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Heinz Reinders: Interethnische Freundschaften bei Jugendlichen 2002

Rezensiert von Prof. Dr. Friedhelm Vahsen, 29.06.2004

Cover Heinz Reinders: Interethnische Freundschaften bei Jugendlichen 2002 ISBN 978-3-8300-1006-7

Heinz Reinders: Interethnische Freundschaften bei Jugendlichen 2002. Ergebnisse einer Pilotstudie bei Hauptschülern. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2003. 166 Seiten. ISBN 978-3-8300-1006-7. 73,00 EUR.
Schriftenreihe Studien zur Migrationsforschung, Band 2.

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Überblick über die vorgestellte Untersuchung

850 Schüler der siebten und achten Klasse an Hauptschulen in Mannheim und Ludwigshafen wurden per standardisierten Fragebogen zu ihrer Freizeitgestaltung, ihrer "kulturellen Offenheit", ihrem Verhältnis zu den Eltern und "als Kernpunkt" zu ihren Freundschaften befragt. Ziel der Studie war es, das "Ausmaß und die Qualität von Freundschaften zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen zu erfassen." Dabei wurden bewußt Hauptschulen ausgesucht, da hier die höchste Quote nichtdeutscher Jugendlicher gegeben sei, und um in etwa ein gleiches soziales Milieu zu betrachten. Der Autor vermutet, dass Jugendliche höheren sozialen Status sich tendenziell an die deutsche Mehrheitskultur anpassen und dadurch das Ergebnis "verfälscht" werden könnte.

Da nach Auffassung des Autors in den "meisten" Untersuchungen von Differenzen zwischen ausländischen und deutschen Jugendlichen ausgegangen wird, will Reinders die "Gemeinsamkeiten" in den Forschungsmittelpunkt rücken. Reinders betont ausdrücklich den explorativen Charakter dieser Studie und beansprucht, mit dieser Untersuchung, den "Beginn eines neuen Forschungsstranges" markieren. Doch auch in dieser Analyse geht es im wesentlichen um türkische Jugendliche. Jugendliche anderer Nationalitäten werden, obwohl sie zahlenmäßig ca. 29% gegenüber 24% der türkischen Hauptschülerinnen und Schüler an der befragten Grundgesamtheit ausmachen, nicht weiter in ihrer ethnischen Zugehörigkeit differenziert und betrachtet. Sicherlich ein Manko der Studie. Die Geschlechterverteilung ist in den einzelnen Gruppen insgesamt "in etwa" ausgeglichen, das Durchschnittsalter liegt bei knapp über 14 Jahre. Die Umfrage wurde in der Schule während einer Schulstunde "klassenweise" durchgeführt. Der Autor betont die Konzentriertheit der Schülerinnen und Schüler bei der Mitarbeit. Jedoch waren einzelne Fragen "schwierig", so dass hier in Anschlussuntersuchungen "Verbesserungen erfolgen müssen."

Ergebnisse

Die Studie erfasst im einzelnen die

  • familiäre Lebenswelt,
  • das Generationenverhältnis,
  • personale und soziale Identität,
  • kulturelle Einstellungen,
  • interethnische Freizeitkontakte und Freundschaften
  • und die Entstehung interethnischer Freundschaften.

Dazu liefert diese Pilotstudie eine Reihe von interessanten Hinweisen. So wird von den befragten Jugendlichen insgesamt ein hoher Familienzusammenhalt betont, wobei jedoch auch stärkere Beeinflussung bei den türkischen Familien hervortritt, was den Glauben und das Freizeitverhalten - hier insbesondere von Mädchen - betrifft. Der Autor interpretiert dies aber insgesamt als Ausdruck- egal bei welcher Herkunft- eines positiven familialen Zusammenhalts. Auch die erheblich höhere Betonung religiöser Normen und Orientierungen (Wie setzt sich dies durch?) bei den türkischen Familien wird nicht als "fundamentalistische Spielart von Erziehung" verstanden, sondern als Ausdruck psycho-sozialer Stabilisierung von Glauben und Religion" (S.43). Hier hätte man gerade auch im Kontext jetziger weltweiter religiöser Differenzierungsprozesse, die ja global und national durchaus als "Kampf" oder sogar "Krieg" der Kulturen apostrophiert werden, genaueres gewünscht.

Was die Freundschaften zwischen den einzelnen Ethnien betrifft, so stellt der Autor fest: "Interethnische Freundschaften kommen weit häufiger vor, als man zunächst vermuten würde"(S.98). Die Konsequenzen und Charakteristika interethnischer Freundschaften, die im übrigen mit der "Sozialraumorientierung" von Jugendlichen generell ansteigen, fasst Reinders so zusammen: "Bei deutschen Jugendlichen treten sie in Gesellschaft von offeneren und weniger sozial distanzierten Einstellungen gegenüber Ausländern auf. Bei türkischen Jugendlichen sind interethnische Freundschaften mit einer tendenziellen Abkehr von der Herkunftskultur der Eltern ..selbst kombiniert (S.101).

Auch die kulturelle Einstellung der Jugendlichen tendiert nicht in Richtung von "Distinktion", der Autor attestiert Offenheit: "Immerhin mehr als ein Drittel der Befragten gibt an, einen Freund andersethnischer Herkunft zu haben"(S.124). Bei deutschen Jugendlichen stellt er keinen Geschlechtsunterschied fest, bei türkischen Jugendlichen sind die interethnische Kontakte etwas häufiger als bei Mädchen.

Im Anhang des kleinen Bandes sind die Skalen abgedruckt und deren Urheberschaft exakt nachgewiesen.

Diskussion

Insgesamt handelt es sich hier um eine Studie, die wichtige Fragestellungen aufgreift. Vielleicht wäre eine Kombination dieser Studie mit qualitativen Forschungsansätzen weiterführend und würde neben den Häufigkeiten auch stärker die Intensität der interethnischen Beziehungen erfassen. Den Anspruch einzulösen, ein gemeinsames theoretisches Modell zur Erfassung von Jugendlichen Sozialisationsprozessen unterschiedlicher ethnischer Herkunft zu liefern, ist nach Auffassung des Autors möglich. Für beide Gruppen erkennt er kulturelle Offenheit. "Moving, meeting and mating hat nach seiner Auffassung "kulturinvarianten Charakter"(S.125.) Er stellt jedoch auch fest: "Bei türkischen Jugendlichen ist das Geschlecht relevant"(S.125. Dies wäre sicherlich genauer zu erfassen. So bleibt manches recht schematisch, erscheint etwa überinterpretiert in Richtung eines "guten" interethnischen Kontextes. Wenn jugendliche Türkinnen und Türken angeben, sie hätten interethnische Kontakte, dann ist dies bei der Zahl der Befragten anderer Nationalität auch offen, ob sich dies auf deutsche Jugendliche oder andere Gruppen bezieht. Auch die Fragen zur Identität: "Ich fühle mich als Deutscher/Türke" erfasst nicht die Einstellung anderer Ethnien. Trans- oder bikulturelle Vorstellungen werden gar nicht erfasst. Vielleicht zeigt der Film "Gegen die Wand" mit seinen Szenen zum familialen Leben einiges mehr von der faktischen Lebenswelt der türkischen Familie auf, dem Geschlechterverhältnis und den interethnischen Grenzziehungen: Nach wie vor sind deutsch-türkische Paarbeziehungen die Ausnahme!

Fazit

Trotz dieser Einschränkungen handelt es sich für Seminare zu den Lebenslagen ausländischer Jugendlicher um eine anregende Studie, die zum Weiterdenken und Untersuchen anregt und sicherlich mancher Seminararbeit als Grundlage dienen kann. Es fällt auf, dass in eigenen Seminaren sich insbesondere Deutsch-Türkische Studierende für diesen Band interessieren! Vielleicht weil hier etwas beschrieben wird, was auch ihren Idealen entspricht, sich aber häufiger an der Realität bricht. Denn nach Auffassung des Autors berichten alle Jugendlichen - egal welcher Herkunft - von einer positiven Familienumwelt - gemeint ist die Familie selbst, die sich durch "moderate Mitsprachmöglichkeiten, eine hohe elterliche Empathie, eine mittleren autoritären Erziehungsstil und einen guten familialen Zusammenhalt auszeichnen" (S.45). Entspricht dies der empirischen Realität oder ist dies das Wunschbild?

Rezension von
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 29.06.2004 zu: Heinz Reinders: Interethnische Freundschaften bei Jugendlichen 2002. Ergebnisse einer Pilotstudie bei Hauptschülern. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2003. ISBN 978-3-8300-1006-7. Schriftenreihe Studien zur Migrationsforschung, Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1055.php, Datum des Zugriffs 25.05.2024.


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