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Andreas Lange, Margret Xyländer (Hrsg.): Bildungswelt Familie

Cover Andreas Lange, Margret Xyländer (Hrsg.): Bildungswelt Familie. Theoretische Rahmung, empirische Befunde und disziplinäre Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-0719-0. 25,00 EUR, CH: 41,50 sFr.

Reihe: Materialien zur Historischen Jugendforschung.
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Thema und Ziel

Die Bedeutung der Familie für den Bildungserfolg von Kindern ist einerseits unumstritten, doch nach wie vor ist relativ unklar, welchen Beitrag einzelne Handlungen, Motivationen, und familiale Prozesse für das Gelingen der Bildungsbiographien leisten. Offenkundig ist eine komplexe Mischung aus Ausgangsvoraussetzungen (kulturelles und soziales Kapital) der Familie, ihrem Alltagsleben und gezielter Unterstützung der Bildungsbiographien der Kinder sowie die Passung von familialen und schulischen Bildungsprozessen in den Blick qualitativer Forschung zu nehmen. Der Sammelband präsentiert zu diesen Themen Forschungsergebnisse und -überblicke sowie theoretische Erklärungsansätze.

Herausgeber und Herausgeberin

Andreas Lange ist einer der bekanntesten deutschen Familiensoziologen und arbeitet heute als Professor für Soziologie an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Zuvor war er viele Jahre wissenschaftlicher Referent im Deutschen Jugendinstitut.

Margret Xyländer ist Soziologin und Promotionsstipendiatin an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie war als Forschungsstipendiatin an explorativen Studien des Deutschen Jugendinstituts beteiligt, deren Ergebnisse u.a. in diesem Band dargestellt werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält neben einer Einleitung einen weiteren, sehr umfassenden und aktuellen Beitrag der beiden HerausgeberInnen. Im Anschluss folgen zehn Aufsätze, die auf Vorträge einer Fachtagung im Jahr 2006 zurückgehen. Die Texte fassen teilweise konkrete empirische Studien zusammen, andere stellen eher internationale Forschungsüberblicke und historische Zusammenfassungen dar oder skizzieren Herausforderungen für zukünftige Forschungsarbeiten.

Andreas Lange und Margret Xyländer fassen in ihrem 70seitigen einführenden Aufsatz sowohl die anderen Beiträge des Buches als auch darüber hinausgehend aktuelle Forschungsarbeiten zusammen und bringen sie in Bezug zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskursen und Rahmenbedingungen. Als „Buch im Buch“ werden hier die wichtigsten Aspekte in großer Breite interdisziplinär skizziert. Besonders die aktuellen allgemeinen Befunde der Familienforschung werden hier hervorragend in Bezug zum Thema Familie als Bildungsort gesetzt. Zudem wird der Diskurs der neueren Forschung zum Thema Bildungsungerechtigkeit in der Auseinandersetzung über Bourdieus Ansätze über soziales und kulturelles Kapital gut zusammengefasst. Neben den strukturellen Aspekten sozialer Ungleichheit werden auch prozessuale Aspekte des Familienlebens in ihrer Bedeutung für die Bildungsbiographie der Kinder verdeutlicht: Studien über die Bedeutung des Lesens mit Kindern, über alltägliche Interaktionsprozesse (gemeinsames Essen, Reden, Spielen, …) über Feinfühligkeit und Bindung in den ersten Lebensjahren und über die informellen Bildungsprozesse in Familien. Abschließend wird ein eigener Forschungsansatz des DJI skizziert, der als „Münchner working model“ bezeichnet wird und die Qualität der alltäglichen Lebensführung noch stärker als bisher in der Forschung aufgreifen möchte. Dies soll in der Betrachtung von alltäglichen Bildungsepisoden in Dyaden, Triaden und der kompletten Kernfamilie geschehen. Hiervon erhoffen sich die AutorInnen Hinweise auf bildungsbezogene Bedeutsamkeiten des Familienalltags in Handlungsfeldern, die bisher in der Forschung noch nicht aufgegriffen wurden, z.B. die Interaktionen von Familien auf Urlaubsreisen, bei populärkulturellen Aktivitäten etc.

Es folgen Berichte über unterschiedliche, zumeist kleinere qualitative Studien in Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen Familie und Schule (Margret Xyländer), alltägliche Bildungsepisoden (Alma von der Hagen-Demszky), die Weitergabe des kulturellen und sozialen „Familienerbes“ (Anna Brake und Peter Büchner über eine größere Marburger Studie) und die Mediennutzung in sozial benachteiligten Familien (Ingrid Paus-Hasebrink).

Katharina Kluczniok u.a. fassen erste Ergebnisse der interdisziplinären BiKS-Studie (Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vor- und Grundschulalter) zusammen. Hier ist es besonders schade, dass der Beitrag auf einem Vortrag von 2006 basiert, da mittlerweile sicherlich weiterführende Ergebnisse der Studie bekannt sind. Die Studie erforscht ambitioniert mit Interviews, teilnehmender Beobachtung und weiteren Methoden die Anregungsqualität in Familien. Dabei werden vor allem Interaktionen zwischen Eltern und Kindern untersucht (Vorlesen, Gespräche, mathematische Förderung, …). Es zeigt sich, dass die Anregungsqualität in deutlichem Zusammenhang mit dem Familieneinkommen steht und dass auch die elterliche Bildung die Einkommenseffekte nicht kompensieren kann.

Renate Kränzl-Nagl und Martina Beham fassen Ergebnisse einer österreichischen Studie über die Bedeutung der Familie für den Schulerfolg zusammen. In dieser Studie wurde die Lernförderung in der Familie im engeren Sinne untersucht: Unterstützung bei den Hausaufgaben, Üben mit den Kindern, Nachhilfe und motivationale Unterstützung. Auch die österreichischen ForscherInnen fanden in ihren Untersuchungen deutliche Indikatoren für die Bedeutung des ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapitals der Eltern für den Schulerfolg der Kinder.

Es folgen vier Beiträge, in denen Überblicke über internationale Studien, über weiterführende Literatur und über die historische Genese der aktuellen Diskurse über Bildungsgerechtigkeit dargestellt werden. Sibylle Schneider verdeutlicht, dass besonders US-amerikanische Studien seit vielen Jahren differenziertes Wissen über die Bildungsbedeutsamkeit und die Bildungsleistungen von Familien zur Verfügung bzw. zur Diskussion stellen. Die Studien unterscheiden das elterliche Engagement für die Bildungsförderung ihrer Kinder nach dem Ort des Engagements; d.h. zwischen homebased (schulische Unterstützung in der Familie) und schoolbased (Unterstützung von schulischen Aktivitäten) parental involvement. Dabei wird unter homebased involvement nicht nur die Lernförderung im engeren Sinne verstanden, sondern auch weitere Merkmale wie Leistungsorientierung der Eltern, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen der Familie, und die familiale Kommunikation (besonders das Vertrauen in die Kinder ist wichtig!) einbezogen. Auch hier ist ein zentrales Ergebnis, dass der sozioökonomische Status der Eltern entscheidend für die Qualität der elterlichen Unterstützung ist. Weitaus weniger wichtig sind kulturelle Faktoren der verschiedenen Bevölkerungsgruppen (Latinos, Asiaten …). Diese These vertritt auch Tanja Betz in ihrem lesenswerten Beitrag über ethnisch-kulturelle Faktoren der Bildungsungerechtigkeit in Deutschland. In ihrer kleinen Studie über türkische und russlanddeutsche Zuwanderergruppen in Deutschland fand sie heraus, dass nur in wenigen Aspekten die ethnische Zugehörigkeit eine relevante Ungleichheitsdimension bildet.

Wolfgang Lauterbach und Barbara Keddi beschließen den Band mit zwei theoretischen Beiträgen. Wolfgang Lauterbach fasst die deutschsprachigen Diskurse zur Entstehung von Bildungsungleichheit der letzten 40 Jahre zusammen. Interessant ist, dass zum einen die aktuellen Auseinandersetzungen vieles wieder aufgreifen bzw. wiederholen, das vor Jahrzehnten bereits diskutiert wurde. Zum anderen ist aber auch die Problematik der Bildungsungleichheit seit Jahrzehnten relativ konstant und anscheinend politisch nur schwer beeinflussbar. Bzgl. der Rolle der Familie unterscheidet Lauterbach zwischen primären Effekten der Bildungsungleichheit, die sich auf die soziale Lage der Familie als Ausgangslage beziehen. Hinzu kommen sekundäre Effekte, die sich aufgrund des familialen Verhaltens während der Schullaufbahn (u.a. auch Entscheidungen für Nachhilfe oder im Notfall sogar Internatsunterbringungen zur Erziehung von Schulerfolg) und hier wiederum besonders auf die Übergangsentscheidungen innerhalb der Bildungsbiographie eines Kindes beziehen.

Diskussion

Die Bedeutsamkeit der familialen Interaktionen und des elterlichen Engagements für den Schulerfolg von Kindern steht seit der ersten PISA-Studie auf der fachpolitischen Agenda. Der Sammelband führt einerseits hervorragend und umfassend in dieses Thema ein und präsentiert zudem erste konkrete Forschungsergebnisse der letzten zehn Jahre.

Neben der direkten Unterstützung von Eltern bei der Lernförderung und der Zusammenarbeit mit der Schule gerät auch der familiale Alltag in seiner Bildungsbedeutsamkeit in den Blick. Dass alltägliche Bildungsepisoden erst langsam in Forschungsprojekten betrachtet werden, lässt auch für die nächsten Jahre noch weitere spannende Befunde und Erkenntnisse erwarten.

Besonders gelungen ist auch das Aufgreifen internationaler Forschungsbefunde und historischer Diskurse, da viele der interessierten LeserInnen erst in den letzten Jahren auf das Thema „Familie und Bildung“ aufmerksam geworden sein dürften.

Fazit

Ein wichtiges Buch für die aktuellen fachlichen Diskurse über die Bildungswelt Familie. Fachpolitisch interessierte LeserInnen und PraktikerInnen in Schule und Jugendhilfe erhalten wertvolle Hinweise, wie Familien die Bildungsprozesse ihre Kinder unterstützen können und wie die Organisationen des Bildungssystems dies unterstützen können. Für PädagogInnen ist es allerdings einigermaßen frustrierend, immer wieder in den Beiträgen zu lesen, dass alle Bildungsambitionen der Eltern und die Qualität der Beziehungen zu den Kindern nur bedingt ausschlaggebend für den Bildungserfolg sein können, da letztlich neben der Begabung des Kindes der ökonomische Status der Familie die wesentliche Variable für den Bildungserfolg darstellt.

Die Konzipierung als Sammelband ist zugleich Stärke und Schwäche des Buches. Die LeserInnen erhalten einen Überblick über aktuelle Forschungsprojekte und spannende inhaltliche Aspekte werden von unterschiedlichen AutorInnen immer wieder aufgegriffen und mit unterschiedlichen Nuancen diskutiert. Andererseits ist die Redundanz auf Dauer ermüdend und fordert starkes thematisches Interesse, um das Buch nicht vorzeitig zur Seite zu legen. Vielen LeserInnen mag der ausführliche einführende Beitrag von Lange und Xyländer genügen, der die wichtigsten Aspekte aller Beiträge aufgreift und zudem neuere Diskurse aufgreift, die sich seit der Tagung im Jahr 2006 ergeben haben.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 17.01.2012 zu: Andreas Lange, Margret Xyländer (Hrsg.): Bildungswelt Familie. Theoretische Rahmung, empirische Befunde und disziplinäre Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. ISBN 978-3-7799-0719-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10643.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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