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Nils Neuber, Meike Breuer u.a.: Kompetenzerwerb im Sportverein

Cover Nils Neuber, Meike Breuer, Ahmet Derecik, Marion Golenia, Florian Wienkamp: Kompetenzerwerb im Sportverein. Empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 106 Seiten. ISBN 978-3-531-17008-4. 24,95 EUR.
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Thema

In der Debatte um und über Bildung erhalten non-formale und informelle Lernprozesse immer mehr Relevanz; mehr und mehr beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass das Lernen junger Menschen nicht allein auf Kindertagesstätte, Schule und andere staatliche Einrichtungen beschränkt ist. Das Jugendalter und die Gleichaltrigengruppe Jugendlicher erscheinen geradezu prädestiniert für non-formale und informelle Lernprozesse. Bewegung, Spiel und Sport spielten dabei bisher nur eine Rolle „am Rande“, Sportvereine und die ihnen eigenen Lernoptionen und -prozesse wurden in den Betrachtungen eher ausgeblendet, und dies, obwohl 29% der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren angeben, in Vereinen Sport zu treiben, und 28% dieser Altersgruppe einem Freizeitsport nachgehen (Shell-Jugendstudie 2010, S. 96), 90% der Jugendlichen sich selbstorganisiert bewegen (Einleitung, S. 11) bzw. 80% von ihnen über Erfahrungen mit Sportvereinen aufweisen (Rückentext). Die vorlegende qualitative Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen spürt den Möglichkeiten informellen Lernens nach.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Dr. Nils Neuber ist Professor am Institut für Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Leiter des dortigen Arbeitsbereichs „Bildung und Unterricht im Sport“, Ahmet Derecik und Dr. Marion Golenia arbeiten dort als Wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in, Florian Wienkamp war hier Wissenschaftliche Hilfskraft und Dr. Meike Breuer ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum tätig.

Nils Neuber hat bereits – ebenfalls im Verlag Sozialwissenschaften – den Band „Informelles Lernen im Sport. Beiträge zur allgemeinen Bildungsdebatte“ (vgl. dazu die Rezension) herausgegeben, dessen Darstellungen die vorliegende Studie rahmen und bereits durch kleinere Studien ergänzen.

Aufbau und Inhalt

Die empirische Basis der Studie bilden zwölf Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren aus rheinischen Sportvereinen, und zwar sowohl aus größeren als auch kleineren Kommunen des städtischen und ländlichen Raumes, sowie problemzentrierte Interviews mit je zwei Jugendlichen aus diesen Vereinen (S. 42ff), die im Kontext des Forschungsprojektes „Kinder- und Jugendarbeit im Sportverein und ihre Bildungschancen“ entstanden sind, das das Sportwissenschaftliche Institut der Universität Münster zwischen 2007 und 2009 für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) durchgeführt hat. Damit wird weitgehend Neuland betreten, was die Herausgeber/innen auf Grenzen der Untersuchung hinweisen lässt, die nach ihrer Auffassung „nur erste Anhaltspunkte“ (S. 13) liefern könne.

Gleichwohl sind die Ergebnisse aufschlussreich, denn in den Mittelpunkt wird nun auch empirisch gerückt, was Sportpädagog/inn/en – und vor allem in der Praxis der Sportvereinsarbeit aufgeschlossen Tätige – nicht sonderlich überraschen kann: Die große Anzahl der von den Jugendlichen thematisierten sozialen Kompetenzen sei auffällig; bestimmend sind „wie Teamfähigkeit, Rücksichtnahme, Umgang mit Mitmenschen, Respekt, Übernahnahme von Verantwortung, Vertrauen oder Disziplin“ (S. 95). Unter Gleichaltrigen „zurechtkommen zu müssen (und dies auch zu wollen, da alle die gleichen Interessen und Ziele verfolgen), scheint hierfür von hoher Bedeutung zu sein“ (S. 64). Das sportliche Training nutzen die jungen Menschen, „um sich soziale Handlungsweisen anzueignen“, die Sportgruppe verstehen sie „im Sinne eines Korrektivs“, das „bedeutsam für diesen Lernprozess“ ist (S. 64). Sport auch im Sportverein buchstabiert sich damit als ein zentraler Ort des (informellen) Lernens sonst als unterbelichtet erlebter Kompetenzen, als Korrektiv also zum Beispiel zu Schule. Aber auch für die Entwicklung personaler Kompetenzen (z. B. die Ausbildung und Ausprägung von Selbstbewusstsein und –vertrauen, Kampfgeist oder Kreativität) spielt der vereinsgebundene Sport – wiederum „im Gegensatz zur Schule“ – eine beachtliche Rolle, da hier „unter Ernstbedingungen gelernt wird“, was auch für die Entwicklung kognitiver Kompetenzen (als Aneignung von Wissen unterschiedlicher Bereiche wie „das Erlernen von Bewegungen“) bzw. organisatorischer Kompetenzen (Jugendliche „lernen, indem sie ‚Dinge in die Hand‘ nehmen“) – wenn auch deutlich seltener genannt – gilt: die „Zwanglosigkeit“ des Settings in Sportvereinen, interpretieren die Autor/inn/en, sei eine „gute Voraussetzung für Lernen“ (S. 65). Es könne „festgehalten werden, dass Bildungsprozesse im Sinne des informellen Lernens bei Jugendlichen im Sportverein ganz offensichtlich stattfinden“, was sich „durch die besonderen sozialen Lerngelegenheiten“ erklären lasse, die ein Sportverein jungen Menschen bietet (S. 95).

Den für das informelle Lernen relevanten Situationen sei gemeinsam, „dass sie nicht explizit von Trainern geplant oder angeleitet werden, sondern dass sie im Sportvereinsalltag ‚auftreten‘ und von den Jugendlichen weitgehend selbstständig bewältigt werden. Der Sportverein bietet also tatsächlich einen sozialen Handlungsrahmen, der zahlreiche Gelegenheiten für informelles Lernen in der Gleichaltrigengruppe bereithält“, was als „‚Learning by doing‘ charakterisiert werden (kann): ‚Handeln, Ausprobieren und Sammeln von eigenen Erfahrungen in der Praxis‘“. Freiwilligkeit, Teilhabe, Beteiligung, die An- und Übernahme von Verantwortung (z. B. das Eintreten für Jüngere), gegenseitige Hilfe („Man hilft einer Mannschaftskollegin, um zu gewinnen, man handelt gemeinsam, um sportlich Erfolg zu haben“) und Identifikation spielen eine zentrale Rolle (S. 96).

Bilanzierend geht es also darum, informellen Lernprozesse im Sportverein neben intentionalen Erziehungsprozessen in Theorie und Praxis der sportlichen Jugendarbeit eine stärkere Beachtung zu widmen, könne doch – bei aller methodischen Skepsis in Bezug auf die Selbstauskünfte der Jugendlichen, insbesondere in Bezug auf die soziale Erwünschtheit von Antworten im qualitativen Interview (worauf die Autor/inn/en selbst hinweisen – „festgehalten werden, dass informelle Lernprozesse im Sport nicht nur in Feldern des häufig untersuchten bürgerschaftlichen Engagements stattfinden, sondern auch in ganz normalen Sportsituationen im Verein“ (S. 97).

Hieran schließen in der zusammenfassenden Diskussion auch die Handlungsempfehlungen von Neuber, Breuer, Derecik, Golenia und Wienkamp an: Es gehe zum Beispiel darum, die Aufmerksamkeit auf informelle Lernprozesse zu lenken und hierfür Zeit und Raum zu lassen (z. B. Jugendliche anlässlich von Wettkampffahrten oder Trainingslagern „ohne die Kontrolle Erwachsener unter sich“ sein zu lassen; an anderer Stelle heißt es, ein „vertrauensvolles Klima“ zu schaffen). Da informelles Lernen „oft unbemerkt sozusagen ‚nebenbei‘“ geschehe, müssten Vereinsmitarbeiter/inne/n ebenso wie Jugendliche lernen, solche ‚stillen‘ Lernprozesse wahrzunehmen; um eine solche solide Reflexionsfähigkeit entwickelt zu können, seien regelmäßige Reflexionsphasen (auch im Kontext der Trainingsprogramme) ratsam.“ Trainer/innen sollten sich als Lernbegleiter bestimmen und sie ihre Rolle „nicht nur auf die Vermittlung von Sportarten beschränkt sein, sondern auch die Entwicklung der Heranwachsenden berücksichtigen“. Dies alles mache eine Qualifizierung von Vereinsmitarbeiter/inne/n erforderlich, denn die Unterstützung informeller Lernprozesse verlange „andere Kompetenzen als das Vermitteln sportlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten“; deshalb solle ihrer Aus- und Weiterbildung „besondere Bedeutung“ zukommen (S. 97f).

Neben diesen eher auf den Alltag in den Sportvereinen abzielenden Empfehlungen sehe die Autor/inn/en „auch Perspektiven für die wissenschaftliche Bearbeitung des informellen Lernens im Sport“, z. B. zur Quantifizierung informeller Lernprozesse im Sport durch quantitative Studien zur Überprüfung und Differenzierung der qualitativen Befunde oder vertiefende Studien zum sozialen Kompetenzerwerb (etwa über standardisierte Beobachtungsverfahren) oder die Ausweitung des Untersuchungsrahmens auch im selbstorganisierten Sport und in der Schule (S. 99)

Zielgruppen

Wie schon im Falle des Bandes „Informelles Lernen im Sport“ bestimmt der Verlag für Sozialwissenschaften ein eher breites Spektrum, das der Band bedienen soll: Studierende und Dozent/inn/en der Erziehungswissenschaft, Soziologie, Psychologie und Soziale Arbeit (Sozialpädagogik) an Universitäten und (Fach-) Hochschulen sowie an Erziehungswissenschaftler/inn/en und Soziolog/inn/en bzw. Lehrer/inn/en und Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Doch auch diesmal ist das ein zu weit gespannter Bogen. Im Kern dürfte sich die Studie an die am akademischen Diskurs um und über Bildung Engagierten wenden. Aber auch Sportverantwortliche können unmittelbaren Nutzen und Schlussfolgerungen für den sportfachlichen Alltag ziehen.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung verdient im Fazit, einen verdienstvollen Beitrag zu leisten, die Arbeit in den Sportvereinen niveauvoll durch einen besonderen Blick auf die Chancen und Anforderungen informellen Lernens zu qualifizieren. Auch wenn es der in der Fläche doch immer noch eher ausschließlich am sportlichen Vergleich und Erfolg und weniger auf Lernprozesse geeichte ausgerichtete Vereinssport eher unwillig zur Kenntnis nehmen mag: diesem Blick und der ihm folgenden Praxis kommt künftig eine zentrale Rolle zu. Die auch im schulischen (Sport-) Kontext diagnostizierbaren Defizite bei der Aneignung sozialer Kompetenzen mag der Vereinssport zwar nicht kompensieren, gleichwohl aber aufgeschlossenen, an der persönlichen Entwicklung interessierten Jugendlichen in ihren Such- und Aneignungsprozessen wertvolle Hilfe/n und Unterstützung geben können. Dies setzt ein funktionales Umdenken bei Funktionäre in Vereinen und Verbänden ebenso voraus wie eine zu steigernde Kompetenz der im Alltag tätigen Akteure, seien sie nun in Sparten-, Abteilungs- oder Vereinsvorständen oder im alltäglichen Trainings- und Wettkampfbetrieb tätig. Hier wird es künftig – auch das unterstützt die vorliegende Studie mit weiteren Argumenten – nicht mehr ausreichend sein, sich „bloß“ als sportfachlich gut ausgebildete Übungsleiterin oder Trainer zu behaupten, sondern ein Sensitorium für die veränderten Aufgaben im Alltag der Arbeit mit jungen Menschen zu entwickeln. Empfehlungen zum Beispiel der Deutschen Sportjugend im Zusammenhang mit den Überlegungen, in den Vereinen eigene „Jugendordnungen“ zu verankern, weisen in diese Richtung. Solche und ähnliche (Veränderungs-) Prozesse kommen schrittweise im Vereinssport in Gang. Hierfür breitet die Untersuchung von Neuber, Breuer, Derecik, Golenia und Wienkamp zwar kein Rüstzeug aus, bereitet aber den Boden für die notwendigen Aktualisierungen und Anpassungen (wobei es vollkommen unerheblich ist, dass die Autor/inn/en über Nordrhein-Westfalen sprechen). Darin besteht der Wert der kleinen Studie, der ein interessiertes Echo im organisierten Sport zu wünschen ist (wobei sich der Preis des Bandes – immerhin fast 25 Euro – für die gerade einmal 100 Seiten „starke“ Untersuchung freilich als Hemmnis erweisen könnte).


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 07.03.2011 zu: Nils Neuber, Meike Breuer, Ahmet Derecik, Marion Golenia, Florian Wienkamp: Kompetenzerwerb im Sportverein. Empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17008-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10545.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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