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Jennifer Britton: Effective Group Coaching

Cover Jennifer Britton: Effective Group Coaching. Tried and Tested Tools and Resources for Optimum Group Coaching Skills. John Wiley & Sons Corporate Headquarters (Hoboken, NJ 07030-5774) 2010. 304 Seiten. ISBN 978-0-470-73854-2.
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Thema

Gruppencoaching ist ein wachsendes Feld, zu dem das vorliegende Buch praktische Werkzeuge, Tipps, Checklisten und Erfahrungen beitragen möchte. Das Buch richtet sich an interne wie externe Coaches, HR Fachkräfte, Trainer und Moderatoren, die Gruppen coachen möchten.

Autorin

Jennifer Britton ist von der International Coach Federation (ICF) als Coach zertifiziert, hat einen BSc in Psychologie und einen Master of Environmental Studies. Sie ist Gründerin von Potentials Realized, wo sie mit Gruppen, Teams und Organisiationen an Themen wie Führung, Teamwork und Geschäftserfolg arbeitet.

Aufbau

Nach drei einführenden Kapiteln über Begriffsbestimmungen, inhaltliche und finanzielle Vorteile des Gruppencoachings und knappe Hintergründe zu Gruppenphasen, Erfahrungslernen und Lerntypen, sowie einem Kapitel über die wichtigsten Fertigkeiten eines Gruppencoaches sind die Kapitel 5 bis 10 praktischen Durchführungstipps gewidmet. Dabei geht es um die Entwicklung eines Gruppencoachingprogramms, die Möglichkeiten der persönlichen oder virtuellen Darbietung, die wesentlichen Elemente eines Programms, Marketinggrundlagen, Prozesse und Logistik sowie die Implementierung des Programms. Das Buch schließt mit einem Nachwort zu erwarteten Trends und einem Anhang mit Übungen. Es folgen Literatur- und Linkempfehlungen sowie Bibliographie und Index. „Stimmen aus dem Feld“ nordamerikanischer Groupcoaches ziehen sich durch die meisten Kapitel und ergänzen Sichtweisen und Erfahrungen aus der Praxis.

Inhalt

Jennifer Britton unterscheidet zwischen Coaching (die Teilnehmer bestimmen die Agenda und arbeiten an einem Aktionsplan) und Moderation (der Moderator bestimmt die Agenda, und die Teilnehmer untersuchen das Thema), verwendet aber später im Buch die Begriffe austauschbar mit dem Argument, dass es sich hierbei um ein Kontinuum handele und Coaching die Flexibilität erfordere, die Teilnehmer den Mix bestimmen zu lassen. Die optimale Gruppengröße liegt nach einer ICF Umfrage bei 2 bis 12 Teilnehmern, ab 12 ist eher von Moderation die Rede. Die Länge einer Sitzung sollte am Telefon 90 Minuten nicht überschreiten, bei persönlichen Treffen kann sie einen halben, oder auch einen ganzen Tag umfassen.

Der Hauptvorteil für Gruppencoaching liegt für Britton und ihre Kolleginnen in den finanziellen Vorteilen für beide Seiten: die Teilnehmer, die kein Einzelcoaching bezahlen können, profitieren dennoch von Coaching, und der Coach erzielt eine Hebelwirkung bezüglich der Einnahmen, kann mehr Leute erreichen und hat dadurch auch einen Hebel für andere Produkte und Veröffentlichungen. In diesem Zusammenhang wird der Nutzen eines modularen Aufbaus eines Coachingprogramms und der Verwendungsmöglichkeit einzelner Module in anderen Programmen oder Veröffentlichungen betont. Darüber hinaus profitieren die Gruppenmitglieder auch von der „Weisheit“ der anderen Teilnehmer und der Gruppe sowie von der Interaktion und Zusammenarbeit mit der Folge höherer Motivation, größerer Visionen, kollegialerer Beziehungen und Entwicklungsmöglichkeiten in einer sicheren Lernumgebung, was sich positiv auf das gesundheitliche Wohlbefinden auswirkt.

In Kapitel 3 präsentiert Britton einen Zyklus des erfahrungsgeleiteten Lernens: von der Erfahrung „was?“ zur Reflexion „was lernen wir daraus?“ über die Anwendung „was tun wir jetzt?“ zur neuen Erfahrung. Dieses Format nutzt Britton vor allem das Debriefing. Weiter stellt Britton tabellarisch die Gruppenphasen vor mit Charakteristika, Erscheinungsmerkmale und möglichen Interventionsansätzen. Nach einem Exkurs über die Bedeutung der „sicheren Lernumgebung“ diskutiert sie Lernstile und deren Bedeutung für Coach und Teilnehmer und endet mit Fragen zur Selbstreflexion über den eigenen Lernstil.

Kapitel 4 liefert eine Sammlung verschiedener Fertigkeiten, über die ein Coach verfügen sollte, Erfolgsfaktoren, „Best Practice“ Erfahrungen und einen Selbsteinschätzungsbogen zur Ermittlung von eigenen Fertigkeiten und gegebenenfalls dem Handlungsbedarf.

Kapitel 6 präsentiert Werkzeuge, Grundsätze und Überlegungen zur Planung eines Gruppencoachingprogramms. Britton empfiehlt Mindmapping, Karteikarten, Kopiervorlagen und Tabellen für Entwurf und Ausarbeitung. Sie gibt weiter zu bedenken, dass Programme inhaltlich nicht überladen werden sollten, um genügend Raum für Diskussion und Vertiefung zu lassen. Ein „Akkordeon-Ansatz“ ermöglicht ein flexibles Dehnen oder Kürzen bestimmter Themen je nach Bedürfnissen der Teilnehmer oder zeitlichen Gegebenheiten, wobei der Coach die Essenz des Programms nicht aus den Augen verlieren darf. Kapitel 7 ergänzt diese Empfehlungen mit „essentiellen Elementen“ des Gruppencoachings.

Mit Kapitel 8 erfolgt ein Exkurs ins Marketing mit einer Reflexion über eigene Stärken und einem Überblick über den Marketingmix. Die Fokussierung auf eine Nische, Jim Collins Igel-Prinzip (was kann ich? – was mag ich? – was braucht der Markt?), schrittweise Zielerreichung und Marketingmaterialien, -botschaften und -pläne finden ebenso Erwähnung wie die eigene Website, Netzwerken und Events, um sich der Zielgruppe als Expertin bekannt zu machen, und weitere Marketingideen.

In Kapitel 9 geht es um die Vorbereitung, Logistik und Prozesse für Coachingprogramme und Business mit dem Ziel, Routinen durch Checklisten und Systemunterstützung zu (teil-)automatisieren. Hier finden wir Tipps unter anderem auch zu Raumgestaltung sowie zu Telefonkonferenzen und Anbietern.

Kapitel 10 ist dem Gruppencoaching gewidmet, und es werden „tricky issues“, wie schwieriges Teilnehmerverhalten, Konflikte und andere Herausforderungen angesprochen. Auch hier kommen die Kolleginnen aus dem Feld zu Wort. Das Kapitel endet mit dem Kirkpatrick Modell zur Evaluation und Empfehlungen für die Bewertung des Programms durch Teilnehmer und Coach.

Im Nachwort wird über mögliche Trends im Coaching philosophiert, und der Anhang enthält Übungen aus den Bereichen Coaching und Moderation von Gruppen, wie Lebensrad, Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken Analyse, Werteexploration, Frage- und Aufforderungstechniken, Nachbesprechung.

Diskussion

Das Buch enthält einen reichen Fundus an praktischen Erfahrungen und konkreten Ideen für die Coachingarbeit mit Gruppen. Leider sind diese Ideen nicht immer stringent strukturiert. Manche Themen oder Empfehlungen tauchen in anderer Perspektive oder Variationen immer wieder auf. Selbst die Übungen innerhalb des Anhangs werden zum Teil doppelt erwähnt mit Verweis auf genauere Erklärung später im Anhang, einige tauchten auch schon in früheren Kapiteln auf, manche werden nicht ganz vollständig erklärt (z.B. „Wheel of Life“). Im Kapitel 4 „Best Practices“ gehen verschiedene Themen, wie Inhalt, Durchführung, Selbstmanagement, Marketing in einer Auflistung von 12 Punkten durcheinander. Hilfreicher wäre dies eingebaut in die Kapitel zu den entsprechenden Themen oder Bausteinen, zumal wir auch hier „Best Practices“ finden.

Für den Leser ist es ermüdend, sich die „vollständige Information“ zur Übung, zur Checkliste und zum Thema aus verschiedenen Stellen des Buches zusammensuchen zu müssen. Das wird dadurch erschwert, dass nicht immer auf ähnliche Textstellen verwiesen wird. Auch die Stimmen aus dem Feld, die Erfahrungen der Coachingkolleginnen werden aufgelistet mit allen Wiederholungen sowie Inhalten, die nicht zur Fragestellung des Kapitels passen. Das ist schade, da sich hier durchaus interessante Hinweise und Tipps verbergen. Eine Straffung und Bearbeitung des Materials sowie eine klare Zuordnung und Strukturierung doppelter Inhalte würden die Lektüre erleichtern und - insbesondere für Neulinge - wertvoller machen.

Ein bisschen penetrant für deutsche Ohren mögen in den ersten beiden Kapiteln die Selbstdarstellungen der Coaches sowie die wiederholte Betonung der Hebelwirkung durch die Gruppengröße für das Verdienstpotential klingen. Das Buch ist aber für den amerikanischen Markt geschrieben, und da stehen Business und Coaching dicht beieinander. In diese kulturelle Perspektive reihen sich auch Aussagen ein, wie die von Master-Certified Coach Eva Gregory „Don‘t wait until you feel ready to begin – just do it!“, da auch der Lernprozess des Coaches in erster Linie durch Erfahrung vorangetrieben wird.

Die Ideen und Checklisten sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit und verlangen vom Leser eigene konzeptionelle Arbeit beim Design seiner Programme, Module, Prozesse und Systeme. Selbstcoaching-Fragen und –Formulare regen zum eigenen Nachdenken an. Schade ist, dass Britton kaum konkrete Beispiele zum Coaching gibt. Sie empfiehlt, wie viele ihrer Kolleginnen, dass Coaches sich von der „Weisheit der Gruppe“ leiten lassen mögen. Dies zu tun, setzt eine fundierte Coachingausbildung oder –erfahrung voraus.

Die in einigen Kapiteln und am Ende Buches aufgelisteten weiterführenden Ressourcen, Weblinks und Literaturempfehlungen sind hilfreich zur Vertiefung und eigenen Durchführung (z.B. die kommentierte Liste der Telefonkonferenzanbieter). Das Buch verfügt über einen Index, jedoch wird der Leser zu manchen Stichworten, zum Beispiel zu einigen Übungen, hier nicht fündig. Das Buch ist auf Englisch geschrieben, aber leicht zu lesen.

Das Buch ist eine Ideenkiste, jedoch bleibt der konzeptionelle Hintergrund auf wenige Modelle beschränkt und über psychologische und gruppendynamische Zusammenhänge erfahren wir fast nichts. Diese finden wir in dem zeitgleich erschienenen Buch der britischen Therapeutin Christine Thornton „Group and Team Coaching“ (vgl. die Rezension), das eine psychologische Perspektive einnimmt und den Fokus auf Hintergründe, Gruppenprozesse und Handlungsstrategien legt sowie Coachingsituationen in vielen Beispielvignetten illustriert.

Fazit

Wer an einer Sammlung praktischer Anregungen, Checklisten und Übungen zur Vorbereitung, Durchführung, Organisation und Vermarktung von Gruppencoaching oder –training interessiert ist, wird bei Jennifer Britton gut bedient. Wer sich psychologisch fundierte Hintergründe über Coaching von Gruppen und Teams oder gruppendynamische Zusammenhänge erhofft, wird enttäuscht sein. Jennifer Britton‘s „Effective Group Coaching“ ist ein Buch für pragmatische Praktiker, nicht für intellektuelle Theoretiker.

Literatur:

  • Jim Collins (2001): Good to Great: Why Some Companies Make the Leap … and Others Don‘t. New York: HarperBusiness.
  • Donald Kirkpatrick (1998): Evaluating Training Programs. San Francisco: Berrett-Koehler.
  • Christine Thornton (2010): Group and Team Coaching. The Essential Guide. Routledge (New York)

Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 08.04.2011 zu: Jennifer Britton: Effective Group Coaching. Tried and Tested Tools and Resources for Optimum Group Coaching Skills. John Wiley & Sons Corporate Headquarters (Hoboken, NJ 07030-5774) 2010. ISBN 978-0-470-73854-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10532.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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