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Thomas Fuchs: Das Gehirn - ein Beziehungsorgan

Cover Thomas Fuchs: Das Gehirn - ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. 334 Seiten. ISBN 978-3-17-021442-2. 29,90 EUR.
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Thema

  • Wer oder was denkt, wenn ich denke, wer oder was fühlt, wenn ich fühle, wer oder was leidet oder fällt aus der Rolle oder funktioniert nicht, wenn ich krank bin ?
  • Bin ich es noch oder hat das ES die Oberhand gewonnen oder sollte eine unter-,neben- oder übergeordnete Neuronengruppe in Stamm-,Klein- oder Großhirn die Führung an sich gerissen haben ?
  • Oder sind das alles nur die Schatten an der Wand der Platonschen Ur-Höhle ?

Diesen Fragen geht Fuchs nach, in Auseinandersetzung mit dem naturwissenschaftlichen Welt- und Handlungsparadigma der Medizin und der heutigen Neurowissenschaften, insoweit sie sich in die Psychiatrie und Psychotherapie einmischen.

Autor

Thomas Fuchs, Professor, Dr.med, Dr.phil, arbeitet am Zentrum für Psychosomatische Medizin der Universität Heidelberg und beschäftigt sich im vorliegenden Band, seiner wissenschaftlichen Herkunft verbunden, mit einer phänomenologisch-ökologischen Konzeption vor allem des menschlichen Gehirns, wobei diese Konzeption auch auf andere Spezies und deren Bezug zu Stammesgenossen und zu ihrer je spezifischen Umwelt im Sinne der Konzeption J.von Uexkülls zu übertragen möglich wäre.

Aufbau

Von der Kritik eines neurobiologischen Reduktionismus ausgehend entwickelt Fuchs seine Konzeption vom Gehirn als Beziehungsorgan, indem er vom Subjekt Mensch als Leib und Körper ausgehend diesen Doppelaspekt (wir sind Körper und wir haben einen Körper, der Leib als wahrgenommener oder erlebter oder erlittener ist immer ein Teil des Ich) auf das Gehirn hin spezieller erörtert. Das Gehirn als Bestandteil des lernenden, des reifenden und des sich entwickelnden Menschen, sowohl phylo- als auch ontogenetisch, ist immer in Rückmeldeschleifen dieser letztgenannten Prozesse eingebunden, als vorantreibende Kraft, als Organisator oder auch als „Verwalter“. Dem Gehirn obliegt eine bestimmte Funktion innerhalb der Person, die es als Mittler zwischen sich und dem Leib und zwischen sich und der Umwelt und anderen Personen benötigt, um ein bisschen Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Diesen Zustand nennen wir dann Bewusstsein.

Im fortwährenden Austausch zwischen den Zuständen des Organismus einerseits, den intellektuellen, motorischen,gefühlsbetonten u.a. Strebungen des Individuums andererseits finden fortwährend Austausch-, Ordnungs- und Hierarchisierungsprozesse statt, diese auf den verschieden intensiv erforschten und beschreibbaren Ebenen, biochemischen, physiologischen, neuronalen, funktionalen bis hin zu graphisch-optischen, die sich in bildgebenden Verfahren zeigen lassen. Psychische Krankheiten und deren Behandlung – an diesen exemplifiziert der Autor seine Betrachtung – lassen sich ebenfalls als Austauschvorgänge zwischen dem Ich und dem Selbst, Innen- und Außenwelt beschreiben. Auch hier kommt dem Gehirn die hervorragende Rolle eines Organs zu, mit Hilfe dessen wir in unserem bewußten Sein zurechtkommen (oder dieses wieder schaffen können).

In zwei Teile und 7 Kapitel gegliedert einwickelt Fuchs seine Konzeption.

Teil A

Der erste Teil („Teil A“) ist eine „Kritik des neurobiologischen Reduktionismus“ und geht im Kapitel 1 der Gesamtkapitelzählung der Frage nach: Kosmos im Kopf?, im Kapitel 2 der Frage: Das Gehirn als Erbe des Subjekts?

Sowohl ältere Konzeptionen von Kant als auch neuere wie von Damasio gehen nicht nur von der Nicht-Erkennbarkeit der Welt aus, sondern weiter dahin, daß sich sowieso alles nur im Gehirn abspielt und dieses Gehirn bzw. die einzelnen Neuronenfelder in irgend einer gearteten Weise „uns“ in den Kopf hinein projizieren, was wir glauben zu sehen und zu sein wobei ganz unklar bleibt, wozu dann die „Sinnesorgane“ überhaupt da sein sollen, da wir das Kino doch im Kopf haben und die Leinwand und den Film noch dazu. Ein „Ich“ mit „Bewusstsein“ hat da keinen Platz.

Die Schwachstellen zeigen sich jedoch im Austausch der Subjekte: entweder gibt es einen gemeinsam geteilten Raum (optisch, geistig,körperlich) oder nicht. Wenn nicht, wie können wir dann kommunizieren, uns verständigen, wie kann dann z.B. der Patient dem Arzt mitteilen, „wo es weh tut“- und wie kann der Arzt das auffassen und „verstehen“? Und am Beispiel des Schmerzes: wieso tut es an der bestimmten Stelle weh und nicht nur im Gehirn – wenn sich doch alles nur innerhalb dieser ca. 16oo bis 18oo Gramm schweren spezialisierten Zellmasse abspielt? Nein, so sagt der Autor, unser Empfindung beginnt im Körper und geht erst dann den Weg aufwärts. Wir entwickeln aus Empfindung Gefühle und aus Gefühlen Konzepte und lernen erst, was weh tut und was Freude macht und dann auch erst die dazugehörigen Worte und dann können wir auch irgendwann Gefühle spüren, wenn die Situation schon lange vorbei ist. Und wir entwickeln uns, dazu brauchen wir das Gehirn.Ein menschliches Gehirn ohne mich und dich gibt es nur, wenn es tot ist.Nicht das Gehirn denkt und tut sondern Du und Ich und wir beide.

Fuchs betont und beharrt auf dem Gegensatz der Perspektiven der 1.Person-Singular ( „Ich denke, fühle, tue“ oder „mir wird angetan“) und der 3.Person-Singular („Er macht…“ oder „das und das passiert ihm“), da gerade im Subjekt jene spezifische Wirklichkeit liegt, die mich und meine Welt von der der anderen unterscheidet und die ohne mich ja gar nicht wäre. Mein Zahnschmerz ist eben etwas kategorial anderes als die Neuropathie eines Molaren. Zum Subjekt gehört auch z.B. Intentionalität, auch so etwas schwer zu beobachtendes und wenn ich mir ein Buch kaufen will, so lassen sich mit noch so viel Hirnstromableitungen oder Magnetresonanztomographien das Zustandekommen dieses spezifischen Vorhabens und der Akt selber nicht ablesen. Das Gehirn schweigt.

Den Neurowissenschaften, vor allem, wenn sie sich auf die Ebene der alltäglichen Lebenswelten begeben, übersehen in ihrem Eifer, dass sie selber ja nicht ausserhalb menschlicher Praxis stehen: Die Beschreibung eines Gegenstandes kann zweifellos in verschiedenen Kategorien erfolgen: der der Nützlichkeit, der Beschaffenheit, des Materials, der Ästhetik, der preislichen Gestaltung, der chemischen Zusammensetzung, der physikalischen Eigenschaften.Nur sind dies alles Kategorien, die der Gegenstand nicht aus sich heraus „hat“, sondern die wir an ihn herantragen – aus welcher Intention heraus auch immer, wir betrachten das Ding in Bezug auf uns bzw. unsere Kategorien. Aus den Kategorien heraus lässt sich aber der Gegenstand nicht erzeugen und gibt auch nicht Aufschluss über sich – wir geben dieses.

Die Modelle der Hirnforschung, sofern sie aus neurophysiologischen etc. Zuständen auf die Ebene des Subjektiven, Farben, Formen, Empfindungen, Gefühle schließen, müssen diese Kategorien in ihren Modellen auch so abbilden, wie sie vorkommen: Die Empfindung der Freude oder der Trauer bei einer Mozart-Arie muss auch in der neuronal oder sonstwie neuro-orientierten Beschreibung eines Hirnforschers vorkommen, eine Beschreibung auf einer z.B. physikalischen Ebene verfehlt von vornherein dieses Ziel. Die Perspektive der 1.Person muss in einer solchen Beschreibung vorkommen. Denn Mozart komponierte nicht für ein Vakuum.

Teil B

Der Teil B , der die Kapitel 3 bis 7 enthält, ist summarisch überschrieben Gehirn – Leib – Person.

Die Kapitel lauten im einzelnen:

  • 3) Grundlagen: Subjektivität und Leben,
  • 4) das Gehirn als Organ des Lebewesens,
  • 5) das Gehirn als Organ der Person,
  • 6) der Doppelaspekt der Person,
  • 7) Konsequenzen für die psychologische Medizin.

Fuchs betont die Anerkennung der Kategorie der Lebendigkeit des Menschen bzw. des Lebendigen überhaupt für den weiteren Fortgang seiner Argumentation. Leben ist das, womit wir schon fernab jeder Reflexion zu tun haben, noch bevor wir auf der Welt sind und was uns bis zum letzten Atemzug eignet.Für ihn ist Leben und Subjektivität „Grund und Prinzip, nicht Gegenstand der Erfahrung“ (S. 97). Für ihn ist der Mensch immer im Leib gegenwärtig, auch kulturell-kommunikative Verständigung bedarf des Leibes bzw. leiblicher Vorgänge. Körper ist der Leib durch die wissenschaftliche Brille gesehen – das, was mich anderen Körpern und der Spezies gleich macht, anatomisch, physikalisch reduziert. Nach Fuchs ist der Mensch (im Singular) immer Person und Lebewesen, immer Leib und Körper und immer unter allen Gesichtspunkten zu erfassen, weshalb Fuchs auch vom Doppelaspekt der Person bzw. von der Aspektdualität ausgeht und spricht.Der Leib ist in dieser Betrachtungsweise Natur, die wir sind, der Körper Natur, die wir haben.

Im Verlauf der Entwicklung sowohl des homo sapiens als auch Herrn und Frau Mustermanns findet auf den verschiedenen physikalischen und psychischen Etagen des Organismus Lernen und Reifung statt, und das muss erst einmal verkraftet werden. Der Einzelne Organismus passt sich immer besser an die Umgebung an, die von ihm verschiedenstes fordert: Die Inkorporierung und Verdauung von Nahrung, die Verstoffwechselung zum Zwecke des Wachstums einerseits, des geistigen Begreifens der Umwelt ebenfalls und es bildet sich eine Erfahrungswelt, auf die sich zurückgreifen lässt aber auch eine Offenheit, die auf Veränderungen nicht nur mit Kampf oder Flucht reagieren lässt.

Bei diesen Vorgängen ist, da wir ja vom Lebendigen ausgehen, „auch das Gehirn dabei“.Schon vom ersten Tag an ist es dazu bestimmt, Regulations- und Wahrnehmungsorgan für den Gesamtorganismus zu sein. Der Organismus als Teil der Umgebung ist gezwungen, auf die Umgebung einzugehen aber er nimmt auch Einfluss auf sie – je nach Entwicklungsstadium und Bewusstsein überwiegt mal die eine, mal die andere Seite aber die Zirkularität ist grundsätzlich gegeben – wenn z.B. der heutige Städtebau sich vom ursprünglich simplen Schutz vor Wetter und Jahreszeiten weit entfernt hat, so lässt sich doch der Grund gar nicht wegdenken – noch in der absoluten Zurückdrängung des Nützlichen. In Luxus ist die Not noch erkennbar. Oder auf die Mutter-Kind-Dyade bezogen: wer lächelt wen an, und wer bestimmt, wann Klein-Siegfried die Flasche bekommt oder vom Topf aufsteht?

Welche Rolle spielt aber nun das Gehirn als besonderes „Organ“ im Austausch zwischen Individuum und Gesellschaft (letztere im Anfang durch die heilige Familie verkörpert)? Fuchs teilt ihm 5 Funktionen zu:

  1. “Prinzip der offenen Schleifen“.Neuronale Koppelungen aus Gelerntem und strukturellen Erkenntnissen befähigen, Gelerntes kreativ auf neue Anforderungen anzuwenden, so z.B. den 1. und 2. Strahlensatz für optische Probleme oder bei der Landvermessung nutzbar zu machen.
  2. Musterbildung. Wiederholte gleichförmige Konfigurationen werden zu Reaktionsmustern oder -bereitschaften zusammengefasst.
  3. Resonanz und Kohärenz: Trifft der Organismus auf eine entsprechende Konstellation in der Umwelt, findet Kohärenz zwischen Organismus und Umwelt statt (und Franz spielt die Erste Geige).
  4. Transformation: Einzelelemente werden zu Ganzheiten, Wahrnehmungen und Bewegungen werden integriert, eine bessere Einpassung in die Umwelt wird so ermöglicht, die wiederum Energien freisetzt für andere Tätigkeiten.
  5. Transparenz:Konfigurationen von Einzelelementen werden zu Ganzheiten (auch im Sinne der Gestaltpsychologie) transformiert und dadurch transparent (Aus einem verwirrenden Schwarz-Weiß-Konglomerat wird, z.B. bei genügendem Abstand, ein Dalmatiner vor Hecken).“

Entwicklung des Individuums - und Wachstum ebenso - bedeutet eben das konkrete Werden eines bestimmten Individuums.

Wie kommen aber Gehirn und Bewusstsein zusammen? Gar nicht. Eine Person weiß nichts über ihre Gehirnzustände, ein Gehirn lässt sich nicht nach seinem Befinden befragen. So etwas wie Bewusstsein ohne dazugehörige „Träger“ wird nicht zu finden sein - „es gibt nur bewußte Lebewesen“ (S.230)

Was aber mit den „Berichten aus einem Computertomographen“? Mit denen lässt sich vieles zeigen, nur eben nicht Bewusstsein. Wir erhalten bei derlei Forschung immer nur Korrelationen und hoffen, sie hätten etwas mit dem zu tun, was wir suchen, aber das zu finden ist kategorial gar nicht möglich, weil wir die beobachteten physikalischen, physiologischen und elektrischen Phänomene nicht in die Bewusstseinsakte oder -zustände oder Empfindungen überführen können. Ein Gehirn hat keine Angst, dazu braucht es etwas Lebendiges, das Angst empfindet. Bewusstsein ist das Integral über der leiblichen Empfindung und dem labelling für das Gesamtsystem.

Pointiert ausgedrückt: die psychophysiologische Reaktion auf einen „Reiz“ lässt sich nicht vom Bauchgefühl über das Rückenmark ins Großhirn zum Homunkulus, der „ich habe jetzt so furchtbar Angst“ sagt, verfolgen. Das Arousal im Gehirn ist auch nicht die physiologische Kehrseite des Angstgefühls. Es braucht den lebendigen Menschen, der eine Situation mit einer anderen oder Aspekte der Situation mit etwas Bedrohlichem oder einem Zustand mit Empfindung der Überforderung in Zusammenhang „bringt“ und das ganze Konglomerat als „Angst haben“ identifiziert und danach handelt.

Keine Seite der Medaille wirkt auf die andere ein, kein traumatisches Ereignis wirkt auf die Amygdala oder umgekehrt, erst der je konkrete Mensch mit seiner Lebensgeschichte „macht was draus“. Dieser Doppelaspekt macht das Ganze für alle Kausalitäts- und Linearitätsfreunde heftig ärgerlich.

Welche „Konsequenzen für die psychologische Medizin“ (so Kapitel 7) lassen sich ziehen? Der Autor verfährt in der Darstellung und Kritik reduktionistischer Theorien, dies selbst eingestehend (S.270) eher kursorisch, was nach den ausführlichen Erörterungen und der differenzierten Kritik in den ersten 6 Kapiteln auch nicht verwundert. Die Verdinglichung naturwissenschaftlich gewonnener Erkenntnisse (aus Korrelationen werden Kausalitäten, die dann im zweiten Schritt, logisch umgedreht, zu neuen Erklärungsmodellen mutieren) wird zugunsten der Erläuterung des eigenen Ansatzes nur noch einmal hingewiesen, da der Standpunkt des Autors schon klar geworden sein dürfte.

Der Arzt bei der Krankenbehandlung ist, nach Ansicht des Autors, hier seinen Ansatz für diese Interaktion formulierend, konfrontiert „mit der Dualität von krankem Leib und krankem Körper, nämlich von Lebensäußerungen des Patienten (Schmerzen, Erschöpfung, Ängste, Leiden), deren Behandlung sein Handeln letztlich gilt, und von organischen Funktionsstörungen, die er dabei zu suchen hat.“(S. 271/272)

Dem Ansatz folgend, dass nicht „einfach nur“ eine Funktion gestört ist, sondern die Erkrankung eine Äußerung eines Lebendigen, eine integrale Lebensäußerung“ darstellt, sieht Fuchs auch bei der Behandlung die Notwendigkeit, das Erleben und die Erlebnisgeschichte des Patienten bei der Behandlung als Komponente des Krankheitsgeschehens und, logischerweise, auch als eine Ansatzmöglichkeit, eine „gesündere“ Form der Lebensäußerung herbeizuführen, mit zu bedenken.

So geht Fuchs bei der Depression (als Krankheit) davon aus , dass der Manifestation „in der Regel eine persönliche Situation voraus (geht), die die Person als bedrohlich wahrnimmt, in der Annahme, dass ihr die notwendigen Bewältigungsressourcen nicht zur Verfügung stehen“(S.278)

Die Wahrnehmung und Bewertung geht dann mit einer physiologischen Stress-Reaktion einher, die wiederum physiologische Gehirnreaktionen nach sich zieht, in deren Folge z.B. auch ein Serotoninmangel entsteht.Abgekürzt: Die Erkrankung geht auf „eine spezifische Situationswahrnehmung, also auf eine individuelle Bedeutungserteilung zurück, die als intentionale Beziehung zur Umwelt nicht auf neuronale Prozesse reduzierbar ist.“(S.278) Dementsprechend kann dann die Behandlung bei den medikamentösen Beeinflussungen der neuronalen Prozesse ansetzen (Medikamente) oder bei den Bewertungsvorgängen und damit verbundenen Gefühlsvorgängen (Psychotherapie), wobei die Beeinflussungswege dann auch anders sich vorzustellen sind. Deutlich warnt Fuchs vor pharmakologischen Fehlschlüssen:

„So wenig wie Fieber aus einem Mangel an Acetylsalicylsäure (vulgo: Aspirin - der Rezensent) resultiert, nur weil es nach Aspiringabe sinkt, so wenig geht Depression auf einen „Serotoninmangel“ o.ä. zurück, auch wenn Medikamente,., eine antidepressive Wirkung zeigen.“ (S.286)

Psychotherapie nimmt im Gegensatz dazu den Weg Top-down: sie wendet sich, jetzt einmal die Diktion des Autors variierend, an „die Person im Patienten“, deren Fühlen, Erleben, Erleiden mitsamt der ganzen lebensgeschichtlichen Verwurzelung.Hier geht auch die Intention in eine andere Richtung: während die somatische Therapie an der Restitution arbeitet, will die psychische Therapie vorbeugen, in dem sie andere Prozesse und Bewertungen etabliert, die zukünftige Ereignisse nicht mehr in reflexhafte Bearbeitung zwängen.

Im Schlusskapitel fasst Fuchs seinen Standpunkt und die Erkenntnisse, die er aus den verschiedenen „neurowissenschaftlichen“ Ansätzen gezogen hat, kursorisch zusammen. Er betont die Subjektivität des Lebendigen und weist auf das lebendige Bewußtsein als Notwendigkeit personalen Erlebens und interaktiven Handelns hin. „Personen haben Gehirne, sie sind sie nicht.“(S.294) Und: „Kein geheimer Weg führt durch die Münze hindurch, von einer Seite zur anderen.“(S.295) Für den Austausch der Menschen, für das personelle Dasein mit den anderen geht der Weg nicht von Gehirn zu Gehirn sondern von Person zu Person. Im Gespräch, z.B., wo sich der andere mir darstellt und ich dem anderen gegenwärtig bin. Das Gehirn ist mir nützlich dabei, dem anderen zu begegnen und mich auszutauschen, aber ohne mich wäre mein Gehirn ein tönend Erz und eine klingende Schelle.

Diskussion

Der Titel reizt. Das autistischste Organ des Körpers, über allem thronend, Informationen gierig aufsaugend, ineinander vernetzt und seine Tentakel in die letzten Millimeter der Peripherie sendend, als graue Eminenz im Hintergrund des Bewussten und des Unbewussten, alles steuernd aber keiner Kartierung wirklich zugänglich und letztendlich sogar der vorauseilende Wille hinter der Illusion des freien Willens, das Joch in uns.

In akribischer und gut belegter Argumentation werden die Behauptungen und Beweise der neurowissenschaftlichen Forscher, die ihre naturwissenschaftliche Herkunft nicht immer in die Interpretation ihrer Ergebnisse einfließen lassen, sondern übers Ziel hinausschießen, wie wir aus dem von Fuchs berichteten schließen können, unter die Lupe genommen. Inwieweit sind wir Herr im eigenen Haus? Folgen wir den Prämissen der „Neuros“, nicht mehr sehr, wobei die Ansichten auseinandergehen ob gar nicht oder doch noch ein bisschen.

Unter der Hand wird aber der Mensch nur noch in Denken,Fühlen,Wollen einerseits und bio-physio-chemische neuronale Prozesse andererseits aufgeteilt, das Ich ist eine Illusion, die das Gehirn „sich“ schafft – ebenso wie die Welt nur eine Projektion des Gehirns, dass ja nun gar nicht meines ist, da es „mich“ wiederum ja auch nur als Illusion „meines“ Gehirns gibt, also gar nicht „wirklich“, sondern alles nur Illusion. Aber wer schreibt dies jetzt und warum und an wen – und wie? Hände bewegen sich, ein Abgabedruck wird empfunden, irgendwo setzt Befriedigung ein, dass ein Ende der Arbeit absehbar wird – ja wer und was ist denn das nun?

Fuchs gibt Antwort auf diese Verwirrung, indem er in befreiender Weise nicht mehr immanent diskutiert, sondern auch einmal überlegt, ob da nicht etwas fehle bei den „Neuros“. Nicht etwa Gehirne, davon gibt es in der Fachrichtung mittlerweile genügend, nein, es fehlt das Lebendige. Alles kommt etwas sehr intellektuell, naturwissenschaftlich argumentierend daher, aber die Schlüsse, die gezogen werden, nicht immer nachvollziehbar. Vermutlich, würde der Philosoph denken, sind den Herren da die Kategorien durcheinander geraten und dann greift man schon mal zu hoch oder daneben und das Weltmodell stimmt dann doch nicht. Fuchs argumentiert vorsichtig, aber mit der Einführung der Lebendigkeit, des Lebenden als Unterliegendes, dass seine Verbindung zu den Sphären des Psychischen wie des Somatischen, der medizinisch-naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise wie der der psychologischen aufrecht erhält, ohne die beiden zischend kurzzuschliessen, ist ebenso spannend wie erholsam zu lesen. Spannend, weil wir mitvollziehen können, wie die sattsam bekannten neuro.(bio, physio, chemiko…)logischen „Tatsachen“ in ihrer Bedeutung aufgenommen und zurecht gerückt werden, erholsam, weil nicht bei den synaptischen Verbindungen von Cluster zu Cluster oder von Frontallappen zu Hippocampus aufgehört wird, sondern die Kategorien von Leiden und Freuden, Erkenntnis und Interesse, Denken und Handeln nicht mehr in die geisteswissenschaftliche verpönte Schmuddelecke verbannt werden. Nur Leben schafft Bewusstsein. Nicht mein Gehirn denkt – ich denke, aber nur, wenn ich lebe.

Fazit

Die naturalistische Betrachtungsweise in den Psycho-Wissenschaften (also Psychologie,Psychiatrie,Psychotherapie sowie Neuropsychologie) hat ihre Berechtigung nicht in dem Umfange, in dem sie es vorgibt. Entscheidende Qualitäten des menschlichen Daseins wie Leiden,Freuden,Mitmenschlichkeit werden entweder ausgeklammert oder nur noch reduktionistisch als biophysiochemiko-begründete Prozesse geduldet und erklären oder verstehen daher nichts. Verantwortlich dafür ist nach Ansicht des Autors die Ausblendung der Kategorie des Lebenden/Lebendigen, das im Austausch mit sich bzw. der eigenen Existenzform Körper/Leib, der eigenen Geschichte (Reifung,Wachstum,Lernen) und der notwendigen Interaktion mit DEN ANDEREN Lebendigen und dem Gehirn als Beziehungsorgan ein bewusstes Lebewesen wird. Am Beispiel psychischen Krankheiten wird dieser Ansatz nachvollziehbar dargestellt.


Rezension von
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 28.06.2011 zu: Thomas Fuchs: Das Gehirn - ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-021442-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10570.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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