socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jo Reichertz, Carina Jasmin Englert: Einführung in die qualitative Videoanalyse

Cover Jo Reichertz, Carina Jasmin Englert: Einführung in die qualitative Videoanalyse. Eine hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 125 Seiten. ISBN 978-3-531-17627-7. 14,95 EUR.

Reihe: Qualitative Sozialforschung.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Videoanalyse bezieht sich im vorliegenden Buch auf die Analyse von Fernsehsendungen, die mittels digitaler Videokameras produziert wurden. Dafür wurde das Verfahren der hermeneutischen Wissenssoziologie modifiziert. Diese zielt darauf, die gesellschaftliche Bedeutung kommunikativer Handlungen zu rekonstruieren. Das heißt jene Bedeutung, die Handlungen – losgelöst von der Intention der Akteure – in einer bestimmten Interaktionsgemeinschaft haben: aus der Perspektive des so genannten generalisierten Anderen. Mit diesem erkenntnisleitenden Interesse lässt sich beim Fernsehvideo fragen, „was das Video von dem Zuschauer will, was es im Schilde führt, wie es versucht, Kommunikationsmacht […] aufzubauen und mit welchem Ziel es Kommunikationsmacht aufbaut“ (S. 11). Der Fall, der im Buch ausführlich herangezogen wird, ist ein Ausschnitt aus einer Reportage des Privatfernsehens, der als „Ein Hund fährt schwarz“ (S. 7) betitelt wird.

Autor und Autorin

Dr. Reichertz ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Englert ist dort wissenschaftliche Projektmitarbeiterin.

Entstehungshintergrund

Videos werden in der qualitativen Sozialforschung zunehmend als Material verwendet. Demgegenüber sind die Methoden der Analyse, die dem Visuellen gerecht werden, noch wenig entwickelt. Reichertz und Englert wollen die Debatte um eine angemessene Deutungspraktik weiterführen und durch eine hermeneutische Theorie begründen. Entstanden ist die hier vorgestellte Fallanalyse in Verbindung mit einem Projekt „zur Rolle der Medien bei der Herstellung Innerer Sicherheit“ (S. 10).

Aufbau

Annähernd zwei Drittel (69 S.) des Haupttextes entfallen auf das Kapitel, das die durchgeführte Fallanalyse vorstellt. Dieses Kapitel ist kleinschrittig durch fünf Gliederungsebenen (zum Beispiel „5.3.6.3.7“) strukturiert. Dagegen umfassen die kürzesten der sechs anderen – meist theoretisch-methodologischen und in der Mehrzahl auf die Analyse hinführenden – Kapitel nur eine bis drei Seiten Text.

Inhalt

Gegenstand der hermeneutischen Ausdeutung ist ein knapp dreiminütiger, digital aufgezeichneter Ausschnitt aus dem besagten Fernsehvideo, das sich mit dem Alltag von KontrolleurInnen befasst. Dieser Ausschnitt ist dem Buch auf einer DVD als Videodatei beigelegt. Reichertz und Englert fordern dazu auf, beim Lesen ihrer Analyse immer wieder dieses Video anzusehen, es anzuhalten und einzelne Kameraeinstellungen selber zu analysieren.

Zuvor gehen Reichertz und Englert genauer auf die Produktionsbedingungen von Fernsehvideos ein. Das Wissen hierüber ist nötig, um das vorliegende Material angemessen interpretieren zu können. Wichtig ist etwa, dass es für ein solches Video kein Drehbuch und keinen Plan für die Kameraeinstellungen gibt; die Linie der Erzählung wird vielmehr über den späteren Schnitt und die Montage sowie über „Voice over“-Kommentare hergestellt. Auf der anderen Seite vergegenwärtigen Autor und Autorin auch die Bedingungen, unter denen solche Sendungen im Alltag angeeignet werden, weil sich die Produktion des Videos stets an einem/einer impliziten ZuschauerIn orientiert.

Ein wichtiges Merkmal der hermeneutischen Wissenssoziologie ist, dass sie den Handlungs- und Kommunikationscharakter des Videomaterials betont, sowohl bei den Darstellungshandlungen als auch den Sprechhandlungen. Dabei interessiert bei der Analyse von Fernsehvideos zuerst die Handlung der Kamera: das, was bei der Aufnahme geschieht (einschließlich der Tonaufnahme), und das, was die der Postproduktion ausmacht (Schnitt, Montage, Untertitelung usw.).

Die grundlegenden Einheiten der Analyse bilden so genannte „moves“ (Bewegungen). Es werden darunter kleinste zusammenhängende Handlungszüge der Kamera verstanden, die für die weiteren Ereignisse relevant erscheinen. Diese Relevanzen werden aus der Forschungsfragestellung und aus den Ergebnissen der soweit erfolgten Analyse abgeleitet. Dabei wird das Video „move“ für „move“ untersucht.

Das, was vor der Kamera geschieht, also die Handlung im Bild, wird als eingebunden in die Kamerahandlung aufgefasst, gleichsam als nicht lösbar von ihr. Das ist auf die genannten Produktionsbedingungen von Fernsehvideos zurückzuführen. Die Handlung im Bild werde immer durch alle an der Bildgestaltung Beteiligten, verstanden als „korporierter Akteur“, „kommentiert“ (S. 29). Es ist deshalb das Ziel, die soziale Bedeutung der Bildgestaltungshandlung – als den dominanten Handlungsrahmen – zu rekonstruieren, plus die Handlung vor der Kamera.

Der im Buch ausführlich dargestellten Fallanalyse geht ferner eine idealtypische Skizze der Methode voran. Die Darstellung der eigentlichen Analyse ist eine nachträgliche Systematisierung: In dieser werden alle wichtigen Schritte der durchgeführten Interpretation herauspräpariert. Diese Schritte überschneiden sich in der Praxis oft oder finden gleichzeitig statt, und nicht immer sind sie scharf voneinander zu trennen.

Bei der erforderlichen Transkription des Videos lassen sich Reichertz und Englert von der erkenntnistheoretischen Annahme leiten, dass alles, was im Bildmedium als typisierte Handlung Bedeutung hat, auch durch Sprache und deren Niederschrift ausgedrückt werden kann. Der Autor und die Autorin experimentieren dazu mit verschiedenen Notationen. Beispiele finden sich ebenfalls auf der beigelegten DVD, und zwar von jenen Handlungszügen, die für die Analyse besonders wichtig waren. Den LeserInnen soll ermöglicht werden, die Leistungsfähigkeit der unterschiedlichen Notationen und deren Verknüpfung zu beurteilen.

Diskussion

Die im Buch dargestellte Analyse wird von Reichertz und Englert als „nur ein erster Versuch“ (S. 7) betrachtet. Dennoch eröffnet die soweit entwickelte Kunstlehre eine interessante, eigene Perspektive in der aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskussion um qualitative Videoanalysen.

Wichtig ist aber, dass es hier nicht generell um Videos geht, sondern um eine spezifische Art des Materials: um das Fernsehvideo. Es wäre zu wünschen, dass dies bereits im Buchtitel deutlich wird. Denn wie Autor und Autorin zeigen, bedingt dieses Material eine Reihe von Besonderheiten. Das Thema erscheint dadurch wesentlich eingeschränkter. In manchem anders sind die Anforderungen etwa bei der qualitativen Analyse von Spielfilmen und erst recht bei Videos, die von vornherein dazu angefertigt werden, eine soziale Realität zu Forschungszwecken zu protokollieren.

Für jede Art von qualitativer Videoanalyse ist dagegen interessant, was Reichertz und Englert zur Verschriftlichung des audio-visuellen Materials vortragen. Es ist ihnen zuzustimmen, dass dies in den nächsten Jahren in der Methodologiedebatte ein wichtiges Thema sein wird. Ihr Rat und ihre Praxis, sich bei der Verschriftlichung des Visuellen auf so wenig wie möglich zu beschränken, könnte durchaus eine Leitlinie werden – dabei abhängig von den jeweiligen theoretischen Vorannahmen des Forschungsansatzes.

Die Stärke des vorliegenden Buches liegt in der Detailliertheit, Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit der Fallstudie sowie im Experimentieren mit unterschiedlichen Verfahren der Verschriftlichung. Das kann Forschende zu eigenen Versuchen anregen und eignet sich, die Methodenforschung zur qualitativen Videoanalyse voranzubringen. Die der Fallanalyse vorausgeschickten theoretischen und methodologischen Überlegungen könnten für LeserInnen ohne Vorkenntnisse allerdings manchmal etwas knapp sein.

Fazit

Die hier an einem Fall entwickelte Kunstlehre für die Analyse von Fernsehvideos, die nach der sozialen Bedeutung der Kamerahandlung fragt, kann als ein erster Versuch überzeugen. Das Buch eignet sich vor allem für Forschende, die selbst methodisch mit der qualitativen Analyse audio-visuellen Materials experimentieren. Nebenbei ist auch das inhaltliche Ergebnis interessant: über das Fernsehen und dessen Logik.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


Alle 53 Rezensionen von Christian Beck anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 10.02.2011 zu: Jo Reichertz, Carina Jasmin Englert: Einführung in die qualitative Videoanalyse. Eine hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17627-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10554.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung