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Silke Maier: Kinder und Jugendliche in brasilianischen Favelas

Rezensiert von Prof. Dr. Insa Fooken, 28.02.2013

Cover Silke Maier: Kinder und Jugendliche in brasilianischen Favelas ISBN 978-3-8300-5393-4

Silke Maier: Kinder und Jugendliche in brasilianischen Favelas. Risiken und Ressourcen im Entwicklungsverlauf einer Hochrisikogruppe. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2010. 252 Seiten. ISBN 978-3-8300-5393-4. 75,00 EUR.
Schriftenreihe Studien zur Kindheits- und Jugendforschung - Band 58
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Thema

Die Entwicklungschancen und Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen, die in brasilianischen Armenvierteln (Favelas) aufwachsen, werden durch multiple Entwicklungsrisiken bestimmt. Das Ziel der vorliegenden Studie ist es, innerhalb der komplexen Gemengelage von belastenden Einflüssen Risiko- und Schutzfaktoren zu identifizieren, um daraus Ansätze für eine Entwicklungsförderung dieser Hochrisikogruppe abzuleiten.

Autorin

Die Autorin hat im Rahmen eines höchst anspruchsvollen psychologischen Dissertationsprojekts eine Längsschnittstudie über einen Zeitraum von drei Jahren mit einer Stichprobe von 41 Kindern und Jugendlichen in einer Favela im Nordosten von Brasilien durchgeführt. Ein solches Unterfangen stellt in gewisser Hinsicht eine Gratwanderung dar: So verlangt das ‚Format‘ einer Dissertation einerseits, dass die Vorgaben empirischer Forschungspraxis exakt eingehalten und dokumentiert werden, während andererseits ein solcher kulturbezogener Ansatz die Angemessenheit des Transfers westlicher Forschungsparadigmen und -methoden auf ganz anders strukturierte gesellschaftliche und kulturelle Settings hinterfragen muss. Es spricht für die Autorin, dass sie sich während ihres Forschungsprozesses und am Ende von Ergebnisdarstellung und abgeleiteten Schlussfolgerungen dieser Problematik partiell stellt.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit und ihr Forschungsansatz sind der psychologischen Teildisziplin der Entwicklungspsychopathologie zuzuordnen. Gemeint ist damit ein Erkenntniszugang, bei dem die biopsychosozialen Mechanismen sowohl abweichender bzw. gestörter als auch gesunder bzw. gelingender Entwicklung identifiziert werden. Somit geht es nicht ausschließlich darum, vorhandene Defizite und Verhaltensstörungen zu erfassen, sondern gerade auch darum, die Entwicklung und die Entstehungsbedingungen von Problemlagen sowie das dynamische Wechselspiel der dabei wirksam werdenden Schutz- und Risikofaktoren zu fokussieren. In Anbetracht der bei dieser Zielgruppe sehr im Vordergrund stehenden Problemlagen (inner- und außerfamiliäre Gewalt, unzureichende gesundheitliche und hygienische Versorgung, durchgängige Instabilität von Familien- Wohn- und Lebensverhältnissen etc.) erscheint es ganz besonders bedeutsam, den Blick nicht nur auf die Risiken zu lenken, sondern auch für die möglichen (internalen und externalen) Ressourcen zu schärfen.

Aufbau

Aufbau und Struktur der Arbeit orientieren sich an den Richtlinien, die für derartige empirische Forschungsarbeiten von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie vorgegeben werden. Somit geht es auch in dieser Arbeit zunächst darum, eine themenrelevante theoretische Rahmung der Fragestellung vorzunehmen, den Forschungsstand und die empirische Befundlage aufzubereiten sowie die für die Einordnung der Zielgruppe relevanten (gesellschaftlichen) Zahlen und Daten zusammenzustellen. Weiterhin werden methodische Fragen dargestellt und begründet (Vorgehen, Untersuchungsablauf, Stichprobe, Erhebungs-, Auswertungs- und Verrechnungsmethoden), die Ergebnisse grafisch und tabellarisch aufbereitet sowie unter Bezug auf den Theorieaufriss diskutiert. Daraus werden wiederum Schlussfolgerungen für Intervention und Handlungsansätze abgeleitet. Abschließend wird der gesamte Forschungsansatz einer kritischen Reflexion unterzogen. Insgesamt umfasst die Arbeit 216 Seiten (engzeilig geschriebenen) Text sowie 34 Seiten Anhang (u. a. die eingesetzten Fragebögen auf deutsch und portugiesisch). Alles in allem wird deutlich, dass es sich hier um ein höchst ambitioniertes Forschungsprogramm handelt.

Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung wird die theoretische Rahmung durch eine Vielzahl sehr unterschiedlicher und heterogener, aber durchgängig themenrelevanter disziplinärer Perspektiven und Zugangsweisen vorgenommen. Die hier zu bearbeitende Fragestellung wird eingebettet in fachdisziplinäre Konzepte zur kindlichen Entwicklung sowie in Modelle der Familienpsychologie, die mit Lebenslagemerkmalen benachteiligter Bevölkerungsschichten in Brasilien verbunden werden. Im Einzelnen geht es dabei um insgesamt fünf Themenkomplexe:

  1. Modelle, die der Disziplin der Entwicklungspsychopathologie zugeordnet werden können, wie der ökosystemische Ansatz von Bronfenbrenner, das Paradigma von Vulnerabilität und Resilienz bzw. Risiko- und Schutzfaktoren, noch einmal spezifiziert das Konzept der Resilienz sowie der Ansatz ‚Kritische Lebensereignisse‘ (12 Seiten)
  2. Modelle der Familienpsychologie wie die Familiensystemtheorie, die Familienstresstheorie, sowie daraus ableitbare Konstrukte und Konzepte wie die Bindungstheorie sowie Überlegungen zur Erziehung bzw. zu Erziehungsstilen (9 Seiten)
  3. das generelle Konzept der (weltweiten) Armut mitsamt ihren (politischen) Ursachen und Folgen im Kontext der globalen Entwicklungsproblematik, ergänzt durch Überlegungen zur Entwicklungszusammenarbeit samt den ‚Millenniumszielen‘ , der Multidimensionalität von Armut sowie derntypischen Charakteristika der Lebenszusammenhänge armer Menschen (Wohnverhältnisse/Slums, Arbeit/Einkommen, Familien/Haushalte, Bildung, Gesundheit, typische kritische Lebensereignisse, soziale Netzwerke und die besondere Problematik von ‚Straßenkindern‘ ) (18 Seiten)
  4. die Perspektive der Kulturvergleichenden Psychologie zwecks Vermeidung eines unkritischen Generalitäts- und Universalitätsanspruch, unter Berücksichtigung der Methodologie kulturvergleichender Psychologie, speziell kulturvergleichender Entwicklungspsychologie, sowie einer Reflexion der Bedeutung psychologischer Forschung in Entwicklungsländern (5 Seiten)
  5. einen Abriss der historischen Entwicklung und aktuellen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Situation von Brasilien mit seinen geografischen und regionalen Unterschieden sowie den Lebensbedingungen in Bezug auf die Merkmale Bildung, Arbeit, Gesundheit, Religion, Kriminalität, Armut (speziell Favelas) (8 Seiten)

Am Ende dieser theoriebezogenen Rahmung werden die unterschiedlichen Betrachtungsperspektiven noch einmal in eine konkrete Themen- und Fragestellung gebündelt. So wird die Zielsetzung der eigenen Studie präzisiert unter Bezug auf den aktuellen Forschungsstand zur Entwicklungspsychopathologie und den Kontext der Armut in Brasilien: Es geht um die Erfassung entwicklungsrelevanter Faktoren und Parameter (Familie, sozioökonomischer Status, Gesundheit, Bildung, kritische Lebensereignisse, soziale Unterstützung, Persönlichkeitsvariablen) im Rahmen der Bevölkerungsgruppe von Kindern und Jugendlichen in brasilianischen Armutsvierteln. Aus dieser Population wird eine Stichprobe über einen Zeitraum von drei Jahren sowohl querschnittlich erfasst, als auch in ihrem Entwicklungsverlauf begleitet. Dabei geht es sowohl um die Identifizierung von Prädiktoren der Ausprägung möglicher Stärken und Schwächen als auch um Ansätze für Intervention und Förderung.

Die Methodik der Studie wird ausführlich dargestellt und begründet. Die verwendeten Instrumente und Verfahren haben den Anspruch, ein breites Spektrum klinisch-psychologischer Variablen im Rahmen eines längsschnittlichen Designs mit drei Messzeitpunkten (2005-2007) zu erfassen. Die Stichprobe besteht aus 41 Kindern und Jugendlichen im Altersspektrum zwischen 9-16 Jahren. Die enorme Fülle der unterschiedlichsten Erhebungsmethoden (strukturiertes Interview zu entwicklungsrelevanten Parametern, verschiedene familiendiagnostische Testverfahren, Fragebogen zur Erfassung persönlicher Stärken und Schwächen, Inventar zur Erfassung der Lebensqualität und Lebenszufriedenheit der Kinder) ist prinzipiell der Fragestellung angemessen, lässt aber auch ein wenig Zweifel aufkommen, ob eine derart aufwendige Testbatterie bei dieser Zielgruppe tatsächlich die Methodik der Wahl darstellt. Allerdings konnte durch die Zusammenarbeit mit einem brasilianischen Forschungszentrum abgesichert werden, dass die an westlichen Populationen ausgerichteten Gütekriterien der eingesetzten Verfahren auch für brasilianische Stichproben von unterprivilegierten Kindern im Prinzip gegeben sind. Außerdem wird trotz des enormen Erhebungsaufwands von einer hohen positiven Resonanz auf die Befragung innerhalb der Zielgruppe berichtet.

Die Ergebnisse der Studie werden detailliert und transparent aufbereitet, obwohl es für den Leser angesichts der fast unübersehbaren Vielzahl von Einzelergebnissen nicht immer leicht ist, einen Überblick über die wesentlichen Trends zu erhalten. Allerdings gelingt es der Autorin durchaus überzeugend, die zentralen Aussagen, die aus dem hier praktizierten komplexen Analyseansatz abgeleitet werden können, im Rahmen einer ausführlichen, aber gut strukturierten Diskussion klar darzustellen. Hinsichtlich der Ergebnisse verwundert es nicht, dass die Belastungen und multiplen Risiken deutlich vor möglichen Ressourcen überwiegen. Die Entwicklungsmöglichkeiten dieser Kinder sind deutlich eingeschränkt durch die hohe Instabilität der familiären Systeme und Strukturen, durch Gewalterfahrungen sowie durch sozioökonomische Belastungen und eine unzureichende gesundheitliche Versorgung. Die Kinder haben zudem erhebliche Probleme mit schulischen Anforderungen und sind vielen kritischen Lebensereignissen ausgesetzt, die wiederum meistens mit Gewalterfahrungen verbunden sind. Auch wenn die sozialen Netzwerke auf den ersten Blick durch eine hohe Kontaktaktivität charakterisiert sind, erweist sich die Qualität der Kontakte oft als zu wenig unterstützend. Im längsschnittlichen Verlauf deutet sich an, dass die Kumulation von kritischen Lebensereignissen und elterlicher Gewalt ein ganz besonderes Entwicklungsrisiko darstellt. Angesichts dieser geballten Risikolage erweist es sich als schwierig, überhaupt noch Ressourcen in der Lebenswelt der Kinder zu identifizieren. Dennoch gibt es einige solcher kleinen Lichtblicke: Positive Geschwisterbeziehungen und partiell funktionierende soziale Netzwerke stellen Ansatzpunkte für Entwicklungschancen und somit mögliche Ressourcen dar.

Die von der Autorin abgeleiteten Schlussfolgerungen verweisen darauf, dass weniger ein genereller Maßnahmenkatalog, sondern eher spezifische Formen von Interventionen auf verschiedenen Ebenen (individuell, familiär, kommunal) angezeigt sind, um die Kinder vor den massiv vorhandenen Entwicklungsrisiken besser zu schützen und entsprechende Ressourcen herauszuarbeiten und Entwicklungspotenziale zu fördern.

Diskussion

Die Autorin hat ein ambitioniertes Forschungsprogramm mit großem Engagement und Aufwand umgesetzt. Dabei ist es ihr überzeugend gelungen, die Fragestellung und den eigenen Untersuchungsansatz mit themenrelevanter Theorie und notwendiger (politischer) Hintergrundinformation zu rahmen. Die gewählten Methoden und Verfahren erlauben es im Prinzip, die Problemlage einzukreisen und „beforschbar“ zu machen. Dennoch bleibt ein leiser Zweifel. Möglicherweise hätte ein weniger strukturiertes Vorgehen und eine offenere Begleitung im Feld einen anderen, erweiterten Blick nicht nur auf die Probleme und Belastungen, sondern auch auf latent vorhandene Ressourcen ermöglicht. Viele der Kinder und Jugendlichen sind ja in gewisser Weise auch Überlebenskünstler. Ein Phänomen wie Resilienz zeigt sich unter diesen Lebensumständen möglicherweise in einer Form, die nach hiesigen diagnostischen Kriterien als defizitär und riskant bewertet wird, sich dort aber durchaus als Ressource und Ausdruck psychischer Widerstandskraft erweisen kann. Andererseits sollte natürlich auch vermieden werden, chaotische und desolate Lebensumstände dieser Kinder in irgendeiner Form als Ausdruck kindlicher Stärke zu ‚romantisieren‘. Letztlich sind die Informationen und Ergebnisse zu den hier untersuchten Kindern und Jugendlichen in dieser Arbeit so transparent aufbereitet, dass sich jeder Leser und jede Leserin diesbezüglich jeweils eine eigene Meinung bilden kann.

Fazit

In der Arbeit wird nachvollziehbar und überzeugend dargelegt, wie man sich der Lebenssituation von in vielfacher Hinsicht belasteten Kindern und Jugendlichen forschungsmäßig und kultursensibel nähern kann, um ihren Entwicklungsverlauf unter Berücksichtigung von vorhandenen Risiken und Chancen vorherzusagen. Die Auswahl der hier herangezogenen entwicklungsbezogenen Parameter ist plausibel und könnte exemplarisch in vielen unterschiedlichen Forschungssettings genutzt werden. Es gelingt der Autorin partiell, Ansätze für eine Entwicklungsförderung dieser Hochrisikogruppe aufzuzeigen. Dennoch bleibt zu fragen, ob bei einer solchen Forschungskonzeption der Akzent zu sehr auf die pathogene Seite der hier beschriebenen Lebensbedingungen auf Kosten der Wahrnehmung möglicher Stärken und Ressourcen gelegt wird.

Rezension von
Prof. Dr. Insa Fooken
Entwicklungspsychologin (der Lebensspanne), Seniorpofessorin, FB 4, Interdisziplinäre Alternswissenschaft, Goethe Universität Frankfurt
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Es gibt 13 Rezensionen von Insa Fooken.

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Zitiervorschlag
Insa Fooken. Rezension vom 28.02.2013 zu: Silke Maier: Kinder und Jugendliche in brasilianischen Favelas. Risiken und Ressourcen im Entwicklungsverlauf einer Hochrisikogruppe. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2010. ISBN 978-3-8300-5393-4. Schriftenreihe Studien zur Kindheits- und Jugendforschung - Band 58. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10612.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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