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Sebastian Henn, Michael Behling (Hrsg.): Aspekte integrierter Stadtteilentwicklung

Cover Sebastian Henn, Michael Behling (Hrsg.): Aspekte integrierter Stadtteilentwicklung. Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Leipziger Osten. Frank & Timme (Berlin) 2010. 242 Seiten. ISBN 978-3-86596-305-5. D: 29,80 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 44,70 sFr.
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Thema

Auf kommunaler Ebene hat sich das Planungsverhalten inzwischen verändert. Nicht nur, dass Planung als Inbegriff staatlichen Handelns einen Wandel erfahren hat, auch die durch Planung erzeugten Strukturen und Prozesse, also die Folgen der Planung für die Gestaltung des Sozialen und das soziale Handeln werden immer mehr zum integralen Bestandteil von Stadtplanung. Gerade auf kommunaler Ebene bedeutet Planung auch Eingriff in die Lebens- und Wohnbedingungen von Menschen; von daher ist es auch geboten und sinnvoll, dass solche Menschen beteiligt werden sollten an der planerischen Ausgestaltung ihrer Umwelt. Und wenn man Stadtplanung richtig versteht, geht es immer auch um die Integration sehr unterschiedlicher Aspekte und Perspektiven und das erfordert die Integration der Beteiligten in einen umfassenden Planungsprozess.

Und es geht zunehmend um Stadtteilentwicklung, also um die Entwicklung von Stadtteilen auf Grund der Erkenntnis, dass Stadtteile auch ihren spezifischen Eigensinn entfalten und ihre eigene Identität gegenüber anderen Stadtteilen entwickeln.

Damit wird integrierte Stadtteilentwicklung zum zentralen Instrument der Gestaltung von spezifischen und typisch ausgeprägten Teilräumen der Stadt zusammen mit den Akteuren, die genau diesen Raum besetzen, weil sie ihn als den ihren betrachten und weil sie dort ihre Bedürfnisse und Interessen realisieren können.

Herausgeber

Sebastian Henn ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Halle.

Michael Behling ist Wirtschaftswissenschaftler und leitet ein Consultingbüro, das sich mit Fragen der Stadtentwicklung beschäftigt.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen zum größten Teil aus dem Beratungsbereich und aus der Praxis, arbeiten auch zum Teil in verantwortlichen Positionen der Stadtentwicklung oder kommen aus dem Bereich der Hochschule.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in neun Beiträge, wobei der erste Beitrag der Herausgeber als grundsätzliche Einleitung in die Konzeption und den Hintergrund der integrierten Stadtentwicklung in Leipzig verstanden werden soll.

Inhalt

In ihrer grundsätzlichen Vorstellung der Integrierten Stadtentwicklung im Leipziger Osten beschreiben Sebastian Henn und Michael Behling zunächst einmal auch die Geschichte der Stadtplanung bis zu den Konzepten der Integrierten Stadtentwicklung. Dabei reflektieren sie auch die jeweiligen Verständnisse von Planung und Entwicklung der Stadt, die sich auch in den gesetzlichen Rahmenbedingungen des Städtebauförderungsgesetzes und des Bausgesetzbuches widerspiegelten.

Sie beschreiben auch die besondere Herausforderung der Stadtentwicklung nach der Wende in den ostdeutschen Städten, gehen dann insbesondere auf die Geschichte des Planungsgebietes - des Leipziger Ostens - besonders ein, um dann auch die besondere Stadtentwicklungsstrategie daraus abzuleiten.

Im Übrigen stellen sie dann die weiteren Beiträge kurz vor.

Birgit Glorius, Michael Hanslmaier und Andrea Schultz beschreiben und analysieren die sozio-demographische Entwicklung des Leipziger Ostens, der in der Nachwendezeit von einer dramatischen Phase des Bevölkerungsverlustes und der Entmischung durch selektive Wanderungsbewegungen gekennzeichnet war. Ab 2000 kam es dann zu einer Stabilisierung der Einwohnerzahl und auch zu einem Geburtenüberschuss - auch durch Zuwanderung. Dies wiederum führte zu ethnischer Heterogenität und zu Segregationstendenzen. Zugenommen haben aber auch die Arbeitslosenquote und die Zahl der Empfänger von Transfereinkommen. Die Verfasserinnen und der Verfasser kommen auch zu der Folgerung einer Verfestigung von Armut und stellen deprivierende Kontext- bzw. Quartierseffekte fest, die sich vor allem im Ruf des Quartiers außerhalb niederschlagen.

Die städtebauliche Entwicklung stellen Karsten Gerkens, Petra Hochtritt und Heiner Seufert vor. Nach der Beschreibung der Ausgangssituation - auch mit Bildern unterlegt - kommen sie zu dem Schluss, dass Stadtentwicklung in diesem Fall Stadtumbau heißt, der neben investiven Maßnahmen auch nicht-investive - soziale - Maßnahmen umfasst. Dabei spielte das Bund-Länder-Programm "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt" eine besondere Rolle. Es werden dann noch einige konkrete Beispiel für diese Entwicklung vorgestellt.

Einen speziellen Aspekt bearbeitet Manfred Bauer, wenn er Standortfaktoren der Eisenbahnstraße als wesentliche Rahmenbedingungen für die gewerbliche Entwicklung betrachtet. Es ist wohl das Gebiet mit den größten Strukturschwächen,

was auch Mattias Pink in seinem Beitrag: "Der Standort Eisenbahnstraße in der Wahrnehmung verschiedener Akteursgruppen" bestätigt.

Michael Behling nennt seinen Beitrag die "Stadträumlich orientierte Wirtschaftsförderung". Dabei werden auch Fragen einer Stadteilökonomie kritisch betrachtet, zumal im Rahmen lokaler Ökonomie in solchen Quartieren durch die Akteure vor Ort eine instabile Gewerbelage entstehen kann, weil gesicherte Standortvorteile keine Rolle bei der Entscheidung spielen, was die Gründung eines Unternehmens angeht. Das kann auch problematisch sein. Hinzu kommt, dass der Großteil der Unternehmen subsistenzorientiert ist, auch ethnisch geprägt ist und mit wenig Kapital ausgestattet ist.

Auf die ethnische Ökonomie, ihre Struktur und ihre wirtschaftliche Bedeutung geht dann Sebastian Henn ein. Ethnische Ökonomie konzentriert sich vor allem in Stadtteilen mit einem hohen Anteil von Migranten. Das ist zunächst auch nicht verwunderlich. Wichtiger ist: Es geht um die ökonomische und kulturelle Selbstorganisation dieser Gruppen, weniger um wirtschafts- oder unternehmenspolitische Entscheidungen.

Auf der Basis empirische Daten, die das Nachfrageverhalten und die Versorgungsfunktion für die Stadtteilbevölkerung belegen, kommt Henn zu dem Schluss, den Kommunen zu raten, die ethnische Ökonomie nicht zu unterschätzen, vor allem aber nicht zu marginalisieren, eher sie als einen integralen Bestandteil der Stadtteilentwicklung zu betrachten. Zumindest bestätigt dies die Entwicklung im Leipziger Osten.

Der Frage der Vernetzung - der sozialen, kulturellen und ökonomischen Netzwerke, die durch zwischenbetriebliche Interaktionen entstehen - dieser Frage geht der Beitrag von Kristin Leimer nach. "Ethnic Business District Leipziger Osten - Eine Betrachtung der zwischen betrieblichen Ebene ethnischer Ökonomien" nennt sie ihren Beitrag, in dem sie der Art der Unternehmensgründungen nachgeht und die Netzwerke unter der besonderen räumlichen Perspektive erkundet. Kleinräumige Ballungen ethnischer Akteure - ethnische Kolonien - beziehen sich nicht nur auf die betriebswirtschaftlichen und gewerbemäßigen Interaktionen. Vielmehr sind sie kulturelle und soziale Kommunikationsformen, die sich nicht nur aus der intrakulturellen Logik der Netzwerke ergeben. Es sind auch informelle Vernetzungen zwischen kulturellen und ethnischen Gruppen feststellbar.

Karsten Gerkens und Petra Hochtritt beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit "Management und Beteiligung im Stadtteil". Es geht um Bürgerbeteiligung im Leipziger Osten "als innovatives Instrument und unverzichtbarer Baustein der integrierten Stadtteilentwicklung" (225). Hier wird die Organisationsstruktur im Leipziger Osten als Grundlage von Partizipationsverfahren vorgestellt. Im Rahmen der Förderprogramme wird dann auf Programmsteuerung und Quartiersmanagement als wichtige Instrumente abgehoben, um einerseits die intraorganisatorische Kommunikation der Verwaltung (Ämterrunde) darzustellen und andererseits auf die Öffentlichkeitsarbeit hinzuweisen, die für die Beteiligung der Bevölkerung wichtige Voraussetzung ist. Zum Schluss werden dann Beispiele konkreter Bürgerbeteiligung vorgestellt.

Diskussion

Stadtteile sind Teile einer Stadt, strukturell und politisch auf die Kernstadt bezogen und zu ihr und zum Ganzen der Stadt ins Verhältnis gesetzt. Gleichwohl - das zeigen die Autorinnen und Autoren am Beispiel des Leipziger Ostens - entwickeln solche Stadtteile eine eigene innere Logik ihrer Entwicklung, einen Eigensinn, der sie abgrenzbar macht zu anderen Stadtteilen.

Diese Frage ist zwar nicht explizit das Thema der Beiträge, trotzdem kann man herauslesen, wie eigenartig dieser Stadtteil ist, wie er sich entwickelt hat und wie seine Entwicklung weiter gestaltet werden kann. Wenn man sich schon konzeptionell mit der Frage der Stadtteilentwicklung beschäftigt, kommt einem der Gedanke, dass diese Frage der Verbindung zur Kernstadt Leipzig als struktureller Rahmen der Entwicklung in den Beiträgen etwas unterbelichtet ist, zumal sich die Entwicklung des Leipziger Ostens vielleicht auch nur im Kontext der Entwicklung von Leipzig als Ganzem erklären ließe.

Gleichwohl sind die Beiträge erfahrungsgesättigt und mit validen empirischen Daten untermauert, so dass man durchaus einen Eindruck kriegen kann, wie sich dieser Stadtteil dank der planerischen Eingriffe und dank der angestrebten und erreichten Entwicklungsziele der Gesamtstadtentwicklung verändert hat. Auch das Konzept der Integrierten Stadtteilentwicklung wird sichtbar als ein erfolgreiches Konzept kommunaler Entwicklungspolitik.

Fazit

Das Buch sei allen empfohlen, die sich mit Stadtentwicklung und Stadtteilentwicklung beschäftigen. Es ist durchaus auch eine Arbeitshilfe, zumal Probleme und Aspekte der Stadtteilentwicklung konkret benannt und bearbeitet werden.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 26.01.2011 zu: Sebastian Henn, Michael Behling (Hrsg.): Aspekte integrierter Stadtteilentwicklung. Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Leipziger Osten. Frank & Timme (Berlin) 2010. ISBN 978-3-86596-305-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10619.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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