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Christoph Kranich, Karl D. Vitt (Hrsg.): Das Gesundheitswesen am Patienten orientieren

Cover Christoph Kranich, Karl D. Vitt (Hrsg.): Das Gesundheitswesen am Patienten orientieren. Qualitätstransparenz und Beschwerdemanagement als Gradmesser für ein patientenfreundliches System. Acht europäische Länder im Vergleich. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. 180 Seiten. ISBN 978-3-935964-10-4. 17,90 EUR, CH: 30,50 sFr.
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Einführung in das Thema

Das vorliegende Buch ist Resultat einer zweitägigen Konferenz zum Thema "Transparenz im Gesundheitswesen: Krankenhausleistungen und Beschwerdemanagement", die im September 2001 in Hamburg statt fand. Diese Zweiteilung im Tagungsthema, nämlich einerseits die Transparenz hinsichtlich der vom Krankenhaus erbrachten Leistungen und andererseits der Umgang mit Beschwerden, spiegelt sich auch im Aufbau des Buches wider. Gleichzeitig wird über die verschiedenen Beiträge deutlich, dass es sich zwar um unterschiedliche Aspekte handelt, die aber in vielfacher Weise miteinander korrespondieren. Denn nur wenn den Patienten, die im Rahmen dieses Buches konkret als Adressaten der Gesundheitsversorgung in den Mittelpunkt gestellt werden, die Leistungen des Krankenhauses transparent und nachvollziehbar werden, können sie sich sinnvoll beschweren - was wiederum einen Beitrag für eine verbesserte Leistungserbringung des Krankenhauses liefert, wodurch diesem eigene Schwächen transparent werden.

Aufbau und Inhalte des Buches

Konzeptionell ist das Buch in zwei Hauptteile untergliedert, denen als Einführung ein Text "Warum dieses Buch?" vorangestellt wurde. Teil 1, der erste Tag der oben angesprochenen Tagung, befasst sich mit der Transparenz des Gesundheitswesens, während Teil 2 auf das Beschwerdemanagement als einem möglichen Indikator für Patientenfreundlichkeit eingeht.

Der erste Teil umfasst insgesamt neun Beiträge:

  • Zu Beginn stellt Christoph Kranich die Kernfrage, warum Patienten denn überhaupt eine Leistungs- und Qualitätstransparenz einfordern. Er diagnostiziert hier eine Lücke, die es für die Patienten schwer macht, sich selbst zu orientieren und als "mündige Bürger" zu agieren.
  • Danach zeigen Karl D. Vitt und Christoph M. Erben den Zusammenhang zwischen Information und Transparenz auf, wobei sie zu folgender Definition gelangen: "Auf dieser Grundlage definieren wir Transparenz im Gesundheitswesen als die Summe aller Kennziffern und Parameter, die zur Erhöhung der Qualität der Versorgung, zur Sicherstellung der Finanzierbarkeit und zur Ermöglichung der Orientierung im Gesundheitswesen dienen können." (S. 23).
  • Im Anschluss an diese Grundlagenbeiträge informieren mehrere Fachleute über die Bemühungen, die Leistungen des Gesundheitswesens in verschiedenen Ländern transparent zu machen. So referiert Richard Thomson über die öffentliche Bewertung von Krankenhäusern in Großbritannien, während sich Jan Mainz derselben Problematik am Beispiel Dänemarks zuwendet. In der aktuellen fachlichen und politischen Diskussion wird der Hausarzt vielfach als eine Art Lotse verstanden, der die Patienten gezielt weiterleitet. Dieses System wird in Großbritannien zumindest ansatzweise ebenfalls verfolgt und Richard Hibbs legt dar, welche Informationen ein Hausarzt benötigt, um dieser Rolle gerecht werden zu können. Angela Coulter legt dar, wie im britischen System Patienten eingebunden sind in die Bewertung der Behandlungsqualität von Krankenhäusern - und wo die Schwierigkeiten und Lücken dieses Ansatzes liegen. Lena Westin greift diesen Ansatz auf und berichtet von der Einführung eines Verbraucherinformationssystems in Schweden, das sich allerdings nicht auf die Behandlungsqualität im Allgemeinen bezieht, sondern auf Medikamente und deren Nebenwirkungen beschränkt. Fons Dekkers greift noch einmal explizit die Perspektive und die Rolle der Patienten auf, insbesondere hinsichtlich der Beschaffung und der Interpretation von Daten. Karl D. Vitt zieht danach ein Fazit, wo er zum einen die Bedeutung von Transparenz für den Patienten wie auch für den Hausarzt herausarbeitet und zum anderen zu dem eher traurigen Schluss gelangt, dass das deutsche Gesundheitswesen unter Transparenzgesichtspunkten eher rückständig ist. Konsequenterweise fordert er entsprechende gesetzliche Regelungen, zumal bereits Angela Coulter darauf hingewiesen hatte, dass eine große Zahl von Ärzten und anderem medizinischen Personal auf Anregungen aus Patientenbefragungen keinesfalls freiwillig reagierten.

Dieser Aspekt, der Beitrag des Patienten für eine verbesserte Transparenz im Gesundheitswesen, wird im zweiten Teil aufgegriffen und vertieft.

  • Darauf weist auch Bettina Berger in ihrem Einführungsstatement hin, wobei sie zugleich deutlich macht, dass es hier nicht nur einen Weg, sondern durchaus mehrere unterschiedliche Vorgehensweisen existieren, wie Patienten zur Transparenz im Gesundheitswesen beitragen können.
  • Diesen Punkt greift Roger Carbonell auf und verknüpft die Maslowsche Bedürfnispyramide mit den Patientenanforderungen. Ergebnis sind einige Vorschläge für ein aktives Beschwerdemanagement.
  • Christoph Kranichs Überlegungen greifen dies auf, beginnend mit der Kernfrage, ob überhaupt ein Beschwerdemanagementsystem existiert und legt danach einen Benotungs- und Bewertungsbogen vor, der Patienten die Beurteilung ihres Krankenhauses erlaubt.
  • Wie beim vorhergehenden Thema schließen sich nun mehrere Darstellungen aus anderen Ländern an. So berichten Karl-Gustav Södergaard und Ritva Leskinen über die finnischen Erfahrungen im Umgang mit Kunstfehlern bzw. das System der Ombudsleute. Das Beschwerdesystem in den Niederlanden wird anschließend von Henk Vriend und Fons Dekkers dargestellt, bevor sich Gerald Bachinger den Patientenvertretungen in Österreich zuwendet. Beryl Fuur stellt das Beschwerdesystem in Großbritannien dar, Lars Fallberg tut das gleiche für die Beschwerdesysteme in Schweden und Norwegen, bevor Margarethe Nielsen und Marianne Thomsen über die dänischen Strukturen referieren. Christoph Kranich fasst diese Vielzahl unterschiedlich strukturierter und verschieden starker Beschwerdesysteme zusammen und hebt hervor, dass Beschwerden für Patienten und Leistungserbringer gleichermaßen wichtig sind: Patienten erwarten, ernst genommen zu werden und eine schnelle Reaktion auf ihre Beschwerden, während für die Krankenhäuser eine Beschwerdemanagement die Chance für zukünftige Verbesserungen beinhaltet. Für ihn resultiert daraus das Erfordernis für gemeinsame Zielvereinbarungen von Patienten, Leistungserbringern und Kostenträgern - wovon Deutschland derzeit allerdings noch sehr weit entfernt ist.

Fazit und Anmerkungen

Normalerweise sind Tagungsbände als Ganzes eher wenig spannend, während es einzelne Beiträge sind, die herausragen. Kranich und Vitt ist mit dem vorliegenden Band bereits in dieser Hinsicht eine Glanzleistung gelungen, da sich nicht nur alle Beiträge auf einem hohen Niveau befinden, sondern auch das Buch seinem Titel gerecht wird und eine ungeheure Menge von Anregungen gibt, um das Gesundheitswesen am Patienten zu orientieren. Die gelungene Verbindung aus thematischen Einführungsbeiträgen, konzeptionellen Fortführungen und einer "Leistungsschau" aus anderen Ländern vermittelt den Lesern einen sehr guten Überblick über die Möglichkeiten, aber auch über die Schwierigkeiten bei der Herstellung von Qualitätstransparenz und einem effektiven Beschwerdemanagement im Gesundheitswesen. Vor diesem Hintergrund ist das Buch nicht nur allen einschlägig Interessierten zu empfehlen, sondern sollte zur Pflichtlektüre für alle Gesundheitspolitiker und Krankenhausmanager werden.


Rezension von
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)


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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 15.06.2004 zu: Christoph Kranich, Karl D. Vitt (Hrsg.): Das Gesundheitswesen am Patienten orientieren. Qualitätstransparenz und Beschwerdemanagement als Gradmesser für ein patientenfreundliches System. Acht europäische Länder im Vergleich. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. ISBN 978-3-935964-10-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1069.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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