittels Zahlen besser zu lesen gewesen, insbesondere wenn man bei der Lektüre wieder Kapitel nachschlagen möchte. Außerdem hätte eine deutlichere und breitere Übersicht über andere Trauma-Behandlungsverfahren das Werk noch mehr abgerundet. Insgesamt ist es aber der Autorin gelungen, einen wichtigen Beitrag zu leisten, damit Klientinnen (Frau Schmidt schildert übrigens ausschließlich Therapiebeispiele bei Frauen) wieder ihre eigene Identität leben können: bereinigt von traumatabedingten Problematiken für einen kraftvollen Lebenslauf.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 13.01.2004 zu: Christa Schmidt: Das entsetzliche Erbe. Träume als Schlüssel zu Familiengeheimnissen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2003. ISBN 978-3-525-46201-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1051.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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