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Horst Biermann, Tomke Sabine Gerdes u.a. (Hrsg.): Berufliche Rehabilitationspädagogik

Cover Horst Biermann, Tomke Sabine Gerdes, Meikel Gerhartz (Hrsg.): Berufliche Rehabilitationspädagogik. Bestandsaufnahmen und Perspektiven. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2010. 244 Seiten. ISBN 978-3-940625-10-6. 25,00 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Eine Bestandsaufnahme und Perspektiven der beruflichen Rehabilitationspädagogik vorzulegen, ist angesichts des Paradigmenwechsels in der gesellschaftlichen Grundsicherung der beruflichen Rehabilitation durch das Sozialgesetzbuch (SGB) sowie des gesellschaftlichen Inklusionsauftrags verdienstvoll. Denn: mächtige gesellschaftliche Wandlungsprozesse in den Handlungsfeldern der Pädagogik zwingen auch den diesbezüglichen Wissenschaften einen Legitimations- und Reflexionsdiskurs auf.

Herausgeber

Die Herausgeber Horst Biermann, Tomke Sabine Gerdes und Meikel Gerhartz (Technische Universität Dortmund / Fakultät für Rehabilitationswissenschaften) versammeln in diesem Band dreizehn Beiträge, die im Rahmen von Diplomarbeiten entstanden sind. Die Fragestellungen der Arbeiten ergeben sich dabei aus dem Handlungsfeld der außerschulischen Rehabilitationspädagogik, die es mit Erwachsenen zu tun hat. Die einzelnen Beiträge und ihr jeweiliger wissenschaftlicher Objektbereich resultieren dabei offensichtlich aus den Transformationsprozessen, denen die Rehabilitation und das Gesundheitswesen insgesamt unterworfen sind. Wie die Herausgeber selbst schreiben, folgen die Beiträge aber keiner direkten Systematik. So muss jeder Beitrag im Kontext des Spektrums der gesamten Veränderungen gelesen werden. Dabei kommen auch internationale Aspekte zum Zuge.

Aufbau

Die Rezension stellt die Arbeiten unter fünf Gesichtspunkten vor:

  1. Institutionalisierung von beruflicher Bildung und Rehabilitation,
  2. Leistungen zur Teilhabe,
  3. Arbeitsmarktpassung,
  4. Konzeptionen und
  5. Klientele.

Zu 1.

Der erste Beitrag von Biermann und Gerdes beschäftigt sich mit der Institutionalisierung von Beruflicher Bildung und Rehabilitation an Universitäten. Nach einer allgemeinen Orientierung erfolgt ein Aufriß der Organisation des Studiums der beruflichen Rehabilitationspädagogik in Dortmund mit den Abschlüssen Lehramt und außerschulische Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung. Der Aufbau der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge wird hinsichtlich der Schwerpunkte und vier Studienrichtungen dargelegt. Ein Abschnitt widmet sich in diesem Zusammenhang auch Fragen der Professionalisierung, teilen sich Pädagoginnen und Pädagogen das Handlungsfeld der Rehabilitation doch mit Medizinern, Psychologen und Sozialpädagogen. Schließlich runden Ausführungen zum Verbleib im Arbeitsmarkt sowie spezielle Aspekte von Forschung den kurz gehaltenen Beitrag ab. Wer sich schnell über das Studium informieren will, findet hier entsprechende Informationen und Hinweise.

Zu 2.

Der Beitrag von Elisabeth Finke geht auf Leistungen zur Teilhabe nach dem SGB ein und setzt am größten Kostenträger der Rehabilitation an, der Deutschen Rentenversicherung, die mit über 4 Milliarden Euro das Handlungsfeld finanziert. Diese Leistungen zur Teilhabe fließen in die verschiedensten Konzepte und Maßnahmen der Rehabilitation. Unter den demographischen Bedingungen der Verschiebung im Altersaufbau der Bevölkerung ist die Deutsche Rentenversicherung notgedrungen an einer Effizienzsteigerung und Qualitätsverbesserung der Arbeit bzw. der Maßnahmen im Handlungsfeld interessiert. Hier greift die Expertise der Rehabilitationsforschung mit verschiedenen Studien und Ansätzen, die sich einerseits auf das Leistungsspektrum nach SGB beziehen sowie dieses kritisch hinterfragen und die andererseits Kriterien stiften, mit denen Erfolg und Effizienz unter Beachtung von Einflußfaktoren zu beurteilen sind. Der Beitrag gibt einen Einblick in das diesbezügliche Forschungsfeld.

Zu 3.

Neben der Deutschen Rentenversicherung ist die Bundesagentur für Arbeit (BA) der zweite große Kostenträger der Beruflichen Rehabilitation. Für sie gilt ebenfalls das fiskalische und demographische Diktat.

Die Beiträge von Anna Maronitis, Bianca Sips und Josefin Lotte beziehen sich auf diesen Referenzrahmen. Die Arbeit von Maronitis geht von einem negativen Zusammenhang der Reform (Ökonomisierung) der Rehabilitation und dem Verbleib der Rehabilitanden im Arbeitsmarkt aus. Den diesbezüglichen politischen Diskurs bilden Stellungnahmen der Behindertenbeauftragten, von Arbeitsmarktexperten und Bundesregierung ab, die referiert werden. Immer geht es dabei um die Frage, ob die „Wirksamkeit moderner Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ greifen oder nicht. Folglich sind solche „Dienstleistungskonzepte“ (Bildungsgutscheine, geringfügige Beschäftigung, Arbeitnehmerüberlassung etc.), auch Gegenstand der Beruflichen Rehabilitationsforschung, und zwar im Hinblick auf ihre Folgewirkungen. Diese Folgewirkungen für die Bildungsträger bringt der Beitrag zur Sprache.

Der Aufsatz von Sips befasst sich mit dem „Fachkonzept für berufsvorbereitende Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit“, welches flächendeckend ab 2004 eingeführt wird. Untersucht wird das Konzept unter den Fragestellungen der Aufhebung von Differenzierung nach Klientelgruppen und der Berücksichtigung rehabilitationsangemessener berufspädagogischer Konzepte bei zwei Bildungsträgern (CJD u. dobeq). Die geführten Interviews legen den Schluß nahe, die BA könnte mit dem neuen Fachkonzept ihre Ziele einer zu verbessernden Arbeitsmarktintegration verfehlt haben. Den einseitig sozialpädagogisch ausgelegten Konzepten trifft dabei insofern eine Mitschuld, weil sie die Passung zum Arbeitsmarkt verfehlen, die in aller Regel entsprechende berufspädagogische Akzentuierungen sicherstellen helfen.

Dem Fachkonzept der BA ist auch der Text von Lotte gewidmet. Hier können sich die interessierten Leserinnen und Leser noch einmal über die Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken des Konzeptes informieren.

Zu 4.

Die Arbeiten von Timo Gayk, Daniela Küper, Sophia Kupke, Anne Pickhinke, Silke Scheffler und Alexa Krause lesen sich handlungspraktisch intervenierend.

So befasst sich Gayk mit dem CaseManagement und fragt danach, welchen Beitrag dieses Handlungsinstrument zu einer Verbesserung der beruflichen Wiedereingliederung von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung liefern kann. Geprüft werden deshalb Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken. Der Reflexionsprozeß führt zu dem Ergebnis, daß dieses Instrument dann zum Einsatz gelangen sollte, wenn zwischen den Schwerpunkten Klientenorientierung und Ökonomisierung ein Gleichgewicht besteht.

Küper erörtert das im SGB IX fixierte „betriebliche Wiedereingliederungsmanagement“, welches dazu beitragen soll, Arbeitsunfähigkeit zu überwinden, ihr vorzubeugen und den Arbeitsplatz der davon Betroffenen zu sichern. Der Leser wird in das Konzept eingeführt, sodann wird der Ablauf des Verfahrens dargelegt und anschließend die Chancen und Risiken breit abgehandelt. Die Autorin kann zeigen, daß Risiken der Eingliederung vor allem aus Ängsten und Vertrauensunstimmigkeiten resultieren. Berücksichtigt das betriebliche Wiedereingliederungsverfahren diese und ähnliche Emotionallagen, kann es den zugesprochenen Beitrag durchaus erfüllen.

Kupke wirft einen Blick in das griechische Rehabilitationssystem, welches offensichtlich im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland nicht entsprechend juristisch codiert ist. Sie interessiert sich deshalb in besonderem Maße für das Instrument „Unterstützte Beschäftigung“ und fragt nach dessen Beitrag zur Behebung von „Schwachstellen“ des griechischen Rehabilitationssystems. Der Artikel bietet sodann eine Stärken- und Schwächenübersicht des griechischen Rehabilitationssystems und eine differenzierte Betrachtung des Instrumentes „Unterstützte Beschäftigung“. Die Arbeit gelangt in ihrer Untersuchung zu dem Schluß, daß das Instrument einer breiteren politischen Elite vorgestellt werden müßte, um sozialpolitisch wirksam sein zu können.

Das Instrument der „persönlichen Zukunftsplanung“ behandelt Pickhinke. Es ordnet sich dem Inklusionsgedanken unter, insofern ressourcentorientiert personale Unterstützungsleistungen jenseits institutioneller Hilfen mobilisiert werden. Der Text enthält bezüglich dieses Instrumentes viele nützliche wissenschaftliche Rückbezüge. Die Wirksamkeit des Instrumentes wird in einer Werkstatt für behinderte Menschen erprobt. Die „persönliche Zukunftsplanung“ scheint danach eine Intervention zu sein, die einen Paradigmenwechsel von einem institutionell bevormundenden zu einem ressourcenorientierten Ansatz der Unterstützung möglich erscheinen lassen.

„Training on the Job“ so Scheffler, bietet sich als ein Verfahren der Personalentwicklung an wie zugleich als Modus der Integration. An einem Fallbeispiel zeigt Scheffler die „Wirkungsweise“ dieses Verfahrens, welches ihrer Auffassung nach eine geeignete Methode zur beruflichen Qualifizierung schwerbehinderter Menschen darstellt.

Der Text von Krause nimmt seinen Ausgangspunkt demographisch, insofern gefragt wird, wie die demographisch bedingte Altersstruktur der Gesellschaft sich im Handlungsfeld behinderter Menschen niederschlägt. Die mit Experten geführten Interviews beziehen sich dabei auf die Wahrnehmung dieses Phänomens durch Mitarbeitende und deren Umgang damit in Werkstätten für behinderte Menschen. Wahrnehmung und Gestaltungsoptionen streuen in den Interviews in Abhängigkeit von der Betroffenheit. Die Gestaltungsoptionen liegen vor allem im Feld der Vorbereitung auf den bevorstehenden Ruhestand und die Zukunftsplanung. Krause weist im Zusammenhang mit der Zukunftsplanung auf ein Spektrum an Angebotsalternativen für das Klientel hin, die dem Erhalt der körperlichen und geistigen Fähigkeiten dienen können. Sie gelangt allerdings auch zu dem Schluß, daß die Werkstätten in Bezug auf die größer werdende Gruppe von älteren Menschen mit Behinderung nicht ausreichend vorbereitet sind.

Zu 5.

Mit klientelbezogenen Aspekten beschäftigen sich die Beiträge von Andrea Nobs und Inga Schieferecke sowie Sonja Waide.

So behandelt der Fachbeitrag von Nobs und Schieferecke die Erscheinungsbilder Spina bifida und Hydorcephalus. Nach medizinischer Darlegung der Begrifflichkeiten geht es den Autorinnen um die Frage des Einflusses dieses Erscheinungsbildes auf die schulische und berufliche Sozialisation. Dazu werden die Betroffenen befragt, Eltern sowie Experten aus Einrichtungen. Die Befragung wird hinsichtlich der Gesichtspunkte „Besuchte Schulform“, „Berufswünsche“, „Über- oder Unterforderungstendenzen“ und „Arbeitszufriedenheit“ ausgewertet. Als besonders interessant und erwähnenswert scheint die Tatsache, daß Einrichtungen der Berufsberatung unabhängig von den Vorstellungen und Berufswünschen der Betroffenen Zuweisungen in büronahe Tätigkeiten vornehmen.

Waide akzentuiert die klientelbezogenen Aspekte kompetenztheoretisch. Sie ordnet den Diskurs über Kompetenzen disziplinbezogen zu und fragt nach deren Bedeutung für den Beruf. Dabei bezieht sie sich auf den soziologischen Diskurs der gesellschaftlichen Transformation, der immer wieder herangezogen wird, um den Stellenwert vor allem der Sozialkompetenz zu begründen. In einem Berufsbildungswerk befragt sie die Mitarbeitenden nach deren Einschätzung über den Stellenwert und die Relevanz sozialer Kompetenzen in einem sich verändernden Arbeitsmarkt. Sie stößt dabei auf eine Übereinstimmung

Der Beitrag von Thomas Lutterbeck rundet die Forschungsfragestellungen schließlich ab. Die Prozesse des New Public Management haben nicht nur im Handlungsfeld der Rehabilitation zu der Frage geführt, ob nicht doch ein wesentlicher Teil von Rehabilitationsarbeit wieder dem sogenannten Ehrenamt zugeführt werden kann. Dieser Problemstellung widmet sich Lutterbeck durch die Wahl des Themas „Professionalisierung oder Laienqualifizierung in der Behindertenarbeit“. Sekundäranalytisch bereitet er einen „state of the art“ aus, der wesentliche Referenzen, d.h. Einflußfaktoren belegt. Seine wissenschaftlichen Rückbezüge erlauben das Urteil: „Die Möglichkeit und Chance, Laien in die Behindertenarbeit einzubeziehen, ist die ursprünglichste Art von Integrationsarbeit“ (S.139). Deshalb plädiert er für eine Entwicklung, die neue Sozialräume schafft jenseits eines ökonomisierten Institutionalismus. Genau diese scheint jedoch auf Professionalität angewiesen zu sein.

Fazit

Der Band vereinigt eine Spannweite von Fragestellungen und Verfahren, die im Rahmen der Rehabilitationspädagogik von Studierenden bearbeitet werden können, und zwar im Hinblick auf eine weitere Erschließung des Forschungsfeldes. Diese Arbeiten sind jedoch kein Ersatz für eine grundständige Forschung in diesem Handlungsfeld.

Darüber hinaus gibt der Band einen lebendigen Einblick in die lernende Produktionsweise eines Studienbetriebes, was ermutigend wirkt. Kleinliche Kritik ist deshalb völlig fehl am Platze.

Das Buch empfiehlt sich für Studierende, die einen Einblick in den Aufbau von Forschungsfragestellungen erlangen wollen. Es empfiehlt sich jedoch auch für Lehrende, die im hektischen Drittmittelalltag der Universitäten verlernt haben könnten, wie wesentlich die Grundbelange der gesellschaftlichen Reproduktion sind und welche Funktion den Wissenschaften und ihren Studierenden in diesem Prozeß zukommt. Aber auch die sogenannte Praxis sollte an Studierenden und ihren produktiven Beiträgen interessiert sein, weil sie den Praxisdiskurs vielfältig bereichern.


Rezension von
Prof. Dr. Richard Huisinga
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Zitiervorschlag
Richard Huisinga. Rezension vom 05.12.2011 zu: Horst Biermann, Tomke Sabine Gerdes, Meikel Gerhartz (Hrsg.): Berufliche Rehabilitationspädagogik. Bestandsaufnahmen und Perspektiven. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2010. ISBN 978-3-940625-10-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10671.php, Datum des Zugriffs 18.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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