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Sigrid Graumann: Assistierte Freiheit

Cover Sigrid Graumann: Assistierte Freiheit. Von einer Behindertenpolitik der Wohltätigkeit zu einer Politik der Menschenrechte. Campus Verlag (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-593-39396-4.
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Autorin

Sigrid Graumann, Jahrgang 1962, promovierte in Biologie und Philosophie. An der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg arbeitet die Autorin am Institut für Sozialwissenschaften in der Arbeitsgruppe Soziologische Theorie.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist eine leicht gekürzte Fassung der zweiten Dissertation Graumanns, welche sie im September 2009 an der Universität Utrecht im Fach Philosophie abgeschlossen hat.

Aufbau

Nach der Einleitung ist die Publikation in 5 Kapitel strukturiert:

  1. Die UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen
  2. Inklusivität, Universalität und Unteilbarkeit? Grundsätze des Menschenrechtsschutzes und die Rechte behinderter Menschen
  3. Fairness, gerechte Großzügigkeit oder Basisfähigkeiten? Menschenrechte für behinderte Menschen als Herausforderung für unser Verständnis sozialer Gerechtigkeit
  4. Versuch einer moralphilosophischen Begründung der Rechte behinderter Menschen
  5. Sorge und Respekt? Verteidigung des Menschenrechtsansatzes der Behindertenpolitik

Abgerundet wird die Veröffentlichung durch das Abkürzungs- und 19 Seiten umfassende Literaturverzeichnis.

Inhalte

In ihrer Einleitung, die nach dem Respekt oder der Sorge für behinderte Menschen fragt, betrachtet die Autorin die gesellschaftliche Stellung Behinderter, u. a. mit Blick auf die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung. In der Einleitung nimmt die Autorin Begriffsklärungen vor , da „diese Begriffe […] mehr oder weniger neu im Menschenrechtsdenken (sind – CR) und […] außerdem in anderen Kontexten teilweise andere Bedeutungen“ (S. 11) haben, als da beispielsweise wären:

  • der Rechtsbegriff der Diskriminierung,
  • die Disability Studies,
  • die Inklusion oder
  • allgemeine vs. spezifische Rechte.

Im Folgenden werde ich aus dem umfangreichen Werk inhaltliche Angaben zu Kapitel I ausführen.

Im ersten Abschnitt befasst sich die Autorin mit der Frage, ob es sich bei der Behindertenrechtskonvention um Wohltätigkeit und Fürsorge oder tatsächlich um Menschenrechte handelt. „Es war am Anfang […] keineswegs für alle naheliegend, dass eine behinderungsspezifische Menschenrechtskonvention gebraucht wird […]. Manche vermuteten darin eine ungerechtfertigte Diskriminierung behinderter Menschen“ (S. 28 f.).

Der zweite Abschnitt nimmt die Grundprinzipien der Konvention in den Blick – und das ist die „internationale Durchsetzung des Menschenrechtsansatzes in der Behindertenpolitik“ (S. 34). Zu einer Weiterentwicklung des Menschenrechtssystems geführt haben neue Begriffe und Begriffsverständnisse, welche in den Menschenrechtskatalog eingearbeitet wurden. Zu diesem Abschnitt gehören das Befassen mit:

  • der Menschenwürde als Referenzpunkt und Auftrag,
  • den Orientierungsprinzipien Würde und Wertschätzung,
  • der Defizit-Orientierung bis hin zum Diversity-Ansatz,
  • der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit,
  • der vollen und gleichberechtigten gesellschaftlichen Inklusion sowie
  • der Beachtung von Mehrfachdiskriminierung.

Abschnitt drei nimmt die einzelnen Rechte in den Blick. „Die Präzisierung und Konkretisierung des Menschenrechtskatalogs hinsichtlich der besonderen Gefährdungen, denen behinderte Menschen ausgesetzt sind, bringt neue Akzentsetzungen und Ergänzungen in der Formulierung der einzelnen Rechte mit sich“ (S. 51). Behandelt werden:

  • das Recht auf Leben,
  • das Recht auf Schutz vor Folter und jeder grausamen, inhumanen und erniedrigenden Behandlung,
  • die Gleichheit vor dem Recht,
  • das Recht auf Privatheit und eine eigene Familie,
  • die politischen Mitwirkungsrechte,
  • die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte,
  • das Recht auf soziale Sicherheit und einen angemessenen Lebensstandard,
  • das Recht auf inklusive Bildung,
  • das Recht auf Wahl der Wohnform,
  • das Recht auf Gesundheitsversorgung und
  • das Recht auf Arbeit.

Graumann legt im vierten Abschnitt ihren Fokus auf die Zukunftsaufgabe der Umsetzung der Konvention. „Wie alle Menschenrechtskonventionen richtet sich die Behindertenrechtskonvention in erster Linie an die Staaten als Garanten des Rechts und nimmt sie in mehrfacher Weise in die Pflicht. Sie werden entsprechend der menschenrechtlichen Pflichtentrias […] angehalten, die Menschenrechte selbst zu achten (respect), sie vor Missachtung durch Dritte zu schützen (protect) und wirksame Maßnahmen zu ihrer vollen Verwirklichung zu ergreifen (fulfill)“ (S. 75). Hier geht es um die staatlichen Umsetzungspflichten und die Frage danach, ob die Behindertenrechtskonvention Innovationspotential für eine humanere Gesellschaft darstellt oder lediglich eine utopische Wunschvorstellung von Behindertenvertretern ist.

Fazit

Ein sehr lesenswertes Buch, welches sich mit einer Thematik befasst, die glücklicherweise nicht nur aus einer sonderpädagogischen Perspektive betrachtet wird. Für dieses Feld, welches mit paternalistischer Bevormundung überfüllt ist, ist es richtig, wichtig und gut auch das naturwissenschaftliche Spektrum, für welches Graumann ja durch ihr Erststudium steht, in Betracht zu ziehen. Ausgezeichnet daher der Versuch einer moralphilosophischen Begründung der Rechte behinderter Menschen, in welchem die Autorin sich „auf die menschenrechtsdogmatischen Postulate der Inklusivität der Achtung der Menschenrechte (bezieht – CR), die nahelegen, das von einem inklusiven und universellen Moralprinzip eine schlüssige Begründung der Menschenrechte erwartet werden kann“ (S. 199).

Für die sonderpädagogischen Wohltäterinnen und Wohltäter provokant und deshalb m. E. hervorragend sind die folgenden auf Seite 203 niedergeschriebenen Fragen: „Wie soll beispielsweise über die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für die medizinische Versorgung von Neugeborenen mit schweren angeborenen Beeinträchtigungen oder von Menschen, die im Wachkoma leben, gesprochen werden, wenn die Frage nach dem moralischen Status dieser Menschen hoch strittig ist? Wie soll über die Frage nach der Bedeutung des Grundsatzes der universellen Achtung der Menschenrechte für Menschen, die auf ein hohes Maß an Hilfe, Unterstützung und Sorge im Alltag angewiesen sind, diskutiert werden, wenn unklar ist, ob der Begriff der Rechte im Privatleben überhaupt Sinn macht? Und wie soll die Frage nach der Berechtigung spezifischer Leistungsrechte für behinderte Menschen geklärt werden, ohne auf eine Theorie des Verhältnisses von Nichtinterventionsrechten und Leistungsrechten Bezug nehmen zu können?“


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 30.03.2011 zu: Sigrid Graumann: Assistierte Freiheit. Von einer Behindertenpolitik der Wohltätigkeit zu einer Politik der Menschenrechte. Campus Verlag (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-593-39396-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10553.php, Datum des Zugriffs 19.06.2018.


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