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Maryanne Becker: Der schwerhörige Patient

Cover Maryanne Becker: Der schwerhörige Patient. Ein Leitfaden für Arztpraxis, Klinik und Pflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. 100 Seiten. ISBN 978-3-940529-58-9. 14,90 EUR.
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Aufbau und Inhalt

Das Vorwort und Einleitung (Kapitel 1) folgende Kapitel 2 informiert ganz kurz über "Aufbau und Funktion des Ohrs", Kapitel 3 über "Arten und Ausprägungen von Hörschädigungen", Kapitel 4 umfassend über "Hörsysteme und andere Hilfsmittel" (d.h. alle Arten von nicht implantierten oder implantierten persönlichen Hörhilfen und Anlagen zur Verstärkung, geeigneten Weiterleitung oder visuellen Umsetzung akustischer Information). Kapitel 5 ("Handhabung der Hörsysteme und Hilfsmittel in Klinik in Praxis") gibt wichtige Hinweise auf den Gebrauch der vorher genannten Hörhilfen, insbesondere werden Vorsichtsmaßnahmen bzw. unbedingt zu vermeidendes Vorgehen sowohl bei alltäglichen Pflegetätigkeiten als auch im Klinikbetrieb (z.B. bei den verschiedenen Untersuchungsverfahren wie Röntgen, MRT usw.) beschrieben.

Kapitel 6 beschäftigt sich mit Schwerhörigkeit als "Kommunikationsbehinderung". Hier werden anhand des Thunschen Modells des "vierohrigen Hörens" die verschiedenen Dimensionen von Kommunikation angedeutet und bei der Kommunikation mit schwerhörigen Menschen häufig auftretende Schwierigkeiten und Lösungsmöglichkeiten beschrieben. Wichtig ist der Hinweis, dass hörbehinderten PatientInnen die Nutzung ihrer Hilfsmittel während Diagnose und Behandlung so weit wie medizinisch machbar ermöglicht werden muss. Auch psychosoziale bzw. sozial-kommunikative Faktoren von Schwerhörigkeit (inklusive "behinderungsbedingter Verhaltensweisen") werden behandelt.

Daran schließen sich in Kapitel 7 und 8 Empfehlungen für den Umgang mit schwerhörigen Menschen. Wichtig ist der Hinweis, dass dieser Umgang Zeit und Empathie erfordert. Die Empfehlungen richten sich neben allgemeinen Hinweisen (z.B. Lärmvermeidung) nach alltäglichen Erfordernissen im Umgang mit PatientInnen (Terminabsprache, Aufrufen, Diagnostik, Therapie usw.). Es ist auch eine Aufstellung gehörschädigender Medikamente enthalten.

Diskussion

Schwächen zeigt das Buch im allgemeinen Teil zu "Hörbehinderung": So schwankt die Begrifflichkeit zwischen "hörgeschädigt" (wann stirbt diese veraltete Übersetzung von "Impairment" endlich aus?), "hörbeeinträchtigt" und "schwerhörig", manchmal auch "hörbehindert" (z.B. S. 53). "Gehörlos" wird medizinisch (analog zu "taub") definiert (S. 17f), dann durch "an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit" ersetzt (S. 25), um im folgenden Abschnitt ("Taubheit und Gehörlosigkeit") als "Gehörlosigkeit" (= Eintritt der Taubheit bis zum "Abschluss des Spracherwerbs" [gemeint ist bis zum 6. Lebensjahŕ, F.D.]) wiederzukommen (S. 25). Erst auf S. 26 erfahren wir - fair beschrieben - dass die gebärdensprach- bzw. bilingual orientierten hörbehinderten Menschen (= die per Identitätsentscheidung "Gehörlosen") eine eigene Gemeinschaft bilden. An dieser Stelle versteckt findet sich auch ein zentraler Hinweis der Autorin: "Die Aussagen und Empfehlungen in diesem Buch beziehen sich in der Regel auf Schwerhörige." An manchen Stellen wird korrekt auf die Bedürfnisse bilingualer gehörloser Menschen hingewiesen; an anderen Stellen bleibt unklar, ob diese nun mitgemeint sind oder nicht.

Die Möglichkeiten für höhergradig schwerhörige und gehörlose Kinder werden auf S. 20 ausschließlich in der Hinführung zur Lautsprache (Hörgeräte und Cochlea-Implantat) gesehen. Hingegen wird an anderen Stellen (z.B. S. 25) in richtiger Weise auf die Gebärdensprache und die Rechte auf Inanspruchnahme von DolmetscherInnen hingewiesen. Praktisch direkt daran anschließend folgt: "Gehörlose Kinder erlernen die Sprache [gemeint ist die gesprochene Sprache; F.D.] auf künstlichem Weg, was zur Folge hat, dass Artikulation und Intonation in zahlreichen Fällen unterentwickelt bleiben. daher ist die Aussprache von Gehörlosen oft schwer verständlich. Um eine wirkliche Lautsprachorientierung zu erreichen, bedarf es des Einsatzes besonderer und meist auch kostspieliger Sprachförderung durch Professionelle und Eltern." (S. 26)

Die Abbildung 2 "Sprachfeld" ist irreführend, weil hier einerseits Konsonanten und Vokale bzw. stimmlose und stimmhafte Laute ohne Unterscheidung in ein Schema gebracht werden und andererseits keine Information darüber gegeben wird, wie die Gebiete hoher Energiekonzentration bei den einzelnen Lauten liegen (für die Vokale sind z.B. immer zwei verschiedene Bereiche wichtig, für Reibelaute wie [s] manchmal ein einzelner, größerer usw.). Leider wird auch die irrige Meinung vertreten, man könne stimmlose Verschlüsse [p,t,k] tatsächlich direkt hören. Solche Verschlüsse stellen aber akustische Pausen dar, deren Charakter nur durch den Behauchungstyp und umgebende Vokale erkannt werden kann.

Obwohl die Empathie der Autorin gegenüber PatientInnen vielfach zu bemerken ist, bleibt der letzte Schritt, nämlich der Hinweis, dass aus "ermutigen", "gestatten", "empfehlen" seit der UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen und anderen nationalen und internationalen Gesetzen und Regeln nunmehr "Rechte" geworden sind, aus. Die Rücksichtnahme auf "Wünsche" von PatientInnen ist damit ja zu einem Großteil als Respektierung ihrer Rechte anzusehen.

Fazit

Hält man sich vor Augen, dass das Buch für die Zielgruppe lautsprachorientierter hörbehinderter Menschen (d.h. solcher, die sich selbst vorwiegend als "schwerhörig" bezeichnen) geschrieben ist (Literatur und Internethinweise beziehen sich ausschließlich auf diese) und blendet man die Schwächen im allgemeinen Teil aus, so ist es ein wertvoller Ratgeber für den Umgang mit dieser Zielgruppe und für diese Funktion aufgrund seiner Praxisorientierung empfehlenswert.


Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 10.12.2010 zu: Maryanne Becker: Der schwerhörige Patient. Ein Leitfaden für Arztpraxis, Klinik und Pflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-940529-58-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10542.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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