socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Tobias Brändle: 10 Jahre Bologna-Prozess

Cover Tobias Brändle: 10 Jahre Bologna-Prozess. Chancen, Herausforderungen und Problematiken. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 164 Seiten. ISBN 978-3-531-17300-9. 34,95 EUR.

Reihe: VS research.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Bologna-Prozess ist mittlerweile zu einem häufigen Forschungsthema avanciert, über das bereits eine recht hohe Anzahl von Überblicksliteratur existiert, deshalb muss eine weitere Monographie spezifische Akzente setzen. Tatsächlich werden die Folgekonferenzen zwar meist pflichtschuldig aufgelistet, selten jedoch genauer untersucht, so dass der Bologna-Prozess häufig auf die ursprüngliche Erklärung reduziert wird. Die Verflechtungen mit der EU sind ein weiteres komplexes Feld, das häufig unklar bleibt oder mit der Erwähnung des Beitritts der Europäischen Kommission mit dem Prager Kommuniqué hinreichend berücksichtigt scheint. Brändle geht hier ungleich differenzierter vor und kennzeichnet den Bologna-Prozess als Initiative von deutlich mehr Akteuren als den europäischen Bildungsministern. Weiterhin greift Brändle einige Zielsetzungen der Bologna-Erklärung gesondert heraus und untersucht deren Erfolg. Nachdem die Umsetzung eines Europäischen Hochschulraums ursprünglich bis 2010 festgelegt wurde, hat Brändle mit dem Erscheinungsdatum seines Werkes den Zeitpunkt für eine Bilanzierung zudem passend gewählt – gerade das letzte Kapitel zeigt hier jedoch auf, dass viele Zielsetzungen nicht in der offenbar intendierten Weise umgesetzt werden konnten. Es bleibt abzuwarten ob mit der Ausdehnung des Zeitraumes für die Umsetzung bis 2020 tatsächlich die immer wieder bemängelten und vom Autor im vierten Kapitel behandelten Defizite der Reform tatsächlich behoben werden.

Aufbau und Inhalt

Neben einer Einleitung und den Schlussbetrachtungen enthält das Buch drei Kapitel

1. Der Bologna-Prozess im Wandel der Zeit. Im ersten Kapitel wird der Verlauf des Bologna-Prozesses, angefangen bei der Sorbonne Erklärung, ausführlich dargestellt. Die Kommuniqués der Folgekonferenzen werden ausführlich auf die Modifikationen und Ergänzungen hin, die sie zum Bologna-Prozess beitragen, untersucht. Es kristallisiert sich die „Prager-Strategie“, nach der sie zunächst allgemein formulierten Zielsetzungen seit der Bologna-Erklärung konkretisiert werden. Seit dem Ministertreffen in Leuven lässt sich jedoch wieder eine Abkehr von dieser Strategie feststellen. Bereits 2007 mit dem Kommuniqué von London wird der Zeitraum zur Umsetzung der Ziele bis auf 2020 ausgedehnt, also implizit eingestanden, dass die Umsetzung des europäischen Hochschulraumes nicht wie ursprünglich vorgenommen bis 2010 gelingt.

2. Zentrale Akteure und Strukturen. Hier zeigt Brändle auf, wie verschiedene Akteure Einfluss auf den Bologna-Prozess nehmen. Auf der europäische Ebene sind dies der Europarat und die Europäische Kommission. Ersterer übernahm im späteren Verlauf vor allem eine beratende Funktion, letztere fungiert vor allem als Impulsgeberin. Die KMK hat im föderalistischen Deutschland eine wichtige Rolle bei der nationalen Umsetzung der Bologna-Ziele vor allen durch Setzung von Rahmenbedingungen gespielt, bei der Einführung des Akkreditierungswesens hat sie sogar vorgegriffen. Das Akkreditierungswesen hat über seine Kontrollfunktion auch Entscheidungsbefugnisse über die zu beurteilenden Studiengänge und nimmt so Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung der Studienstrukturreform. Bei der Umsetzung der Bologna-Vorgaben auf Hochschul-Ebene hat auch die HRK eine wichtige Rolle gespielt, zumal sie ähnliche Ziele bereits zuvor angestrebt hatte. Vertretungen der Studierenden treten insbesondere für die Stärkung der sozialen Dimension des Bologna-Prozesses ein. Es zeigt sich so ein komplexes Geflecht verschiedener Akteure mit Entscheidungsbefugnissen zu unterschiedlichen Geltungsbereichen und von unterschiedlicher Tragweite.

3. Chancen, Herausforderungen und Problematiken. Hier werden einige Bologna-Zielsetzungen herausgegriffen und entsprechender Handlungsbedarf festgestellt. Brändle setzt sich mit der Implementierung der gestuften Studienstruktur, dem Mobilitätsziel, der sozialen Dimension und dem Übergang auf den Arbeitsmarkt auseinander. Bei der Implementierung hat häufig eine vor allem formale und weniger inhaltliche Anpassung an die Vorgaben stattgefunden. Die neuen Strukturen stehen zudem dem Mobilitätsziel eher entgegen als es zu fördern. Auch hinsichtlich der sozialen Dimension und dem Übergang auf den Arbeitsmarkt stellt Brändle noch Probleme fest. Gerade Bachelor-Absolventen hätten im Vergleich zu den traditionellen Studiengängen mit Schwierigkeiten zu kämpfen, so dass diese häufig einen Master-Abschluss anstrebten, um ihre Qualifikation zu verbessern.

Diskussion

Der Autor vertritt den Standpunkt, dass zwar Umsetzungsprobleme zu beobachten sind, der Bologna-Prozess jedoch nicht fundamental kritisiert werden muss. So positioniert er sich beispielsweise ablehnend zu einer von dem fsz vertretenen (und später veränderten) Position einer Radikalkritik am Bologna-Prozess. Sicherlich ist auch die Diskussion der „Feinheiten“ bei der Umsetzung von Nöten, doch könnte eine Radikalkritik am neoliberalen Geist des Bologna-Prozesses vielleicht auch gerade hier erhellend sein und zu einer Erklärung beitragen, warum manches erstaunlich schnell und breit umgesetzt wird, aber z.B. die Vernachlässigung der sozialen Dimension immer wieder Anlass zur Kritik gibt. In jedem Falle ist aber die erhellende und eigenständige Recherche des Autors zu würdigen, die wieder etwas mehr Licht in das komplexe Phänomen der Hochschulstrukturreform bringt und durch eine geordnete Darstellung für viel Klarheit hinsichtlich der Akteursverflechtungen und Chronologie des Bologna-Prozesses sorgt.

Fazit

Das Buch ist sehr informativ und daher durchaus empfehlenswert.


Rezension von
Dr. Lena Becker
E-Mail Mailformular


Alle 43 Rezensionen von Lena Becker anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 02.02.2011 zu: Tobias Brändle: 10 Jahre Bologna-Prozess. Chancen, Herausforderungen und Problematiken. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17300-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10600.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung