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Gerda Graf (Hrsg.): Hospiz macht Schule

Cover Gerda Graf (Hrsg.): Hospiz macht Schule. Ein Kurs-Curriculum zur Vorbereitung Ehrenamtlicher im Umgang mit Tod und Trauer für Grundschulen. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Ludwigsburg) 2010. 86 Seiten. ISBN 978-3-941251-36-6. D: 19,90 EUR, A: 20,90 EUR.

Hospizbewegung Düren-Jülich e.V.
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Autorinnen und Autoren

Erarbeitet wurde das Kurs-Curriculum von:

  • Gerda Graf (Ehrenvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverband e.V.)
  • Bettina Hagedorn (Diplom-Psychologin, Projektleitung Hospiz macht Schule der Hospizbewegung Düren e.V.)
  • Christa Hoppermanns (Ehrenamtliche der Hospizbewegung Düren, Grundschullehrerin)
  • Ursula Melvander (Projektkoordination „Hospiz macht Schule“, Hospizbewegung Düren e.V.)
  • Anni Lentzen (Grundschullehrerin)
  • Michaela Schmitz (Lehramtsstudentin)
  • Jutta Schnabel (Kunst-Pädagogin)
  • Dr. Paul Timmermanns (Theologe, Geschäftsführer der Bundes-Hospiz-Akademie gGmbH)
  • Marit Waffenschmidt (Lehramtsstudentin)
  • Kornelia Weber (Deutscher Kinderhospizverein, Lehrerin)
  • Irmgard Wester (Hospizhelferin)

Entstehungshintergrund

In einer Gesellschaft, die die Attribute jung, gesund, erfolgreich und dynamisch als Ideale propagiert, ist für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Sterben und Tod wenig Platz. So scheint es nicht verwunderlich, dass insbesondere Kinder von dieser Thematik fern gehalten werden und ihnen ein selbstverständlicher, natürlicher Umgang mit Tod und Sterben vorenthalten wird. Hier setzt der Gedanke der Hospizbewegung an, Grundschulkinder in einer Projektwoche an dieses Thema heranzuführen. So heißt es im rezensierten Buch: „Nicht allein Sterbebegleitung, sondern „Lebensbegleitung“ soll eine neue Sterbe- und damit auch Lebenskultur begründen.“ Durch das Engagement ehrenamtlich hospizbewegter Menschen wurde 2005 das Projekt „Hospiz macht Schule“ im Rahmen des Bundesmodellprogramms „Generationsübergreifende Freiwilligendienste“ initiiert und drei Jahre lang vom Bundesministerium für Familien, Senioren und Frauen finanziert. Dazu bildete sich eine Curriculumgruppe bestehend aus Vertretern der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz e.V., des Deutschen Kinderhospizvereins, der Kontaktstelle für Lebens-und Trauerbegleitung Düren, sowie Pädagogen, Psychologen, Kunsttherapeuten und befähigten Hospizhelfern. Zudem entstand das Curriculum für die methodisch-didaktische Schulung der Ehrenamtler. In einer Testphase wurde das Projekt erst an 10 Schulen in NRW, anschließend an Grundschulen in 11 weiteren Bundesländern durchgeführt, evaluiert und auf Grundlage der Erfahrungen in die hier vorliegende Fassung umgearbeitet.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sieben Hauptteile:

  1. Die Hospizbewegung
  2. Kinder und ihre „Seelenfabrik“
  3. Die Begleitung durch die Eltern
  4. „Hospiz macht Schule“
  5. Materialsammlung
  6. Literatur
  7. Adressen

Inhalt

Im ersten Kapitel werden Aufgaben und Ziele der Hospizbewegung kurz angerissen. So setzt sie sich dafür ein, dass die Individualität von Tod und Trauer bewahrt bleibt und sich eine öffentliche Kultur des Sterbens entwickelt. Ein Erfolg der Hospizbewegung zeigt sich unter anderem in der gesetzlichen Verankerung (2008) der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung. Dabei kommt den ehrenamtlichen Helfern als gleichwertige Mitglieder des multidisziplinären Teams eine wesentliche Bedeutung zu. Durch ihre unmittelbare Nähe zu den Sterbenden besitzen sie einen Erfahrungsschatz, der sich im Projekt „Hospiz macht Schule“ als unentbehrlich darstellt.

Das zweite Kapitel zeigt auf, dass Kinder schon früh mit Verlusterfahrungen konfrontiert werden, sei es durch das Sterben eines geliebten Haustieres oder aber durch den Tod naher Angehöriger. Eltern fällt es schwer, dann angemessen auf ihre Kinder einzugehen. Das liegt zum einen daran, dass sie das Thema Sterben nicht an sich heranlassen und Probleme mit ihrer eigenen Trauer haben. Zum anderen möchten sie Kinder vor Tod bezogenen Themen und belastenden Erfahrungen schützen. Oft bleiben die Kinder deshalb mit ihren Gedanken und Gefühlen allein und können Angst auslösende Vorstellungen von Tod und Sterben entwickeln.
Je nach Entwicklungsstand und Alter haben Kinder unterschiedliche Todesvorstellungen, die in diesem Abschnitt detailliert beschrieben werden. Außerdem hängt das Verlustempfinden davon ab, welcher Mensch aus dem Erlebniszusammenhang des Kindes gestorben ist. So wird anschließend auf auftretende Ängste beim Verlust von Großeltern, eigener Eltern, Geschwister und Mitschüler näher eingegangen.

Der dritte Teil des Buches gibt Hinweise, wie gerade Eltern adäquat den Ängsten und Verlusterfahrungen ihrer Kinder begegnen können. Als wichtig werden hierbei das begleitende Gespräch, das Trösten als Versicherung, dass man jederzeit bedingungslos für das Kind da ist und das Geltenlassen seines eigenständigen Erlebens herausgearbeitet. Ferner wird kindliche Trauer erklärt und auf die immense Bedeutung und diverse Formen von Trauerritualen hingewiesen. Empfehlungen wie man Trauer Ausdruck verleihen kann, beispielsweise durch Musizieren, kreatives Gestalten und Gedichte- bzw. Tagebuchschreiben, runden das Kapitel ab.

Im folgenden vierten Kapitel wird das Projekt „Hospiz macht Schule“ mit seiner Entstehungsgeschichte, seiner Vision und seiner Testphase (2005 bis 2008) vorgestellt. Außerdem gibt es in diesem Teil konkrete Hinweise zur Vorbereitung, Organisation und Durchführung des Projektes.
Das Projekt richtet sich an Grundschüler der dritten und vierten Klasse, die in Kleingruppen zu je fünf bis sechs Schülern, die Gelegenheit bekommen, sich in einem vertrauten und geschützten Rahmen inhaltlich und kreativ mit dem Thema Tod und Sterben auseinanderzusetzen, Fragen zu stellen und über ihre bisherige Erfahrungen zu berichten. Jede Gruppe wird von einem qualifizierten ehrenamtlichen Mitarbeiter der Hospizbewegung geleitet. Diese Mitarbeiter haben im Gegensatz zu vielen Eltern und Lehrern einen offenen und angstfreien Zugang zu dieser Thematik. Sie haben gelernt sich mit ihrer eigenen Endlichkeit und ihren Verlusterfahrungen auseinanderzusetzen und verfügen durch ihren regelmäßigen Umgang mit Sterbenden über einen reichen Erfahrungshintergrund. Voraussetzung für das Gelingen des Projektes ist zudem eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern, als wichtigste Bezugspersonen für das Kind. Hierzu dienen unter anderem ein Elternabend vor Beginn des Projektes und das Abschlussfest am letzten Tag.
Das Projekt erstreckt sich über fünf Schultage. Die ersten beiden Tage dienen dem kindgemäßen Einstieg in die Thematik und dem Aufbau einer tragfähigen Beziehung zwischen Kindern und Ehrenamtlern. Nur wenn die Kinder Vertrauen zu ihren Gruppenleitern aufbauen können, werden sie am dritten und vierten Tag unbefangen ihre Fragen und Anliegen zum Thema Sterben anbringen und über Ängste und Probleme sprechen. Zudem benötigen sie genügend Zeit, um sich mit dem Thema auseinandersetzen zu können und alle Informationen zu verarbeiten. Am fünften Tag findet das Abschlussfest mit der Präsentation der Ergebnisse und der Möglichkeit eines Erfahrungsaustausches zwischen Mitarbeitern und Eltern statt.
Das Thema der Projektwoche lautet: „Leben, Sterben und Tod“, dabei stehen die einzelnen Tage unter folgenden festgelegten Thematiken:

  • 1. Tag: Werden und Vergehen – Wandlungserfahrung
  • 2. Tag: Krankheit und Leid
  • 3. Tag: Sterben und Tod
  • 4. Tag: Vom Traurig-Sein
  • 5. Tag: Trost und Trösten

Täglich gibt es ein Einstiegs- und Abschlussritual, welches die Bedeutung einer tragenden und Schutz gebenden Gemeinschaft verdeutlicht. Außerdem steht ein Materialkoffer im Klassenraum, dabei weckt das Entnehmen der einzelnen Materialien für jeden Tag, wie Bilder, Meditationsmusik, Bücher, Blumenerde, Farben und Arbeitsblätter, zusätzlich die Neugier der Kinder.
Eine Anwendung von unterschiedlichen Organisationsformen, wie Großgruppe und Kleingruppe wird empfohlen, da meist nur im kleineren Rahmen intensiv über eigene Erfahrungen gesprochen wird. Das Projekt ist darüber hinaus so konzipiert, dass die einzelnen Unterrichtsphasen kurzweilig sind, um die Motivation und Konzentration der Kinder zu erhalten. Durch den Wechsel von Gesprächsphasen, Phasen der kreativen Gestaltung (Fantasiereise, Pantomime, Bilder malen) und Entspannungsübungen kann dies realisiert werden.
Die einzelnen Projekttage sind im vorliegenden Buch sehr differenziert veranschaulicht, so werden

  • Ziele,
  • Methoden,
  • zu verwendende Medien und Materialien,
  • Vorbereitungen für den Tag und
  • ein ausführlicher Verlaufsplan aufgezeigt.

In diesem Verlaufsplan wird tabellarisch die jeweilige Handlungssituation beschrieben, die dafür vorgesehenen Materialien und Unterrichtsorganisationen aufgezählt und die benötigte Zeit dokumentiert.
In den nachfolgenden Abschnitten dieses Kapitels sind ein Modellanschreiben zur Fotorechteerklärung mit der Schule, ein Erfahrungsbericht einer Mitarbeiterin, die an der Durchführung dieses Projektes teilgenommen hat und ein Vorschlag für ein Lerntagebuch für Schüler zu finden. Mit einem Ausblick wird das vierte Kapitel abgeschlossen. Hierin werden die bisherigen Erfahrungen in allen durchgeführten Projekten sowohl von den Kindern als auch von den beteiligten Eltern und Lehrern als sehr positiv bewertet. Da das vorliegende Curriculum ausschließlich für Kinder von 8 bis 10 Jahren konzipiert ist, wäre es aufgrund vorliegender Anfragen sogar sinnvoll, für andere Altersstufen neue Konzepte zu erstellen.

Das 5. Kapitel weist eine Materialsammlung und das 6. Kapitel die verwendete Literatur auf. Im letzten 7.Kapitel wird auf weiterführende Adressen und Internetseiten hingewiesen.

Diskussion

„Hospiz macht Schule“ – ein Titel der Interesse weckt und durch seine Doppeldeutigkeit neugierig macht. Wer dieses Buch dann liest, wird nicht enttäuscht. In klarer Weise wird die Notwendigkeit herausgearbeitet, Kinder schon frühzeitig mit den tabuisierten Themen Sterben, Tod und Trauer zu konfrontieren. Die Einbeziehung verschiedener Studien und Befragungen veranschaulicht das Erfordernis, Kindern in einem geschützten Rahmen die Möglichkeit zu geben, ihre Fragen zu dieser Thematik stellen zu dürfen und durch kompetente Vertrauenspersonen so gut wie möglich beantwortet zu bekommen. So können Ängste genommen werden oder sie entstehen bestenfalls erst gar nicht. Das dazu erarbeitete Kurs-Curriculum wird detailliert vorgestellt und überzeugt durch seine behutsame und einfühlsame Vorgehensweise. Die verwendeten didaktischen Methoden und Materialien sind vielgestaltig und gut nachvollziehbar.

Das vorliegende Buch ist nicht nur ehrenamtlichen Mitarbeitern der Hospizarbeit zu empfehlen, sondern gerade auch Eltern, Lehrern und Erziehern, um gut vorbereitet und reflektiert Kindern mit diesem sensiblen Thema begegnen zu können.

Eine ausführlichere Beschreibung, wie das Procedere der Schulung der Ehrenamtler für die Umsetzung dieses Projektes aussieht (Zeitumfang, Kosten, Ausbildungsorte), finde ich ergänzenswert.

Fazit

Das Projekt „Hospiz macht Schule“ ist ein bemerkenswerter Stein auf dem Weg, das Thema Tod, Sterben und Trauer in unserer Gesellschaft zu enttabuisieren und gibt Kindern die Gelegenheit schon frühzeitig und behutsam zu einem natürlichen Umgang mit dieser Thematik zu finden.

Bleibt zu wünschen, dass Hospiz in vielen Grundschulen Schule macht und so eine große Zahl von Kindern, ihren Eltern und Lehrern erreicht.


Rezensentin
Diplom-Sozialpädagogin Birgit Frahnow
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Zitiervorschlag
Birgit Frahnow. Rezension vom 05.01.2011 zu: Gerda Graf (Hrsg.): Hospiz macht Schule. Ein Kurs-Curriculum zur Vorbereitung Ehrenamtlicher im Umgang mit Tod und Trauer für Grundschulen. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Ludwigsburg) 2010. ISBN 978-3-941251-36-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10526.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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