socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Krieger: Systemische Impulse

Cover Wolfgang Krieger: Systemische Impulse. Theorieansätze, neue Konzepte und Anwendungsfelder systemischer Sozialer Arbeit. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2010. 450 Seiten. ISBN 978-3-8382-0194-8. 39,90 EUR.

Reihe: Systemische Impulse für die Soziale Arbeit - 1.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Als Praktiker der Sozialen Arbeit und systemisch „Verführter“ beobachte ich sehr häufig eine vielleicht zunehmende oder auch schon immer bestehende Uneindeutigkeit und Verwässerung des systemischen Paradigmas, in dem Sinne, dass es scheinbar oft ausreicht, den Eyecatcher „Systemisch“ in ein Konzept zu schreiben, um damit Teil einer professionellen Bewegung zu sein.

Tatsächlich verlangt die Geschwindigkeit, mit der die (Weiter-)Entwicklung dieses Denkens vorangeht und die marktwirtschaftliche Orientierung der Profession Soziale Arbeit, bei der die begriffliche Verknüpfung „systemisches Arbeiten“ hohe Gewinne verspricht, eine derartige konzeptuelle Aufwertung, um auch unternehmerisch erfolgreich praktizieren zu können. Was dabei oft auf der Strecke bleiben muss, ist eine tiefergehende Analyse und Reflexion systemischer Perspektiven und Theorien und die Verortung des eigenen Arbeitsfeldes vor dem Hintergrund der Vielfältigkeit systemischen Denkens und Arbeitens. Dazu kommt die persönliche Herausforderung eines jeden sozialpädagogisch Praktizierenden, sich selbst systemisch in den Blick zu nehmen, soll mit systemischer Überzeugung gearbeitet werden.

Hier wartet das systemische und systemtheoretische Denken mit kryptischen Begriffen auf wie Autopoiesis, strukturelle Kopplung, operative Geschlossenheit, Interdependenz, Selbstorganisation, Konstruktivismus. Diese und weitere theoretische Grundlagen generieren eine Ethik des Helfens bei der der Helfer zunächst mit Machtlosigkeit bezüglich der Zielgerichtetheit des eigenen Handelns konfrontiert ist und der Klient die Deutungshoheit über seine so erlebte Wirklichkeit und das Expertenwissen darüber, was ihm nützt, wieder erlangt.

Gerade in der Jugendhilfe entstehen allerdings hier die ersten Brüche, wenn es darum geht, eine systemisch orientierte Allparteilichkeit zum Wohle und Schutze eines Kindes gegenüber den Eltern nicht mehr aufrechterhalten zu können. Des Weiteren kommt dem gesellschaftlich ausdifferenzierten Funktionssystem (Niklas Luhmann) Soziale Arbeit eine kontrollierende und somit auch Macht ausübende Funktion zu und hat gleichzeitig die Aufgabe, Inklusion zu ermöglich und Exklusion zu verhindern, bzw. überwinden zu helfen. An dieser Stelle hat Soziale Arbeit einen sehr eingreifenden Charakter.

Der hier rezensierte Sammelband sieht sich als „Plattform […], auf der die Gegenüberstellung und diskursive Zusammenschau unterschiedlicher Ansätze ihren Ort finden.“ (S. 9) Wolfgang Krieger meint gerade im fachliterarischen Diskurs ein Defizit zu beobachten hinsichtlich einer Gegenüberstellung und gegenseitigen Befruchtung sich scheinbar ausschließender Theorien in der systemischen Sozialen Arbeit. Er spricht von einer „Kultur der Abgrenzung und eines akademisch eher lähmenden Loyalisms“ (S. 10), den es zu überwinden gilt. Und zwar in Richtung einer „pluralistisch tolerante(n) Kultur des system-(theoret)-ischen wissenschaftlichen Diskurses in der Literatur der Sozialen Arbeit.“ (ebd.) Dieses Buch hat den Anspruch, sich nicht nur einer systemischen Perspektive oder systemischen Theorie zu widmen. Wolfgang Krieger schwebt eher vor, einen Auftakt zu leisten, bei dem sich getraut werden soll, unterschiedliche systemtheoretische bzw. systemische Perspektiven/Ansätze zu Wort kommen und sich einander wahrnehmen zu lassen, um damit die Theorie- und Methodenentwicklung für eine systemische Soziale Arbeit voranzubringen und in der Praxis zu vertiefen.

„Ziel dieses Bandes ist es nicht nur, systemische Zugänge zu verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit vorzustellen, sondern auch die zugrunde liegenden allgemeineren Theorien und damit die Metatheorien der unterschiedlichen systemischen Richtungen zu präsentieren“ (ebd.).

Dazu werden eine Reihe von Autoren versammelt, die zum Einen theoretisch und historisch das system-(theoret)-ische Paradigma in seiner Vieldeutigkeit vorstellen und auf sozialarbeiterische Aktualität und Tauglichkeit prüfen und zum Anderen in Praxisfeldern nach Möglichkeiten einer systemischen Fundierung und Theoretisierung suchen.

Herausgeber und AutorInnen

Wolfgang Krieger, der Herausgeber des Buches, ist Diplompädagoge und Professor für Sozialpädagogik und Sozialmedizin an der Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein. Seine Lehrgebiete sind Pädagogik, Jugendhilfe, Päd. Psychologie, Ästhetische Bildung und Praxis sowie Systemische Didaktik und Methodik. Seine Forschungsschwerpunkte sowie zahlreiche Publikationen machen deutlich, dass hier sowohl ein ausgewiesener Praktiker als auch fundierter Theoretiker und Wissenschaftler arbeitet. Er leistet Beiträge zur wissenschaftlichen Reflexion der Profession Soziale Arbeit und orientiert sich dabei sehr stark an postmodernen und systemwissenschaftlichen Bezugstheorien, womit er sich an dem aktuellen Wissenschaftsdiskurs beteiligt.

Bei den AutorInnen scheint es sich um ebenso erfahrene wie eloquente Fachleute zu handeln, die bereit sind, ihre angestammten Arbeitsfelder dem aktuellen systemtheoretischen/systemischen Diskurs entsprechend kritisch zu prüfen und mit ihren Erkenntnissen überaus interessante Beiträge zu leisten.

Aufbau

Der Band ist in zwei Teile gegliedert.

Teil 1: Theorieansätze und Ausbildung

Nach der Einleitung des Herausgebers geht es um „Theorieansätze und Ausbildung“

  • Es folgt ein von Wolfgang Krieger verfasster Aufsatz zur Aufzählung und Erläuterung systemischer Ansätze und ihrer Anwendung in der Sozialen Arbeit. Er geht ein auf verschiedene Systembegriffe, zieht historische Linien nach und gibt Einblicke in Forschungsperspektiven systemtheoretisch fundierter Orientierungen. Krieger beschreibt das systemische Denken dahingehend als faszinierend, „dass sich die Systemtheorie infolge ihrer Abstraktheit und ihrer formalistischen Bescheidenheit prinzipiell erst mal keinem Gegenstand verweiger[t] und so einen weitreichenden Universalismus hinsichtlich ihrer Anwendungsmöglichkeiten verspr[icht].“ (S. 27).
  • Hans Ullrich Dallmann spricht anschließend vom „Nutzen und Nachteil der Systemtheorie Niklas Luhmanns für die Soziale Arbeit“. Er hebt hervor, dass es nicht um die „Anwendbarkeit“ der Systemtheorie gehen kann im Sinne von „Wortübernahmen“ oder „Einführung eines Jargons“ (S. 71). Vielmehr liegt der Nutzen darin, die Theorie als Reflexionsangebot zu nutzen mit der Frage: Was lässt sich damit besser oder zumindest anders sehen?
  • Björn Kraus beschäftigt sich mit „Erkenntnistheoretisch konstruktivistische(n) Perspektiven auf die Soziale Arbeit“. Er weist auf den nunmehr fast dreißigjährigen Trend des konstruktivistischen Operierens hin und gibt dabei zu bedenken, „dass der häufige Gebrauch nicht unbedingt der Präzision eines Begriffes oder einer Kategorie gut tut. […] Was genau gemeint sein soll, wenn auf konstruktivistische Grundlagen verwiesen wird, ist oft unklar.“ (S. 94). Eine weitere Rekapitulation soll hiermit Klarheit verschaffen.
  • Stefan Borrmann, Michael Klassen und Christian Spatscheck werfen ein Auge auf „Das Systemische Paradigma der Sozialen Arbeit“ als solches. Also die Frage danach, welche gesellschaftlichen Entwicklungen und Bedingungen haben es erforderlich gemacht, den von den Menschen formulierten Hilfebedarfen mit etwas begegnen zu müssen, was als systemisch bezeichnet wird. Hierzu wird eine „disziplinäre Matrix des Systemischen Paradigmas“ (S. 114 ff.) entworfen.
  • Björn Kraus und Christian Spatscheck beschäftigen sich anschließend mit „Macht in der Sozialen Arbeit“ und gehen der Frage nach, „welcher Erkenntnisgewinn aus der Anwendung systemtheoretischer Ansätze zur Analyse von Machtverhältnissen gewonnen werden kann.“ (S. 134). Hierzu bringen sie „zwei Konzepte systemtheoretischer Machtanalysen“ (ebd.) in den Dialog: den vom Emergentistischen Systemismus geprägten Zugang nach Silvia Staub-Bernasconi und den systemisch konstruktivistisch geprägten Zugang nach Björn Kraus. Generiert werden „Sechs Arten der Macht im normativen und interaktionsbezogenen Vergleich“ (S. 144).
  • In dem abschließenden Aufsatz des ersten Teils dieses Buches widmet sich Georg Singe den „Lernprozesse[n] systemischer Sozialarbeit“. Er hebt hervor, dass ein reines Methodenlernen nicht ausreichen kann, um eine systemische Berufsidentität auszubilden. Er schlägt ein „Strukturgitter Sozialer Arbeit“ (S. 157) vor, um aufzuzeigen, dass Soziale Arbeit schon immer systemisch war und ist und die Faktorenvielfalt in der Praxis nicht allein durch systemische Methodik bewältigbar ist, sondern die Ausbildung eines systemkompetenten Wesens erforderlich macht.

Teil 2: Konzepte und Anwendungsfelder systemischer Interventionen

Im zweiten Teil werden die vorgestellten Theorieprogramme auf ihre Brauchbarkeit und Begrenzung in folgenden Arbeitsfeldern systemisch reflektiert:

  • Jugendhilfe
  • Beschäftigungsförderung
  • Interkulturelle Arbeit
  • Arbeit mit älteren Menschen
  • Prävention
  • Beratung
  • Gruppenarbeit.

Jedem dieser Unterkapitel werden ein bis drei Aufsätze an die Seite gestellt, um der Theorie die Praxis gegenüberzustellen.

Diskussion

Wolfgang Krieger begibt sich sowohl in seinem eigenen Beitrag als auch in der Zusammenstellung der Aufsätze in seinem Buchprojekt in das Zentrum der eklektischen Verstrickung systemtheoretischen/systemischen Denkens und versucht von innen heraus das Knäuel zu entwirren. Eine Vielzahl theoretischer Begriffe und Beschreibungen werden clusterhaft auseinander gerissen und in den leeren Raum geschleudert, wo jeder Aspekt für sich alleine stehen kann und sichtbar wird. Dabei wird ein derart anspruchsvolles Niveau angesetzt, das es einem noch nicht so belesenen Interessierten sehr schwer machen könnte zu folgen und zu verstehen. Als Einstieg in den systemtheoretischen/systemischen Diskurs würde ich dieses Buch nicht unbedingt empfehlen. Aber auch für den erfahrenen Leser könnte dieses Buch in seiner Komplexität eine Herausforderung sein.

Es ist positiv hervorzuheben, dass es sich hier nicht um ein Buch zur Verherrlichung des systemischen Arbeitens handelt. Gerade der Theorieteil scheint von einem eher kritischen Geist beseelt zu sein. Eine Systematik bezüglich der Auswahl und Reihenfolge der Themen in beiden Teilen ist nicht zu erkennen, wird auch nicht erläutert. Es ist Krieger jedoch gelungen, mit dieser scheinbar beliebigen Auswahl ein sehr breites Spektrum von theoretischen Ansätzen und praktischen Anwendungsfeldern zu bedienen.

Zielgruppe

Das Buch könnte für all jene interessant sein, die bereits ein umfangreiches Wissen zu dem Thema besitzen und sowohl als Praktiker wie auch als Lehrender in der Sozialen Arbeit zu Hause sind. Das heißt, Leserinnen und Leser, die eine systemtheoretische/systemische Verortung ihres Arbeitsfeldes und ihrer eigenen Berufsidentität vornehmen und zudem auch einen eigenen Entwurf ihres Arbeitsbereiches wagen wollen, könnte dieses Buch ein wertvolles Geschenk sein. Die zahlreichen Arbeitsfelder im zweiten Teil dieses Werkes ermöglichen eine breite Leserschaft.

Fazit

Das Buch ist ein Arbeitsinstrument und Werkzeug zum Querlesen, Forschen und Weiterentwickeln. Will man es von Anfang bis Ende lesen, bietet es einem einen anspruchsvollen Einstieg und im Praxisteil eine hohe Wahrscheinlichkeit, sich selbst darin wiederzufinden. Empfehlen kann ich, zur sanften Herangehensweise zunächst den Praxisteil zu studieren. Entscheidet man sich für diesen Weg, bietet der Theorieteil die Möglichkeit, die eigene Praxis auf ihren systemischen Charakter hin zu reflektieren – und das auf erstaunlich hohem Niveau, was jedoch auch einer gewissen Verworrenheit und schweren Überschaubarkeit recht nahe steht.


Rezensent
Thomas Jorzyk
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Thomas Jorzyk anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Thomas Jorzyk. Rezension vom 17.03.2011 zu: Wolfgang Krieger: Systemische Impulse. Theorieansätze, neue Konzepte und Anwendungsfelder systemischer Sozialer Arbeit. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-8382-0194-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10605.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung