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Benjamin Drechsel (Hrsg.): Bilder von Europa

Cover Benjamin Drechsel (Hrsg.): Bilder von Europa. Innen- und Außenansichten von der Antike bis zur Gegenwart. transcript (Bielefeld) 2010. 344 Seiten. ISBN 978-3-8376-1458-9. 32,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Europäische Horizonte - Band 6.
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Europäische Identität – Bilder und Wirklichkeiten

Europa gestalten, politisch, wirtschaftlich, kulturell, sozial, das steht auf der Agenda der Europäer. Aber wer sind sie, die Europäer? Welches Bewusstsein ist in ihnen von einem gemeinsamen Kontinent Europa? Wie lässt sich das, was als „europäische Identität“ bezeichnet wird, in die Köpfe, Herzen und Taten der Menschen in Europa bringen? (vgl. dazu: Kerstin Adam / Stephanie Bruel / Andreas Keller u.a.: Europäische Werte. Les valeurs européennes. Ein Bildungsprojekt für Jugendliche - Handbuch für Multiplikatoren, Wochenschau Verlag, Schwalbach 2008, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/6173.php; siehe auch: Michael Sommer / Hans J. Schabedoth, Hrsg., Europa sozial gestalten!. Schüren Verlag, Marburg 2008, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/6035.php).

Die mit Euphorie und Optimismus in die Präambel des Entwurfs eines Vertrags über eine Verfassung für Europa 2003 hineingeschriebene Vision – „In der Gewissheit, dass Europa `in Vielfalt` geeint, ihnen die besten Möglichkeiten bietet, unter Wahrung der Rechte des Einzelnen und im Bewusstsein ihrer Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen und der Erde dieses große Abenteuer fortzusetzen, das einen Raum eröffnet, in dem sich die Hoffnung der Menschen entfalten kann“ – ist bisher nicht realisiert worden. Die politischen Unzulänglichkeiten, Bedenken und Widerstände stehen dabei in einem merkwürdigen Widerspruch zu den vielfältigen wissenschaftlichen Anstrengungen zur Begründung dieses politisch, wirtschaftlich und kulturell geeinten Europas.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

„Man kann Europa nicht von den Bildern trennen, die sich die Europäer von ihrem Kontinent gemacht haben“ – und machen. In zwei wissenschaftlichen Tagungen haben Politik-, Kultur- Medien- und Sprachwissenschaftler, Historiker, Didaktiker und Journalisten zu den Themen „Europabilder im Wandel der Geschichte“ (Oktober 2007 in Aachen) und „Europabilder: Innen- und Außenansichten“ (Dezember 2008 in Essen) über „Innen- und Außenansichten (Europas, JS) von der Antike bis zur Gegenwart“ reflektiert und danach gefragt, wie die Vorstellungen, Ideen und Imaginationen von Europa in den Geschichten und Köpfen der Menschen entstanden sind und sich entwickelten. In diesem Europa, das ja mit dem geographischen Blick als von anderen Räumen abgegrenztem Raum, kein Kontinent im Vergleich mit den anderen Erdteilen, jedoch kulturell, historisch und nicht zuletzt mythisch, als ein „Raum der Vorstellungen“ und nicht zuletzt der Ideologien im Sinne der (Euro-) Zentrierung in der historischen Entwicklung entstanden und „mächtig“ wirksam ist, hat es ja im Laufe der Geschichte mehrere Versuche gegeben, den Kontinent zu einen, mit Dominanz, Besitzanspruch und Waffengewalt. In den sich nach den verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs entwickelten Ideen zur Einigung Europas schwingt deshalb immer wieder der Spagat zwischen religiösen und weltlichen Machtansprüchen auf der einen Seite und der historischen Entwicklung und des mythischen Auftrags wider. Es sind die Bilder, die sich die Europäer von sich machen, die eben historisch, kulturell und nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit den anderen, die sich auch Europäer nennen (wollen), entstanden sind; aber auch den Bildern, die sich die anderen Menschen, die außerhalb dieses Europas leben, von Europa und den Europäern machen. So entstehen Konflikte, Kriege, aber auch Einigungen. Jede Situation, ob Machtanspruch, Eroberung oder Zusammenschluss, vermittelt und stellt sich in tatsächlichen, visionären oder irrationalen Selbst- und Fremdbildern dar. Sie können aggressivieren und integrieren; es können Leit- oder Horrorbilder sein; und im Alltags- wie im Wissenschaftsdiskurs zeigen sich dabei ganz unterschiedliche Tendenzen zur Habhaftwerdung von Bildern von einem gemeinsamen Europa – als „Europa der Europäer“, als Staatenbund, Bundesstaat, als Union… Der wissenschaftliche Blick auf Europa vollzieht sich heute zwar nicht mehr aus der nationalen Perspektive; doch die Schwierigkeiten im Einigungsprozess machen deutlich, dass die Zentrismen und Egoismen nach wie vor stark sind und ein Gemeinsames Europa, in welcher konstitutionellen Form auch immer, bis heute verhindern. Eine „Europawissenschaft“ oder „Europäistik“, wie sie bei der Konferenz an der Stiftungsuniversität Hildesheim, vom 30. 4. bis 2. 5. 2008, als wissenschaftliche und interdisziplinäre Initiative diskutiert wurde (vgl. dazu auch: Michael Gehler / Silvio Vietta, Hrsg., Europa – Europäisierung – Europäistik, Böhlau-Verlag, Wien 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/9268.php), zeigt nur einen Strang der vielfältigen Bemühungen um Standortbestimmungen zu den Begrifflichkeiten und Wirklichkeiten im europäischen Einigungsprozess auf. Einen Koordinierungs- und Kooperationsanspruch, „angesichts dieses sich europäisierenden Raums individueller und gesellschaftlicher Erfahrungen“, vertreten dabei die Kulturwissenschaften. Sie können ihn jedoch nur dann realisieren, wenn „sie sich selbst – von Grund auf – zu einer postnational strukturieren Forschungslandschaft europäisieren“.

Aufbau

Das Herausgeberteam, Benjamin Drechsel vom Kulturwissenschaftlichen Institut an der Universität Duisburg-Essen, der Historiker an der Universität Witten/Herdecke, Friedrich Jaeger, der Aachener Politikwissenschaftler Helmut König, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Essener Instituts, Anne-Katrin Lang und der Kultur- und Politikwissenschaftler an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, Claus Leggewie, gliedern den Tagungsband in, ihrem gemeinsamen Einleitungsbeitrag „Bilder von Europa aus kulturwissenschaftlicher Perspektive“, in drei Kapitel:

  • Im ersten Teil werden „Selbstbilder Europas im historischen Wandel“ dargestellt;
  • danach werden „Bilder Europas in den anderen Kulturen“ reflektiert;
  • um drittens „zur ikonografischen Dimension von Europabildern“ Positionen zu beziehen.

1. Selbstbilder Europas im historischen Wandel

Der Essener Historiker Justus Cobet stellt in seinem Beitrag „Europabilder in der Antike und aus der Antike“ vor. Mit zahlreichen Quellennachweisen zeigt der Autor die historische, mystische Europawerdung auf, von Herodot bis zum römischen Kartografen Strabon, von Aristoteles bis Montesquieu und John Stuart Mill. Mit seiner Rezeptionsgeschichte, die in der Antike als dem kulturellen Gedächtnis Europas beginnt und mit dem Beginn der europäischen säkularen Kultur aktuell und global „universalistischen Geltungsanspruch“ fordert, stellt er die Frage nach dem Selbstverständnis der Europäer im Hier und Heute: „Wir haben also nicht nur nach einem Europagedanken in und aus der Antike zu suchen, vielmehr nach europäischen Gedanken, die uns aus der Antike überkommen sind“.

Der Historiker für Mittelalterliche Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Martin Kintzinger, nimmt mit seinem Text „Regionalität des Globalen“ Stellung zu einem geschichtlichen Fingerzeig zur Europa-Perspektive, die vom Mittelalter bis heute reicht. Das politische Programm „Europa der Regionen“ und die (eher Verlegenheits-)Metapher von der „Vielfalt der Kulturen“ lässt den Mittelalterhistoriker nicht staunen – ähneln sie doch, „wenn auch unter völlig anderen Rahmenbedingungen, recht genau dem mittelalterlichen Europa“. Vom „Europa als Herrschaftsraum der Welt“, wie er sich im Eurozentrismus darstellt, bis zu den heutigen Mühen, dass „es die Europäer sind, die aus dem Eigenen ihrer regionalen Traditionen ein Gemeinsames formen müssen, um den Anforderungen unserer Zeit gerecht zu werden“, reicht der Blick und reichen die Bilder dieser Suche und Selbstbestimmung nach einem gemeinsamen Europa.

Der Historiker an der Universität Köln, Jürgen Elvert, diskutiert neuzeitliche Vorstellungen vom Wesen und von der Verfasstheit Europas, indem er in seinem Referat „Mensch, Gleichgewicht und Integration“ wesentliche Stränge der Europa-Auffassungen, von Erasmus von Rotterdam, über Victor Hugo bis zur Gründung des Europarats 1949 und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 Revue passieren lässt. Erasmus als überzeugter Humanist und Pazifist, und als ein Vordenker eines geeinten Europas? Eine interessante Erinnerung!

Der ehemalige Botschafter und Direktor im Bereich Außenbeziehungen der Europäischen Kommission, Christian D. Falkowski, analysiert in seinem Beitrag „Multilaterale Politik in einer sich verändernden Welt“ die Außenbeziehungen der Europäischen Union. Er zeigt den Anspruch der EU an eine europäische Integration in den Bereichen Wirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit und Außenpolitik auf, diskutiert die Außenbeziehungen der Union als demokratische Zivilmacht und mahnt die Europäer, das „postnationalstaatliche Konzept Europa“ ernsthaft und schnell zu realisieren.

Der Schriftsteller, Journalist und Herausgeber der Kiewer Monatszeitschrift Krytyka, Mykola Riabschuk, stellt fest: „Die Ukraine am lulturellen und geopolitischen Scheideweg“. Es sind zwei Fragen, die er an uns und sich selbst richtet: Warum tauchen “weder Weißrussland noch die Ukraine jemals klar und verbindlich auf den geistigen Landkarten der Westeuropäer“ auf? Und: „Was läuft falsch mit der Ukraine und den Ukrainern, dass sie es nicht schaffen, auf den geistigen Landkarten des Westens zu erscheinen?“ Einige seiner Antworten zur Fremd- und Selbstidentifikation seines Volkes findet er in der literarischen, kulturellen, sprachlichen und politischen Teilung der Ukraine, mit dem Hinweis, dass lediglich ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit stimmte und 1991 nur eine Minderheit „einen radikalen Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit, eine Entkommunisierung und Europäisierung der Ukraine“ eingetreten sei, sich aber nach 2001 deutlich verändert habe und etwa die Hälfte der ukrainischen Bevölkerung eine pro-westliche und pro-demokratische Politik befürworteten.

2. Bilder Europas in den anderen Kulturen

Das zweite Kapitel „Bilder Europas in den anderen Kulturen“ beginnt Stefan Reichmuth, Professor für Orientalistik an der Ruhr-Universität Bochum, indem er die Ambivalenzen im arabisch-europäischen Verhältnis aufzeigt und titelt: „Zwischen Identifikation und Trauma“. Anhand von drei Schnittstellen verdeutlicht der Autor die historischen, aktuell vielfach weiter wirkenden Entwicklungen: Die euro-arabischen wirtschaftlichen und kulturellen Investitionen im späten 19. Jahrhundert, die er am Beispiel Ägyptens verdeutlicht, sowie die gegenläufig einsetzenden wirtschaftlichen Investitionsaktivitäten insbesondere durch die Ölstaaten spätestens seit den „Ölkrise(n)“ in den 1970er Jahren in Europa; als zweite Schnittstelle sieht Reichmuth den arabischen Liberalismus, wie er sich vor allem in Ägypten ebenfalls seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelt; und schließlich die dritte Schnittstelle – Spanien – als Nostalgieort der arabischen Präsenz und des politischen und kulturellen Einflusses in Al Andalus und Migrationsziel der aktuellen Wanderungsbewegungen vom afro-arabischen Raum nach Europa. Öffnungstendenzen – und damit gleichzeitig zivilgesellschaftliche Annäherungs- und Kooperationsversuche zwischen Europa und der arabischen Welt – stellen sich durch das Web dar, wie eine Fallstudie über den Internet-Alltag in der arabischen Welt am Beispiel Marokkos zeigt (vgl. dazu: Ines Braune, Aneignungen des Globalen, transcript Verlag, Bielefeld 2008, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/8133.php).

Der Professor für Außereuropäische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen, Christoph Marx, setzt sich in seinem Beitrag „Europeans Only“ mit Leitbild, Vorbild und Zerrbild in Südafrika, in den Jahren 1948 – 2008, auseinander. Es ist die Dominanzgeschichte der Weißen, in der das Apartheid-System entstand und es einer Minderheit von Europäern in der Mehrheitsgesellschaft der schwarzen Bevölkerung ermöglichte, ein burisches, nationalistisches und rassistisches Regime zu errichten. Der Autor weist dabei in besonderer Weise auf die vielfältigen Bezüge und Verbindungen zu europäischen Mächten und auch wissenschaftlichen Einrichtungen, etwa zur deutschsprachigen Ethnologie, hin, die die Dominanz festigte. Die zaghaften Versuche nach der Unabhängigkeit Südafrikas, zu einer „African Renaissance“ zu kommen und die Meinungs- und Aktionsführerschaft für eine „afrikanische Einheit“ zu gewinnen, münden in eine Entwicklung, die Christoph Marx „afrikanischer Kulturnationalismus“ nennt. Ein Vergleich mit den Bemühungen um eine europäische Einigung fällt dabei äußerst pessimistisch aus: „Eines der größten Defizite afrikanischer Staaten ist das unterentwickelte Bewusstsein der Machteliten für demokratische Institutionen und insbesondere die Toleranz für oppositionelle Parteien“.

Die Heidelberger Medienwissenschaftlerin und Ethnologin Christiane Brosius diskutiert „Enklaven und Kosmopoliten“, indem sie über die Rhetorik des Westens im neuen Indien reflektiert. Es ist die „Verräumlichung von `Lifestyle`“, der den diffusen Blick und den medialen und konsumtiven Einfluss einer Metapher „Europa“ vor allem auf die wohlhabenderen und meinungsbildenden Schichten in Indien bestimmt. Es sind neoliberale Vorstellungen vom globalen Kapitalismus, wie ihn die westlichen Sendboten präsentieren; und es sind nicht zuletzt die präsenten Präsentationsformen der (kolonialen) europäischen Architektur und die europäischen Stadtplanungsmodelle, die sich – von der Partymeile, den Freizeitparks, bis zu den Gated Communities – als Global City darstellen: „Europa reicht tief hinein in einen imaginären Raum, der territoriale Grenzen auflöst und Europa vor allem als zutiefst ambivalenten Erfahrungsraum konstituiert“.

Martin Gieselmann, Geschäftsführer des Südasien-Instituts der Universität Heidelberg, setzt sich in seinem Beitrag „Europe Remediated“ mit der kinematographischen Bildproduktion Chinas im 20. Jahrhundert auseinander. „Ouzhou“, Europa, wird mit der Silbe „zhou“ als gleichgewichtiger Kontinent zu Amerika und Asien bezeichnet. Mit dieser neuzeitlichen Verschiebung der Wahrnehmung vollzieht sich ein Blickwechsel zu der traditionellen Bestimmung von „zhongguo“, Chinas, als das Reich der Mitte. Anhand von zwei Filmen, einem russischen und einem deutschen, zeigt der Autor auf, was er „Remediating Europe“ bezeichnet; mit der schönen, russischen Militärärztin Natascha (Purple Sunset, 2001) und dem tüchtigen deutschen Ingenieur Hans im Film „Der Zwischenfall mit der Schwarzen Kanone“. Die ausgewählten chinesischen Europabilder, wie sie sich im Filmschaffen in den 1990er Jahren darstellen, veranlassen den Autor zu der Frage, „ob nicht aus deutscher Perspektive der umgekehrte Blick zu riskieren wäre“.

Michael Wala, Professor für die Geschichte Nordamerikas an der Ruhr-Universität Bochum, denkt über „Europäisierung Amerikas – Amerikanisierung Europas“ nach, indem er Bilder und Selbstbilder in den europäisch-amerikanischen Beziehungen aufzeigt. Die ikonografischen Darstellungen der beiden Kontinente in der Geschichte sind es vor allem, die die Bilder und Auffassungen vom jeweils anderen, wie auch die Selbstdarstellungen geprägt haben. Es sind die jeweiligen Sendungsgedanken, die als –bewusstsein vom „besseren“, heils- und machtbringenden Teil der Welt in den verschiedenen Geschichtsphasen dominant wurden – und heute in der Amerikanisierung Europas virulent sind; die aber in der Analyse deutlich machen, dass „im Gewand aus amerikanischer Kultur und politischen Ideen ( ) eine europäische Gestalt (steckt)“.

Die Hispanistin und Lateinamerikanistin an der Universität Köln, Katharina Niemeyer, diskutiert „Lateinamerikanische Europabilder um 1900“, indem sie bei den Reisenden nachschaute, die sich aus unterschiedlichen Gründen, auf den Weg von ihren lateinamerikanischen Heimatländern nach Westeuropa aufmachten, auf der Suche nach sich selbst, nach literarischen und künstlerischen Standorten, oder zur Ausbildung. Es sind Imaginationen und Spiegelungen, etwa Paris oder Madrid, die sie suchten und über die sie literarisch und künstlerisch berichteten und in Lateinamerika die Europabilder projizierten, die bis heute dort vorfindbar sind; nicht selten als Einbahnstraße, denn Europa nahm ihr Schaffen nur selten wahr.

3. Zur ikonografischen Dimension von Europabildern

Im dritten Kapitel „Zur ikonografischen Dimension von Europabildern stellt der Historiker an der Universität Flensburg, Gerhard Paul, in seinem Beitrag „Europabilder des 20. Jahrhunderts. Bilddiskurse – Bilderkanon – visuelle Erinnerungsorte“ fest, dass die politischen Bilderwelten und das Bildgedächtnis im heutigen Europa äußerst schwach ausgeprägt und wenig erforscht sind. Mit seiner Analyse geht er diesem Defizit nach, indem er die Bilderwelten Europas in vier Komplexen darstellt: In propagandistisch inspirierte, negative Schlaglichter, in denen, bis heute, Europa als der bedrohte Kontinent gezeigt wird; in Werbebildern und Symbolen, die den offiziell gewünschten Europadiskurs visualisieren; in Schlüsselbildern, die historisch begründete Idealisierungen vermitteln sollen; und schließlich in Bildclustern und Einzelbildern, die eine gemeinsame Erfahrung und Geschichte der Europäer vermitteln. Es sind „geteilte Erinnerungen“, die nach wie vor auf den nationalen Geschichten beruhen und als Strahlenbündel wirken, „das durch das Prisma der Nationen gebrochen wird“.

Daniela Kneißl, die bis 2008 als Fachreferentin für Zeitgeschichte am Deutschen Historischen Institut in Paris tätig war und heute als wissenschaftliche Referentin bei der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn arbeitet, setzt sich in ihrem Text „Zwischen Universalismus und Begrenzung: Europavisualisierung als Europakonstruktion in den 1950er Jahren“ damit auseinander, wie Bilddarstellungen, etwa in Ausstellungen, den Europadiskurs bestimmten, beförderten, kontextualisierten und manipulierten.

Der Leiter der Abteilung „Das Technische Bild“ am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik an der Berliner Humboldt-Universität, Matthias Bruhn, denkt über den „European Style“ nach und sucht nach Belegen, Symbolen und Zeichen, wie in der Bilderwelt Europa präsentiert wird. Dabei schaut er in Bildarchiven, -agenturen und –sammlungen nach und ermittelt Strömungen und Tendenzen, die das traditionelle Bild „Europas mit dem Stier“ längst überlagert haben, durch zu kapitalisierende Bilder- und Urheberrechte, als Wirtschaftsgüter und Dienstleistungen.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wiener Demokratiezentrum, Petra Mayrhofer, weist an der Metapher „Festung Europa“ Grenzikonografien im europäischen Raum nach und diskutiert die Schwierigkeiten und Turbulenzen von Migrationsbestrebungen und –bewegungen in Richtung Europäische Union. Das Dazugehören, das Ausschließen und Abweisen als Bild manifestiert gleichzeitig ein Manko in dem Freiheitsdenken Europas.

Der Wiener Film- und Medienwissenschaftler Ramón Reichert thematisiert „Migration im Zeitraffer“, indem er die Metapher „Festung Europa“ in Fernsehbildern aufzeigt. Anhand von Aufnahmen aus den Überwachungskameras der spanischen Grenzpolizei und die zufallshafte wie manipulative Auswahl der Ausstrahlung als Bilddokumente in den Fernsehberichten markiert er „einen neuartigen Trend der Informationspolitik in der Medienberichterstattung“.

Francesca Falk, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theorie des Department Kunst & Medien in Zürich, beschließt den Sammelband mit einem „Blick auf die Ränder“ Europas, indem sie die übervollen, primitiven Kutter der Bootsflüchtlinge, die sich aufmachen, bei Gefährdung von Leib und Leben, die gelobten europäischen Gebiete zu erreichen, als „Ikonen gefährdeter Grenzen“ thematisiert und mit den europäischen Abwehrmaßnahmen die Probleme der ungerechten Welt: Das tatsächlich volle Boot der Flüchtlinge wird zum „vollen Boot“ der Länder, an denen die Illegalen stranden.

Fazit

Wir sehen, was man uns als Bilder vorhält; und selten gelingt es, einen Blick hinter die Bilder zu richten und vielleicht dabei zu erkennen, dass die Visualisierungen manipuliert sind, Halbwahrheiten zeigen oder uns in Sicherheiten wiegen wollen, wo Unsicherheiten sind. Und doch: Der Mensch braucht das Bild, um sich selbst habhaft zu machen, zu erkennen und gleichzeitig den anderen Menschen und die Sachen und Verhältnisse um ihn herum wahr zu nehmen. Es können Abbilder oder Nachbilder, aber auch Vorbilder sein, die zur Nachahmung oder zum kreativen Handeln anregen. Besonders geschichtliche Konstrukte, Mythen und politische Entwürfe, wie etwa „Europa“, sind auf wahrhaftige Bilder angewiesen; und es bedarf der Anstrengungen, wahre von falschen Bildern unterscheiden zu können. Die intellektuelle und kulturelle Kompetenz, Bilder richtig zu sehen, darf nicht verordnet, sondern muss erworben werden.

Die Kulturwissenschaften sind, zusammen mit den Historikern, den Politikwissenschaftlern, den Philosophen, Soziologen und Pädagogen, angetreten, um die Innen- und Außenansichten zum historischen und aktuellen Europa zu analysieren. Ziel kann dabei nur sein, die überkommenen, vergessenen, falsch interpretierten und selbstverständlichen Bilder zu befragen in Richtung auf ein Europa der Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unserer EINEN WELT der Menschenrechte, Grundfreiheiten und Humanität.

Der Sammelband „Bilder von Europa – Innen- und Außenansichten von der Antike bis zur Gegenwart“, der Forschungsarbeiten der letzten Jahre zu den Fragen „Wie wir Europäer geworden sind, was wir sind“ vorstellt, stellt ein wichtiges Bauteil zur Erstellung des gemeinsamen Hauses „Europa“ dar.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.01.2011 zu: Benjamin Drechsel (Hrsg.): Bilder von Europa. Innen- und Außenansichten von der Antike bis zur Gegenwart. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1458-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10660.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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