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Klemens Himpele, Andreas Keller u.a. (Hrsg.): Endstation Bologna?

Cover Klemens Himpele, Andreas Keller, Sonja Staack (Hrsg.): Endstation Bologna? Zehn Jahre europäischer Hochschulraum. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2010. 213 Seiten. ISBN 978-3-7639-4365-4. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: GEW-Materialien aus Hochschule und Forschung - 116.
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Thema

Es handelt sich um eine Tagungsdokumentation der 3. Wissenschaftskonferenz der GEW. Der Band stellt gleichzeitig eine Bilanzierung des nunmehr zehn Jahre andauernden Bologna-Prozesses dar. Er wurde von der GEW herausgegeben und vielfach erkennbar wird deren Positionierung zu den Reformen, diese zwar im Ganzen nicht abzulehnen, aber bestimmte Punkte der Konkretisierung zu kritisieren. Aspekte wie die Stärkung der sozialen Dimension oder der Mobilität von Studierenden und Personal der Hochschulen werden immer wieder herausgegriffen und besonders auf deren Umsetzung gepocht. Dies ist auch so etwas wie der Tenor des Bandes: Bologna an sich ist zu begrüßen, doch an der konkreten Umsetzung gibt es einiges zu bemängeln. Die verschiedenen Beiträge gruppieren sich hierum, greifen dabei auch Themen wie die globale Kontextualisierung des Bologna-Prozesses, die speziellen Bedingungen der Umsetzung im Föderalismus, psychische Auswirkungen auf Studierende in den neuen Studiengängen, die Lehrerbildung, Qualitätssicherung, Geschlechtergerechtigkeit und die Promotion heraus. So ergibt sich ein recht buntes Potpourri, das ein breites Spektrum abdeckt.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Der Band umfasst neben einer von den Herausgebern verfassten Einleitung, einem Grußwort von Wojciech Pillich und dem Autorenverzeichnis 31 Beiträge. Diese sind 6 Themenbereichen A-F zugeordnet. Aus jedem der Bereiche soll hier ein Beitrag vorgestellt werden.

A Zehn Jahre Bologna – Bilanz und Perspektiven

Eva HartmannEuropa als normative Weltmacht? Einsichten aus dem Bologna-Prozess. Obwohl im Kontext des Bologna-Prozesses „Globalisierung“ immer wieder als Schlagwort fällt, sind Veröffentlichungen zur globalen Dimension der Hochschulstrukturreform gleichwohl relativ rar. Eva Hartmann geht hier auf das Konkurrenzverhältnis zu den USA, aber auch auf die Involvierung der USA in die europäische Hochschulpolitik durch die Unterzeichnung des Lissabon-Abkommens 1997 und im Bereich der Qualitätssicherung ein.

B Studienstrukturreform im Bildungsföderalismus

Achim Meyer auf der HeydeMacht der Bachelor krank? Studieren zwischen Druck, Kontrolle und Konkurrenz – Anforderungen an eine neue Studierendengeneration. Der Autor nennt Finanzierungsdruck auch durch Studiengebühren, Druck durch permanente Leistungskontrollen und Präsenzpflicht sowie Intransparenz als Quellen studentischer Überlastung. Nicht zuletzt sind es auch von außen vermittelte Idealbilder, die von den Studierenden möglichst gute Noten bei kurzer Studiendauer, Praktika, Auslangsaufenthalte, fremdsprachliche Kompetenzen und soziales Engagement verlangen, die für einen erhöhten Beratungsbedarf sorgen. Hieraus ergibt sich ein erhöhter Beratungsbedarf für die neuen Studiengänge.

C „best practice“ oder „worst practice“ - Beispiel?

Doro MoritzGewerkschaftliche Anforderungen an eine zukunftsfähige Lehrerbildung. Die föderalistische Vielfalt der Lehramtsstudiengänge in Deutschland blockiert die Mobilität der Studierenden und damit eines der zentralen Bologna-Ziele. In Baden-Württemberg wird die Lehrerbildung aufgeteilt auf Pädagogische Hochschulen und Universitäten. Eine Umstrukturierung zu Bachelor- und Masterstudiengängen hat dort größtenteils nicht stattgefunden. Moritz bemängelt die knappe Bemessung der Studienzeit für das Grundschullehramt und den geringen didaktischen und pädagogischen Anteil der Lehrerausbildung an Universitäten, während seines Erachtens an den Pädagogischen Hochschulen hingegen der fachwissenschaftliche Anteil zu gering ausfällt.

D Zwischen Bologna und Brüssel

Bastian Baumann - Bologna 2010 – was kommt dann? Um den Erfolg des Bologna-Prozesses zu bestimmten bedient sich Baumann einer Analogie mit dem Sportverein TSG Hoffenheim, der jedoch aus seiner Sicht erfolgreicher war. Bei der Errichtung eines Europäischen Hochschulraumes sieht er die Probleme vor allem bei der nationalen Umsetzung und in den dortigen Mobilitätshindernissen, aber auch in der Anerkennung von außerhalb der Hochschulen erworbenen Kompetenzen. Er empfiehlt eine Nachbesserung bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf die aus seiner Sicht für den Bologna-Prozess initiale Magna Charta Universitatum.

E Empfehlungen für „Bologna 2.0“

Katrin Heyl - Der Bologna-Prozess und Lebenslanges Lernen - Die Durchlässigkeit des zweistufigen Studiensystems. Heyl untersucht das Leistungspunktesystem und die Möglichkeit der Anerkennung von außerhalb der Universität erworbenen Kompetenzen als Voraussetzung für die Durchlässigkeit zum Master-Studium, die wiederum für das Lebenslange Lernen von Bedeutung ist. Es zeigt sich, dass die Bemessung von Leistungspunkten zumindest in den erziehungswissenschaftlichen Studiengängen sehr uneinheitlich ist. Für Abschlüsse der Aus- und Weiterbildung existieren individuelle und pauschale Anrechnungsansätze für ein Hochschulstudium, jedoch in der Erziehungswissenschaft bisher nur in der Form eines Modellprojekts.

F Bologna: Endstation oder Wegmarke?

Andreas Keller - Jetzt die Weichen für den Kurswechsel stellen. Keller richtet hier ein besonderes Augenmerk auf die Erfolge der Studierendenproteste, die bei der Umsetzung der Bologna-Ziele mit Unterstützung der GEW in Deutschland tatsächlich einige Modifikationen bewirken und ungewünschte Zielerweiterungen verhindern konnten. Die Forderung jedoch das Master-Studium für alle Bachelor-Absolventen zugänglich zu machen und nicht durch Mindestnoten oder Quotenregelungen zu beschränken, wurde nicht durchgesetzt. Keller fordert daher diese Durchlässigkeit, sowie die Stärkung der sozialen Dimension, die Sicherung der Studierbarkeit sowie mehr Transparenz und Partizipation. Weiterhin fordert er eine bessere Personalausstattung für die Hochschulen sowie attraktive Beschäftigungsbedingungen für die Hochschulmitarbeiter.

Diskussion

Der Sammelband setzt an praktischen Veränderungsmöglichkeiten bei der bisherigen Umsetzung der Bologna-Reform an. Er bietet viele interessante Einsichten in einzelne Aspekte der Umstellung der Studiengänge, die nicht vollständig abgelehnt, sondern in bestimmten Bereichen für verbesserungsfähig angesehen wird. Es geht weniger um tiefergehende bildungsphilosophische Bezüge als um pragmatische Beurteilung und soziale Verträglichkeit. Dies entspricht der allgemeinen Argumentationsweise und Haltung der GEW und ist daher in einem von dieser herausgegebenen Sammelband angemessen. Dieser bietet durchaus viele interessante Detailinformationen, liefert insgesamt aber auch einen guten Überblick zum aktuellen Stand.

Fazit

Das Buch ist für alle Leser empfehlenswert, die beim Bologna-Prozess auf dem aktuellen Stand bleiben wollen und auch über einzelne Aspekte informiert mitdiskutieren möchten.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 10.03.2011 zu: Klemens Himpele, Andreas Keller, Sonja Staack (Hrsg.): Endstation Bologna? Zehn Jahre europäischer Hochschulraum. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-7639-4365-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10523.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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