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Jaap Dronkers (Hrsg.): Quality and Inequality of Education

Cover Jaap Dronkers (Hrsg.): Quality and Inequality of Education. Cross-national Perspectives. Springer (Berlin) 2010. 336 Seiten. ISBN 978-90-481-3992-7. 106,95 EUR.

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Thema

„Bildungs- und Sozialpolitik sind zwei Seiten einer Medaille, gute Bildungspolitik ist die beste Sozialpolitik.“ Mit diesen Worten beendete Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen im Dezember 2010 ein Interview zu Harz IV in der FAZ (http://www.faz.net). Im bildungswissenschaftlichen Diskurs wie in den Medien spielt das Thema „Bildungsgerechtigkeit“ eine so große Rolle, wie seit den 1970ern nicht mehr, und das Bundesministeriums für Bildung und Forschung fördert empirische Bildungsforschung im Bereich "Chancengerechtigkeit und Teilhabe“ (www.bmbf.de). In der hiesigen öffentlichen bildungspolitischen Debatte sind Vertreter der Sozialen Arbeit (im Unterschied zu Erziehungswissenschaftlern, Psychologen und Ökonomen) so gut wie nicht zu hören, was wohl auch reflektiert, dass es der deutschsprachigen Sozialen Arbeit generell an „Public Intellectuals“, die sich in kompetenter Weise öffentlichkeitswirksam zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit äußern könnten, mangelt (ausf. Howard, 2010). Im wissenschaftlichen Diskurs der deutsch(sprachig)en Sozialen Arbeit spielte das Thema der Gerechtigkeit im Bereich (Aus-)Bildung lange Zeit nicht die Rolle, die ihm von seiner Bedeutung her zu kommt. In letzter Zeit gibt es hier aber von Vorstellungen der Befähigungsgerechtigkeit getragene und durch Ergebnisse international vergleichender (Aus-)Bildungsforschung fundierte Diskussionsbeiträge (vgl. etwa Heekerens, 2010a). Empirisch fundierte Forderungen zur Beförderung der Bildungsgerechtigkeit aber sind unabdingbar, will sich die Soziale Arbeit (oder wer auch immer solche Forderungen erhebt) nicht vorwerfen lassen, illusionär zu sein. Frühkindliche Bildung mag zur Illustration dienen: Die Vorstellung, man würde die Bildungsgerechtigkeit in diesem Lande befördern, weitete man das vorhandene System der (familienexternen) frühkindlichen Bildung nur einfach quantitativ aus, ist auf der Basis einschlägiger Forschungsbefunde nur als illusionär zu bezeichnen (Heekerens, 2010b).

Herausgeber

Was in Sachen Bildungsgerechtigkeit Not tut, ist ein Blick auf die Ergebnisse guter einschlägiger Forschung. Dass solche im vorliegenden Buch versammelt sind, verdankt sich nicht zuletzt dem Herausgeber: Er ist an der Universität Maastricht Professor für international vergleichende Forschung auf dem Gebiet der Bildung und sozialen Ungleichheit und gehört, weltweit betrachtet, derzeit zu den Spitzenforschern auf diesem Gebiet. Dabei hat er wenig zu tun mit dem sprichwörtlichen Wissenschaftler im Elfenbeinturm. Das sieht man nicht zuletzt daran, dass er sich nicht scheut, seine Meinung auch außerhalb eines als Wissenschaft definierten Kontextes kund zu tun. So etwa am 11.1. 2011 im NRC-Handelsblad unter dem Titel „School als bedrijf is totaal verkeerd“ (den man wohl nicht eigens ins Deutsche übersetzen muss).

Entstehungshintergrund

Das Buch hat keinen spezifischen Entstehungshintergrund; wie etwa den, dass hier (aufbereitete) Beiträge eines bestimmten Kongresses versammelt wären. Als mittelbarer Hintergrund ist die seit ein bis zwei Jahrzehnten wachsende Bildungsforschung in internationaler Perspektive und als unmittelbarer die etwas jüngere und (auch in Deutschland) zunehmend selbstbewusstere Forschung zur Bildungsungleichheit anzusehen.

Aufbau

Das Sammelwerk weist die verwendete Literatur jeweils am Ende der einzelnen Aufsätze aus, stellt nach dem Inhaltsverzeichnis die einzelnen Autor(inn)en (nur) mit ihrem Tätigkeitsort vor und schließt mit einem umfangreichen Autoren- und detaillierten Sachverzeichnis. Es gliedert sich nach einer das thematische Feld umreißenden Hinführung und für die einzelnen Buchbeiträge orientierenden Einleitung (The Gordian Knit Between Quality and Inequality of Education: A Cross-National Attempt to Unraveling) von Dronkers in drei Teile:

Part I Institutional Arrangements and Educational Outcomes mit den drei Aufsätzen

  1. The Influence of Educational Segegation on Educational Achievement (Robert)
  2. Institutional Tracking and Achievement Growth: Exploring Difference-inDifference Approach to PIRLS, TIMSS, and PISA Data (Jakubowski)
  3. Educational Expansion and Social Class Returns to Tertiary Qualifications in Post- communist Countries (Bukodi)

Part II Migration and Educational Inequality enthält die vier Aufsätze

  1. Educational Gaps Between Immigrant and Native Students in Europe: The Role of Grade (Park & Sandefur)
  2. How Do School Regimes Tackle Ethnic Segregation: Some Insights Supported in PISA 2006 (Alegre & Ferrer-Estaban)
  3. The Educational Attainment of Second Generation Immigrants from Differeent Countries of Origin in the EU Memeber-States (Dronkers & Fleischmann)
  4. Talking the Same Language: How Does Education in the Mother Tongue Affect Pupils' Scholastic Achievement in the Parallel School Systems? (Pásztor)

Part III Education in Europe and Asia: Analogies and Differences vereinigt die vier Aufsätze

  1. The International Transmission of Income and Education: A Comparision of Japan and France (Lefranc, Ojima & Yoshida)
  2. Japanese and Korean High Schools and Students in Comparative Perspective (Park)
  3. Family Background, School System and Academic Achievement in Germany and Japan (Ojima & v. Below)
  4. Features of Educational Systems as Factors in the Creation of Unequal Educational Outcomes (Dronkers)

Inhalt

Der letzte Aufsatz des dritten Teils hätte aus sachlichen Gründen seinen besseren Platz als gesonderter letzter Beitrag; dem hinführenden ersten Beitrag damit korresponierend als Epilog zum Prolog. Er stellt – und damit wird einmal mehr der gesellschaftspolitisch engagierte Dronkers sichtbar - eine erweiterte und aktualisierte Fassung eines Vortrags dar, der 2006 an der Friedrich-Ebert-Stiftung gehalten worden war, und ist ist nichts geringeres als eine Darstellung des state of the art auf dem Gebiet der Forschung zu Bildungsungleichheit aus der Feder eines der führenden Köpfe dieser Forschung.

Wer sich auf dem behandelten Themengebiet nicht oder weniger gut auskennt, könnte gut beraten sein, wenn er den ersten und letzten Buchbeitrag zuerst liest: Der letzte enthält Antworten (von denen es einige zu diskutieren gilt), der erste Fragen, die das Feld abstecken. Ob man mit den Fragen oder mit den Antworten startet, ist eine Frage der persönlichen Entscheidung; ebenso, in welcher Reihenfolge man die zehn jeweils für sich sprechenden und selbständigen Beiträge dazwischen studiert. Deren Inhalt im Einzelnen darstellen zu wollen, würde zu missverständlichen Verkürzungen führen; was der Sache nach abgehandelt wird, ist den Kapitelüberschriften zu entnehmen.

Auch auf das Risiko hin, der Kürze wegen fehlinterpretiert zu werden, zwei Ergebnisse der empirisch verfahrenden Beiträge: Roberts Ergebnisse sind ein guter Beleg für die Annahme, dass (auch) in Deutschland soziale Segregation, die soziale (In-)Homogenität der Schülerschaft, keinen eigenständigen Effekt auf die (PISA 2003-)Leistung hat; weder den, dass starke Segregation die Leistung von Schülern mit ungünstigem familiären Hintergrund fördert noch den dass geringe Segregation die von solchen mit günstigem Hintergrund mindert. Und ein interessantes Ergebnis der Analyse vom Ojima und v. Below lautet: Bei Kontrolle von Schultyp ist der Zusammenhang zwischen familiärem Hintergrund und (PISA 2003-)Mathematikleistung für Deutschland mehr als doppelt so hoch wie für Japan (r = .213 vs. R=.095); der Zusammenhang zwischen Schultyp und Mathe-Leistung in beiden Ländern ist annähernd gleich hoch (.830 vs. .816).

Die beiden eben genannten Analysen basieren auf zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven bei der Batrachtung der Beziehung zwischen Bildung und Gesellschaft. In der ersten Untersuchung (Robert) ist die abhängige Variable (AV) ein schulisches Leistungsergebnis, die unabhängige Variable (UV) ist ein bestimmtes Charakteristikum von Gesellschaften bzw. Bildungssystemen (Makro-Kontext); individuelle Größen wie familiärer Hintergrund, Alter, Geschlecht der Schüler werden als intermediäre Variablen angesehen (deren Einfluss es zu kontrollieren gilt). In der zweiten Untersuchung ist die AV ebenfalls ein schulisches Leistungsergebnis, die UV aber ist ein bestimmtes Charakteristikum der Schule und/oder des familiären Hintergrunds (Meso-Kontext); Variablen des Makro-Kontextes werden darauf hin betrachtet, wie sie den Zusammenhang zwischen UV und AV moderieren. Die verschiedenen Aufsätze des Sammelwerkes verteilen sich auf diese beiden Perspektiven und eine dritte, die gleichsam das Spiegelbild der ersten darstellt; hier wird gefragt, welche (Rück-)Wirkung das Bildungs- auf das Gesellschaftssystem hat (vgl. die Arbeit von Lefranc, Ojima & Yoshida).

Diskussion

Das vorliegende Sammelwerk zeigt,was eine international vergleichende (Aus-)Bildungsforschung zum Thema „Befähigungsgerechtigkeit“ beitragen kann, das in der Breite und Tiefe seiner Analysen über das gewohnte (in der Regel mit TIMMS und PISA verbundene) Maß hinaus geht. Die einzelnen empirisch verfahrenden Beiträge zeigen, dass multifaktorielle Analysen notwendig und fruchtbar sind. Besonderes Augenmerk verdient die Forschung zum Themenkreis „Bildung und Migration“; das könnte die sogenannte Sarrazin-Debatte wohltuend versachlichen.

Fazit

Das Buch gehört mit mindestens einem Exemplar in jede Bibliothek einer (fach-)hochschulischen Ausbildungsstätte von Sozialpädagogen. Findet dort eine Vertiefung in Bildungsfragen statt, beispielsweise in Form eines eigenständigen Bachelor- Studiengangs Kinder-und Jugendhilfe mit einem Schwerpunkt in Schulsozialarbeit oder eines eigenständigen Bachelor- Studiengangs für Bildung in Kindheit und früher Jugend, so sind mehrere Exemplare für die vertiefte seminaristische Arbeit vorzusehen. Das Buch ist in bildungssoziologischer Fachsprache verfasst, verwendet in fast allen Beiträge elaborierte Verfahren der induktiven Statistik und in Englisch geschrieben. Das mag manchem (neben den finanziellen Kosten von über hundert Euro) als sehr hoher Preis erscheinen; billiger aber ist gutes Wissen zur Befähigungsgerechtigkeit derzeit nirgendwo zu haben.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Heekerens, H.-P. (2010a). Familiärer Hintergrund und schulischer Erfolg. Neue Praxis, 40(4), 422-439.
  • Heekerens, H.-P. (2010b). Die Auswirkung frühkindlicher Bildung auf Schulerfolg - eine methodenkritische Bestandsaufnahme. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 30(3), 311-325.
  • Howard, M.O. (2010). Social workers as public intellectuals. Social Work Research, 34(3),131-133.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 15.02.2011 zu: Jaap Dronkers (Hrsg.): Quality and Inequality of Education. Cross-national Perspectives. Springer (Berlin) 2010. ISBN 978-90-481-3992-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10689.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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