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Georg Fülberth: Sozialismus

Cover Georg Fülberth: Sozialismus. PapyRossa Verlag (Köln) 2010. 111 Seiten. ISBN 978-3-89438-430-2. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 18,90 sFr.

Reihe: Basiswissen Politik, Geschichte, Ökonomie.
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Thema

Im 19. Jahrhundert entstanden drei große politische Theorien beziehungsweise Ideologien, neben dem „Liberalismus“ und „Konservatismus“ auch der „Sozialismus“. Letzterer zielt auf die Schaffung einer solidarischen Gesellschaft ab, in der die Grundwerte Freiheit und Gleichheit verwirklicht werden. Eine zentrale Rolle nimmt dabei die Veränderung der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung ein, die nach sozialistischem Verständnis soziale und ökonomische Abhängigkeit begründet und der persönlichen und gesellschaftlichen Emanzipation entgegensteht. Der Sozialismus entstammt dem aufklärerischen Denken und ist unter anderem den Prinzipien der französischen Revolution verpflichtet; sein Grundgedanke – die Abschaffung der Herrschaft von Menschen über Menschen – trug wesentlich zu seiner internationalen Verbreitung bei.

Was Sozialismus sei, wird angesichts der Krisenhaftigkeit seines Gegenstücks, des Kapitalismus, bis heute immer wieder – gelegentlich auch heftig und beherzt – debattiert. Was konkret gemeint ist, bleibt dabei aber häufig unklar. Dem möchte Georg Fülberth mit dem vorliegenden Buch abhelfen.

Autor

Georg Fülberth (Jg. 1939) lehrte von 1972 bis zu seiner Emeritierung 2004 Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Zunächst hatte er nach dem Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Frankfurt am Main das Erste Staatsexamen für das Lehramt abgelegt, bevor er Politische Wissenschaften und Soziologie in Berlin und Marburg studierte. 1970 promovierte er in Marburg bei Wolfgang Abendroth (1906-1985) und wurde noch im selben Jahr sein wissenschaftlicher Assistent.

Von 1962 bis 1966 gehörte Fülberth der SPD an, seit 1964 bis zu dessen Selbstauflösung dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund); seit 1974 ist er Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), für die er besonders auf lokaler Ebene (in Marburg) aktiv ist. Seine Forschungsschwerpunkte liegen hauptsächlich in der Theorie und Geschichte des Kapitalismus, in der Geschichte der Arbeiterbewegung und in der lokalen Zeitgeschichte. Er publiziert unter anderem regelmäßig in „Freitag“, „Konkret“, „junge Welt“, „Marxistische-Blätter“, „Neues Deutschland“ sowie in einer Vielzahl wissenschaftlicher und anderer Zeitungen und Zeitschriften. In seinen zahlreichen Büchern und Publikationen beschäftigt er sich unter anderem mit der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, der Geschichte des Kapitalismus und des Sozialismus sowie der Lokal- und Regionalgeschichte.

Entstehungshintergrund

Aufbauend auf seinen jahrzehntenlangen Interessens- und Forschungsschwerpunkten, ebenso wie seinem politischen Engagement, hat der Autor gleichzeitig mit dem schmalen Band „Sozialismus“ auch einen Band zum Thema „Kapitalismus“ vorgelegt (vgl. die Rezension). Beide Bücher erscheinen in der Reihe „Basiswissen Politik, Geschichte, Ökonomie“ des Kölner PapyRossa Verlags, dessen Themen vor allem Wirtschaftsgeschichte und -politik, Politikgeschichte und Geschichte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen umfassen, ebenso wie Werke zum Nationalsozialismus und Faschismus, zur Sozialgeschichte und zur Geschichte der Geschlechterbeziehungen.

Aufbau

Das sehr übersichtlich gegliederte Buch umfasst drei Abschnitte, die ihrerseits die folgenden zwei, neun und zwei Kapitel umfassen:

I. Definition

  1. Formale Bestimmung
  2. Normativer Anspruch

II. Geschichte

  1. Sozialistische Bewegungen in der Industriellen Revolution
  2. Organisierter Kapitalismus und national verfasste Arbeiterbewegungen 1873-1914
  3. Sozialismus im Krisenkapitalismus 1914-1918
  4. Sowjetrussland 1917-1945
  5. Sozialismus in der kapitalistischen Welt 1918-1945
  6. Das „sozialistische Weltsystem“ 1945-1991
  7. Sozialismus in den Ländern nachholender Entwicklung bis 1973
  8. Defensive des Sozialismus im Finanzmarktkapitalismus
  9. Sozialismus in den Ländern nachholender Entwicklung nach 1973

III. Lehren

  • [1.] Eine mögliche Variante unter vielen…
  • [2.] wws: wordwide socialism…

Ergänzt wird die Darstellung durch „Einige Literturhinweise“.

Inhalt

Unter Sozialismus (Kapitel I) versteht Georg Fülberth dreierlei:

  1. eine Gesellschaftsordnung,
  2. eine politische Bewegung und ihre Theorie,
  3. ein untergeordnetes Organisationsprinzip in der kapitalistischen Gesellschaft.

Wie alle Gesellschaftsordnungen (Feudalismus, Kapitalismus) und politischen Orientierungen habe der Sozialismus ein Wertesystem, das von seinen AnhängerInnen als seine Zielvorstellung, von Außenstehenden als seine Ideologie verstanden werde. Als unaufgebbare Voraussetzung seiner Verwirklichung gelte „die Aufhebung oder tief greifende Einschränkung des Privateigentums an den wichtigsten Produktionsmitteln“ (S. 12). Konstituierend für die sozialistische Theorie sei auch der Entwicklungsgedanke: die angestrebte Ordnung könne nicht von heute errichtet werden, sondern realisiere sich über eine längere historische Strecke hinweg.

Ausgehend von dieser Definition arbeitet der Autor in gebotener Kürze, aber dennoch präzise und gut nachvollziehbar, die Grundzüge der Geschichte der sozialistischen Bewegungen seit Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft, des staatlich verfassten Sozialismus seit 1917 und von Vergesellschaftungstendenzen im Kapitalismus selbst heraus (Kapitel II). Die Auflösung der UdSSR 1991 habe die Variante des Sozialismus beendet, der zunächst in Russland, später in ihrem außenpolitischen Machtbereich aufgebaut worden sei. Dieser Gesellschaftstyp habe Leistungen hervorgebracht und einige Vorzüge aufgewiesen, „die ihn jedoch letztlich nicht auf Dauer in den Volksmassen verankern konnten“ (S. 82).

Darauf aufbauend fragt Georg Fülberth schließlich nach den Möglichkeiten für eine Zukunft des Sozialismus (Kapitel III). Hierzu stellt er zunächst fest, dass sich in den bisherigen sozialistischen Versuchen das staatliche Volleigentum als nicht geeignet erwies, die Lebensbedingungen in hochkomplexen Gesellschaften zu gestalten. Das Scheitern des von kommunistischen Parteien organisierten Staatssozialismus erkläre sich zu großen Teilen dadurch. Der Versuch sozialdemokratischer Parteien, Privateigentum lediglich durch die Setzung von Rahmenbedingungen politisch zu steuern, sei ebenfalls erfolglos gewesen. Der Niedergang und schließlich die Niederlagen dieser zwei Varianten des Sozialismus hätten seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts „eine Entfesselung der Märkte ermutigt, deren immer stärker krisenhafte Entwicklung nunmehr die Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher Eingriffe wieder nahe legt“ (S. 104). Damit könne, so die weiterführende Argumentation des Autors, Sozialismus zumindest als „untergeordnetes Organisationsprinzip“ in der kapitalistischen Gesellschaft erneut aktuell werden.

Im Hinblick auf die Eigentumsfrage werden sich sozialistische Gesellschaften nach Ansicht von Georg Fülberth – neben etlichen anderen Gesichtspunkten (Stichwort: „Verstaatlichung“ und andere „öffentliche Eigentumsformen“) – „sogar darauf verständigen, dass auch innovatives und leistungsfähiges kapitalistisches Privateigentum sinnvoll ist, wenn es an folgende Bedingungen gebunden ist:

    1. Es muss unter strenger öffentlicher Kontrolle stehen, durch Mitbestimmung und durch ein lückenloses Arbeitsrecht.

    2. Über die Investitionen und die Verwendung des Gewinns werden die Eigentümer keine uneingeschränkte Verfügung haben. Ein Teil des Profits wird ständig abgeschöpft – durch Progressivbesteuerung – und gesamtgesellschaftlichen Aufgaben zugeführt werden“ (S. 105).

Die Frage, wie aktualitätstüchtig solche Modellvorstellungen über Ersetzung und Kontrolle des Privateigentums sein können, wird nach Ansicht des Autors unterdessen von Land zu Land anders zu beantworten sein. Für die Bundesrepublik stellt Georg Fülberth hierzu ein „Gedankenspiels“ vor, das er die „Pink, Grey, Red, Blue Revolution“ (PGRBR) nennt (S. 105): eine Umwälzung zugunsten der Jungen, der RentnerInnen, der von Lohn- oder Transfereinkommen Abhängigen und der Antikriegskräfte, deren ökologische Dimension als selbstverständlich vorausgesetzt wird. „Wahrscheinlich wird die wichtigste Aufgabe des 21. Jahrhunderts darin bestehen, die Fehler des 20. zu revidieren und ihre Wiederholung unmöglich zu machen“ (S. 106). Das in diesem Zusammenhang gebrauchte uralte Reizwort „Revolution“ benutzt der Autor bewusst, weil seines Erachtens die hier vorgeschlagenen innerkapitalistischen Reformen unter den aktuellen Bedingungen der Bundesrepublik Deutschland nur durch die vorstehend beschriebenen vier Modifikationen des Eigentums bewältigt werden können, „also durch einen großen Anteil Sozialismus noch im Kapitalismus“ (S. 107).

Im Hinblick auf die internationale Entwicklung müssten SozialistInnen, so Georg Fülberth, die

1. mit der politischen Verfügung über die Produktions- und Zirkulationsmittel sowie über die Erbringung von Dienstleistungen durch den planenden, organisierenden und verteilenden Einsatz von politischen Institutionen,

2. die freie Entwicklung eines jeden Menschen als Bedingung für die freie Entwicklung aller und

3. die reproduktive Gestaltung des Verhältnisses von Mensch und Biosphäre erreichen wollen, Konzepte und eine politische Praxis entwickeln, „die

a. den jeweiligen Bedingungen ihres Landes, ihrer Region sowie ihrer lokalen Situation und

b. übergreifenden Notwendigkeiten – wie zum Beispiel einer Kontrolle der Finanzmärkte und der gemeinsamen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen – gerecht werden“ (S. 107).

Mit dem Hinweis „Mit einem Teelöffel aus dem Meer geschöpft…“ gibt der Autor am Ende seiner Darstellung „Einige Literaturhinweise“ (S. 108-111), wobei er in einführende Lektüre (zu a. Theorie und b. Geschichte) sowie in A. Theoretische Arbeiten und B. Geschichte unterscheidet.

Diskussion

Schon in den 1920er Jahren ließ der deutsche Soziologe und Volkswirt Werner Sombart (1863-1941) in einem Seminar alle damals bekannten Definitionen von Sozialismus ausarbeiten, und kam auf die Zahl von 260. Was unter Sozialismus (genau) zu verstehen sei, war dabei generell und prinzipiell umstritten. Nach wie vor tut man sich mit dem Begriff „Sozialismus“ schwer. Eine allgemein anerkannte, wissenschaftlich gültige und zuverlässige Definition, die eventuell sogar seine verschiedenen historischen Erscheinungsformen abdeckt, existiert jedenfalls nicht. Vielmehr zeichnet sich seit mehr als 100 Jahren der Wortgebrauch durch eine große und teilweise unklare Bedeutungsfülle aus und unterliegt einem ständigen, tief greifenden Bedeutungswandel. Zur näheren Präzisierung werden dem Begriff häufig Adjektive (wie beispielsweise proletarisch, wissenschaftlich, demokratisch, christlich, genossenschaftlich, konservativ oder utopisch) vorangesetzt. Die Bedeutungsvielfalt wird zusätzlich dadurch gesteigert, weil der Begriff sowohl Methoden und Zielvorstellungen sowie gesellschaftlich-politische Bewegungen, als auch historisch-gesellschaftliche Phasen und existierende Gesellschaftssysteme bezeichnen kann.

Der von Georg Fülberth vorgelegte schmale Band bietet aus marxistischer Sicht zum Thema Sozialismus eine aktuelle Orientierungsmöglichkeit. Wer sich darüber hinaus mit einzelnen Aspekten vertiefend beschäftigen möchte, findet hierzu entsprechende Literaturhinweise.

Eine wissenschaftliche Debatte über Sozialismus als alternativen Gesellschaftsentwurf, wie es sie während der Studentenbewegung der 1960er Jahre hauptsächlich an den (deutschen) Universitäten gab, findet unterdessen heute kaum mehr statt. Dabei wäre sie angesichts der Globalisierung und des heutigen „High-Tech-Kapitalismus“ sowie den damit verbundenen Arbeits- und Lebensbedingungen wichtiger denn je, nicht zuletzt, um aus den historischen Erfahrungen zu lernen und „das sozialistische Projekt“ zu aktualisieren.

Bemerkenswert erscheint unterdessen, dass sich – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der zurückliegenden Wirtschaftskrise – mittlerweile eine große Mehrheit der Deutschen vorstellen kann, in einem sozialistischen Staat zu leben, solange für Arbeitsplätze, Solidarität und Sicherheit gesorgt wäre. Dies ist zumindest das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der Bertelsmannstiftung, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ im August 2010 (also nicht als Aprilscherz!) vorab berichtete. Demnach hätten sich in Ostdeutschland 80 Prozent der Befragten, in Westdeutschland 72 Prozent dahin gehend geäußert (vgl. www.welt.de/politik/deutschland/article9074415/Deutsche-misstrauen-dem-Kapitalismus.html).

Fazit

Der von Georg Fülberth vorgelegten Darstellung „Sozialismus“ ist eine große Leserschaft zu wünschen, nicht zuletzt deshalb, damit der weitere gesellschaftliche Diskurs über das Thema auf einer möglichst breiten Basis erfolgt.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 11.01.2011 zu: Georg Fülberth: Sozialismus. PapyRossa Verlag (Köln) 2010. ISBN 978-3-89438-430-2. Reihe: Basiswissen Politik, Geschichte, Ökonomie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10655.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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