Raina Zimmering: Zapatismus (emanzipatorische Bewegungen)
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 28.12.2010
Raina Zimmering:Zapatismus. Ein neues Paradigma emanzipatorischer Bewegungen. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2010. 300 Seiten. ISBN 978-3-89691-867-3. 29,90 EUR.
Zapatismus – Mythos der Befreiung; oder Ideologie einer anderen Macht?
Bewegungen brauchen Formeln und Begriffe; und eine Aufmerksamkeit für ihre Proklamationen und Zielformulieren. Ein öffentliches Interesse an den Wörtern und Symbolen, mit denen sie sich darstellen, ist dann gegeben, wenn die neue Bewegung auf die alte trifft, mit dem Ziel, diese zu überwinden. Revolutionen sind die klassischen Mittel, die zur Gesellschaftsveränderung eingesetzt werden. Revolutionstheorien und –programme werden in der politischen und soziologischen Diskussion als „Januskopf der Revolution, dem Wechselspiel von Zerstörung und Neuordnung“ (Georg P. Meyer) charakterisiert; und trotz des neoliberalen Mainstreams sind Revolutionen zur Veränderung von falschen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen notwendig und die Forderungen danach aktuell. Im aktuellen Diskurs um die Methoden zur Umwälzung und Neugestaltung von gesellschaftlichen Prozessen, insbesondere im Zusammenhang mit der sich immer interdependenter, entgrenzender und ungerechter entwickelnden (Einen?) Welt, stoßen dabei ideologische und strategische Zielsetzungen aufeinander: Während die klassischen Vertreter der marxistischen und neomarxistischen Richtung weiterhin den Umsturz als gewaltsame Veränderung favorisieren, gehen andere einen anderen Weg, nämlich „das Ersetzen bewaffneter Kämpfe durch Transparenz, Öffentlichkeit und ein enges Zusammengehen mit der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft“; orientiert an dem zapatistischen Slogan „Preguntando caminamos“, fragend schreiten wir voran! Und sie postulieren, dass es nicht nur möglich ist, eine andere Welt zu schaffen, sondern diese auch ohne Macht zu erringen (vgl.: John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen, Münster 2010, Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/10535.php)
Weil im bisher überwiegend von
westlichen Stimmen dominierten theoretischen Diskurs um Entwicklungs-
und Wandlungstheorien die traditionellen, soziologischen Sichtweisen
präsent sind, ist es interessant und auch transkulturell
geboten, Positionen und Theorie-Praxisbildungen aus den
nichtwestlichen Kulturen zur Kenntnis zu nehmen und in den
interkulturellen, wissenschaftlichen und allgemeinen Denkprozess zu
integrieren (wer z. B. nimmt, außer in der
Afrikanistik-Community, zur Kenntnis, dass es neue und interessante
Denkprozesse um die „afrikanische Philosophie“ gibt, etwa
die vom kenianischen Philosophen Henry Odera Oruka entwickelte
„Sage-Philosophy“
Entstehungshintergrund und Autorin
Der Zapatismus greift zurück auf die von Emiliano Zapata (1879-1919) entwickelten politischen Aktivitäten der mexikanischen Revolution zwischen 1910 und 1920 mit der Gründung der „Ejército Libertador del Sur „ („Befreiungsarmee des Südens“) und mit der Parole „Tierra y Libertad“ („Land und Freiheit“) eine indigene Identität auf der Basis eines freien Sozialismus zu propagieren. Das Wirkungsfeld der Zapatistas lag und liegt bis heute überwiegend im Süden Mexikos, insbesondere in Chiapas. Internationale Aufmerksamkeit erfuhren die Zapatistas 1994, als sich die „Ejército Zapatista de Liberación Nacional“ (EZLN) unter der Führung des Subcomandante Insurgente Marcos gegen die von den USA alimentierte, neoliberale mexikanische Zentralregierung auflehnte und einen Guerillakampf begann. Die politischen und militärischen Auseinandersetzungen über die „richtige“ Entwicklung trafen dabei auf die auch im Westen dämmernde Erkenntnis, dass die bisherigen, westlich und kapitalistisch definierten Entwicklungstheorien insbesondere für die politischen und ökonomischen Zustände in den Ländern der so genannten Dritten Welt und im Verhältnis der Industrieländer zu den Entwicklungsländern gescheitert sind. Der neoliberale Duktus, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, lokal und global, schrie geradezu nach Alternativen. Hier wirkten die „Mythenzerstörer des neoliberalen Mythos“, die Zapatistas, weit über Mexiko und Lateinamerika hinaus und schufen in der „Welt des Widerstandes“ einen internationalen Anreiz, das zu denken und zu propagieren, was 2002 mit dem Slogan beim Weltsozialforum in Porto Alegre in Brasilien Leitsatz für alternative, ökologische Bewegungen wurde: „Eine andere Welt ist möglich“. Dass dabei (selbstverständlich?) auch die Frage nach der globalen Gerechtigkeit intendiert war, kann im internationalen, wissenschaftlichen Diskurs um eine „gerechte Welt“ nicht unbedingt mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden (vgl. dazu: Christoph Broszies, Henning Hahn, Hrsg., Globale Gerechtigkeit, Frankfurt/M) 2010, in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, www.socialnet.de/rezensionen/10481.php). Die Parole - "Es ist nicht nötig, die Welt zu erobern. Es genügt, sie neu zu schaffen." (http://de.wikipedia.org/wiki/Subcomandante_Marcos) – wird, wegen der Kommunikations- und Präsentationsform der Zapatisten vielfach missverständlich aufgenommen und interpretiert: „Die zapatistischen Texte sind … Geschichten, die das Kindliche, das Ursprüngliche jedes einzelnen Menschen berühren und dort ansetzen“.
Hier setzt die an der österreichischen Johannes Keppler Universität in Linz lehrende Politikwissenschaftlerin Raina Zimmering mit ihrem Buch „Zapatismus“ an. Sie bemerkt, dass die zapatistischen Ideen und nationalen und internationalen Wirkungen auf die Notwendigkeit, die Welt wirklich, sozial, human und gerecht zu verändern, seit Mitte der 2000er Jahre aus dem Blick zu geraten drohen. Die Ursachen dafür sieht sie in einer Reihe von Imponderabilien und Entwicklungen, wie sie sich innerhalb der Zapatistischen Bewegung vollziehen, aber auch der Zunahme der neoliberalen Macht und des Einflusses weltweit geschuldet sind. Wie der Zapatismus darauf reagiert, nennt sie „Synkretismus… als Vermischung von Ideen und Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild“. Diese Mischung aus Lokalem und Globalem, der Waffengewalt und pazifistischer Haltung, kollektiven und individualistischen Vorstellungen, kultureller Identität und ethnischer Diversität, sozialer Gleichheit und sozialistischen und anarchistischen Ideen, indigenen Traditionen und radikal-revolutionärer Autonomie, antietatistischen und nationalen Auffassungen, Antimacht und Machtanspruch, machen es nicht einfach, im Zapatismus eine gesellschafts-, staats- und global-bildende Theorie zu erkennen. Und doch: Im Zapatismus sieht die Autorin weiterhin, gerade in der Zeit der globalen Interdependenzen, eine Alternative zu neoliberalen und kapitalistischen Entwicklungen und Wirklichkeiten: „Die Grundmerkmale der Zapatisten…; nämlich das Antisystemische und Antietatistische… (machen)das Paradigmengebende der Zapatisten nach wie vor aus“.
Aufbau und Inhalt
Im Buch stellt die Autorin eine Sammlung von Artikeln, Erlebnisberichten und Interviews vor, die sie im letzten Jahrzehnt erforscht, geschrieben und veröffentlicht hat. Sie gliedert die Arbeit in fünf Kapitel: Im ersten Teil stellt sie Beiträge zur „Kontextualisierung des Zapatismus“ zusammen, bei denen sie den „Mythenwandel und die politische Tradition in Mexiko“ diskutiert, sich auf die konkrete politische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes bezieht, die verschiedenen sozialen Bewegungen mit der Perspektive einer „Revolution in der Demokratie“ darstellt und die Rolle des mexikanischen Militärs kritisch betrachtet.
Im zweiten Kapitel fragt sie „Was ist der Zapatismus?“, als Kraft zwischen Guerilla und sozialer Bewegung, als politische Idee und dem Widerspruch zwischen Guerilla und Zivilgesellschaft. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Auseinandersetzung, die die Autorin im Zusammenhang mit dem Diskurs um den globalen Terrorismus führt. Sie widerspricht den Versuchen, wie sie etwa von Herfried Münkler u.a. mit der Vermischung von „Partisan“, „Freiheitskämpfer“ und „Terrorist“ vorgenommen werden (vgl. dazu: Herfried Münkler, Matthias Bohlender, Sabine Meurer , Hrsg., Sicherheit und Risiko, Bielefeld 2009, in: www.socialnet.de/rezensionen/9484.php, sowie: Herfried Münkler, Hrsg., Handeln unter Risiko, Bielefeld 2010, in: www.socialnet.de/rezensionen/10384.php).
Das dritte Kapitel bringt Beiträge zur „Visualisierung des Zapatismus“, indem Informationen über die „indigene Reinkarnation des Muralismus“ reflektiert und ein Vergleich zwischen dem klassischen und dem zapatistischen Muralismus in Mexiko vorgenommen wird.
Im vierten Kapitel bringt die Autorin weiterhin ihre eigenen Erfahrungen und Aktivitäten ein, indem sie über „zivile Menschenrechtsbeobachtung als Schutzfaktor“ informiert. Es sind vor allem die Eindrücke, Beobachtungen und Interventionen der Internationalen Zivilen Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte (Comisión Civil Internacional de la Observatión por los Derechos Humanos, CCIODH), die ein realistisches Bild über die politischen Wirklichkeiten und Entwicklungen in Mexiko vermitteln.
Im fünften Kapitel diskutiert die Autorin den „Paradigmenwechsel im Zapatismus“. Raina Zimmering sieht in den sich durch die seit etwa 2006 vollziehenden Bemühungen und politischen Strategien der Zapatistas nach Netzwerkbildung eine interessante Entwicklung: „In einer Zeit, in der das Regionale als Gegenpol zur Globalisierung an Bedeutung gewinnt, und in der die Nationalstaaten einer tiefen Krise ausgesetzt sind, beginnen die indigenen und bäuerlichen Bewegungen an Bedeutung zu gewinnen“.
Fazit
Die vielfältigen, in unterschiedlichen Zusammenhängen, Forschungs- und Arbeitsaufträgen und in rund einem Jahrzehnt entstandenen Beiträge über die historische und aktuelle Entwicklung des Zapatismus informieren zum einen über ein politisches und gesellschaftliches Experiment, das erst einmal in Mexiko – und sich auswirkend auf einige weitere lateinamerikanische Staaten – entstanden und wirksam ist. Das Faszinosum, das ausgreift auf Ideen, Theorien und Projekte der Kritik an neoliberalen und kapitalistischen Entwicklungen und Wirklichkeiten, gibt Anlass zum globalen Diskurs um eine humane Veränderung der Welt. Wir brauchen nur aufmerksam auf unsere aktuelle gesellschaftliche Diskussion zu schauen, um zu erkennen, dass es notwendig ist, auf die Krise der repräsentativen pluralistischen Demokratie zu reagieren; und zwar mit Formen der direkten Repräsentation, von Mitbestimmung und lokaler und globaler Identitätsfindung. Einige Ansätze und viel Nachdenkenswertes finden wir im Zapatismus. Das „ya basta“ der Zapatistas ist auch für uns Anlass, den unmenschlichen, undemokratischen und unwissenschaftlichen Auswüchsen des Neoliberalismus und des Kapitalismus ein zivilgesellschaftliches „Es reicht!“ entgegen zu setzen.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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