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Ulrich Beck, Angelika Poferl (Hrsg.): Große Armut, großer Reichtum

Cover Ulrich Beck, Angelika Poferl (Hrsg.): Große Armut, großer Reichtum. Zur Transnationalisierung sozialer Ungleichheit. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2010. 694 Seiten. ISBN 978-3-518-12614-1. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,50 sFr.

Reihe: Edition Suhrkamp - 2614.
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Thema

Der von Beck und Poferl herausgegebene Reader will einen detaillierten Einblick in theoretische Konzepte und empirische Studien zu transnationaler sozialer Ungleichheit geben.

HerausgeberInnen

Ulrich Beck, geboren 1944, war Professor für Soziologie an der Universität München sowie zeitweise an der London School of Economics und ist einer der bekanntesten Theoretiker der Soziologie sozialer Ungleichheit.

Angelika Poferl ist seit dem Wintersemester 2010/11 Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Globalisierung an der Hochschule Fulda, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften. Sie fungierte vorher als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl von Ulrich Beck an der LMU.

Entstehungshintergrund

Beck als einer der profiliertesten Vertreter zunächst der bundesdeutschen und zunehmend auch der internationalen Ungleichheitsforschung befasst sich seit vielen Jahren mit der Globalisierung sozialer Ungleichheit. Ungleichheit, so sein Diktum, lässt sich nicht länger nur im nationalstaatlichen Rahmen begreifen, sondern die „Zunahme von Verflechtungen und Interaktionen über nationale Grenzen hinweg erzwingt die Neuvermessung sozialer Ungleichheit“ (aus Becks Vortrag zum deutschen Soziologietag 2008 in Jena). Mit dem vorliegenden Band möchten die HerausgeberInnen die Um- und Neuorientierung der Frage- und Problemstellungen sozialer Ungleichheit deutlich machen.

Aufbau

Nach der begrifflich-empirischen Klärung von Konzepten zu Globalisierung und Transnationalisierung im ersten, werden im zweiten Kapitel bekannte Konzepte von Weltgesellschaft und Weltsystem präsentiert. Im dritten Kapitel werden anhand verschiedener Studien transnationale soziale Räume und transnationale Klassen verdeutlicht, gefolgt von einem Kapitel mit diversen Beiträgen zu solchen Dimensionen sozialer Ungleichheit und Exklusion wie Arbeit, Armut, Migration, Geschlecht.

Die beiden letzten Kapitel enthalten Beiträge zur transnationalen Staatsbürgerschaft bzw. zur globalen Gerechtigkeit.

Inhalt

In ihrer Einleitung formulieren Beck/Poferl in Fortführung der Aussagen Max Webers die Problemhaftigkeit sozialer Ungleichheit: „Zum politischen Problem, zum Konfliktstoff, werden soziale Ungleichheiten nicht, weil die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, sondern dann und nur dann, wenn sich die anerkannten Gleichheitsnormen und Gleichheitserwartungen – Staatsbürgerrechte, Menschenrechte – ausbreiten.“ (S. 12) Vor dem Hintergrund der offensichtlichen Diskrepanz zwischen dem Hunger in vielen Teilen der Welt und der Absicherung durch das europäische Wohlfahrtsmodell für den relativ kleineren Teil der Weltbevölkerung reformulieren Beck/Poferl die These von Beck (2008, Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen): „Das Leistungsprinzip legitimiert nationale Ungleichheit, das Nationalstaatsprinzip legitimiert globale Ungleichheit (…).“ (S. 13, Hervorhebung Beck/Poferl) Wenn die Soziologie sozialer Ungleichheit, wie nicht nur Beck und Poferl beklagen, Gesellschaft mit Nationalstaatlichkeit gleichsetze, verharre sie im methodologischen Nationalismus (S. 14) und verkenne die Konfliktdynamik sozialer Ungleichheiten (S.14, Hervorhebung Beck/Poferl) im (nicht nur, MK) europäischen Raum, wie etwa in der Finanzkrise deutlich wurde. Dabei, so die beiden HerausgeberInnen, veränderten Phänomene wie etwa u.a. der Klimawandel und die Weltfinanzkrise die kategoriale Rahmung sozialer Ungleichheiten.

Die Ausgangsfrage des Sammelbandes lautet folgerichtig: „Wie sieht eine Soziologie sozialer Ungleichheiten jenseits des methodologischen Nationalismus aus?“ (S.18, Hervorhebung Beck/Poferl) Mit der Herausgabe dieses Sammelbandes soll vor allem der Gang einer “postnational“ (S. 20, Hervorhebung Beck/Poferl) geöffneten Soziologie sozialer Ungleichheiten dokumentiert werden. Dazu sammeln Beck und Poferl ältere Beiträge (acht bzw. neun der 22 Aufsätze sind vor 2000 erschienen) und jüngere Artikel, die jedoch - mit Ausnahme des Einzelbeitrags von Angelika Poferl- bereits alle (vereinzelt mehrfach) veröffentlicht wurden.

Im ersten Kapitel finden wir die Aktualisierung von Fragestellungen, die Ulrich Beck (hier 2008) bereits 1986 mit der Risikogesellschaft aufwarf, sowie einen Aufsatz von Göran Therborn (2001), der sowohl Globalisierung als auch soziale Ungleichheit differenziert konzeptionalisiert und insbesondere Erklärungen für die globale erzeugte Ungleichheit sucht. Eine vorläufige Antwort sieht er in verschiedenen Mechanismen wie Auseinanderentwicklung, Exklusion, Über-/Unterordnung sowie Ausbeutung (etwa Tab. 3, S. 68), deren Kausalität er –sehr vorsichtig- in der Weltgeschichte und gegenwärtigen nationalen Prozessen (etwa in der Umverteilungsmacht oder –ohnmacht nationaler Institutionen) verortet, die am stärksten zur derzeitigen globalen Ungleichheitsstruktur beitrügen (S. 99).
Gut zu lesen ist der Aufsatz von Helmuth Berking (2006), der einer aufgeklärten, quantitativ elaborierten Messung globaler Ungleichheit (mit methodisch hinterfragbaren Instrumenten wie HDI, GDI usw.) die Welt der Shadow Networks (nach Carolyn Nordstrom, S. 121, Hervorhebung Berking) entgegenhält. Damit meint er solche hoch integrierten, internationalisierenden Netzwerke (des Frauen-, Drogen- Waffenhandels, aber auch der Zirkulation von Gold, Diamanten, Luxusgütern, Technologien), deren Infrastruktur auf Elitekriminalität beruht (S.122f). Das Ausmaß dieser nichtformalen Ökonomien veranschlagt Berking auf ein Drittel des globalen Austauschs, was jedoch in sozialwissenschaftlichen oder ökonomischen Diskursen nicht thematisiert würde. Damit werde die Einbindung ganzer Regionen in Netzwerke illegaler, halblegaler und Extra-State Aktivitäten ignoriert (S. 128). Mit einer von Callaghy, Kassimir und Latham (2001) übernommenen Grafik verwirft Berking die Annahme einer bloßen staatszentristischen Ordnung und verweist stattdessen auf das Netzwerk einer Vielzahl institutioneller Akteure wie NGOs, IOs, Milizen, Schattennetzwerke, religiöse Institutionen usw. gegenüber einem (neoweberianischen) Staatsordnungsmodell mit einer formalen Ökonomie. Das will er jedoch nicht als reine Gegenüberstellung verstanden wissen, sondern die „ordnungsstiftende- und herrschaftsstabilisierende“ (S. 129) interaktive Dichte zwischen den einzelnen Feldern aufzeigen.
Angelika Poferl (2010) beleuchtet im einzigen (und beileibe nicht nur deshalb lesenswerten) Originalaufsatz des Bandes die Frage nach der Transformation von Solidarität in der globalisierten Moderne, wobei sie den Begriff der Solidarität letztlich analytisch verabschieden möchte zugunsten einerPerspektive auf die Kultur globalen Involviertseins, die an der Idee einer realen Kosmopolitisierung des Sozialen ansetzt (S. 152, Hervorhebung Poferl).

Im zweiten Kapitel finden die LeserInnen u.a. zwei ältere bereits mehrfach rezensierte Texte von Immanuel Wallerstein (1983) und Rudolph Stichweh (1997, hier revidiert), die sich mit dem anhaltend spannenden Thema einer Weltgesellschaft befassen, aus klassentheoretischer bzw. systemtheoretischer Perspektive. Der dritte Beitrag von Volker Bornschier/Bruno Trezzini (1997) über die Forschungsergebnisse zur sozialen Schichtung und Mobilität im Weltsystem liefert einen Überblick zu den älteren und –damals- aktuelleren Forschungsansätzen und versucht seinerseits eine Verbindung jenseits von Dependenz- und Modernisierungsrisikotheorien, indem nationale und internationale Schichtung und Mobilität verbunden werden. Das ist spannend aufbereitet, wenn auch mit –natürlich- nicht mehr aktuellen empirischen Daten illustriert.

Die Beiträge im dritten Kapitel beinhalten zum einen Studien über die Herausbildung von Klassenstrukturen transnationalen Zuschnitts bzw. über inter- bzw. transnationale Migration. Leslie Sklair (2001) postuliert und untersucht die Entstehung einer transnationalen kapitalistischen Klasse aus Führungskräften transnationaler Unternehmen, global ausgerichteten Politikern und Bürokraten, ebensolchen Experten sowie entsprechend orientierten Geschäftsleuten und Medien. Die ältere Studie von Luis Goldring (1997) befasst sich mit (Im)MigrantInnen bzw. TransmigrantInnen zwischen Mexiko und den USA und fragt, wie diese Gruppen transnationale soziale Räume schaffen und aufrechterhalten.
Der Aufsatz von Anja Weiß (2002) thematisiert Raumrelationen als einen (oftmals unterbewerteten) zentralen Aspekt von sozialer Ungleichheit. Neben anderen interessanten Ausführungen konzeptionalisiert Weiß die idealtypischen sozialen Lagen solcher Klassen wie „globale Oberklassen, globale mobile Unterklassen, Einheimischen in nationalen Wohlfahrtsstaaten“ (Abb. 1, S. 377). Steffen Mau (2009) untersucht die Ungleichheitsdynamiken im europäischen Raum, vielgestaltige und heterogene Muster, deren Erklärungsmöglichkeiten er als anfanghaft, als vorläufig begreift.

Das vierte Kapitel sammelt eine Reihe bereits früher veröffentlichter Beiträge zu solchen Dimensionen sozialer Ungleichheit wie Arbeit, Migration, Armut- und Geschlecht (wobei die letztgenannte Zuordnung durchaus kontrovers diskutiert wird). Manuel Castells (2004) untersucht, ob es eine globale Erwerbsbevölkerung gibt, Robert H. Wade (2003) analysiert die bestürzende Zunahme von Armut und Ungleichheit; Ajit S. Bhalla und Frédéric Lapeyre (1999) erörtern die wachsende Kluft zwischen den Regionen mit Daten aus 1992. Saskia Sassen fragt in ihrem bekannten Aufsatz von 1996 „Wem gehört die Stadt?“ und Jack Burgers und Godfried Engbersen (1996) beschäftigen sich mit papierlosen (in Deutschland als illegal kategorisierten) Einwanderern. Regina Römhild (2007) beleuchtet eine mögliche Avantgardefunktion von MigrantInnen, und die international renommierte Ungleichheitsforscherin Joan Acker bündelt in ihrem Aufsatz von 2004 die Geschlechterfrage, den Kapitalismus und die Globalisierung.

Im fünften Kapitel werden unterschiedliche Aspekte einer transnationalen Staatsbürgerschaft mit Beiträgen von Yasemin Nuhoğlu Soysal (1994) sowie Thomas Faist (2000) thematisiert.

Das abschließende Kapitel zur Globalen Gerechtigkeit wartet mit einem Artikel des weltweit anerkannten Gerechtigkeitsforschers Amartya Sen (1999) sowie des politischen Philosophen Thomas W. Pogge (2001) auf.

Diskussion

Die Themenbreite der insgesamt 22 Einzelbeiträge wie auch das Renommee von vielen der hier versammelten AutorInnen sind beeindruckend, ein durchaus illustrer Kreis international bekannter UngleichheitsforscherInnen, die sich mit den Fragen globaler sozialer Ungleichheit befasst haben- und das seit Jahrzehnten. Die Begründung, warum jetzt (bzw. 2010) dieses Buch mit 21 bereits anderswo abgedruckten Beiträgen erschien, von denen ein gutes Drittel bereits vor dem Jahr 2000 verfasst und veröffentlich wurde, bleibt außer einem eher pauschalen Hinweis auf „unterschiedliche theoretische Ansätze und wegweisende Analysen“ (S. 20) eher offen. Die empirisch fundierten Beiträgen warten teilweise, wie der hier nur exemplarisch genannte Beitrag von Bhalla/Lapeyre mit eher veraltetem Wissen auf, hier etwa zum „tripolaren Handeln“ zwischen Europa, Japan und Nordamerika (S. 456f.), was sich nun bis 2010 doch einigermaßen anders entwickelt hat.

Dass mit der Herausgabe dieses Sammelbandes eine Publikationslücke geschlossen werde, da das Feld der Forschung und Theoriebildung, auf dem “ globale Verflechtungen, aber auch das Verhältnis denationalisierender und renationalisierender Prozesse sowie die vielfältigen Mischformen des Transnationalen und Glokalen“ bislang unerschlossen blieben (S.18), darf bezweifelt werden. Zu nennen wären hier etwa

  • Berger, Peter A. / Weiß, Anja (Hrsg.) 2008, Transnationalisierung sozialer Ungleichheit (mit Beiträgen von Ulrich Beck, Steffen Mau, Ludger Pries, Michael Hartmann, Maurizio Bach u.a.)
  • Der Sammelband von Michael Bayer u.a. (Hrsg.) 2008, Transnationale Ungleichheitsforschung

sowie ungezählte Vorlesungsreihen etwa von Reinhard Kreckel (bereits im WiSe 2003) über Globalisierung, Weltgesellschaft und soziale Ungleichheit. Warum Kreckel in diesem Sammelband ebenso wenig vertreten ist wie Peter A. Berger oder Ludger Pries (um nur einige zu nennen), ist eine der Fragen, die durch das Fehlen eines stärker einleitenden oder auch eines bilanzierenden Beitrags der HerausgeberInnen hätte beantwortet werden können, inklusive der hier leider fehlenden, sonst in Sammelbänden überwiegend üblichen Angaben zu den AutorInnen.

Beim Eingangsbeispiel mit den disparaten Ressourcen und Zugangswegen zu Nahrung und Bildungsmöglichkeiten und dem Graben zwischen Arm und Reich im globalen Dorf (mit mal 100, mal wie hier 1000 EinwohnerInnen) vermisse ich neben der Nennung der empirischen Quellen eine Referenz an die Diskurse aus der Entwicklungspolitik, aus denen das Beispiel seit über 20 Jahren bekannt ist. Es geht zurück auf die amerikanische Wissenschaftlerin, Autorin und Ökofarmerin, die als Mitautorin des Reports „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 bekannt wurde, Donella Meadows. Sie schlug 1990 vor, den Begriff des »globalen Dorfs« wörtlich zu nehmen (State of the Village Report 1990, hier nach den Quellen: Peace Pledge Union, der ältesten säkularen pazifistischen Organisation in Großbritannien, www.ppu.org.uk/learn/infodocs/pm_globalvillage.html (Stand: 5.3.2011) sowie ZEIT-online, Wissen, Globalisierung. Unser Weltdorf, www.zeit.de/2009/46/GSP-100-Menschen (Stand: 5.3.2011).

Fazit

Ein auf den ersten Blick ein durch den Titel neugierig machendes und alles in allem sehr beeindruckendes Werk mit Beiträgen von z.T. weltweit bekannten und profilierten Ungleichheits- und GerechtigkeitsforscherInnen. Auf den zweiten Blick wird die eingeforderte Diskussion nicht wirklich geführt, sondern es werden verdienstvolle, unterschiedlich akzentuierte Werke nebeneinander und hintereinander gestellt, was durchaus seinen Reiz hat.


Rezension von
Prof. Dr. Marianne Kosmann
Lehrt an der FH Dortmund Soziologie für die Soziale Arbeit, mit den Schwerpunkten „Soziologie sozialer Ungleichheit, Geschlechterverhältnisse, Soziologie sozialer Probleme und Empirische Sozialforschung“.


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Zitiervorschlag
Marianne Kosmann. Rezension vom 29.03.2011 zu: Ulrich Beck, Angelika Poferl (Hrsg.): Große Armut, großer Reichtum. Zur Transnationalisierung sozialer Ungleichheit. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2010. ISBN 978-3-518-12614-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10627.php, Datum des Zugriffs 18.01.2022.


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