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Karen Joisten (Hrsg.): Räume des Wissens

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 13.01.2011

Cover Karen  Joisten (Hrsg.): Räume des Wissens ISBN 978-3-8376-1442-8

Karen Joisten (Hrsg.): Räume des Wissens. Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie. transcript (Bielefeld) 2010. 234 Seiten. ISBN 978-3-8376-1442-8. 24,80 EUR. CH: 44,00 sFr.
Reihe: Mainzer historische Kulturwissenschaften - Band 2
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Die Verräumlichung des Wissens

Wissen ist Raum; die Metapher schließt natürlich diejenige ein, die im westlichen, philosophischen Denken Vorrang hat: Wissen ist Macht! Die phänomenologische Betrachtung des topos, des (Lebens)Raums des Menschen als des „In-der-Welt-seins“ in der Heideggerschen Sein- und Zeit-Auffassung, bestimmt bereits in der antiken Philosophie das Nachdenken über (Stand)Ort und Geist, zwischen Position und Element; etwa, wenn Aristoteles stoicheion und topos gleichsetzt und die Fähigkeit zur Rhetorik hervor hebt (vgl. dazu auch: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, sowie: Martin Gessmann, Hrsg., Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner Verlag , Stuttgart 2009, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/8464.php). Es ist nicht verwunderlich und beinahe selbstläuferisch, dass im philosophischen, existentiellen Denken heute, in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt, sich die Bedeutung des Raumparadigmas verändert. In den vielfältigen, wissenschaftlichen Zugangsweisen zeigt sich der Paradigmenwechsel vor allem in den zahlreichen cultural-, iconic- und spatial turns (vgl. dazu: Jörg Döring / Tristan Thielmann, Hrsg., Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008, in: www.socialnet.de/rezensionen/6606.php; sowie in den Standortsuchen der „Raumwissenschaft“ (siehe: Bernd Belina / Boris Michel, Hrsg., Raumproduktionen. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2007, in: www.socialnet.de/rezensionen/10536.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Die Mainzer Kulturphilosophin Karen Joisten (ab 1. 10. 2010 am Forschungsinstitut für Philosophie der Universität Hannover tätig) stellt als Herausgeberin des Sammelbandes „Räume des Wissens“ die vielfältigen Denk- und wissenschaftlichen Zugangsrichtungen vor, wie sie in der Philosophiegeschichte vorfindbar sind und in aktuellen kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen diskutiert werden. Neben der historischen Betrachtung und Spurensuche über die Frage, in welcher Weise die „Beschreibung des Wissens in einem inneren Zusammenhang mit der Beschreibung dieses Wissens mit Hilfe räumlicher Kategorien, Verhältnisse(n) und Ausdrücke(n)“ steht und damit gewissermaßen „Wissen räumlich organisiert ist und raumanzeigende Momente aufweist“, hat die philosophische Frage danach, wie Wissen entsteht, generiert wird, wirkt und was Wissen mit Menschen macht (Anina Engelhardt / Laura Kajetzke, Hrsg., Handbuch Wissensgesellschaft, transcript Verlag, Bielefeld 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10463.php, eine immanent aktuelle Bedeutung.

Karen Joisten präsentiert mit dem Band ausgewählte Forschungsarbeiten, die durch die Initiative des Forschungsschwerpunkts „Historische Kulturwissenschaften“ an der Johannes-Guttenberg-Universität in Mainz entstanden sind. Diese Arbeit lässt sich, das ist mittlerweile anerkannte Erkenntnis im wissenschaftlichen Denken und Handeln, nur interdisziplinär und vernetzt leisten (vgl. dazu auch: Michael Bommes / Veronika Tacke, Hrsg., Netzwerke in der funktional differenzierten Gesellschaft, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10342.php sowie: Markus Gamper / Linda Reschke, Hrsg., Knoten und Kanten, transcript Verlag, Bielefeld 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10555.php).

Aufbau und Inhalt

Die Autorinnen und Autoren untersuchen die Aspekte des etablierten Wissens, das sich als „Alltagswissen“ zeigen, sowie das wissenschaftliche Wissen, wie es sich in den einzelnen Fachdisziplinen darstellt. Sie wählen dabei verschiedene philosophische Grundpositionen aus und stellen dar, „auf welche Weise das spezifische Wissen jeweils räumlich organisiert, strukturiert und/oder veranschaulicht wird und (damit) eine Verräumlichung des Wissens geschieht“.

Der an der FernUniversität in Hagen tätige Philosoph Hubertus Busche unternimmt mit seinem Beitrag „Wissensräume“ den systematischen Versuch, die bedeutsamen „Aspekte der begrifflichen wie sachlichen Verknüpfungen zwischen Wissen und Raum“ darzustellen. Er identifiziert vier elementare Typen von Wissensräumen: den „leibliche(n) Ort individuumsbezogenen Wissens“, als das bewusste Erleben des Wissens und des „Im-Raum-Sein des Wissens“; zum zweiten und im Gegensatz zu, primären Bewusstseins, das „Im-Wissen-Sein des Raumes“, als „Räumlichkeit des Bewusstseins“, das sich als sinnliche Wahrnehmung des Raums und Raumbewusstsein darstellt; drittens als „sozialer Ort der Gewinnung und Vermittlung theoretischen Wissens“, also als „Orte des Wissens“ deklariert (in diesem Zusammenhang sei verwiesen auf den gesellschaftlichen Diskurs über die „Rätsel unserer Lehranstalten“: Karl-Josef Pazzini ,Hrsg., Lehren bildet? Transcript-Verlag, Bielefeld 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10560.php) und viertens „kulturspezifische Wissensräume“, wie sie sich in der global-kulturellen Betrachtung darstellen.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Mainzer Universität, Matthias Vollet, diskutiert in seinem Beitrag „Die metaphysische Begründung räumlich gedachten Wissens“ am Beispiel des philosophischen Wirkens des spätantiken Neuplatonikers Plotin (ca. 205 – 270 n. Chr.). Die in der platonischen Philosophie entwickelte Lehre von den Erkenntnisstufen, die sich vom sinnlichen bis zur seins-existentiellen Erkenntnis aufbaut, formuliert Plotin den „Aufstieg der Seele als Weg der Seele vom Vielen zum Einen“. Das Ganze im Einzelnen sehen, diese uralte Suche nach der Quelle des Unterschiedlichen, wird bei Plotin zur Betrachtung des Wissensraums, der angewiesen ist die grundlegenden Muster und räumlichen wie örtlichen Bezüge, als das, „was der Suchende in festen Händen hat“. Daraus gestaltet er sich das räumliche Denken, Reden und Handeln – und übersteigt sie gleichzeitig.

Die Mainzer Philosophin Mechthild Dreyer setzt sich in ihrem Text „Alkuin und die Rezeption der artes liberales“ mit dem Kulturmythos des frühmittelalterlichen Philosophen und Theologen Alkuin von York (730 – 804) auseinander. Sein Wissens- und Weisheitsbegriff gründet auf der „Ineinssetzung von Wissen, Verstehen und Handeln“ und verdeutlicht, dass eine gemeinsame kulturelle Entwicklung der Menschen nur durch die Rhetorik und die Sittenlehre in der Spannweite der artes liberales, dem Insgesamt der säkulären Wissenschaften als Grammatik, Dialektik und Rhetorik, sowie der Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, entstehen könne. Es ist insbesondere die überlieferten Gewissheit des Glaubenswissens, die Alkuin veranlassen, diesen verstandesgemäß durchdachte oder auch zweckmäßige Reflexionen entgegen zu setzen. So gelingt es ihm, die jüdisch-christliche Offenbarung auch theoretisch zu reflektieren und Grundlagen wissenschaftlichen Denkens einzuführen.

Der Mainzer Theologe (kath.) Stefan Seit nimmt die berühmte Auslegung des italienischen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463 – 1494), “De hominis dignitate”, zum Anlass, mit dem Gott Adam, (dem Menschen), seine Existenz zuweist: .Medium te mundi posui - Ich habe dich in die Mitte der Welt gesetzt,,, - damit du von da aus besser wahrnimmst, was es gibt in der Welt -und Anteil am Göttlichen haben kannst (vgl. auch: http://sammelpunkt.philo.at:8080/37/1/c460.htm). Damit rückt er die vielfach verkannte und falsche Zuweisung zur Selbstbestimmung und Individualität des Menschen im italienischen Renaissance-Humanismus zurecht. Der Mensch ist (wird) in seinem Denken und Handeln nicht von vornherein festgelegt: „Er gehört einerseits zur geschaffenen Natur, ist aber… andererseits nicht oder doch nur in einem sehr besonderen Sinn Teil der Natur…“. Damit aber „versteht sich das innerweltliche Menschsein nicht mehr als bloße Vorgegebenheit…, sondern sie verlagert sich in den innerweltlichen Bereich in das Spannungsverhältnis zwischen genus und Individuum und begründet so einen irdischen, auch sozialen Möglichkeitsraum, in dem die Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung des … exzeptionellen Individuums stattfinden kann und soll“.

Hubertus Busche nimmt erneut den „Wissens“- Faden auf, indem er in einem weiteren Beitrag „Wissensräume bei Gottfried Wilhelm Leibniz“ sucht. Leibniz’ (1646 – 1716) Auseinandersetzungen mit dem Leib-Seele-Problem und seine Nachschau nach dem „leiblichen Ort individuumsbezogenen Wissens“ sind eingebettet in die philosophischen Gewissheiten von der unteilbaren Einheit des menschlichen Bewusstseins im Wahrnehmen, Vorstellen und Denken, in der Fähigkeit zur selbsttätigen Reflexion zu denken, in der anima rationalis Descartes und in das Bewusstsein von der Unsterblichkeit des Geistes. Sein Projekt „Theatrum naturae et artis“ verweist nicht nur auf Erkenntnisräume für seine Zeit, sondern auch auf den aktuellen Diskurs um Wissensräume heute.

Die als Lehrbeauftragte am Philosophischen Seminar in Mainz tätige Patricia Steinfeld reflektiert „Naturerkenntnis als Wissensraum“, indem sie über das naturwissenschaftliche Weltbild im 19. Jahrhundert bei Ludwig Büchner nachdenkt. Der Arzt und Philosoph Ludwig Büchner (1824 – 1899) hat in seinem 1855 erschienenem Werk „Kraft und Stoff“ Grundzüge der Weltordnung formuliert, mit dem Anspruch, dass nur die empirisch-rationale Erfassung den natur wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden könne und alles Metaphysische in den Bereich des Glaubens verwiesen werden müsse: Alles ist Natur bzw. auf Natur zurückführbar. Dieser „naturwissenschaftliche Materialismus“ bestimmte und bestimmt in zahlreichen Fassetten weiterhin die Weltsichten-Sind sie, angesichts des erweiterten, lokalen, regionalen und globalen Naturbegriffs aber allgemein gültig?

Nicole Thiemer setzt sich auseinander mit Heideggers fundamental-gnoseologischer Perspektive, indem sie in ihrem Titel formuliert: „Das Verstehen vor dem Erkennen“. Es sind Wissensräume und –formen, die in Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ einer unterschiedlichen Bewertung in der (menschlichen) „Seinsverfasstheit des Daseins“ unterliegen und dem „Verstehen“ eine Priorität zuweisen. „Indem das Thematischwerden eines Wissbaren immer auch auf die fundamentale Struktur des Verstehens verweist…, können unterschiedliche Wissensräume in ihrer Relevanz und Funktion füreinander sowie ihrem Verweisungszusammenhang zueinander erhellt werden“.

Der Würzburger Musikwissenschaftler Martin Zenck stellt in seinem Beitrag „Passagen zwischen Wissensformen und Wissensräumen“ Überlegungen zu den „Orten“ in der Topik, Heterotopie und Utopie bei Michel Foucault an. Mit Rückgriff auf die Poetik von Stéphane Mallarmé, dessen Gedichte sich auch als „weiße Räume“ darstellen, die jedoch keine „Leerräume“, sondern „Denkorte“ aufzeigen, hat Michel Foucault veranlasst, über die „Sprache des Raums“ nachzudenken. Die theatrale Bedeutung des „Wort-Orts“ mit der „Ordnung der Dinge“ und des Zusammenhangs „mit dem Bildwissen, der Verräumlichung des Bildes und der näheren Bestimmung des Raumes in der Spannung der Ordnungen des Sichtbaren und Unsichtbaren“ verweist auf die im Wechselspiel von Heterotopie und Utopie eingebettete Diskursanalyse (vgl. dazu: Robert Feustel / Maximilian Schochow, Hrsg., Zwischen Sprachspiel und Methode. Perspektiven der Diskursanalyse, transcript-Verlag, Bielefeld 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10559.php).

Karen Joisten schließt den Sammelband ab mit ihrer Reflexion über „Räume des Wissens in einer elektromagnetischen Kultur“, wie sie sich bei der Deutung des Menschen beim jüdisch-tschechisch-britisch-brasilianischen Kommunikations- und Medienphilosoph Vilém Flusser (1920 – 1991) darstellt. Flussers Auffassung, „dass sich der Mensch und der Raum im Zuge des Übergangs in die elektromagnetische Kultur in Relationen auflösen und sich in der Konsequenz für den Menschen die Aufgabe stellt, seine eigenen (Lebens-)

Welten digital zu entwerfen“, erfordert einen Perspektivenwechsel vom buchstäblichen zum numerischen Denken und vom subjektorientierten hin zum projektierten Bewusstsein; allerdings – in der Kontrastierung zu den Mensch-Raum-Auffassungen Otto Friedrich Bollnows – nicht in einer entmaterialisierten oder entmenschlichten Form, sondern als „Knotenpunkt eines dialogischen Netzes“, das wiederum die Menschlichkeit herausfordert.

Fazit

Die Darstellung von Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie, als der Versuch, „anhand der Analyse zentraler Konzeptionen innerhalb der Philosophiegeschichte die Relevanz einer aktuell in kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen vertretenen Auffassung zu konturieren“, hat zu differenzierten Überlegungen und Thesen geführt, „die Möglichkeit(en) der Beschreibung des Wissens in einem inneren Zusammenhang mit der Beschreibung dieses Wissens mit Hilfe räumlicher Kategorien, Verhältnisse und Ausdrücke“ aufzuzeigen. Die in der Reihe „Mainzer Historische Kulturwissenschaften“ im transcript-Verlag publizierten Denk- und Forschungsergebnisse sind ohne Zweifel wichtige Bausteine auf der Suche nach dem „Wissens-Welt-Weg“, der es den Menschen und der Menschheit ermöglicht, ihn auch zu gehen – damit das Wissen über Wissensräume nicht Wissensträume bleiben!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.01.2011 zu: Karen Joisten (Hrsg.): Räume des Wissens. Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1442-8. Reihe: Mainzer historische Kulturwissenschaften - Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10650.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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