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Elmar Altvater: Der große Krach oder die Jahrhundertkrise [...]

Cover Elmar Altvater: Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur. Verlag Westfälisches Dampfboot 2010. 261 Seiten. ISBN 978-3-89691-785-0. 14,90 EUR.
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Eine ökonomische Alphabetisierung tut Not

Aufklärung ist, so formulierte es Immanuel Kant der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Der Königsberger Philosoph beantwortet dies mit der Aufforderung: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Das Risiko der Menschheit besteht nun darin, dass diese eigentlich selbstverständliche und logische Einsicht nur schwer gegen die Egoismen, Hegemonismen und Machtgelüste der Menschen standhalten kann. Wir leben deshalb, so formulierte es Ulrich Beck, in einer Weltrisikogesellschaft (vgl. dazu: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit Frankfurt/M 2007, Rezension in socialnet www.socialnet.de/rezensionen/4820.php. Ob es sich dabei um einen Normal- oder Ausnahmezustand handelt, ist umstritten (vgl. dazu: Markus Holzinger, Stefan May, Wiebke Pohler, Weltrisikogesellschaft als Ausnahmezustand, Weilerswist 2010; socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/9743.php. Die Ursachen dieser lokalen und globalen Verwerfungen werden ebenfalls bei unterschiedlichen Adressaten gesucht: Die Umstände, menschliches Schicksal, Imponderabilien, Gier, Ausbeutung, Machtmissbrauch (vgl. dazu: Christian Stenner, Hg., Kritik des Kapitalismus. Gespräche über die Krise, Wien 2010, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/9013.php; und die Frage nach Lösungen reichen ebenfalls von der Feststellung, dass der Kapitalismus eigentlich gar nicht so schlecht sei und dass es nur einer richtigen Richtungsgebung bedürfe (Sebastian Dullien, Hansjörg Herr, Christian Kellermann, Der gute Kapitalismus, Bielefeld 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/8846.php), bis hin zur revolutionären Veränderung (John Holloway, Kapitalismus aufbrechen, Münster 2010, in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, www.socialnet.de/rezensionen/10534.php). Die Entdeckung, dass sich in der sich immer interdependenter, entgrenzender und inhumaner entwickelnden (Einen?) Welt die Krisen auf allen Gebieten menschlichen Lebens verschärfen, führt zu einer weiteren Verunsicherung, die wiederum reicht vom egozentrischen „Ohne-Mich“ und dem egoistisch-kapitalistischen „ In der Hauptsache Ich…“, bis hin zu der Erkenntnis, dass Krisen weder ein Gottesurteil noch ein unabwendbares Schicksal sind, sondern als Herausforderung für ein gemeinsames humanes und globales Denken und Handeln angenommen werden müssen (vgl. dazu: Frank Ettrich, Wolf Wagner, Hrsg., KRISE und ihre Bewältigung, Münster 2010, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/9990.php.

Autor und Entstehungshintergrund

Der (em.) Politikwissenschaftler an der FU Berlin, Elmar Altvater, äußert sich immer wieder in engagierter Weise zu den Fragen der kapitalistischen und neoliberalen Entwicklung in der Welt und diskutiert die theoretischen Grundlagen und praktischen Auswirkungen des „Shareholder-Kapitalismus“ (Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, Münster 2005, in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, www.socialnet.de/rezensionen/3249.php. Mit seinem neuen Buch zeigt er nicht nur den Zustand der „Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur“ auf, sondern macht sich in einer ausführlichen und tiefgründigen Analyse daran, die Ursachen als ganzheitliche Probleme unseres Umgangs mit uns und der Welt darzulegen; denn die Auswirkungen der Krise sind eben nicht nur ökonomischer Natur, sondern betreffen sämtliche Lebensbereiche unseres alltäglichen, gesellschaftlichen, lokalen und globalen Daseins. Mit dem Rückgriff auf Pierre Bourdieus Forderung nach einer „ökonomischen Alphabetisierung“ der Menschheit, macht er sich daran, der grundlegenden Frage nachzugehen, ob es sich bei den zahlreichen Krisen unserer Jetztzeit - der Wirtschafts- und Finanzkrise, der Krise der Energie- und Rohstoffversorgung, der drohenden Klimakatastrophe und der Gefahr der Überhitzung unseres Planeten (vgl. dazu auch: Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2009, Münster 2009 in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/7730.php, der Hungerkrise und der ungerechten, lokalen und globalen Verteilung von Lebensgütern - um „locker zusammenhängende `multiple` Krisen dreht, die dann auch im Einzelnen und gesondert angegangen werden können, oder ob es sich um „immanente Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise“, also um eine Systemkrise handelt. Altvaters Position ist deutlich: Es ist eine „Kritik der politischen Ökonomie“ notwendig.

Aufbau und Inhalt

Elmar Altvater gliedert sein Buch „Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur“ in vier Kapitel.

Im ersten Teil formuliert er bereits in der Überschrift, worum es geht, nämlich den „Doppelcharakter allen Wirtschaftens“ aufzuzeigen und den Finger in die Wunde der kapitalistischen Entwicklung zu legen: „Es trennt sich, was zusammengehört“. Es ist der „Springpunkt“ (Marx) von Wertbildungs- und Verwertungsprozess. Auch wenn es schmerzt und diejenigen, die von den Rissen im Kapitalismus ganz gut, nicht selten in Saus und Braus leben (Holloway) es nicht wahr haben wollen, dass die „Naturschranke…auf der Seite der Ressourcen, die von der kapitalistischen `Hardware` im Produktionsprozess verarbeitet werden, ebenso wie bei den Schadstoffsenken, die hoffnungslos überlastet werden“ – es gilt die Einsicht zu gewinnen: Es sind die Widersprüche, die zum „finanzgetriebenen und zum Raubtierkapitalismus“ führen (vgl. dazu auch: www.socialnet.de/rezensionen/1787.php). Indem der Autor die drei Widerspruchsebenen von Wert und Geld, Kapital und Arbeit, Natur und Gesellschaft reflektiert, macht er deutlich, dass es sich bei den Krisen und Katastrophenentwicklungen um „reale“ Entwicklungen handelt, denen auch nur politisch, also gesellschaftsverändernd begegnet werden kann.

Im zweiten Teil unternimmt Altvater die „Autopsie finanzieller Renditen“, indem er sich damit auseinandersetzt, was „Geld“ ist, was es als Warenwert bewirkt und als Kapital anrichtet. Geld als Tausch-, Zahlungs-, Spekulations- und Schuldmittel, und die Hegemonie und gleichzeitig Agonie des Weltwährungssystems. Nichts ist sicher!

Der dritte Teil handelt von „Wachstum und Expansion auf der begrenzten Kugelfläche des Planeten Erde“. Die „Grenzen des Wachstums“, wie sie vom Club of Rome 1972 prognostiziert und in zahlreichen weiteren Analysen, bis hin zu der Mahnung der Agenda der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 nach „Sustainability“, einer nachhaltigen Entwicklung, in das Weltbewusstsein gebracht wurden (vgl. dazu auch: Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit, München 2010, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/9284.php, sind in unserem „kapitalisierten“ Bewusstsein noch nicht angekommen. Das Wachstumsdenken, das angetrieben wird vom Immer-Weiter-Immer-Schneller-Immer-Höher-Immer-Mehr des Kapitalismus, gerät zwar in die Kritik, aber die Notwendigkeit, dass wir bei allem Tun den „ökologischen Fußabdruck“ bedenken müssen, wenn die Menschheit human überleben soll, ist eher wissenschaftlicher Diskurs denn Allgemeingut. Und schon wird erkennbar, dass die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus dazu führt, dass eben nicht nur Markt und Profit, sondern auch Produktion und Konsumtion zusammen brechen.

Im vierten Teil werden nach der Analyse der kapital-verseuchten Lage der Welt Lösungsansätze diskutiert, als Vorschläge für eine „Politik gegen die Krise“. Für kritische Beobachter der hegemonialen, ökonomischen Entwicklung auf der Erde ist klar, dass eine Reparatur des kapitalistischen Systems bestenfalls bewirkt, dass durch das Auswechseln von einigen Stellschrauben und eines geringfügigen Ersatzteilwechsels die Maschinerie so weiter läuft wie bisher. Dies ist derzeit an den zögerlichen Veränderungen zu besichtigen, wie sie vom finanzgetriebenen Neoliberalismus durch die Haftungsnahme der wirtschaftlichen Verluste durch die Gesellschaft und die Nutzungsnahme durch die Kapitaleigne: Verluste werden verstaatlicht, Gewinne privatisiert! Passiert. Der zweite Lösungsansatz „Grüner New Deal“, wie er sich mit den sozialistischen Reformprogrammen des 21. Jahrhunderts zeigt, scheitert nach Meinung des Autors ebenfalls, weil der naive Glaube an die „ökologische Aufgeschlossenheit der politischen Eliten, der Repräsentanten internationaler Organisationen und nicht zuletzt der Finanzmarktakteure … (wie auch an die) Versöhnbarkeit von Ökonomie und Ökologie“ eine Maske trägt, nämlich die, dass es „eine kapitalistische Wirtschaft ohne Akkumulation und daher ohne Wachstum“ geben könne. Schließlich findet Altvater auch am Sozialismus des 21.Jahrhunderts, als „solar, demokratisch, demokratisch“ Haare in der Brühe. Zwar ist es hoffnungsvoll, wenn Ansätze von sozialökonomischem Denken und Handeln erprobt werden; doch solange nicht das „throughput growth“, das „Durchflusswachstum“ gestoppt wird, wie die Vertreter einer ökologisch ausgerichteten Ökonomie in der Nachfolge des Brundtland-Berichts feststellen, und solange die Strukturen nicht geändert werden, die den Kapitalismus möglich und weiter und weiter wirken lassen, so lange wird das ungerechte, aussortierende System nicht überwunden werden können.

Fazit

„Das Projekt der Zukunft ist weder neoliberal noch keynesianisch. Es ist solar und solidarisch“; und deshalb sozialistisch – so die Schlussfolgerung Elmar Altvaters. Dabei grenzt er sich von Sozialismus-Vorstellungen und –programmen des vergangenen Jahrhunderts ab und plädiert für eine Weiterentwicklung der sozialen Demokratie. Im Mittelpunkt dieses Gemeinwesens stehen soziale Bewegungen, die den Staat bilden – und treiben. Die Frage, ob es dazu eines Umsturzes, also einer Revolution bedarf, um den Kapitalismus zu vertreiben, oder eines Austrocknens oder Aufbrechens, beantwortet Altvater in diesem Buch nicht; er lässt aber keinen Zweifel daran – und formuliert das auch in seinen zahlreichen Schriften – dass er den Kapitalismus als Wurzel (allen) Übels und (aller) Krisen ansieht; und als Alternative eine „solidarische und solare Ökonomie“ in den Diskurs um eine gerechtere, humanere und demokratische (Eine) Welt einbringt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.12.2010 zu: Elmar Altvater: Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur. Verlag Westfälisches Dampfboot 2010. ISBN 978-3-89691-785-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10533.php, Datum des Zugriffs 27.06.2019.


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