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Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2010

Rezensiert von Prof. Dr. Dirk Plickat, 14.02.2012

Cover  Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2010 ISBN 978-3-7639-1992-5

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2010. 352 Seiten. ISBN 978-3-7639-1992-5. 39,90 EUR.
Herausgeber im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Zugang auch kostenlos über http://www.bildungsbericht.de
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Entstehungshintergrund

Die Autorengruppe Bildungsberichterstattung, durchgehend besonders ausgewiesene Expertinnen und Experten aus der Bildungsforschung, setzt mit dem dritten Folgeband ihren Überblick zur Bildungssituation in Deutschland fort. Es beeindruckt, wie es erneut gelungen ist, das herangezogene umfangreiche Datenmaterial zu aggregieren und in einer kompakten, besonders übersichtlich sowie leicht lesbar gehaltenen Form zu einer Gesamtbildungsberichterstattung aufzubereiten. Es spricht für die Autorinnen und Autoren, dass sich ihre Form der Berichterstattung innerhalb weniger Jahre als ein Standardwerk für alle an Bildungsfragen Interessierten etablieren konnte.

Erfreulich ist, dass der kostenlose „download“ ausgesprochen zeitnahe Zugänge auch für weniger solvente Bevölkerungsgruppe wie etwa Arbeitssuchende, Studierende oder Kolleginnen und Kollegen in prekären Arbeitsverhältnissen eröffnet.

Aufbau und Inhalt

Wie bereits in den vorhergehenden Bildungsberichten beginnt auch diese Ausgabe mit einer Kurzfassung zentraler Befunde. Hieran schließen grundlegende Übersichtsdarstellungen zu Bildung im Spannungsfeld veränderter Rahmenbedingungen und zu Grundinformationen zu Bildung in Deutschland an. Hierauf folgen die am Lebenslauf ausgerichteten Themenkreise: Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung, allgemeinbildende Schule und non-formale Lernwelten im Schulalter, berufliche Ausbildung, Hochschule und schließlich Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter, bevor dann Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel sowie schließlich auch Wirkungen und Erträge von Bildung ausgewiesen werden.

Stil und Layout sind so gehalten, dass eine zügige Lektüre möglich ist. Eine Vielzahl eingebundener Grafiken erleichtert Übersicht und Verständnis. Die Gesamtausrichtung ermöglicht schnelle Zugriffe auf Details ebenso wie die durchgehende Lektüre. Ein übersichtlich gehaltener Apparat erhöht die Nutzerfreundlichkeit.

Die Einschätzungen der Autorengruppe münden in einem mehrfach gebrochenen Bild. Auch wenn in einzelnen Segmenten des Bildungswesens durchaus positive Entwicklungen zu konstatieren sind, kumulieren die mittlerweile schon traditionellen Entwicklungs- und Gestaltungsaufgaben von Bildungspolitik, speziell die Sicherung von Bildungsbeteiligung durch Abbau von Bildungsbarrieren sowie Weichenstellungen für mehr Anschlussfähigkeit zwischen den Bildungsangeboten im Lebenslauf. Auf die eigentlichen Herausforderungen des demografischen Wandels ist das Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland nicht hinreichend vorbereitet. Diese ausgesprochen nachdenklich stimmende Einschätzung stützt sich auf sehr sorgfältig fundierte Analysen, die strukturierend Bildung im Lebenslauf zugeordnet sind. Hierzu, angesichts der Fülle der Befunde, nur stellvertretend einige Aussagen:

  • Fast ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen wächst in Risikolebenslagen auf; weitere soziale Spaltungen sind zu erwarten.
  • Die Bildungsausgaben liegen unter OECD-Durchschnitt. Die Bildungsfinanzierung wird durch wirtschaftliche Schwächen bedroht.
  • Der sonderpädagogische Förderbedarf sowohl innerhalb als auch außerhalb von Förderschulen steigt.
  • Die Studienstrukturreform ist zwar weit fortgeschritten, die Akzeptanzfrage des „ba“ sowie die kritische Revisionen verweisen auf Klärungsbedarf.
  • Frauen und ältere Arbeitskräfte sind deutlich unterrepräsentiert in der betrieblichen Weiterbildung.
  • Der Elementarbereich und Ganztagsschulen expandieren; jedoch sind erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern zu verzeichnen.
  • Der Ausbildungsmarkt ist weiterhin durch Engpässe geprägt, auch wenn dies nach Bereichen und Regionen erheblich differiert. Die Chancen Geringqualifizierter auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sinken.
  • „Bildungsverlierer“ stehen in der Gefahr einer zunehmenden Abkoppelung. Besonders betroffen sind Jungen mit Migrationshintergrund.
  • Der Anstieg der Studienanfängerzahlen ist mit deutlichen Vorteilen für Kinder aus akademischen Elternhäusern verbunden.
  • Etwa 20% der Ausbildungsverträge werden aufgelöst.
  • Die Quote der Tertiärabschlüsse liegt in Deutschland unterhalb des EU-Durchschnitts.

Neben diesen Hinweisen auf letztlich bekannte Altlasten wird besonders hervorgehoben, dass für die eigentlichen Herausforderungen bislang wirksame Konzepte fehlen. Für das Gegensteuern angesichts expandierender regionaler Differenzen, für die Bildung der über 65-Jährigen, für das Gegensteuern bei Benachteiligungen und für die enormen Koordinierungsaufgaben in der Herstellung von Passungen und Anschlussfähigkeiten der verschiedenen Bildungsangebote in den Lebensläufen scheinen derzeit wirksame Instrumente nicht erkennbar.

Diskussion

Die Autorengruppe verdient in höchstem Maße Achtung und Respekt für ihre beeindruckende Leistung. Der vorliegende Bericht zeigt vorbildlich, dass Befunde wissenschaftlicher Bildungsberichterstattung übersichtlich, klar und leicht verständlich dargestellt werden können. Es bleibt zu hoffen, dass die Form von Bildungsberichterstattung der Autorengruppe Schule macht.

Im Gegensatz zu den vorangehenden Berichten der Autorengruppe, die auf überwiegend retrospektive Bilanzierungen ausgerichtet waren und in ihren Verweisen auf politischen Gestaltungsbedarf in Stilformen moderater Zurückhaltung formuliert waren, ist dieser Gesamtbericht deutlich offensiver gehalten. Die Gründe hierfür dürften einerseits in der Erweiterung der strukturellen Ausrichtung durch Einbeziehung prognostischer Einschätzungen und andererseits in der faktisch erkennbaren Kumulation von bildungsbeschränkend wirkenden Rahmensetzungen liegen. Der zwischenzeitige, und ohnehin in den Begründungen wenig überzeugende Post-PISA-Optimismus mancher vorangegangener Einzelberichte der letzten Jahre ist in den Formulierungen der Autorengruppe nicht zu finden.

Wie bereits seit dem ersten Bildungsbericht bleibt die Frage offen, warum die altbekannten Strukturschwächen des Bildungssystems der Bundesrepublik bis heute – zumindest in den öffentlichen Verlautbarungen – von Kultuspolitik in ihrer Tragweite unterschätzt und nur mit den „alten hausbackenen“ Rezeptologien und Propagandachiffren thematisiert werden. Es kann nicht daran liegen, dass die Probleme in ihrer Reichweite nicht hinreichend verständlich dargestellt werden. Eine Sprache, die von Studierenden bereits bei Studienbeginn ohne Schwierigkeiten verstanden wird, sollte auch Kultuspolitik geläufig sein.

Ein möglicher nächster Schritt im Sinne kritisch konstruktiver Erziehungswissenschaft in Fortführung der Traditionen demokratischer Bildungsreform könnte darin bestehen, den Bevölkerungsgruppen im Alters-, Lebenslagen- und Institutionsbezug auf Grundlage der Bildungsberichterstattung aufbereitete Checklisten und Basisinformationen zur Verfügung zu stellen, damit sie als Nutzer und Zielpersonen von Bildung die Angebote in ihren Regionen als mündige Bürgerinnen und Bürger kritisch und fundiert prüfen und verstärkt mitgestalten können. Die Kumulationen von Altlasten weisen aus, dass Kultuspolitik bereits vor dem demografischen Wandel mit ihrer Gestaltungs- und Verantwortungsaufgabe überfordert war. Eigentliche zukunftssichernde Weichenstellungen sind bis heute bestenfalls marginal erkennbar. Eine Kultuspolitik des Aussitzens und der Sachzwänge dürfte nur weitere Benachteiligungen und Bildungsbeschränkungen fortschreiben. Vor einigen Jahrzehnten resümierte Hildegard Hamm-Brücher, dass Kultuspolitik noch nicht in der Demokratie angekommen sei. Seitdem scheint die zurückgelegte Wegstrecke recht kurz zu sein, wenn Politik an ihren Demokratisierungseffekten gemessen wird. Ohne eine neue Welle der Bürgerbeteiligung bei den anstehenden eigentlichen Reformen dürften die anstehenden Entwicklungsaufgaben des Bildungswesens im demografischen Wandel nicht zu bewältigen sein.

Fazit

Die Autorengruppe Bildungsberichterstattung zeigt vorbildlich, wie Erziehungswissenschaft durch sorgfältige Fundierung und trotzdem verständlich zur Versachlichung beitragen kann. Sie stellt ein unverzichtbares Korrektiv zum gewohnten kultuspolitischen Agieren und Berichten dar. Es bleibt zu hoffen, dass die Auftraggeber des Bildungsberichtes die Befunde berücksichtigen und dass diese Berichterstattung konsequenter zur Fundierung der öffentlichen Debatten um die Gestaltung des Bildungswesens herangezogen wird.

Rezension von
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
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Es gibt 31 Rezensionen von Dirk Plickat.

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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 14.02.2012 zu: Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-7639-1992-5. Herausgeber im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Zugang auch kostenlos über http://www.bildungsbericht.de. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10569.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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