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Marie-Luise Conen, Hilde Weirich: Jüdische Familien von der Mittelmosel

Rezensiert von Dorothea Dohms, 11.02.2011

Cover  Marie-Luise  Conen, Hilde Weirich: Jüdische Familien von der Mittelmosel ISBN 978-3-7902-1377-5

Marie-Luise Conen, Hilde Weirich: Jüdische Familien von der Mittelmosel. Lebensläufe von 1714 bis zur Gegenwart. Paulinus Verlag GmbH (Trier) 2010. 258 Seiten. ISBN 978-3-7902-1377-5. 24,90 EUR.
Reihe: Emil-Frank-Institut : Schriften des Emil-Frank-Instituts - Band 11
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Autoren

Dr. phil. Marie-Luise Conen, Jahrgang 1949, ist Psychologin, Pädagogin, Lehr- und Psychotherapeutin. Sie hat die Gesamtleitung des Berliner Context-Instituts für Systemische Therapie und Beratung inne. Von 1993 bis 2000 war sie Vorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF). Sie arbeitet in Berlin in eigener Praxis als Paar- und Familientherapeutin, war 14 Jahre in zahlreichen Verbänden tätig und hat sich vor allem für die Anerkennung der Systemischen Therapie eingesetzt. Conen ist Supervisorin, Fortbildnerin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie(DGSF) und hat als Autorin im Bereich der Aufsuchenden Familientherapie ein Standardwerk publiziert.

Lieferbare Werke:

  • Wenn Eltern aufgeben. Heidelberg 2008.
  • Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden (Hrsg.) Heidelberg 2008.
  • Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? (Coautor:Gianfranco Cecchin). Heidelberg 2009.

Nicht mehr lieferbar Werke:

  • Mädchen flüchten aus der Familie. München 1983.
  • Familienorientierung als Grundhaltung in der stationären Erziehungshilfe (Hrsg.) Dortmund 1992.
  • Elternarbeit in der Heimerziehung. Frankfurt a. M. 1996.

Hilde Weirich (Kleinich) ist Heimathistorikern und Autorin mehrerer Publikationen zum Thema Judentum im Hunsrück, darunter:

Hilde Weirich: Juden in Hottenbach und Stipshausen - eine Spurensuche. Laufersweiler: Förderkreis Synagoge Laufersweiler e.V. 1998.

Beiträge zur Geschichte der Juden in Thalfang / [hrsg. von] Winfrid Krause … Darin:

  • Weirich, Hilde: Die Juden, unsere Nachbarn.1995.
  • Weirich, Hilde: Ergänzungen zur Geschichte der Synagoge und Judenschule in Thalfang. 1995.
  • Weirich, Hilde: Jüdische Familien in Thalfang. 1995.
  • Weirich, Hilde u. Krause, Winfrid: Liste der Judenhäuser in Thalfang. 1995.
  • Weirich, Hilde: Kurze Darstellung der allgemeinen jüdischen Geschichte im Trierer Raum.1995.

Vorbemerkung

Sechs Jahre lang forschten die Historikerin Hilde Weirich, die bis dahin bereits Bücher zur Geschichte der Juden in einigen Hunsrücker Gemeinden veröffentlicht hatte, und Marie-Luise Conen über die bald 200jährige Geschichte der Juden von Lösnich. Letztere, in Lösnich geboren, hatte zudem einen besonderen Bezug zu den Juden ihrer Heimatgemeinde, da dort das sogenannte „Joube-Häuschen“, eines der ehemals jüdischen Häuser, ihr Geburtshaus war (Haus des Josef „Joube“ Kaufmann, früher Hauptstr. 69, 1978 abgerissen und heute ein Parkplatz). Ihr mütterlicher Großvater überlebte Hitlers Konzentrationslager, und die Geschichten, die ihr anderer Großvater über die Juden des Dorfes erzählte sowie der jahrelange Briefkontakt ihrer Großmutter mit Mitgliedern der Familie Kaufmann in den USA waren sicherlich ausschlaggebend für ihr Interesse am Schicksal der Lösnicher Juden. Ihre Recherchen führten zu engen Kontakten vor allem mit jenen, überwiegend amerikanischen Nachfahren, die sich ebenfalls der Erforschung ihrer europäischen und deutschen Wurzeln widmeten und zu Begegnungen mit den wenigen noch Überlebenden. Darüber hinaus führten sie letztlich auch zu einer Änderung der ursprünglichen Zielsetzung („Geschichte der Juden nur von Lösnich“) hin zur Erforschung der weit verzweigten Geschichte und damit der Vielfalt jüdischer Lebensläufe zweier aus Lösnich stammender Familien: Schömann und Kaufmann. Diese lebten zeitweilig in oder stammten aus Lösnich. Ihre Geschichte beginnt im 18. Jahrhundert und endet 1936, als die letzten jüdischen Bewohner ihr Dorf verlassen mussten. Von den in Lösnich geborenen Juden wurden 18 deportiert – 8 aus den Schömann-Familien und 10 aus den Kaufmann-Familien, von denen nur zwei die KZ-Inhaftierung überlebt haben. Jene, die nicht zurückkehrten, starben in Theresienstadt, Litzmannstadt/Lodz, Kulmhof/Chelmno, Riga und Auschwitz/Oswiecim.

Inhalt

Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss der Diaspora-Juden unter erst der römischen, später der christlichen Herrschaft verengt sich die Geschichtssicht mit dem Ende der Kreuzzüge auf das Rhein-Mosel-Gebiet, wird der rege Warenaustausch mit dem Orient erwähnt, die spätere Verarmung großer Bevölkerungsschichten, die die Dienste jüdischer Pfandleiher in Anspruch nehmen mussten, sie dafür Wucherer schimpften und nicht bedachten, dass diese ihrerseits gezwungen waren, ungeheure Summen an Abgaben für die weltliche und geistliche Obrigkeit aufzubringen. Beschuldigungen, Verfolgungen, Mord und Totschlag begleiteten eine solche Art von Unwissenheit. Ließen diese Verfolgungen jedoch nach und erhielten nunmehr auch in kleineren Gemeinden die Juden vom jeweiligen Landesherrn einen Geleit- oder Schutzbrief, der ihre Abgaben regelte, Aufenthaltserlaubnis bedeutete, sofern sie einen eigenen Haushalt zu finanzieren in der Lage waren und nicht den christlichen Mitbürgern zu Last fielen, sie zudem in die Lage versetzte, Gemeinschaften zu bilden, Beträume oder sogar Synagogen zu bauen und ihren Gebräuchen weitgehend treu zu bleiben, so weckten sie das Interesse ihrer Nachbarn, war ein respektvolles Miteinander von christlichen und jüdischen Bewohnern auch der kleinen Dorfgemeinschaften möglich.

Woher sie kamen, jene ersten Juden, die sich in Lösnich (mit heute 444 Einwohnern Teil der Gemeinde Bernkastel-Kues in Rheinland-Pfalz), einem seit Jahrhunderten vom Weinbau geprägten, zwischen Bernkastel und Traben-Trarbach idyllisch gelegenen Ort an der Mittelmosel niederließen, bleibt ungewiss. Zu vermuten ist, dass sie Ashkenasi waren, also aus Mittel- oder Osteuropa zuwanderten. Hingegen gewiss ist, dass zwischen 1714 und 1751 drei Juden eine Schutzbrief des Grafen von Kesselstatt erwerben konnten, für den jedoch zwei von ihnen schon bald die fälligen Abgaben nicht mehr aufbringen konnten. Da sie zudem so arm waren, dass sie nicht einmal mehr Viehhandel betreiben, geschweige denn den fälligen Mietzins für ihre bescheidenen Wohnungen aufbringen konnten, wurden sie gepfändet und verloren damit den Schutz des Reichsgrafen.

Etwas mehr Glück hatte nach 1751 hingegen der Jude Emanuel Mendel Levy, dessen Söhne Benjamin und Lazar – Viehhändler und „brave Juden“, wie Schultheiß und Schöffen von Lösnich bestätigten – das Schutzgeld für ihren verarmten Vater aufbringen konnten. Viehhandel und der Handel mit Fell und Leder waren die Lebensgrundlage dieser Schutz-Juden. In Konflikten mit ihren christlichen Nachbarn konnten sie durchaus auf gerichtlichem Wege ihr Recht suchen. Ihr Hauptproblem jedoch blieb die Säumigkeit ihrer christlichen Schuldner.

Die Folgen der Französischen Revolution auch im Saar-Mosel-Raum brachten zunächst wenig Veränderung bei der jüdischen Bevölkerung. Die Höhe der Abgaben, der Steuerzahlungen und Schutzgelder änderte sich zunächst nicht. Tiefgreifende Veränderungen gab es jedoch wenig später durch die Aufhebung der seit Jahrhunderten geltenden Berufseinschränkungen: Juden konnten nun auch handwerkliche Berufe ergreifen, sie waren darüber hinaus frei in ihrer Religionsausübung, wurden, obwohl sie noch keine Bürgerrechte besaßen, zum Militärdienst verpflichtet. 1808 bestimmte ein Dekret Napoleons, dass Juden fortan feste, nicht veränderbare Vor- und Familiennamen anzunehmen hätten, was wohl der besseren steuerlichen und militärischen Erfassung gezollt war. So übernahmen denn die drei jüdischen Familien in Lösnich, die bis dahin den Patronym Levy trugen, den vor Ort bereits bekannten Namen Schömann und hielten ihre bisherige (biblische) Namenstradition nur noch über die Wahl ihrer Vornamen aufrecht.

Die Familie des Benjamin Levy, deren Spuren hier – durchaus vergleichbar auch mit denen der Familie Kaufmann – zu folgen sein wird, lässt sich bis 1680 zurückverfolgen. Sein Sohn Emanuel Mendel Levy zog mit seiner Frau Rahel Lazar nach Lösnich, wo seine drei Söhne – Benjamin, Schmul und Lazar – geboren wurden. Auf die Nachkommen von Benjamin Levy, geboren 1759, der seinen Namen in Josef Schömann änderte, und seiner Frau Marium, geändert in Anna-Maria gen. Marianne Jakobs, richtet sich hier das Interesse, da vor allem die Geschichte ihres Sohnes Jakob Schömann als Beispiel gelten mag für die weiteren Stammbäume der aus Lösnich stammenden jüdischen Familien.

Dieser Jakob Schömann und seine Frau hatten 11 Kinder, die zwischen den Jahren 1811 und 1832 in Lösnich geboren wurden. Ausführlich ist der Geschichte des ältesten Sohnes Emanuel nachgegangen worden. Emanuel Schömann, geboren 1811, war von Beruf Metzger. Er zog mit seine Frau Rachel Babette Haymann, geboren 1813, nach Kröv, jenem auch heute noch berühmten Mosel-Weinort. Am Schicksal seiner Nachkommen lässt sich exemplarisch das nachbiblische „Und-wurden-zerstreut-unter-alle-Völker“ der letzten beiden Jahrhunderte verfolgen. Sein 5. Sohn Abraham (1849-1916) war Weinimporteur und wanderte 1866 – wie so viele in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – aus ins „gelobte Land“, in die USA. Dort heiratete er in Manhattan/New York 1874 Theresa Thalheimer, deren Eltern ebenfalls aus Deutschland stammten. Ihre fünf Kinder schrieben sich fortan Schoemann, gründeten ihre jeweiligen Familien überwiegend in New York, waren Angestellte, Lehrer, Professoren, Rechtsanwälte.

Im weiteren Verlauf der Geschichte dieses Schömann-Zweiges liest sich die Familiengeschichte der Johanna Schömann-Abraham (1841-1904) und ihre Nachkommen, zehn an der Zahl, wie eine Immigrationsgeschichte. Bis auf zwei dieser Nachkommen gelang ihnen allen entweder die frühzeitige Auswanderung in die USA oder die spätere Flucht dorthin, wie zum Beispiel der ältesten Tochter Rosa, deren Einreise in die USA 1887 mit dem Schiff „Ems“ von Bremen über Southampton nach New York vermerkt ist, ihr Naturalisierungsantrag datiert ist auf das Jahr 1897. Sie heiratet 1895 Isaak Rothschild, einen Metzger, der 1882 nach New York immigrierte. Wenig Glück hingegen hatten der 5. Sohn Moritz und der 8. Sohn Julius Abraham: Ersterer, geboren 1874, wird am 27./28. 2 1942 ab Trier/Köln mit dem Transport III nach Theresienstadt deportiert und stirbt im dortigen Ghetto 1943. Die Ehefrau des letzteren, Sophie Aron, flieht ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes (1936) und der gelungenen Flucht ihrer beiden Kinder in die USA, nach Köln und wird von dort vermutlich 1941 ins Ghetto von Litzmannstadt/Lodz deportiert, wo ihr Tod 1943 verzeichnet ist.

Das siebte der 11 Kinder von Jakob Schömann, Josef genannt Benjamin Schömann, geboren 1821, wohnte, einem alten Lösnicher Stadtplan zufolge, im Haus Nr. 58, heute Hauptstr. 58. Seine Tochter Rosa Schömann blieb unverheiratet und war Haushälterin von Beruf. Sie wird beschrieben als eine „kleine Frau, die Haare oben auf dem Kopf zu einem Nest gesteckt und immer schwarz gekleidet… Sie wurde auch Reiselchen genannt“. 1936 zog sie zu ihrem Bruder nach Köln, verkaufte ein Jahr später das Lösnicher Elternhaus und wurde nach einer Erkrankung 1940 in das jüdische Krankenhaus Köln-Ehrenfeld gebracht. Ihr Tod dort kam dem Transport in ein Vernichtungslager zuvor.

Der Sohn des jüngsten Kindes von Jakob Schömann, Samson Schömann, geboren 1830 und von Beruf Lederhändler, heiratete 1858 Henriette Rothschild und bekam mit ihr zwischen 1859 und 1875 neun Kinder. Von ihrem siebten Sohn Josef Schömann, geboren 1870, gibt es in Lösnich ebenfalls noch Spuren der Erinnerung. Er lebte mit seiner Familie im Haus Nr. 65, heute Fischergasse 1 („Spitzhäuschen“). Das Haus hatte er von seinem Vater Samson geerbt, war Metzger, Händler und Synagogendiener, Mitglied und zeitweiliger Dirigent des Musikvereins „Heimattreu“. 1926 eröffnete Josef Schömann in Traben-Trarbach ein Kolonial- und Delikatesswarengeschäft, das von seiner Tochter Selma noch bis 1935 betrieben wurde. Ihr und ihrem Ehemann Julius Kahn gelang die Flucht in die USA, wo sie in Pittsburgh, später in San Francisco lebten. Josefs Tochter Rosi und ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Egon Fabisch, gelang ebenfalls die Flucht : Sie zogen 1933 nach Amsterdam, verließen Europa 1939 und lebten bis 1968/1975 in New York. Josef Schömanns jüngste Tochter Else, von Beruf Verkäuferin, ein „hübsches Mädel“, wurde, so erinnert man sich, „von den Nazis durchs Dorf getrieben und dabei geschlagen und getreten“. Sie meldete sich 1936 nach Trier ab, von wo aus ihr die Flucht aus Deutschland in die USA (Connecticut) gelang. Ihren Eltern Josef und Marianne Schömann war dieses Glück nicht beschieden. 1935 verkauften sie ihr Haus, um zu ihrer Tochter Rosi nach Amsterdam zu ziehen. Dieser erste Versuch misslang aufgrund einer geringen Nachforderung von Steuern. Erst der zweite (1939) Versuch der Flucht nach Holland (Den Haag) schien zunächst erfolgreich. Doch wurden sie dort 1942 von den Nazis eingeholt und vom Lager Westerbork aus nach Auschwitz deportiert.

So pendelt das Schicksal der Nachkommen von Emanuel Schömann zwischen frühzeitiger Auswanderung und späterer Flucht – mal glücklich, mal eingeholt von ihren Verfolgern, wie es das Schicksal von Emanuel Schömanns Enkel Sigmund Schömann ein weiteres Mal belegt, der es ab 1905 in Trarbach zu einem eigenen Textilfachgeschäft gebracht hatte und Repräsentant des deutschen Wirtschaftsverbandes in Zell war. 1935 musste er sein Geschäft erst vermieten, dann verkaufen. 1939 zogen er und seine Frau zu ihrem Sohn Ernst nach Frankreich. Dieser Sohn Ernst Schömann, der seinen Beruf als Rechtsanwalt schon frühzeitig aufgrund der antijüdischen Nazi-Gesetze hatte aufgeben müssen und wegen der Überlegung, nach Palästina auszuwandern, eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hatte, hatte 1934 ein Landgut in der Charente/Frankreich erworben und erhielt 1939 die französische Staatsbürgerschaft. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich misslang ihm und seiner Familie die Flucht in die Schweiz. Sie wurden verhaftet und in verschiedene Lager interniert (Rivesaltes, Gurs und Noé), aus denen sie mit Ablauf des Jahres entkommen konnten bzw. entlassen wurden. Sie überlebten, was ihren Eltern Siegmund und Emma Schömann, die mit Verwandten in Bordeaux geblieben waren, nicht beschieden war. Sie wurden dort 1942 verhaftet und 1943 von Gurs aus nach Auschwitz deportiert, wo sich ihre Spur verlor.

Das jüngste der Kinder von Josef Schömann, Gottfried Schömann, geboren 1869, verkaufte 1910 das Lösnicher Wohnhaus in der Breite Strasse und zog mit seiner Familie zum Bruder nach Bernkastel. Die Kinder dieses Gottfried Schömann bekamen die ganze unmenschliche Härte des NS-Regimes zu spüren, nachzulesen auch in der Festschrift zum 700jährigen Stadtjubiläum von Bernkastel. Nach der Pogromnacht 1938, der Zerstörung und Ausraubung der Synagoge, der Verwüstung des Eigentums der Bernkasteler Juden folgte die Liquidierung jüdischen Vermögens. Am 16. Oktober 1941 wurden die Juden aus der Mosel- und Hunsrückregion nach Trier deportiert, von dort aus mit den Trierern und luxemburgischen Juden ins das Ghetto Litzmannstadt/Lodz „ausgesiedelt“. Die Kinder, Schwiegerkinder und die Enkelin von Gottfried Schömann haben das Ghetto nicht überlebt.

Fazit

Die Autorinnen, ihrem geographischen Forschungsgegenstand heimatlich verbunden, vermeiden eine offen wertende, gar kritische Betrachtungsweise. Sie lassen stattdessen ihr sorgfältig zusammengestelltes, manchmal geradezu liebevoll aufgearbeitetes Material für sich sprechen: die Dokumente, Zeichnungen, die Auszüge aus alten Amtsschriften, aus Briefen und Berichten der Überlebenden. Vor allem aber die Fotos: sie zeigen, neben ernsten oder lachenden Gesichtern und neben alten Häusern, Auszüge aus alten Adressbüchern, alte Zeitungsausschnitte und –inserate, Trauer- und Verlobungsanzeigen, Schiffspassagierlisten, Visas, Einbürgerungsurkunden, Auszüge aus dem Yad Vashem Testimony, die Vermögensnachweise und die Anordnungen vor dem Transport in die Todeslager. Die genealogische Leistung, eine, trotz der Hilfen aus den USA, oft mühselige Kleinarbeit, weitet sich in ihrem Verlauf beispielhaft zu einer geschichtlichen Aufarbeitung der letzten 200 Jahre jüdisch-deutscher Geschichte. Vom kleinen Dorf Lösnich aus zogen die Familien Schömann und Kaufmann in die nähere und weiter Umgebung: nach Zeltingen, Kröv, Traben-Trarbach, Bernkastel, Wittlich und anderen Gemeinden der Mittelmosel, des Hunsrücks oder der Eifel. Einige zogen in Großstädte wie Berlin, Dortmund, Köln, Düsseldorf, Frankfurt. Die verwandtschaftlichen Kontakte mit den im 19. Jahrhundert nach Nordamerika emigrierten jüdischen Familien halfen sicherlich manchem, dem späteren Naziterror zu entfliehen. Nord- und Südamerika, Israel, Holland, England und Frankreich, ja sogar Shanghai waren die Fluchtorte. Und ihre Namen erfuhren in den neuen Heimatländern Veränderungen, wurden teils zu Schoemann, Schemann oder gar Sherman.

Einmal mehr wird man, indem man sich auf diese Buch einlässt, vor allem etwas begreifen von der Ungeheuerlichkeit jener zwölf Jahre des Rassenwahns und des menschenverachtenden, in den Holocaust mündenden Terrors, wird man sich bewusst werden der verheerenden Auswirkungen noch auf die kleinsten dörflich-jüdischen Gemeinschaften.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 11.02.2011 zu: Marie-Luise Conen, Hilde Weirich: Jüdische Familien von der Mittelmosel. Lebensläufe von 1714 bis zur Gegenwart. Paulinus Verlag GmbH (Trier) 2010. ISBN 978-3-7902-1377-5. Reihe: Emil-Frank-Institut : Schriften des Emil-Frank-Instituts - Band 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10564.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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