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Hilde von Balluseck (Hrsg.): Minderjährige Flüchtlinge

Cover Hilde von Balluseck (Hrsg.): Minderjährige Flüchtlinge. Sozialisationsbedingungen, Akkulturationsstrategien und Unterstützungssysteme. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2003. 236 Seiten. ISBN 978-3-8100-3573-8. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

Dieser Sammelband setzt sich ausführlich mit der Lebenssituation von jungen Flüchtlingen auseinander.

Inhalt

Im ersten Teil werden von Balluseck, Peter und Meißner die Rahmenbedingungen für die Sozialisation junger Flüchtlinge skizziert. Eine Beschreibung und Analyse der Sozialisations- und Akkulturationsprozesse von Kindern und Jugendlichen mit unsicherem Aufenthaltsstatus schließt sich an. Es werden Biographien von Kindern und Jugendlichen dargestellt, die auf Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen selbst beruhen. Dies wird durch einen standardisierten Fragebogen ergänzt, Gespräche mit den Eltern, Leitfadeninterviews mit Lehrern, durch Akteneinsicht im Jugendamt. Erweitert werden diese Fallrekonstruktionen, nach Auffassung der Autorinnnen, einer ethnographischen Studie sehr nahekommend, durch einen Film, der mit sieben Jugendlichen gedreht wurde.

Diese Falldarstellungen haben eine hohe Plastizität und erfassen die Lebenswelt einzelner Familientypen und deren unterschiedliche Einbettung. Asylbewerberfamilien werden anhand ihrer Familienstruktur und Rollenbezügen thematisiert, genau so wie innerfamiliale Gewaltstrukturen, Folter und deren Folgen erörtert werden. Ursachen und Auswirkungen von Traumatisierungen durch erlebte Kriegsereignisse in Bosnien (Liebenow) werden dargestellt, aber auch "sekundäre Traumatisierungprozesse" (Ringel/Liebenow) durch den Flüchtlingsstatus bei einer Familie aus Asberbaidshan dargestellt. Allerdings wäre hier ein ausführlicher Exkurs zum Begriff und Inhalt und den Ursachen von Traumatisierungsprozessen und deren Verarbeitung- und Bewältigungschancen hilfreich gewesen. Dabei wäre auch exakter zwischen inner- und außerfamilialen Verursachungen zu unterscheiden.

Der Beitrag zum Aufenthaltstatus als "wesentliche Variable für Akkulturationsprobleme" ist eine plastische Darstellung der Lebenssituation einer Familie mit sechs Kindern aus dem Libanon, arbeitet aber nicht die in der Kapitelüberschrift angegebene Erklärung der Ursachen von Akkulturationsproblemen heraus. Außerdem werden aus den biographischen Schilderungen Kausalerklärungen abgeleitet, die z.B. eine grundlegende Verknüpfung von Aufenthaltstatus, Behördenumgang bzw.- willkür und "sekundärer" Traumatisierung herleiten.

Andrerseits machen diese "dichten" Beschreibungen einzelner familialer Lebensumstände deutlich, wie schwierig für viele Flüchtlinge und deren Kinder das Leben in Deutschland ist und wie vielschichtig der behördliche Umgang mit Migranten sein kann. Die Autoren (S.143) Ringel und Liebenow kontrastieren fehlende "Humanität und Logik." Die Darstellung der Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zeigt eindringlich deren problematische Situation auf . Auch der Exkurs von Balluseck zu "zwei jungen Männern im Abschiebegewahrsam" belegt dies exemplarisch.

Einen breiten Raum nimmt die Darstellung möglicher Unterstützungshilfen ein: Von der Schule über Einrichtungen für unbegleitete Minderjährige spannt sich der Bogen bis hin zur Arbeit von Sozialarbeiterinnen in einem Abschiebegewahrsam. Engagiert werden im abschließenden Kapitel Chancen und Grenzen der Sozialarbeit erörtert. Deutlich wird die Parteilichkeit der Autor(inn)en. Sie schreiben von tagtäglich erlebter behördlicher Willkür und den Schwierigkeiten, professionelle Hilfe zu bieten.

Diskussion

Diese Parteilichkeit ist einerseits die Stärke des Buches, andrerseits wäre jedoch konkretere Hinweise auf professionelle Standards für dieses sozialpädagogische Arbeitsfeld hilfreich.

Die wissenschaftlichen Begründungszusammenhänge und interpretierende Aussagen sind jedoch präziser formulierbar. So werden zum Beispiel Traumatisierungsfolgen anhand einer Skala der WHO skizziert, jedoch die Ursachen von Traumatisierung nicht genannt, nur in ihren Formen deskriptiv und - dies auch sehr kursiv - beschrieben (S.77). Auf der Wege zur Fundierung einer Wissenschaft und Profession Soziale Arbeit, wird hier ein Arbeitsfeld emphatisch dargestellt. Die inhaltliche Ausgestaltung wäre jedoch weiter zu konkretisieren: Was muss ich für dieses Handlungsfeld wissen und können? Wie kann ich mich unter gegebenen Bedingungen professionell verhalten. Hier wäre nicht nur die Debatte der Grenzen notwendig, sondern neben engagierter Parteilichkeit, auch Hinweise auf professionelle Standards wünschenswert. Wie kann ich helfen, die Lebenswelt der Menschen mit zu gestalten und wie kann ich deren Ressourcen mobilisieren und die eigenen Kräfte unterstützen?

Fazit

Trotz der skizzierten Einwände ist dieser Sammelband eine gute Grundlage für die Seminararbeit. Die biographischen Interviews bieten eine Fülle von Informationen über das Leben in Flüchtlingsfamilien und hier über insbesondere auch die der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Der Sammelband macht betroffen ob deren bisherigen Lebensverläufe.


Rezension von
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 29.06.2004 zu: Hilde von Balluseck (Hrsg.): Minderjährige Flüchtlinge. Sozialisationsbedingungen, Akkulturationsstrategien und Unterstützungssysteme. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2003. ISBN 978-3-8100-3573-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1054.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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