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Tom Kitwood (Hrsg.): Demenz. Der person-zentrierte Ansatz [...]

Cover Tom Kitwood (Hrsg.): Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. 5., ergänzte Auflage. 237 Seiten. ISBN 978-3-456-84568-5. 26,95 EUR, CH: 44,90 sFr.

Reihe: Pflegepraxis - Altenpflege.
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Thema

Die Sichtweise von Gesunden auf demenziell Erkrankte ist eine von der Schulmedizin geprägte. Bisher beherrscht die Diskussion über den Umgang mit diesen Menschen deshalb eine sehr pathophysiologisch geprägte Sichtweise. Diese ignoriert oftmals selbst in professionellen Pflegesettings den Menschen als Person. Das vorliegende Buch stellt den personalen Ansatz im Umgang mit Demenz erkrankten Menschen vor. Bereits in den sechziger Jahren entwickelte Tom Kitwood seinen person-zentrierten Ansatz, der darauf abzielt, Menschen mit Demenz als vollwertige Personen anzuerkennen und wahrzunehmen. Obwohl nun bereits seit fünfzig Jahren veröffentlicht, ist unsere Gesellschaft immer noch von der Idee einer hauptsächlich organisch bedingten Erkrankung überzeugt der Pflegende und Angehörige kaum etwas entgegensetzen können und teilweise wollen.

Aufbau

Das Buch ist neben einem Geleitwort, einem Vorwort sowie einer Danksagung in zehn Kapitel gegliedert. Die ersten fünf Kapitel befassen sich mit einer Beschreibung der beiden zentralen Begriffe dieses Themas: Person sein und Demenz. Die folgenden Kapitel geben bereits Einblicke in eine veränderte Pflegekultur und eröffnen Perspektiven für einen wertschätzenderen Umgang mit verwirrten Menschen. Ein Literaturverzeichnis, sowie ein zusätzliches Verzeichnis mit deutschsprachiger Literatur, ein Adressverzeichnis, ein Interview mit dem deutschen Herausgeber Christian Müller-Hergel, eine Biografie des Autors sowie ein Nachwort, Glossar und Sachwortverzeichnis runden den Band ab. Die einzelnen Kapitel umfassen jeweils ca. 20 Seiten und sind in Unterkapitel gegliedert.

Inhalt

1. Einleitung. In der Einleitung führt der Autor - zum Teil sehr persönlich - zum Thema und dem Inhalt des Buches hin. Er führt seine persönlichen Beweggründe zur Beschäftigung mit dem Thema genauso auf, wie kurze Einblicke in den Inhalt des Buches.

2. Was heißt es, eine Person zu sein. In diesem Kapitel führt der Autor zum Begriff des Personseins hin. Er führt verschiedene Definitionen des Personseins an, um aus diesen einen gemeinsamen Kern zu erarbeiten. Die Frage: Wer ist als Person zu behandeln und wer nicht, wird ebenfalls beleuchtet. Anschließend werden die zwischenmenschliche Beziehung und ihre Bedeutung für das Personsein sowie der Begriff der Einzigartigkeit und die Psychodynamik des Ausgrenzens erörtert.

3. Demenz als psychiatrische Kategorie. Tom Kitwood geht davon aus, dass die Wissenschaft bisher ein sehr detailiertes Bild von den neurologischen Prozessen der Demenz darstellen kann. Seiner Meinung nach fehlt bei dieser Betrachtungsweise allerdings der sozialpsychologische Ansatz bisweilen völlig. Er führt in diesem Kapitel wichtige Forschungsergebnisse der Psychiatrie an und untersucht das von ihm als Standardparadigma beschriebene, aktuell verbreitete Konzept der Demenz auf Schwachstellen.

4. Das Untergraben des Personseins, 5. Der Erhalt des Personseins, 6. Das Erleben von Demenz. Diese drei Kapitel beschäftigen sich mit der sozialpsychologischen Sicht auf Demenz und versuchen gemeinsam mit dem vorangehenden Kapitel ein umfassenderes Bild von der Krankheit Demenz darzustellen. Dabei beschreibt Kitwood sein Konstrukt der malignen Sozialpsychologie wobei er zur Veranschaulichung häufig Praxisbeispiele verwendet. Es werden die „neuen“ Ansätze eines person-zentrierten Umgangs vorgestellt mit vielversprechenden ersten Ergebnissen. So werden z.B. biographische Ansätze dargestellt und deren Bedeutung verdeutlicht. Weitere positive Praxisbeispiele werden angeführt. Abschließend wird das Praxisbeispiel einer neurologisch schwerstgeschädigten Frau dargestellt und die Einflussmöglichkeit von personen-zentrierter Pflege beschrieben sowie ein zweiter Blick auf die Dialektik der Demenz geworfen.

Im sechsten Kapitel wird das Erleben einer Demenz in das Zentrum gestellt, auch hier mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis. Das Kapitel schließt ab mit einer kurzen Darstellung und Erläuterung der wichtigsten psychischen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz.

7. Die Pflege verbessern – Der nächste Schritt voran. Das siebte Kapitel beschreibt wie Schritte zu einer Verbesserung der Pflegekultur aussehen können. Dazu stellt Kitwood sieben sich positiv auswirkende Interaktionen und drei psychotherapeutisch ausgerichtete Handlungsoptionen vor. Zwei Unterkapitel befassen sich mit der Interaktion von Menschen mit Demenz untereinander und der Möglichkeit diese zu verbessern bzw. zu ermöglichen. Das Kapitel schließt mit der Darstellung der Vorteile der bisher vorgestellten neuen Pflegepraxis gegenüber der alten Pflegepraxis ab.

8. Die für- und versorgende Organisation. Im Kapitel acht betrachtet Kitwood die organisatorischen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Pflege dementiell Erkrankter. Er beschreibt dabei Organisationsentwicklungsmaßnahmen und stellt den Zusammenhang zwischen Mitarbeiterentwicklung, Fürsorge des Unternehmens für den Mitarbeiter und der geleisteten Arbeit dar. Dabei wird ein Bogen über das gesamte Feld der Organisationsentwicklung gespannt. Vom reinen monetären Anreizsystem über die Entwicklung von Methoden- und Personalkompetenz bis hin zur Personalauswahl werden wichtige Komponenten zur Verbesserung der Kultur eines Unternehmens dargestellt.

9. Anforderungen an eine Betreuungsperson. Da Kitwoods Konzept die zwischenmenschliche Beziehung in den Mittelpunkt der Arbeit mit demenziell Erkrankten stellt, werden auch an die Betreuungspersonen in dieser Hinsicht besondere Anforderungen gestellt. Kitwood stellt in diesem Kapitel den Prozess der Interaktion und den Anteil der Pflegenden am Gelingen daran vor. Später widmet er sich der Motivation von Pflegenden diese Tätigkeit auszuüben. Abschließend werden Aspekte der Psychodynamik der Demenzpflege sowie Wege der persönlichen Entwicklung von Pflegepersonen näher betrachtet.

10. Die Aufgabe der kulturellen Transformation. Im letzten Kapitel des Buches werden Kernaussagen der neuen Pflegepraxis mit denen der bisherigen Praxis verglichen. Ein besonderes Augenmerk legt Kitwood hier auf die Implementierung einer person-zentrierten Pflege.

Diskussion

Obwohl das vorliegende Buch bereits vor 14 Jahren erstmals verlegt wurde, liest es sich an vielen Stellen immer noch wie ein hochaktuelles Werk. Zahlreiche Feststellungen Kitwoods über die vorherrschende Pflegekultur treffen heute ebenso zu wie vor 14 Jahren. Daraus resultiert, dass sein Ansatz in der Pflege demenziell Erkrankter immer noch revolutionär erscheint und dringender denn je diskutiert werden sollte. Das Buch stellt dieses komplexe Thema kurz und prägnant dar. Dank des ausführlichen englischen und deutschen Literaturverzeichnisses kann man allerdings auch unkompliziert tiefer in das Thema einsteigen. Als erstes Überblickswerk zum Schaffen und den Ideen Kitwoods stellt dieses Buch eine sehr gute Wahl dar. Obwohl viele Themen nur kurz dargestellt werden, werden diese teilweise sehr tief beleuchtet. Das führt an einigen wenigen Stellen zu abstraktem Lesestoff, der aus meiner Sicht nicht nebenbei gelesen werden kann. Der Großteil des Buches ist aber praxisnah und auch für nicht professionell Pflegende verständlich. Die zahlreichen Praxisbeispiele verdeutlichen die Umsetzung Kitwoods Konzepts sehr anschaulich. An wichtigen Stellen des Buches sind wesentliche Inhalte prägnant in Übersichten zusammengefasst.

Fazit

Tom Kitwoods Werk Demenz sollte jeder Pflegende, egal ob Professioneller oder Angehöriger, gelesen haben. Für die Pflege von demenziell erkrankten Menschen vermittelt dieses Werk ohne Zweifel wichtige Grundlagen des person-zentrierten Ansatzes. Das Buch ist größten Teils gut verständlich, auch ohne Vorwissen und sorgt bei der Lektüre für häufiges heftiges Nicken. Für alle Menschen die Pflege menschlicher, direkter und professioneller gestalten möchten stellt dieses Buch eine absolute Pflichtlektüre dar. Der Blick auf die Pflegetätigkeit im Alltag wird sich dadurch nachhaltig ändern.


Rezensent
Michael Junge
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Zitiervorschlag
Michael Junge. Rezension vom 22.06.2011 zu: Tom Kitwood (Hrsg.): Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. 5., ergänzte Auflage. ISBN 978-3-456-84568-5. Reihe: Pflegepraxis - Altenpflege. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10546.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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