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Vera Schley, Wilfried Schley: Handbuch Kollegiales Team-Coaching

Cover Vera Schley, Wilfried Schley: Handbuch Kollegiales Team-Coaching. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2010. 170 Seiten. ISBN 978-3-7065-4878-6. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Thema

Das Kollegiale Teamcoaching (KTC) ist ein Konzept zur Gestaltung professioneller Lerngemeinschaften. Diese dienen der wechselseitigen Unterstützung bei beruflichen Entwicklungsprozessen. Es werden hierzu längerfristig arbeitende Gruppen gebildet, deren Mitglieder sich unter Führung einer in der Methode des KTC geschulten Person wechselseitig Feedback, Anregung und Unterstützung für den jeweiligen beruflichen Kontext geben. Ziel ist das Finden neuer Wahrnehmungsperspektiven und Bewertungen des beruflichen Handelns sowie eine Erweiterung des beruflichen Lösungsraumes.

Ausgangspunkt für das Kollegiale Teamcoaching, wie bei anderen kollegialen Beratungs-, Coachings- und Supervisionssettings auch, ist die zunehmende Komplexität beruflicher Anforderungen, sind Dilemata und Paradoxien beispielsweise bei Führungskräften von Arbeitsgruppen, sind verfestigte mentale Muster und verengte Beobachtungsperspektiven, Schwierigkeiten im Umgang mit Ungewissheit und offenen Entscheidungssituationen. Hier fordert berufliches Handeln eine flexible Nähe-Distanz-Regulation, eine größere Offenheit in Analyse-, Bewertungs- und Entscheidungsssituationen und ein konsequenteres Handeln entsprechend der eigenen Werte, Überzeugungen, Gefühle und des persönlichen Stils. Das Programm will dabei alle menschlichen Impulse (Ängste, Träume, Wünsche nach Bestätigung u.a.) integrieren.

Entstehungshintergrund

Das Kollegiale Teamcoaching wurde am Institut für Organisationsentwicklung und Systemberatung (IOS Hamburg) entwickelt. Das Handbuch stellt die theoretischen und methodischen Grundlagen der Entwicklung, die Arbeitsweise im KTC und methodische Variationen vor, abgeleitet aus langjähriger Erfahrung mit diesem Verfahren.

Den theoretischen Hintergrund liefern das auf Fritz Riemann zurückgehende persönlichkeitspsychologische Konzept („Grundformen der Angst“, 1999) und die systemtheoretisch begründete „Neue Phänomenologie“ von Herrmann Schmitz (1980). Die Person wird dabei als Konstrukteur seiner Wirklichkeit gesehen und in seinen egozentristischen Begrenzungen, „blinden Flecken“ und seiner Befangenheit in der Systemlogik beschrieben. Die Ebenen auf denen Beiträge zur Klärung vermittelt werden sind: die personale Ebene der Selbstklärung, die interpersonelle Ebene der Kommunikationsklärung, die organisationale Ebene der Systemklärung und der gesamtsystemische Kontext der Werteklärung.

Das Handbuch stützt sich auf die Arbeit in den bisher durchgeführten ca. 10 000 KTC´s, auf die Erfahrungen in der Ausbildung von ca. 2000 zertifizierten Absolventen der Leadership Academy in Wien und die langjährige Praxis der Entwicklerinnen und der Entwickler in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Autoren heben insbesondere die im Netzwerk der österreichischen Leitungskräfte im Bildungswesen (unter Mitarbeit von Michael Schratz) erreichten Innovationen hervor, bei denen das KTC einen wichtigen Beitrag leistete. Das Handbuch ist die erste, einer breiteren Leserschaft zugängliche, zusammenfassende Darstellung des Kollegialen Teamcoachings.

Autoren

Die Autoren sind systemische Berater in Unternehmen und Bildungsenrichtungen. Sie haben das Institut für Organisationsen twicklung und Systemberatung (IOS) gegründet. Auf sie geht die Entwicklung und methodische Gestaltung des KTC zurück. Interessant wären noch weitere Angaben zum professionellen Hintergrund der Autoren.

Aufbau und Inhalt

Vera und Wilfried Schley gliedern ihr Handbuch in 11 Kapitel. Dabei zeichnet sich eine Unterscheidung in einführende Kapitel, das Konzept vorstellende Methodenkapitel und die Variationen und Anwendungsmöglichkeiten beschreibende Kapitel ab.

Zu den einführenden Kapiteln gehören die Kapitel 1-3 und 8. Hier wird berufliches Handeln im Spannungsfeld von Person und System analysiert, der Umgang mit Komplexität und Ungewissheit thematisiert und die persönlichkeitstheoretischen Grundlagen des KTC beschrieben. Kapitel 8 zeigt - ähnlich einem Exkurs – acht Pfade zur Erkenntnis in ihrer Bedeutung für berufliche Entwicklungsperspektiven auf.

Die methodische Arbeitsweise stellen die Autoren in Kapitel 4 beginnend mit einem Praxisbeispiel vor. Es werden die institutionellen Rahmenbedingungen, die Gruppenrollen (des KTC Beraters als Spielertrainer, der Gruppenmitglieder als Lernpartner) beschrieben und der allgemeine Ablauf des KTC skizziert. Ausführlich kommt eine Teilnehmerin mit ihren Erfahrungen, Meinungen und der Schilderung der Arbeitsweise zu Wort, abschließend ergänzt durch typische „Schlüsselthemen“ in KTC´s (z.B. Verantwortung übernehmen, Konflikte als Prozessenergien und Perspektivenwechsel gestalten).

In Kapitel 5-7 erhalten die Leserinnen und Leser Einblick und systematische Anleitung bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen für die gelingende Durchführung, den Ablauf und die gruppendynamische Entwicklung sowie die methodische Vorgehensweise. Wesentlicher Beitrag des KTC ist der Übergang von einem beruflichen „Handlungs- und Erledigungsmodus“ in einen „Wahrnehmungs- bzw. Reflexionsmodus“ (S.96). Methodisches Konzept zur Perspektiverweiterung sind Vier-Felder-Matrixen zur persönlichen Situation, zur Kräftefeldbetrachtung, zur Führungssituation und zur persönlichen Kompetenz. Diese Aspekte helfen zur Klärung der Ausgangssituation und geben Anregungen für das Finden der eigenen Themen und der Veränderungsrichtung. Die Autoren betonen dabei die Wirksamkeit kreativer Visualisierungsmethoden (z.B. Collagen und Skulpturen).

Das Kapitel 6 bietet die Rollenbeschreibungen im KTC. Hier werden der Akteur (zentrale das eigene Thema bearbeitende Person), der KTC-Berater, der Moderator, der Schreiber, der Coach und der Prozessbeobachter unterschieden. Dem folgt die Beschreibung des Ablaufs eines KTC in den Phasen: 1) Präsentation des Akteurs, 2. Verständnisfragen, 3. Konferenz der Coaches, 4. Identifikation der Schlüsselthemen, 5. Lösungsraum: Ideenwerkstatt, 6. Feedback des Akteurs und 7. Prozessreflexion. Den Abschluss markierrt eine Transfervereinbarung des Akters mit sich selbst.

Kapitel 7 geht auf Variationen der KTC-Methode ein, so die Arbeit mit größeren Gruppen (ursprünglich sind 6-8 Teilnehmerinnen bzw. Teilnehmer vorgesehen), das KTC als Methode zur Konfliktklärung oder zur Tementwicklung.

Das Kapitel 8 thematisiert den theoretischen Bezugsrahmen der Arbeit im KTC, in seinen handlungspraktischen Vollzügen erfassbar durch die Beschreibung von 8 Pfaden der Erkenntnis. Neben systemtheoretischen Annahmen nehmen die Autoren Bezug auf Entwicklungs- und Ressourcentheorien, Struktur- und Resonanztheorien und Phänomenologie- und Situationstheorien. Diese Quellen fließen im Riemann-Schley-Modell zusammen. Die Pfade der Erkenntnis geben Auskunft über das WIE der Veränderung, indem sie Bedingungen und Wege für gelingende Veränderungen beschreiben.

An der Transformation des Lernens in der Gruppe in den beruflichen Alltag des Einzelnen und in komplexen Systemstrukturen setzen Kapitel 9 und 10 an und fragen nach Wegen zur Überwindung von Barrieren im Alltag. Hervorgehoben werden die Bedeutung der Begleitung und Unterstützung im Veränderungsprozess sowie die systematische methodische Gestaltung von Managementprozessen. Es finden sich dazu illustrierende Beispiele aus der Praxis der Leadership Academy.

Kapitel 11 beschreibt die Wirkmechanismen im Wandel, abgeleitet aus den Bestimmungsfaktoren, der Methode des KTC, der Lerngemeinschaft, der Mission und dem Reiseweg. Betont werden die Bedeutung der Sprache als wirklichkeitsschaffend, des Vertrauens für den offenen Austausch und die sicherheitgebenden Rollenvorgaben im KTC.

Eine Nachwort, das Abbildungs- und Literaturverzeichnis beschließen die Publikation.

Zielgruppen

Das Handbuch richtet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die häufig mit neuen, komplexen und schwer zu lösenden Aufgaben konfrontiert sind. Personen in beruflichen Einstiegssituationen, in schwierigen Konfliktkonstellationen, bei der weiteren beruflichen Weichenstellung und in komplexen betrieblichen Kooperationssituationen, Führungskräfte im Profit- und Non-Profit-Bereich und Personen in beruflichen Umbruchsituationen können besonders von der Arbeit im KTC profitieren. Hilfreiche Empfehlungen finden sich auch für Verantwortliche in Personal- bzw. Teamentwicklungsprozessen in größeren Organisationen.

Explizit wird auf die langjährigen Erfahrungen bei Innovationen im österreichischen Bildungswesen Bezug genommen. Für Fach- und Führungskräfte im psychosozialen Bereich sind einige der geschilderten Methodenelemente aus der Supervision, dem Coaching bzw. der Beratung vertraut.

Diskussion

Die Leser erhalten mit dem Handbuch eine gut illustrierte Beschreibung des methodischen Vorgehens in der praktischen Arbeit des Kollegialen Teamcoaching. Insbesondere das WIE von Veränderung wird dargelegt und über verschiedene Theoriebezüge begründet.

Zum Beleg der Wirksamkeit wünschte ich mir über die Beschreibung individueller Erfahrungen hinaus noch weitere (auch quantitative) empirische Befunde.

Auch fallen die theoretischen Ausführungen insgesamt knapp aus und gewährleisten für sich genommen nur eingeschränkt das Verständnis des Riemann-Schley-Modells. Hier wären zwei Teilkapitel zu den grundlegenden persönlichkeitspsychologischen Konzept von Riemann („Grundformen der Angst“; 1999) und die systemtheoretisch begründete „Neue Phänomenologie“ von Herrmann Schmitz (1980) empfehlenswert, begleitet durch Literaturhinweise zum vertiefenden Studium.

Fazit

Das vorliegende Handbuch stellt die theoretischen und methodischen Grundlagen des Kollegialen Teamcoachings erstmals einer breiten Leserschaft in kompakter Form vor. Für das Verständnis der methodischen Vorgehensweise, der Regeln und Grundsätze sind die Leserinnen und Leser nach dem Studium des Handbuches gut ausgestattet, hinsichtlich der theoretischen Begründung des Ansatzes bzw. dem empirischen Nachweis der Wirksamkeit bleiben Fragen offen.

Sehr interessant und aufschlussreich sind die Ausführungen zum WIE persönlicher Veränderungen in organisationalen Kontexten. Hier können auch langjährig berufserfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren.

Studierende in Master-Studiengängen mit einem Schwerpunkt auf der Ausgestaltung personaler und organisationaler Entwicklungsprozesse (Karriere, Persönlichkeitsentwicklung, Team- und Organisationsentwicklung) können von dem geschilderten Methodenrepertoire und den Ausführungen zu Grundsätzen der beruflichen (Weiter-)Entwicklung profitieren.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 23.03.2011 zu: Vera Schley, Wilfried Schley: Handbuch Kollegiales Team-Coaching. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2010. ISBN 978-3-7065-4878-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10529.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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