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Christine Thornton: Group and Team Coaching. The Essential Guide

Cover Christine Thornton: Group and Team Coaching. The Essential Guide. Routledge (New York) 2010. ISBN 978-0-415-47228-9.
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Thema

„Group and Team Coaching“ richtet sich an interne und externe Coaches, die mit Gruppen oder Teams arbeiten. Die Autorin beschreibt die Gruppenprozesse in Lern- und Teamsituationen vor dem Hintergrund von Konzepten aus der Psychologie, Gruppenanalyse und der Systemtheorie und wendet diese in praktischen Beispielen und Tipps auf Teams, Supervisions- und anderen Lerngruppen an.

Autorin und Herausgeber

Die Autorin, Christine Thornton, ist Psychologin, Gruppentherapeutin und Coach. Sie berät seit über 20 Jahren Individuen, Teams und Organisationen. Sie hat einen MSc Abschluss in Psychologie. Der Titel gehört zur Serie „Essential Coaching Skills and Knowledge“, die eine zugängliche praxisnahe Einführung zu Kernthemen rund um Coaching bietet.

Aufbau

Das Buch hat sechs Teile.

  1. Teil 1 klärt die Begriffe Coaching, Gruppe und Gruppencoaching und untersucht Charakteristika und Unterschiede zwischen Gruppen und Teams.
  2. Teil 2 beleuchtet theoretische Prozesse und Modelle zur Gruppentheorie: Grundlagen, das „geheime“, nicht sichtbare Leben von Gruppen sowie die Faktoren, die Lernen und Veränderung in der Gruppe beeinflussen.
  3. Teil 3 beschäftigt sich mit der Systemtheorie und der ganzheitlichen Betrachtung von Organisationen.
  4. Teil 4 charakterisiert Gruppencoaching mit Teams, Lerngruppen und Supervisionsgruppen als typische Anwendungen.
  5. In Teil 5 behandelt die Autorin dann spezifische Situationen und Probleme, die bei der Arbeit mit Gruppen auftreten können und liefert praktische Strategien für den Coach oder Moderator, adäquat zu reagieren.
  6. Teil 6 beendet das Buch mit Literaturhinweisen und häufig gestellten Fragen.

Inhalt

Ziel des Gruppencoachings ist das teilnehmergesteuerte Lernen durch Austausch und aktive Interaktion. Lerngruppen setzten sich zusammen aus Teilnehmern mit individuellen aber ähnlichen Lernzielen, die sie durch Erfahrungsaustausch und gegenseitiges Feedback zu erreichen suchen. Supervisionsgruppen sind eine Sonderform der Lerngruppe, der im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Ein Team ist auch eine Gruppe, die aber einen expliziten gemeinsamen Zweck verfolgt, üblicherweise im Kontext einer Organisation. Als optimale Gruppengröße sieht Thornton je nach Kontext drei bis zu zehn Teilnehmer. Gruppencoaching sieht sie weniger als eine spezielle Methode denn als die Anwendung von Prinzipien der Gruppendynamik.

Gruppendynamische Zusammenhänge bildet im zweiten Teil den konzeptionellen Kern des Buches. Er beginnt mit den Konzepten der impliziten Erkenntnis, der Projektion und der Übertragung. Den fundamentalen Rahmen für den Lern- und Entwicklungsprozess bilden „Halten“ (holding) und „Austausch“ (exchange). Erfolgreiches Halten vermittelt Sicherheit in der Gruppe, und der Austausch zwischen den Mitgliedern ermöglicht eine Begegnung mit Neuem, z.B. Informationen, Erfahrungen oder Denkanstöße. Der Lern- und Veränderungsprozess wird durch unbewusste Gruppenprozesse gesteuert, dem „geheimen Leben der Gruppe“. Neun dieser Prozesse stellt die Autorin vor: Gruppenmatrix, Kommunikation, Übersetzen nonverbaler oder unbewusster Kommunikation, Spiegeln, Austausch, das Echo der einzelnen Teilnehmerbeiträge, Verdichtung von Erfahrungen, die zu Erleichterung und veränderter Wahrnehmung in der Gruppe führen können, Lokalisierung und schließlich Reflexion. Die Rolle des Coaches ist dabei vordergründig unauffällig und zurückhaltend. Als fähiger Experte ist er aber durch seine psychologisch fundierte, flexible und belastbare Moderation der wichtigste Faktor im Lernprozess. Er achtet darauf, dass keine Grenzen überschritten werden, beobachtet den Austausch innerhalb der Gruppe sehr genau, vertritt Autorität und Expertise in der Gruppe, schränkt destruktives Verhalten ein und verantwortet den Prozess und die Methoden.

Insbesondere Teams existieren selten losgelöst von ihrem systemtheoretischen oder Organisationskontext und sind oft selbst Teil eines Change Prozesses. Ursache-Wirkungsmechanismen innerhalb eines Systems sind komplex vernetzt, und so können kleine Veränderungen an einer Stelle unter bestimmten Umständen große oder unerwartete Wirkungen an anderer Stelle hervorrufen. Deshalb ist der dritte Teil der Selbstorganisation von Systemen, der Chaos Theorie und komplexen Systemen gewidmet. In Coachinggruppen lassen sich im Rahmen von Changeprozessen Veränderungen und Instabilität in einem überschaubareren Rahmen erfahrbar und damit lernbar machen. Die Autorin erläutert den Umgang mit einander widersprechenden Anforderungen, Bedürfnissen und Werten und Methoden der Großgruppenmoderation (World Café und Open Space).

Der vierte Teil ist den Besonderheiten, Zielen und Methoden von Teamcoaching, Lerngruppen Coaching und Supervision Gruppen gewidmet. Im Kapitel Teamcoaching ordnet die Autorin typischen Zielen und Situationen des Teamcoachings aus der Literatur bekannte und erprobte Methoden zu. Sie erläutert Ablauf und Herausforderungen, Unterschiede von Anspruch und Wirklichkeit, Gruppendenken sowie Coaching von virtuellen Teams. Im Kapitel über Lerngruppen werden die Methoden des Handlungslernens und der Balint-Gruppe vorgestellt sowie die Herausforderungen des Gruppencoachings via Telefon und im Kontext eines Trainings- und Entwicklungsprogramms. Die Methoden für Supervisionsgruppen sind für alle Lerngruppen von Bedeutung, da sie Reflexionsprozesse in Gang setzen und betreuen. Supervisionsgruppen sind insofern sehr anspruchsvoll zu coachen als die Teilnehmer sowohl Experten als auch Betroffene in der Sache sind und deshalb leicht Störungen durch Rivalitäten oder Wettbewerb – auch gegenüber dem Supervisor - auftreten können. Dennoch wirbt die Autorin auch hier für ein Lernen voneinander in der Gruppe gegenüber der Einzel-Supervision, da gerade die Expertise und Erfahrung der Teilnehmer auch die Chance einer sehr intensiven Lernerfahrung birgt. Die Teilnehmer können zum einen voneinander lernen und zum anderen auch dadurch, dass sie in der Supervision einen Coaching Prozess und die Gruppendynamik auf verschiedenen Ebenen als Coachees, Beobachter und, während sie sich untereinander Fragen stellen, auch als Coach konkret erfahren. Mit Beispielen, Modellen, Checklisten und möglichen schwierigen Situationen sensibilisiert Thornton für die Herausforderungen der Gruppensupervision und gibt dem Coach Handlungsleitlinien mit auf den Weg.

Schließlich lernen wir im fünften und praktischen Teil des Buches, anhand der gelernten Theorie und Vignetten aus der Coachingpraxis, schwierige Situationen zu erkennen und damit umzugehen. Dabei geht es um individuelles Problemverhalten, wie mangelnde Zusammenarbeit, Unterbrechungen, Ärger, Dominanz, Rückzug oder Weinen ebenso wie um Gruppen, die nicht funktionieren. So können die Gruppenarbeit oder der Lernprozess zum Beispiel behindert werden durch Ängste, mangelndes Engagement, unbewusste Annahmen, unausgesprochene Konflikte, Zerrüttung, Dynamiken wie dem Drama-Dreieck, widersprüchliche Botschaften oder Verteidigungsmechanismen gegenüber bestimmten Themengebieten. Die Autorin endet mit einem kurzen Überblick über den Ablauf eines Coachingprojekts.

Im letzten Teil finden die Leser Literaturhinweise zum vertiefenden Verständnis einzelner Konzepte sowie einen Fahrplan durch die Kapitel des Buches anhand häufig gestellter Fragen. Die aufgelisteten Organisationen, an denen sich der Gruppen-Coach weiterbilden kann, beschränken sich auf das Vereinigte Königreich, dem Wirkungskreis der Autorin.

Diskussion

Dieses Buch gehört zusammen mit „Effective Group Coaching“ von Jennifer Britton zu den beiden ersten Bücher, die spezifisch Gruppencoaching zum Thema haben, beide in 2010 veröffentlicht wurden, aber ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Bei Christine Thornton finden wir einen konzeptionellen Hintergrund zu psychologischen, gruppendynamischen und systemtheoretischen Zusammenhängen sowie Handlungsstrategien für den Gruppencoach, während Jennifer Britton Businessaspekte sowie wirtschaftliche Hebelwirkung durch die Gruppengröße betont und am Ende ihres Buches Checklisten und Übungen für die Coaching Praxis präsentiert. Christine Thornton hingegen distanziert sich ausdrücklich vom telefonischen Gruppencoaching als Businessmodell mit Hebelwirkung für die Coaching Praxis und bezweifelt, dass ernsthaftes Coaching in Gruppen von 20 Leuten, die sich nie getroffen haben, möglich sei (S. 161).

Thornton will vielmehr eine Grundlage zum Verständnis der vor allem unbewussten Gruppenprozesse schaffen und liefert Handlungsstrategien für typische Herausforderungen in der Gruppenarbeit. Angesprochen sind vor allem Coaches, aber auch Moderatoren, Manager, Projektleiter oder Personalmanager, die mit Gruppen oder Teams zu tun haben.

Ihr Buch will kein praktischer Ratgeber sein, sondern Zusammenhänge verdeutlichen. Thornton nimmt Gruppencoaching als Lern- und Organisationsentwicklungsinstrument sehr ernst und vermittelt sowohl psychologisch, therapeutisch und systemtheoretisch fundierte Konzepte, die es erlauben, die Vorteile von Coaching mit den Vorteilen der Dynamik der kleinen Gruppe zu verbinden, als auch praktische Handlungsleitlinien für den Coach, auf schwierige Coachingsituationen angemessen zu reagieren. Dabei baut sie auf die Fähigkeit des Coaches, Gelesenes und Erlebtes reflektieren und seine Interventionen entsprechend anpassen zu können. Wer eine praktische Sammlung von Übungen, Ideen und Instrumenten für den Umgang mit Gruppen sucht, wird eher in der Literatur über Moderationstechniken oder Teamentwicklung fündig.

Kenntnisse der Grundzüge des Coaching sind nicht Voraussetzung, aber hilfreich bei der Lektüre. Der Verweis auf die Quellen und die Literaturempfehlungen am Ende des Buches liefern Hinweise für ein vertiefendes Studium einzelner Konzepte.

Das Buch profitiert von der reichhaltigen sowohl theoretisch-psychologischen Kenntnis als auch praktisch-therapeutischen Erfahrung der Autorin. Eine Vielzahl kurzer Vignetten aus der Praxis illustrieren die Konzepte und Handlungsleitlinien. Dank der detaillierten Kapitelübersichten und vielen Querverweisen im Text und im letzten Teil kann sich der Leser gut im Buch zurechtfinden und die Lektüre auch gezielt auf einzelne Kapitel oder Themen beschränken. Obgleich kein typischer Ratgeber ist das Buch flüssig geschrieben, setzt aber gute Englischkenntnisse voraus.

Fazit

„Group and Team Coaching“ ist eine reichhaltige und empfehlenswerte Ressource, in der auch erfahrene Coaches, Moderatoren und Teamleiter etwas Neues entdecken können. Es ersetzt nicht Training, Anleitung oder Supervision, erhellt aber das Verständnis darüber, wie Gruppen funktionieren bzw. warum sie manchmal nicht funktionieren und setzt mehr auf Handlungsstrategien als auf konkrete Ratschläge.

Literatur:

Britton, Jennifer (2010): Effective Group Coaching. Tried and Tested Tools and Resources for Optimum Group Coaching Skills. Ontario: John Wiley & Son


Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 07.04.2011 zu: Christine Thornton: Group and Team Coaching. The Essential Guide. Routledge (New York) 2010. ISBN 978-0-415-47228-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10531.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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