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Katrin Sill: Der Übergang von Kindern aus der Familie in die Schule

Cover Katrin Sill: Der Übergang von Kindern aus der Familie in die Schule. Ein sozialpädagogisch begründetes Ganztagsbetreuungskonzept im Kontext der Transitionsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 256 Seiten. ISBN 978-3-531-17653-6. 34,95 EUR.
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Thematischer Rahmen

„Individuales wie auch soziales Sein sind“, schreiben Bernd Birgmeier und Hans-Ludwig Schmidt im Vorwort des vorliegenden Bandes, „ontologisch bestimmbare Grundgrößen der Existenz“. Und sie fahren fort: „Das strukturelle Sein – und damit sind wir bei der grundlegenden Ausgangshypothese auch von Katrin Sills Forschung zur Frage nach den Übergängen - ist demzufolge immer auch ein existenzielles Sein, konkreter formuliert: ein Werden; ein Werden im Übergang, im Durch-Fahren und im Existieren in Passagen“ als “Sprünge(n) von einer Passage zur nächsten, von einer Grenze zur nächsten, von einer Situation zur nächsten, kurz: von einer Grenzsituation zur nächsten. Grenze drückt aus: ‚es gibt ein anderes‘ (Jaspers)“ (S. 11f). Damit ist in das Thema der (Dissertations-) Schrift von Katrin Sill eingeführt: der „Tatsache, dass jeder Mensch grundsätzliche, existenzielle Kompetenzen benötigt, um Person zu werden; pädagogische Prinzipien, wie bspw. Mündigkeit, Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung spielen hierbei eine wichtige Rolle“ (S. 14).

Sills Studie zum Übergang der Kinder aus der Familie in die Schule – dem „Kind als ‚Pendler‘ zwischen den Institutionen Familie und Schule“ (S. 225) – lebt von der Sicherheit, dass Individuen „sich in und über soziale Beziehungen (entwickeln), denn diese gehen in die Individualität mit ein und prägen diese“. Die ins Zentrum gerückten „Transitionsphänomene“ verweisen darauf, „dass der Mensch im Grunde genommen nicht ist, sondern Zeit seines Lebens in Bewegung, in Entwicklung, in Veränderung, im Prozess der Schöpfung seines selbst ist; kurz: dass sich der Mensch in stetigem Werden, im Prozess der Autogenese befindet“ (S. 12). Ziel muss es sein, in den Übergängen solche Kompetenzen zu entwickeln, die Lothar Böhnisch als Lebensbewältigungskompetenzen ausgewiesen hat (vgl. Böhnisch, L.: Sozialpädagogik der Lebensalter, Weinheim 2005).

Mit Birgmeier und Schmidt geht es der Autorin darum, den Forschungsfokus „gerade auf diese ‚Zwischenräume‘ biographischen Werdens – oder anders formuliert: des sich in unterschiedlichen Stadien, Phasen und Entwicklungsstufen Suchens und Findens – zu justieren und danach zu fragen, inwiefern vor allem schulische Konzepte (wie z.B. das derzeit stark in die Diskussion geratene Ganztagsschulkonzept) dazu beitragen, mit Hilfe pädagogischer Paradigmen, wie bspw. Erziehung, Bildung und Betreuung, Übergänge von familiären Sozialräumen hin zu schulisch-institutionellen Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationsräumen zu bewältigen“ (S. 15).

Autorin

Katrin Sill ist derzeit als Studienrätin am Staatlichen beruflichen Schulzentrum in Neuburg an der Donau tätig; sie promovierte mit der vorliegenden Schrift am Lehrstuhl für Sozialpädagogik und Gesundheitspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Die Dissertation wurde von Hans-Ludwig Schmidt betreut und von Bernd Birgmeier als Zweitgutachter begleitet, die auch als Autoren des Vorwortes verantwortlich zeichnen.

Aufbau und Inhalt

Die Themen der Übergänge (hier: „Transitionen“) und der Ganztagsbildung und -schule nehmen in aktuelleren pädagogischen Diskursen eine besondere Stellung ein. Es geht dabei auch um die Ausweitung der inner- wie außerschulischen Begleitung von Schülerinnen und Schülern und damit um die erfolgreiche Übergangsbewältigung, die im Prozess der kindlichen Erziehung, Bildung und Betreuung durch die beteiligten Akteure zu unterstützen sein wird. Diesem Grundverständnis entspricht die strikte Gliederung des vorliegenden Bandes:

Der Einführung unter dem Aspekt, Erziehung, Bildung und Betreuung im Spannungsfeld von Familie und Schule zu sehen und das Konzept der Ganztagsbetreuung an Schulen aus sozialpädagogischer Perspektive im Blick auf die Bewältigung des Übergangs zu betrachten, folgt im ersten Kapitel zunächst ein Blick in die Geschichte der Ganztagsschulentwicklung (S. 31ff): im zweiten Kapitel diskutiert Sill das „Ganztagsschulkonzept versus Ganztagskonzept für die Schule“ (S. 59ff). Im dritten Kapitel werden ausführlicher Befunde und Diskurse zum Übergang von Kindern aus der Familie in die Schule rezipiert (S. 77ff) und im vierten Kapitel „Übergangsbewältigung und Ganztagsschulkonzept“ im Blick auf die „Begünstigung oder Hemmung“ im Übergang relevanter Entwicklungsaufgaben reflektiert (S. 151ff. Im fünften Kapitel fragt die Autorin nach dem Beitrag der Sozialpädagogik für ein ganztägiges schulisches Betreuungsprogramm (S. 187ff), im sechsten Kapitel benennt sie knapp die sozialräumliche Dimension der Schule (S. 217ff) und lässt abschließend im siebten Kapitel unter dem Titel „Quo vadis, (Ganztags-) Schule?“ Conclusio und Ausblick folgen (S. 223).

Zunächst wird man den vorliegenden Text im Ergebnis zunächst als Kritik von Schule im Ganztag lesen können. Zwar ist die Verfasserin durchaus der Auffassung, dass durch das Konzept insbesondere „leistungsschwachen Schülern … mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden“ kann und vor allem „Kinder aus bildungsfernen Schichten … von dem umfassenden Angebot der Ganztagsschule“ profitieren. Doch die „einseitige Fokussierung auf so genannte Problemkinder“ berge zugleich und „vor allem auch den Aspekt der Stigmatisierung und selektiven Sozialkontrolle“ (S. 223).

Zugleich sieht die Autorin die „Vorzüge der Ganztagsschule in den vielfachen Gelegenheiten zur Aufnahme neuer Beziehungen. Kontaktchancen zu Gleichaltrigen sowie zu Menschen anderer Generationen und sozialer Gruppen … lassen die Ganztagsschule zu einem wichtigen sozialen Erfahrungsraum und einem Ort der sozialen Begegnungen werden“. Auch gestalte sich „die Integration verschiedener Lebensumwelten als vorteilhaft. Aufgrund des veränderten Erziehungsverhaltens sind Kinder im familialen Kontext z. T. überforderten bzw. desinteressierten Erziehungspersonen ausgesetzt und damit einem Verwahrlosungsrisiko unterworfen“. Ganztagsbetreuung bietet die Möglichkeit, „sich in einem fördernden und stabilisierten Lern- und Erfahrungsfeld aufzuhalten … und kann positive Rückwirkungen auf das familiäre Zusammenleben aufweisen“ (S. 224). Insgesamt könne „ein stärkerer Bezug zur Lebenswelt der Schüler hergestellt werden„; nachmittägliche (Lern-) Arrangements erzeugten „positive Rückwirkungen auf die Leistungsbereitschaft im Unterricht“. Allerdings sieht sie auch die „Gefahr einer stärkeren Abgrenzung der vor- und nachmittäglichen Angebote, die einerseits zu einer einseitigen Zuordnung kognitiver bzw. sozialer Lernbereiche führt, andererseits das Prinzip der Rhythmisierung erschwert“ (S. 225).

Übergänge zu gestalten begreift Sill im Anschluss an die Sprachregelungen der Sozialen Arbeit als „Co-Konstruktion, als Kultur der Gestaltung von Übergängen„; sie entscheide „maßgeblich über Erfolg bzw. Misserfolg der Übergangsbewältigung. In der konkreten Umsetzung bedeutet dies eine stärkere Öffnung von Schule zur Lebenswelt der Schüler und zum Schulumfeld“ (S. 226). Darin müsse auch das System Familie eingeschlossen sein: Um eine gelingende „Integration der Lebenswelten Familie und Schule herzustellen“, bedürfe es deshalb „einer intensiveren Zusammenarbeit beider Institutionen“ (S. 225).

Auch um die bislang kultivierte Zuständigkeit zwischen Sozialer Arbeit und Schule aufzubrechen (Schule fokussiert die „inhaltsorientierte Arbeit“, die Kinder- und Jugendhilfe „die beziehungsorientierte Ausrichtung“) sei eine „stärkere Vernetzung von Schule und Jugend- bzw. Sozialarbeit anzustreben“, die vermehrt die „Vermittlung lebensweltorientierter Fähigkeiten betonen“ müsse (S. 226). Hier schließt die Autorin an Konzepte einer lebensweltorientierten Kinder- und Jugendhilfe einerseits und die gewachsene Bedeutung informellen und non-formellen (Sich-) Bildens andererseits unmittelbar an: „Vorwiegend über außerunterrichtliche Angebote bzw. die nachmittägliche Freizeitgestaltung an der Schule lassen sich diese informellen und non-formellen Bildungsinhalte transportieren“, ist auch Sill überzeugt; Schule stelle sich damit „ihrer ‚sozial-pädagogischen Verantwortung‘ (Zeller), indem sie selbst als Lern- und Lebensort einem ‚Lehrplan des Lebens‘ (Grimm und Deinet 2009) folgt, der den Schülern Gelegenheit zur Selbstbildung bietet“ (S. 228).

Zielgruppen

Der Verlag bezeichnet auf seiner Internet-Site „PädagogInnen, SozialpädagogInnen, SchulleiterInnen, LehrerInnen, Erziehungsberechtigte“ als Zielgruppe des Bandes. Dem kann nur sehr bedingt gefolgt werden, zu speziell gestaltet sich der Inhalt und die Präsentation einer Dissertationsschrift. Die Wissenschaftsgemeinde und Fachkräfte mit Leitungs- und Entwicklungsfunktionen in Schule bzw. Kinder- und Jugendhilfe sind mit dem Band besser angesprochen.

Diskussion

Bernd Birgmeier und Hans-Ludwig Schmidt meinen, die Überlegungen von Katrin Sill treffen „auf ein genuin sozialpädagogisches Interesse, stabile, erkenntnis- und interventionsbezogene Brücken gerade für Brüche in der Biographie zu bauen, die sich … zwischen den (Lebens-) Bereichen der Schule und der Familie ergeben“ (S. 17). Hier ist ihnen zuzustimmen. Ob ihre Einschätzung, die Autorin habe mit ihrer Arbeit „Pionierarbeit im Namen einer an den pädagogischen Prinzipien orientierten, transdisziplinären Sozialpädagogik geleistet“ und es bleibe auch „zu wünschen, dass sich … eine sozialpädagogische Transitionsforschung als neues und innovatives Forschungsparadigma der Sozialpädagogik als Wissenschaft etablieren kann“ (ebenda), mag an dieser Stelle offen bleiben. Der Anspruch steht allerdings im Kontrast zur Perspektive der Arbeit, die nicht in erster Linie schulpädagogisch, aber vor allem schulpädagogisch verhaftet bleibt und aus der Perspektive von Schule auf Soziale Arbeit schaut. So lautet zum Beispiel eine der Schlussfolgerungen Sills, dass eine sozialräumlich orientierte Schulsozialarbeit „daher eine Verbindung des Lebensortes Schule mit den Lebenswelten von Kindern“ anstrebe und so „zum ‚Medium der Öffnung von Schule‘ (Deinet 2004)“ werde (S. 228). Zwar ist es zutreffend, dass Schulsozialarbeit eine lebensweltorientierte Öffnung betreibt, doch verkannt wird, dass Schule selbst es sein muss, die sich aus innen heraus öffnet, um die von der Autorin zutreffend beschriebenen Notwendigkeiten zur Veränderung und Anpassung zu leisten. Der Verweis auf Ulrich Deinet greift an dieser Stelle also fehl: nicht Dritten (hier: Schulsozialarbeit) fällt diese Aufgabe zu, sondern Schule selbst. Soziale Arbeit kann als Medium diese Prozesse allenfalls begleiten. Hier wird ganz offenbar zu viel Hoffnung auf „Außenstehende“, auf Soziale Arbeit insgesamt, Kinder- und Jugendhilfe speziell und Schulsozialarbeit im Besonderen projiziert.

Diese Kritik schmälert freilich die auf Offenheit von Schule, den Anschluss an die Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien und eine sozialräumliche Perspektive von Schule insgesamt bedachten Überlegungen der Autorin nicht. Denn Katrin Sill hat sicher auch Recht, wenn sie bilanziert: „Konklusiv lässt sich festhalten, dass der Gedanke der Lebensweltorientierung bzw. der Sozialräumlichkeit des schulischen (Ganztagsbetreuungs-) Systems bisher noch wenig verankert ist, für … eine gelungene Bewältigung von Übergängen von Kindern aus der Familie in die Schule unterstützt, allerdings unabdingbar erscheint“ (S. 228). Mehr noch: „Das Ganztagsschulkonzept erweist sich hinsichtlich der Unterstützung von Kindern bei der erfolgreichen Transitionsbewältigung von der Familie in die Schule somit als Hoffnungsträger. In der konkreten Realisierung der einzelnen Kriterien lassen sich jedoch auch ernstzunehmende Problemfelder ausmachen … Ob die Ganztagsschule tatsächlich das ersehnte ‚Allheilmittel‘ (Petersen 1976) bzw. den erhofften ‚Rettungsanker‘ (Ottweiler 2003) verkörpert oder lediglich ein ‚frommer Wunsch‘ (Wiere 2007) bleibt, wird sich erst in Zukunft erweisen“ (S. 225).

Zu vermuten bleibt schließlich noch, dass es dem Bedürfnis geschuldet ist, den Begriff der „Transition“ als Markenzeichen zu etablieren; gleichwohl erscheint der Begriff des Übergangs von der Familie in die Schule doch aussagekräftiger, bildstärker und insgesamt tragfähiger. Doch dies sein nur am Rande vermerkt.

Fazit

Insgesamt betrachtet liefert der vorliegende Band neben der Diskussion gelingender Übergänge einen guten Überblick zur Diskussion um im Ganztag an Schule verorteter Bildung, den Grundlagen in der Relationierung von Schule und Sozialer Arbeit „auf Augenhöhe“ (um das in den Diskussionen zwischen Sozialer Arbeit und Schule nachgerade inflationär gebrauchte Bonmot zu zitieren) und den zentralen Aspekten einer lebensweltlichen Öffnung von Schule.

Fazit: Insgesamt ein interessanter, für die (oben näher) beschriebene Zielgruppe jedenfalls lesenwerter Band.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 02.12.2011 zu: Katrin Sill: Der Übergang von Kindern aus der Familie in die Schule. Ein sozialpädagogisch begründetes Ganztagsbetreuungskonzept im Kontext der Transitionsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17653-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10512.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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