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Gerhard J. Suess, Wolfgang Hammer (Hrsg.): Kinderschutz

Cover Gerhard J. Suess, Wolfgang Hammer (Hrsg.): Kinderschutz. Risiken erkennen, Spannungsverhältnisse gestalten. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. 262 Seiten. ISBN 978-3-608-94663-5. 29,95 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Thema

Ausgelöst durch die in den letzten Jahren publik gewordenen Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, zumeist mit Todesfolge, genießt der Kinderschutz in Deutschland zur Zeit eine hohe Aktualität. Dies gilt sowohl für die Fachwelt wie die Politik. Fachlich geht es darum, das Handeln so zu verbessern, dass Risiken frühzeitiger erkannt und die Misshandlung und Vernachlässigung von Mädchen und Jungen nach Möglichkeit verhindert werden soll. Die Politik sieht sich gefordert, insbesondere über gesetzliche Regelungen verbindlichere Grundlagen für das fachliche Handeln und Vorgehen zu schaffen. Politische Erfordernisse ergeben sich aber auch hinsichtlich der Bereitstellung ausreichender Ressourcen, um in Fällen von Kindeswohlgefährdung angemessene Hilfen und Unterstützung gewähren zu können. Dabei werden Diskussionen oft verkürzt und vereinfacht geführt. Sie laufen Gefahr zu schnellen, vermeintlichen Lösungen zu führen, vor allem über ein mehr an Kontrolle und Zwang für Familien, die durch komplexe Probleme belastet sind. Nach Meinung der Herausgeber handelt es sich beim Kinderschutz jedoch um ein vielseitiges Spannungsverhältnis, das nicht im Sinne eines „entweder – oder“ zu beschreiben ist. Stattdessen muss eine offensive Gestaltung der Spannungsverhältnisse

  • Elternrecht und Kindeswohl
  • Frühzeitige Hilfe und Kontrolle
  • Prävention und Intervention

angestrebt werden.

In der Veröffentlichung stellen Fachleute unterschiedlicher Disziplinen kontrovers ihre Einschätzung der heutigen Situation des Kinderschutzes in Deutschland dar und entwickeln Perspektiven für die Gestaltung der Spannungsfelder im Kinderschutz.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Gerhard J Suess ist Professor für Entwicklungspsychologie und klinische Psychologie an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Wolfgang Hammer ist Vertreter der Obersten Landesjugend- und Familienbehörden für den Bereich Kinder- und Jugendpolitik und Kinderschutz, Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe in Hamburg.

Die Autorinnen und Autoren setzen sich multidisziplinär zusammen. Es sind überwiegend bekannte Fachleute aus Wissenschaft, Forschung und Praxis des medizinisch-psychiatrischen Bereichs und der Kinder- und Jugendhilfe.

Entstehungshintergrund

Die beiden Herausgeber richteten im Sommer 2009 zwei Fachtagungen in Hamburg und Frankfurt zum Thema „Kinderschutz“ aus. Da sie von Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer wieder nach den Beiträgen gefragt wurden, entschlossen sie sich, die Vorträge der Referentinnen und Referenten zu publizieren um so einem größeren Publikum die Ergebnisse präsentieren zu können.

Aufbau und Inhalt

Der erste Beitrag von Wolfgang Hammer „Kinderschutz – Spannungsverhältnisse gestalten“ (1) bietet eine Einführung in das Themenfeld durch eine Beschreibung des Kinderschutzsystems in Deutschland und eine Darstellung der damit verbundenen Spannungsverhältnisse.

Martha F. Erickson und Hans-Peter Hartmann beschreiben unter dem Titel „Was Familien brauchen und was wir ihnen geben können“ (2) Entwicklungsaufgaben von Kindern und Familien und stellen dies an einem konkreten Fall aus einer STEEP-Intervention dar.

Martin Dornes betont im dritten Beitrag „Ambivalenzen moderner Kindheit: Kinder zwischen Freiheit und Verletzlichkeit“ (3) die Bedeutsamkeit der Bindung im Säuglingsalter und zeigt auf, dass die gesellschaftlich veränderte Haltung zum Kind neben dem damit verbundenen Fortschritt auch Risiken birgt.

„Kinder stärken Kinder – Positive Peerkultur in der Praxis“ (4) lautet die Überschrift der Ausführungen von Günther Opp, der die hohen Erwartungen an die Erziehung auch als Belastung von Eltern angesichts der gesellschaftlichen Situation von Familien bewertet und deshalb mehr Resilienzförderung in Schule und Kita einfordert.

Holger Ziegler setzt sich in seinem Beitrag kritisch mit der „Wirkungsorientierung und Wirkungsmessung in der Kinder- und Jugendhilfe“ (5) auseinander.

„Kinderschutz im Spannungsfeld von Gesundheits- und Jugendhilfe: Bedeutung evidenzbasierter Strategien“ (6) ist der Titel des gemeinsamen Beitrags von Jörg M. Fegert, Ute Ziegenhain, Carolin C. Knorr und Anne K. Künster, der Hinweise für eine planvolle und zielgerichtete Vernetzung zwischen Gesundheitswesen und Jugendhilfe gibt und für empirisch abgesicherte Standards und Risiko-Inventare plädiert.

Ute Thyen, Thomas Meysen und Andrea Dörries setzen sich in ihrem Teil „Kinderschutz im Spannungsfeld ärztlichen Handelns“ (7) mit der Stellung und den Erwartungen an Ärzte auseinander, den staatlichen Kontrollauftrag sozusagen in die Kinderarztpraxis vorzuverlegen (z. B. verpflichtende Früherkennungsuntersuchungen).

Aufgrund der vielen Kinder und Familien in Deutschland mit Migrationshintergrund muss eine Beschäftigung mit dem Kinderschutz zwingend auch die kulturelle und soziale Vielfalt von Familien berücksichtigen, führt Haci-Halil Uslucan unter dem Titel „Kinderschutz im Spannungsfeld unterschiedlicher kultureller Kontexte“ (8) aus.

Marianne Leuzinger-Bohleber setzt sich ausgehend von einem Fallbeispiel in ihrem Beitrag „Frühe Kindheit als Schicksal? Psychoanalytische und bindungstheoretische Überlegungen zum Konzept der Resilienz“ (9) mit den theoretischen Grundlagen auseinander und wirbt für frühzeitige Intervention bzw. Prävention.

Martine Buchwald und Jutta Lederer-Charrier bieten in ihrem Praxisbericht „STEEP: Frühe Hilfen im Spannungsfeld von Prävention und Intervention“ (10) einen Einblick in dieses Modellprojekt, unterlegt mit Fallbeispielen.

Gerhard J. Suess stellt unter der Überschrift „Kinderschutz im Spannungsfeld von Praxis und Wissenschaft – eine entwicklungspsychologische Perspektive“ (11) das ökologisch-transaktionale Modell der Kindesmisshandlung dar und wirbt auf dieser Grundlage für ein engeres Zusammenspiel von Praxis und Forschung.

Heinz Kindler beschließt mit seinem Beitrag „Empirisch begründetet Strategien zur Verbesserung des deutschen Kinderschutzsystems“ (12) die Veröffentlichung, in dem die Situation des Kinderschutzes heute in Deutschland, auch hinsichtlich der Datenlage resümiert wird und gemäß dem Titel Forderungen zur Verbesserung aufgestellt werden.

Ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren findet sich im Anhang.

Diskussion

Es ist als Verdienst der Herausgeber und Autorinnen und Autoren zu sehen, die Kinderschutzdebatte in Deutschland um die Darstellung und Diskussion der damit zusammenhängenden Spannungsfelder zu bereichern. In den letzten Jahren ist bezüglich des Kinderschutzes viel in Bewegung gekommen und sicherlich kann insgesamt eine erhebliche Qualitätssteigerung fachlichen Handelns in Fällen von Kindeswohlgefährdung sowie ein koordinierteres Vorgehen konstatiert werden. Dennoch ist Handlungssicherheit nicht überall durch die vorgegebenen Verfahrenswege erreicht, wie beispielsweise in der Studie zur Kindeswohlgefährdung des Ministeriums für Generationen, Familien, Frauen und Integration des Landes NRW von 2010 festgestellt wird. Und es stellt sich die Frage, wie es bei anderen Disziplinen in Schule und Gesundheitshilfe bestellt ist, denen die Verfahrenswege und Methoden in der Kinder- und Jugendhilfe noch weniger vertraut und die für sie auch nicht vorgeschrieben sind.

Gleichzeitig wirken manche Maßnahmen, insbesondere im politischen Raum, eher als Demonstration dafür, dass etwas getan wird, ohne damit tatsächlich zu einer qualitativen und nachhaltigen Verbesserung des Kinderschutzes beizutragen (z. B. verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen). Und zwar einer Verbesserung, die bei den betroffenen Kindern und ihren Familien spürbar ankommt. Es ist den Herausgebern zuzustimmen, dass oftmals der Eindruck entsteht, den vielfältigen Facetten des Kinderschutzes mit einfachen Lösungen begegnen zu wollen und somit der Komplexität, auch der am Kinderschutz beteiligten Systeme, nicht gerecht zu werden. Das bedeutet auch, sich nicht im Sinne einer neuen Ordnungspolitik zu schnellem, unreflektiertem Handeln treiben zu lassen, sondern offensiv die Herausforderungen angesichts der Komplexität nach außen zu vertreten (z. B. Kontrolle als Teil der Hilfe und nicht als ordnungspolitisches Instrument).

Eine Auseinandersetzung und Reflexion der Spannungsfelder ist für alle beteiligten Akteure unumgänglich, weil nur ein offensiver und konstruktiver Umgang mit der Komplexität zu tragfähigen und nachhaltigen Lösungen führen wird. Deutlich wird dies beispielsweise im Bereich der Frühen Hilfen, die sich im Spannungsfeld von frühzeitiger Hilfe und Kontrolle bewegen.

Die Darstellung der Spannungsfelder im Kinderschutz zeigt auch auf, dass die Geeignetheit von Hilfen im Mittelpunkt stehen muss und nicht die Quantität. Damit verbunden ist vor allem eine ausreichende Ressourcenausstattung um diesem Anspruch Genüge tun zu können sowie eine ausreichende Ausstattung mit infrastrukturellen Angeboten, die mit Hilfeangeboten verknüpft werden müssen.

Zusätzlich bietet die Veröffentlichung zahlreiche Informationen, beispielsweise zum Thema „Resilienz“. So werden sowohl die Chancen und Möglichkeiten der Resilienzförderung aufgezeigt und damit mehr Prävention gefordert, aber auch die Grenzen thematisiert.

Gerade für Praktiker/innen sind m. E. die Ausführungen interessant, die die Forderung nach einem besseren Zusammenspiel von Forschung und Praxis gerade in der Kinder- und Jugendhilfe begründen. Diesem Anliegen ist uneingeschränkt zuzustimmen.

Fazit

Die hohe Aktualität des Kinderschutzes zeigt sich derzeit auch in Form von zahlreichen neuen Veröffentlichungen. Das hier vorgestellte Buch hebt sich durch die Fokussierung der Spannungsverhältnisse im Kinderschutz besonders ab, die noch dazu aus unterschiedlicher disziplinärer Sicht diskutiert werden. Es ist all denjenigen, die mit Kinderschutzfragen in der Praxis, der Politik und der Wissenschaft beschäftigt sind, als Lektüre anzuraten, da es auch zur Reflexion des eigenen Standpunktes und der eigenen Haltung einlädt. Neben der Thematisierung der Spannungsfelder werden aber auch perspektivisch Lösungswege für einen konstruktiven Umgang aufgezeigt.


Rezensentin
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 08.07.2011 zu: Gerhard J. Suess, Wolfgang Hammer (Hrsg.): Kinderschutz. Risiken erkennen, Spannungsverhältnisse gestalten. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-608-94663-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10678.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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