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Ursula Klein: Supervision und Weiterbildung

Cover Ursula Klein: Supervision und Weiterbildung. Instrumente zur Professionalisierung von ErzieherInnen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 189 Seiten. ISBN 978-3-531-17232-3. 34,95 EUR.

Reihe: VS research.
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Thema

Für ErzieherInnen, jedenfalls für diejenigen, die im Bereich der Kindertagesstätten arbeiten, gehört Supervision (noch) nicht zum selbstverständlichen Repertoire beruflicher Qualifizierungsmaßnahmen. Mit den MitarbeiterInnen z.B. im Bereich der Pflege teilen sie die Überzeugung, ihre eigentliche Aufgabe sei die praktische Arbeit und nicht das Reden darüber. Das entspricht dem weniger reflexiven als vielmehr handlungsorientierten Ausbildungsweg, den auch die Autorin in ihrem Buch mehrfach anspricht. Als Menschen, die mit und an Menschen arbeiten, gehören sie gleichwohl zum klassischen Kreis der Personen, für die sich eine supervisorische Begleitung nahelegt. Mein Eindruck ist, dass sich diese Tatsache allmählich rumzusprechen beginnt: Zumindest die Leitungen von Kindertagesstätten nehmen vermehrt an Supervisionen teil, und nicht zufällig hat die Deutsche Gesellschaft für Supervision schon vor einer ganzen Weile einen Flyer erstellt, der den Nutzen von Supervision im Bereich der KiTa-Arbeit darstellt.

Günstiger ist die Bilanz, wenn man das „Professionalisierungsinstrument“ Weiterbildung betrachtet: „Dem Instrument Weiterbildung bringen die Erzieherinnen ein hohes Maß an Akzeptanz entgegen.“ (S. 173) Im Zuge der Bildungsdebatte hat beispielsweise das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Jugend in Rheinland-Pfalz ein Weiterbildungscurriculum für die Fortbildung von Erzieherinnen entwickelt, das Pflichtmodule (z.B. Sprachförderung, interkulturelle Kompetenz, Lernmethodische Kompetenz etc.), Wahlmodule (Teilhabegerechtigkeit, Genderfragen, Krippenpädagogik u.a.) und verschiedene Themenmodule vorsieht. Diese Angebote werden mehr als gut angenommen.

Eine der zentralen Fragen, die die Autorin verfolgt, ist die, wie Erzieherinnen, deren Ausbildung längere Zeit zurückliegt, den Anschluss an die neueren Entwicklungen finden können. Welche Rollen Weiterbildungen und Supervision in diesem Zusammenhang spielen, ist die Leitfrage der vorliegenden Arbeit.

Autorin

Ursula Klein ist Diplom-Sozialpädagogin (FH) und Supervisorin (DGSv), Systemische Therapeutin (SG) sowie Erziehungs- und Familienberaterin (bke). Die vorliegende Arbeit ist als Masterarbeit im Studiengang Supervision an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg abgefasst worden.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung beschreibt den politischen und kulturellen Hintergrund des Themas, der von den Reaktionen auf die PISA-Studie bestimmt ist und zahlreiche Reformbemühungen um die Ausbildung der Erzieherinnen mit sich gebracht hat. Sie erläutert die schon beschriebenen grundlegenden Fragen und das Erkenntnisinteresse der Arbeit.

Das zweite Kapitel ist überschrieben mit „Profession, Professionalität, Professionalisierung – Begriffliche Annäherungen“ und liefert einige elementare Begriffsdefinitionen.#

Das dritte Kapitel trägt die Überschrift: „Zur Geschichte des Berufs der Erzieherin“. Dieser Gang durch die Geschichte des Berufs offenbart erwartungsgemäß Ressourcen und Hypotheken. Besonders die Abgrenzung heutiger Erzieherinnen gegenüber dem Konzept „Mütterlichkeit als Beruf“ (vgl. S. 170 und S. 25ff) führt häufig zu Problemen in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Eltern.

Das vierte Kapitel gibt unter dem Titel „Stand der Professionalisierung der Erzieherinnen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Professionalisierungsbemühungen im Kontext von Familien- und Bildungspolitik. Das Kapitel wird in einem (sehr!)umfangreichen Katalog von Kompetenzen und Anforderungen zusammengefasst, nach dessen Lektüre vermutlich manch eine Erzieherin ihr Amt niederlegen möchte.

Das fünfte Kapitel zeigt „Möglichkeiten der Professionalisierung“ auf. Das besondere Lernen von Erwachsenen wird im Konzept des „lebenslangen Lernens“ thematisiert, das rheinland-pfälzische Fortbildungscurriculum (s.o.) wird dargestellt. Supervision wird durch einen Blick in die Geschichte des Beratungsformates sowie durch eine präzise Begriffsbestimmung beschrieben, um dann auf den Kontext der Kindertagesstätten bezogen zu werden.

Mit dem sechsten Kapitel beginnt das Kernstück der Arbeit, nämlich die „Empirische Untersuchung“, die zunächst Forschungsdesign, -gegenstand, -verfahren und –methode beschreibt, dann den Gesprächsleitfaden sowie Feld und Sampling vorstellt, um dann vier Fallanalysen ausführlich darzustellen. Danach wird eine fallübergreifende Auswertung im Kontext biographischer Erfahrungen und gesellschaftlicher Veränderungen durchgeführt. Daraus werden Kernthemen der Erzieherinnen destilliert: Einfluss biographischer Faktoren, gesellschaftliche Veränderungen, veränderte Zusammenarbeit mit den Eltern, Zusammenarbeit im Team, Bildungsverständnis und Bild vom Kind sowie Professionsverständnis von Erzieherinnen. Schließlich werden Konsequenzen dargestellt für die untersuchten Professionalisierungsinstrumente Weiterbildung und Supervision.

Einen „Fazit und Ausblick“ bietet das abschließende siebte Kapitel. „Literaturverzeichnis“ und „Anhang“ beenden den Band.

Diskussion

Es gibt (mindestens) zwei grundlegende Perspektiven auf ein Buch. Die können sich decken, aber auch sehr voneinander unterscheiden: Ich meine die AutorInnenperspektive und die LeserInnenperspektive. Die Autorin verfolgt mit ihrer Masterarbeit ein Forschungsinteresse, das sie m.E. gut und stringent verfolgt hat. Zudem hat sie, soweit ich sehe) wissenschaftlich solide gearbeitet und auf der Basis empirischer Recherche tragfähige Ergebnisse vorgelegt. Und es ist deutlich zu spüren, dass die Autorin das Thema nicht für marginal hält, sondern mit Herzblut für die Professionalisierung im Bereich der Elementarbildung engagiert ist. Das macht das Buch gelungen.

Auf der anderen Seite gibt es die Perspektive des Lesers. Der liest, um sein Wissen zu erweitern und relevante neue Perspektiven zu gewinnen. Welcher Leser, welche Leserin könnte das hier sein? Der Umschlagtext nennt: „Dozierende und Studierende der Pädagogik und der Sozialwissenschaften“ – das mag sein, denn im akademischen Kontext gibt es immer wieder Seminare zu solchen und ähnlichen Perspektiven, bei denen eine solide wissenschaftliche Arbeit hilfreich ist. Ferner nennt der Text „SupervisorInnen, LeiterInnen von Kindertagesstätten, ErzieherInnen, BildungsreferentInnen und FachberaterInnen.“ Für die wird sich, fürchte ich, der Gewinn bei der Lektüre in Grenzen halten, denn das Ergebnis kennen sie ja längst: Dass Erzieherinnen praxisorientierte Weiterbildungen schätzen und mit einem empfundenen Überangebot an Theorie nichts anfangen können, dass Supervision von supervisionserfahrenen Erzieherinnen anders gesehen wird als von supervisionsunerfahrenen, dass sowohl WeiterbildnerInnen als auch SupervisorInnen sich um kreative, handlungsorientierte Methoden und praxisrelevante Inhalten bemühen müssen etc. Das alles birgt kaum Überraschungen, und dass das alles in immer neuen Begründungszusammenhängen und Wendungen gesagt wird, macht nicht eben munter. Ich wäre gespannt auf eine Fortsetzung, die beispielsweise aufzeigt, wie konkrete Weiterbildungs- und Supervisionskonzepte für den Bereich der Kindertagesstätten aussehen können, welche kreativen Ideen und Methoden einfließen können und wie trotz eines konsistenten Theoriezusammenhangs mit gleichwohl übersichtlichen „kognitiven Landkarten“ gearbeitet werden kann.

Ich würde mir also wünschen, die publizistische Arbeit der Autor möge mit diesem Buch beginnen, aber keinesfalls enden!

Fazit

Im akademischen Kontext eine gut recherchierte Arbeit, auf dem „freien Markt“ bleiben Wünsche offen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 16.05.2011 zu: Ursula Klein: Supervision und Weiterbildung. Instrumente zur Professionalisierung von ErzieherInnen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17232-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10521.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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