Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Gertraud Diendorfer, Angelika Rieber et al. (Hrsg.): Einwanderungsgesellschaften und kulturelle Vielfalt

Rezensiert von Prof. Dr. Hartmut M. Griese, 01.08.2011

Cover Gertraud Diendorfer, Angelika Rieber et al. (Hrsg.): Einwanderungsgesellschaften und kulturelle Vielfalt ISBN 978-3-7065-4964-6

Gertraud Diendorfer, Angelika Rieber, Béatrice Ziegler (Hrsg.): Einwanderungsgesellschaften und kulturelle Vielfalt. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-7065-4964-6. D: 17,90 EUR, A: 17,90 EUR, CH: 30,50 sFr.
Reihe: Konzepte und Kontroversen - 8.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Einmal mehr „Einwanderungsgesellschaft“, diesmal allerdings im Plural bzw. in vergleichender Perspektive (primär Österreich, aber auch Beiträge zur Schweiz und Deutschland); einmal mal der Fokus auf „Kultur“, immerhin mit Blick auf „kulturelle Vielfalt“ – als ob es in komplexen, funktional ausdifferenzierten, kapitalistischen, polarisierten und globalisierten Ungleichheits-, Medien- und Konsumgesellschaften keine anderen Wesensmerkmale gäbe. Im Mittelpunkt der Beiträge steht das Thema Migration und Integration “im Licht historischer Entwicklungen, als Gegenstand aktueller Debatten und als Aufgabe für die Schule“ (Einleitung der Herausgeberinnen, S. 7).

Der intendierten Praxisorientierung fehlt allerdings die theoretische Rahmung, obwohl implizit in den meisten Artikeln ein konstruktivistischer Ansatz gewählt wurde, wenn z.B. auf „Bilder und Konstruktionen“, das „Türkenbild“ (vgl. „die Türken vor Wien“!) „Gruppen als ‚kulturell anders‘“ oder das „kollektive Gedächtnis“ verwiesen wird und/ oder „bildanalytische Zugänge“ zum Thema und Ansätze der Dekonstruktion im Vordergrund stehen (S. 8).

HerausgeberInnen und AutorInnen

Die drei Herausgeberinnen sind fachdidaktisch interessierte Historikerinnen, die in der Forschung (Gertraud Diendorfer ist Leiterin des Demokratiezentrums in Wien) arbeiten, an Universitäten (Wien und Aarau) tätig sind oder in Schulen oder in der politischen Bildung engagiert sind. Nur zwei der elf Autoren sind männlich, was einmal mehr die Feminisierung des Themenkomplexes (Schule, Migration, Integration) belegt – auch ein Phänomen, das kaum diskutiert und reflektiert wird. Bis auf zwei Autoren sind alle Historiker; die meisten arbeiten an Instituten in Wien, zwei in der Schweiz (Bèatrice Ziegler z.B. in Aarau) und Angelika Rieber als Lehrerin an der Ernst Reuter Schule in Berlin.

Entstehungskontext

Der Reader wurde gefördert „aus Mitteln des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, Wien“ und ist erschienen in der Reihe „Konzepte und Kontroversen. Materialien für Unterricht und Wissenschaft in Geschichte – Geographie – Politische Bildung“. Einen gemeinsamen Arbeitszusammenhang der AutorInnen oder Kriterien für die Auswahl der Beiträge kann ich nicht erkennen. Wahrscheinlich (?) kennen sich die Herausgeberinnen von Tagungen zur Geschichtsdidaktik.

Aufbau

Der Band hat neben der all zu kurzen Einleitung (S. 7-8) – ein „Ausblick“ oder eine Art „Resümee“ fehlen auch – sechs Beiträge ohne thematisch-inhaltliche Überschrift (wohl als Theorieteil gedacht?) sowie einen „Praxisteil“ mit fünf Aufsätzen; am Ende findet man noch ein quantitativ mageres „Kommentiertes Literaturverzeichnis“ (S. 148-151), bei dem die Auswahl der elf Publikationen diffus, d.h. ohne Nennung von Kriterien, bleibt, sowie sieben Seiten mit „Internetlinks“ zum Thema, die wohl zum Surfen animieren sollen?!

Inhalte

Der erste Beitrag zu „Immigration & Integration in Österreich“ (S. 9-20) ist von der Politologin und Soziologin Stefanie Mayer und leitet als Überblicksartikel in das Thema mit Blick auf Österreich ein. Dabei fallen dem aufmerksamen Leser verblüffende (oder auch nicht) Parallelen zur Entwicklung der Einwanderung in Deutschland sowie zu den kontroversen politischen und wissenschaftlichen Debatten dazu auf (Integrationsdebatte mit wechselnden Schwerpunkten, der Türkei- bzw. Islam-Diskurs, Fokus auf „ökonomische und sicherheitspolitische Überlegungen“, die „Dynamiken der Migration“, die Konzepte „Rotation und Integration“, die Debatte um ein Staatsangehörigkeitsgesetz, „Religion und Kultur“, „Kopftuch“ und „Fremdheit“ usw.). Gemäß meiner Lesart des Textes ergeben sich drei Hauptthesen:

  1. dass sich in all den Diskussionen in der Regel die „Perspektive der MigrantInnen“ nicht entdecken lässt,
  2. dass sich ein medial und öffentlich konstruiertes Negativbild vom „Ausländer“, insbesondere das des rückständigen und defizitären „türkischen Gastarbeiter“ rekonstruieren lässt und dass
  3. in der Regel dualistisch, d.h. abgrenzend und damit immer auch ausgrenzend, argumentiert wird (Wir und die Anderen, das Eigene und das Fremde, Orient und Okzident etc.).

Der Beitrag bleibt jedoch rein deskriptiv, obwohl sich implizite theoretische Zugänge (die Mehrperspektivität der Phänomene – wichtig für Schule und Unterricht, vgl. MPU = Mehrperspektivischer Unterricht, der aber nicht erwähnt wird – und Annahmen des Konstruktivismus – wichtig für kritische Reflexionen der Praxis) erkennen lassen, die für den gesamtem Reader m. E. von Relevanz sein könnten. Es finden sich auch keine theoretischen Überlegungen zur Analyse und Erklärung der Entwicklungen in Bezug auf die Migrations- und Integrationsrealität und -debatten (z.B. Dominanz der Ökonomie, partei- und wahlpolitische Interessen und Ideologien).

Es folgen – in Kürze – eine Darstellung des „Mediendiskurses“ in Österreich zu „Halbmond, Kopftuch, Minarette“ von Elisabeth Röhrlich, eine Abhandlung zum „politischen Nutzen von Feindbildern. Am Beispiel der Tradierung und Konstruktion vom Anderssein der TürkInnen“ von Karin Bischof und Florian Oberhuber, ein Blick auf die „Afro-österreichische Diaspora heute“ von Walter Sauer, die „Migrationsgeschichte in geschichtspolitischen Zusammenhängen“ an Hand von Lehrmitteln der Deutschschweiz von Nicole Wälti und Bèatrice Ziegler sowie ein Plädoyer für „Integration durch Bildung“ von Angelika Rieber, welche die „Integrations- und Bildungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland“ referiert. Dies alles geschieht überwiegend deskriptiv- normativ, belegt mit Bildern aus den Printmedien, wobei für die österreichische Situation vor allem das historische Ereignis „Die Türken vor Wien“ im kollektiven Bewusstsein verhaftet ist und für politische Instrumentalisierung, z.B. in der Debatte um den EU-Beitritt der Türkei, missbraucht werden kann.

Bei der Lektüre stößt man auf das berühmte Zitat des Schweizer Intellektuellen und Schriftstellers Max Frisch (1976): „Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“ (S. 70) oder auf das schweizerische Konzept des „‘Jahresaufenthalters‘ mit einer einjährigen Arbeitsbewilligung und der Möglichkeit, diese zu verlängern, sofern sie ihren Arbeitsplatz behielten“ (S. 71) – ein m. E. äußerst praktikables Modell, z. B. für den aktuellen migrationspolitischen Umgang mit Flüchtlinge aus Nordafrika, natürlich gekoppelt an einen Pflicht-Sprachkurs.

Auffallend ist, dass in den historischen Analysen über Lehrmittel die Zeit des Nationalsozialismus in der Regel ausgeklammert bleibt, dass „Zuwanderer“ oder Asylsuchende tendenziell „als männlich“ gedacht werden, obwohl die „heutige globale Migration in ihrer Dominanz weiblich ist“ (S. 83) und dass dualistische Denkweisen („die einen … die anderen“) vorherrschen.

Der Aspekt der (kulturell-ethnischen) „Vielfalt“ (vgl. Titel des Readers) kommt vor allem im Beitrag von Angelika Rieber zur Situation in Deutschland zur Sprache, in dem auch die problem- und defizitorientierte Mainstream-Forschung kritisiert und auf die paradigmatisch gewendeten Aspekte der Einwanderung wie „Ressourcen“ und „Vorbilder“ für Bildung und Integration bzw. „Integration durch Bildung“ verwiesen wird (vgl. exemplarisch dazu Griese 2009). Daher gilt immer wieder zu konstatieren: „Bildung ist der entscheidende Schlüssel zur … Integration von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien“ – vgl. dazu den letzten Satz bzw. das Fazit unserer Studie (Griese/ Schulte/ Sievers 2007, S. 193): „Gute Demokratie- und Integrationspolitik ist Investition in Bildung und Ausbildung“.

Die fünf Beiträge im Praxisteil (S. 98ff) sind methodisch dem Konstruktivismus (Mehrperspektivität, „Diversitätsansatz“) und/ oder einer „Biographie- und Subjektorientierung“ („kulturelle Herkunft ist dabei ein Aspekt unter anderen“, S. 99) verpflichtet; der (dadurch notwendige) „Wandel“ von „Interkulturalität“ zur „Intersubjektivität“ (vgl. dazu Griese 1996, wieder abgedruckt in Griese 2002) wird jedoch nicht erkannt oder gar vollzogen.

Konkrete Ausführungen zur „bildanalytischen Herangehensweise“ im Unterricht im Beitrag von Petra Mayrhofer sind für LehrerInnen recht brauchbar, erinnern mich jedoch stark an meine praktischen Tätigkeiten in der Jugendarbeit und Erwachsenenbildung der 70er und 80er Jahre. In anderen Worten: Eine innovative und kritisch-reflektierte politische Bildung im Unterricht bedient sich häufig außerschulisch bewährter Methoden.

Zuletzt kommt dann im Artikel von Nicole Wälti auch die „Pädagogik der Vielfalt“ bzw. die „Diversitätshypothese“ (Annedore Prengel) zur Sprache und es wird auf den Klassiker George H. Mead im Kontext von „Fremdverstehen“ (Empathie, role-taking etc.) und Identitätsbildung verwiesen (S. 131) – leider nicht auf seinen berühmten und wegweisenden Aufsatz „Über die objektive Realität von Perspektiven“ von 1927, in dem quasi der Sozialkonstruktivismus grundgelegt wurde (vgl. später bei Berger/ Luckmann 1966/ 69).

Diskussion

Der Reader ist handwerklich nicht schlecht gemacht und für LehrerInnen zur Anleitung und (weniger) Reflexion ihrer Praxis gut geeignet. Vor allem die Ausführungen und Beispiele zur bildanalytischen Methode sind für ein kritisch-(selbst)reflexives Lernen in der Mediengesellschaft relevant – obwohl leider Analysen und Beispiele in Bezug auf Fernsehen und Internet fehlen. Diese Medien und die Auseinandersetzung mit den darin vermittelten Inhalten in den peer groups konstruieren jedoch überwiegend das Bild der jungen Generation über Einwanderung und Integration. Hier wäre ein Folgeband sinnvoll.

Neuere Forschungsergebnisse oder aktuell-innovative Theoriediskussionen findet man nicht. Dies scheint der strikten Praxisorientierung geschuldet zu sein. Ein einleitender oder zusammenfassender Aufsatz zu den theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, des Subjektansatzes, zu einer Pädagogik der Vielfalt bzw. zum Diversitätsansatz oder dem Paradigmenwechsel von einer Defizit-, Konflikt- und Problemorientierung hin zu Ressourcen, Potentiale und Kompetenzen der Einwanderer und ihrer Kinder wäre mit Blick auf die Praxisbeiträge sicher erkenntnisgewinnend gewesen. Denn: Die beste Praxis ist immer noch eine gute Theorie(-ausbildung und -orientierung)

Fazit

In Österreich nichts Neues, obwohl gerade die vielen Parallelen zu Politik und Wissenschaft der Migration und Integration in den deutschsprechenden Ländern offensichtlich und diskussionswürdig wären. Spielt der menschenverachtende Umgang mit Fremden (Fremd- und Zwangsarbeiter), mit religiös-ethnischen Minderheiten (Sinti, Roma und Juden) im Hitlerfaschismus immer noch eine Rolle im Umgang mit Einwanderung heute? Was ist unreflektiert tradiert oder im „kollektiven Gedächtnis“ (unbewusst) verankert? Warum erlebt gegenwärtig die ökonomistische Orientierung in der Einwanderungspolitik eine Renaissance – in Österreich wie in Deutschland? Sollten wird nicht immer wieder an das Zitat von Max Frisch erinnern oder erinnert werden (vgl. oben), um das „kollektive Gedächtnis“ bzw. das „Bürgerbewusstsein“ (Dirk Lange) zu perturbieren? Ohne Perturbation kein Wandel – sagt uns der Konstruktivismus!

Literatur

  • Berger, Peter und Luckmann, Thomas (1966/ 1969): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt
  • Griese, Hartmut M. (2002): Kritik der Interkulturellen Pädagogik. Essays über Kulturalisierung, Ethnisierung und einen latenten Rassismus. Münster
  • Ders. (2009): Vorbilder und Vorteile. Selbstzeugnisse von Studierenden mit Migrationshintergrund Türkei. In: Dirim, Inci und Mecheril, Paul (Hrsg.): Migration und Bildung. Soziologische und erziehungswissenschaftliche Schlaglichter. Münster
  • Griese, Hartmut M./ Schulte, Rainer/ Sievers, Isabel (2007): ‚Wir denken deutsch und fühlen türkisch‘. Sozio-kulturelle Kompetenzen von Studierenden mit Migrationshintergrund Türkei. Frankfurt
  • Mead, George, H. (1927): Die objektive Realität von Perspektiven. U. a. in: Ders.: Philosophie der Sozialität. Aufsätze zur Erkenntnisanthropologie. Frankfurt 1969

Rezension von
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Mailformular

Es gibt 85 Rezensionen von Hartmut M. Griese.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245