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Nilüfer Keskin: Probleme der Integration türkischer Migranten [...]

Rezensiert von Prof. Dr. Hartmut M. Griese, 11.08.2011

Cover Nilüfer Keskin: Probleme der Integration türkischer Migranten [...] ISBN 978-3-8288-2392-1

Nilüfer Keskin: Probleme der Integration türkischer Migranten der zweiten und dritten Generation. Ein Vergleich der Integrationslage türkischer Migranten in Deutschland, Großbritannien und Australien. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 173 Seiten. ISBN 978-3-8288-2392-1. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag, Reihe Pädagogik - Band 19
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Thema

Es geht – wieder mal – um die „Integration“ („Integrationslage“?) der Kinder und Enkelkinder der Einwanderer aus der Türkei – dieses Mal aber in Richtung eines intendierten Vergleichs zwischen Generationen („zweite und dritte Generation“) sowie Ländern (Deutschland, Großbritannien, Australien). Versucht wird also ein komparativer „Blick über den Tellerrand“, um Erkenntnisse über eine „gelungene gesellschaftliche Integration“ (Werbetext) zu erhalten.

Autorin und Entstehungskontext

Nilüfer Keskin, geboren 1976, ist Deutsch-Türkin der „zweiten Generation“ und hat mit der vorliegenden Publikation in Erziehungswissenschaften promoviert. Heute arbeitet sie in der pädagogischen Praxis an einem „Multikulturellen Forum in der Migrationsberatung“.

Aufbau

Nach der üblichen „Einleitung“ (Aktualität des Themas, Paradigmenwechsel in der Migrationspolitik – vgl. neues Zuwanderungsgesetz in Deutschland) werden ganz knapp und ohne Literatur- oder Forschungsbezug auf einer Seite die „Zielsetzung und Auswahl der Zielgruppen“ erläutert. Sodann erfolgen (S. 17-106) jeweils Kapitel über „Die Migration in Deutschland“, „Die Migration in Großbritannien“ und „Die Migration in Australien“, um dann abschließend die „Ergebnisse der Analysen“ (S. 107-139) darzustellen, woraus sich das „Fazit“ oder „Die Akzeptanz der Anderheit des Anderen“ (S. 141-148) ergibt. Es fällt auf, dass sich kein Kapitel oder auch nur ein Absatz dem „Forschungsstand“ oder der Methodenauswahl bzw. dem empirischem Vorgehen widmet – für eine Dissertation ungewöhnlich.

Anmerkung: Da an keiner Stelle vermerkt wird, ob die vorliegende Buchfassung von der Dissertation abweicht (eventuelle Modifikationen, Straffung oder Fokussierung des Textes auf Anraten des Verlages usw.?), behandele ich den Text wie eine Dissertation.

Inhalte (und Kritik)

Es fällt insgesamt auf, dass die Autorin recht sorglos und teilweise unreflektiert mit Begriffen hantiert (z. B. bereits in der Einleitung ist von „Rassen“ die Rede; S. 12, auch S. 71; später von „Migranten- oder Einwanderungsströmen“, S. 18, S. 21) und terminologische Schärfe oder gar diskursive Auseinandersetzungen mit der gegenwärtig vorherrschenden Terminologie scheut. Zentrale Begriffe wie „Kultur“, „Integration“, „Ethnie“, „Religion“, „Toleranz“, „Identität“ oder „Generation“ usw. werden recht oberflächlich und zumeist hart an einer (!) Sekundärliteratur orientiert abgehandelt. Für den Vergleich (!) werden keine Kriterien theoretisch abgeleitet, wie überhaupt keine stringente Theorieorientierung, z.B. in der Fragestellung, zu erkennen ist. So werden zwar „konstruktivistische“ Aspekte kurz einleitend erwähnt („Frage, wie ethnische Identität konstruiert wird“, S. 13) und es wird auf das Konzept „Fordern und Fördern“ verwiesen (S. 12), diese Punkte aber dann im Folgenden vergessen.

Zu fragen ist auch: Wenn von „einer völlig anderen (Einwanderungs-)Kultur“ von Australien ausgegangen wird (S. 14), kann man dann überhaupt exakt „vergleichen“? Methodologische oder erkenntnistheoretische Überlegungen zu komparativen Analysen sucht man vergeblich. Über die einzelnen empirischen Methoden der Studie erfährt man nichts – außer, dass Keskin 250 Fragebögen in Deutschland an „Migranten zwischen 16 und 60 Jahren“ verteilt hat (Rücklauf 119, was sehr viel ist!), dass „viele Interviews durchgeführt“ wurden mit der „ersten und zweiten Generation sowie in alevitischen und Moscheevereinen“ (S. 15). In Großbritannien wurden „nur Interviews mit türkischen Migranten durchgeführt“. Ferner wurden in Deutschland (Dortmund) „Gespräche mit türkischen Migranten geführt“. In Australien wurden „Expertengespräche geführt bzw. Fragebogenaktionen durchgeführt“ (wie viele Bögen verteilt und ausgewertet wurden, bleibt unerwähnt; wer als „Experte“ definiert wurde, ebenfalls) – überwiegend in „Alevitischen Gruppen und Moscheevereinen“, über deren Besonderheit der Leser auch nichts erfährt.

Anmerkung: Aleviten wurden in der Türkei offiziell von Sunniten nicht als Moslems oder Glaubensbrüder akzeptiert und regional unterdrückt – viele Aleviten sind auch Kurden, die sich nicht als „Türken“ verstehen! So wäre es auch sinnvoller, statt von „türkisch“ immer von „Türkei“ zu reden. Nicht jede(r) Türke(in) versteht sich als „türkisch“! Kompliziert, aber nicht unwichtig im Kontext von „Identität“, „Akzeptanz“ und „Kultur“. Ein Exkurs zur Glaubensgemeinschaft der Aleviten wäre angebracht gewesen (es findet sich nur eine Fußnoten (z.B. S. 16) und ein kurzer Hinweise (S. 34).

Im m. E. einzigen Theorieabschnitt („Deutschland: Eine multikulturelle Gesellschaft?“, S. 21ff; „Kultur und Persönlichkeit“, S. 24f; „Ethnische Identität und kultureller Widerstand“, S. 25ff) wird versucht, terminologische Klarheit zu schaffen, wobei aber keine diskursiven und konkludierenden Elemente zu erkennen sind und zwischen deskriptiven und normativen Aussagen nicht unterschieden wird. Problematisch wird es für mich als Rezensenten dann, wenn die Autorin sich auf unsere Studie von 1976 (Schrader/ Nikles/ Griese) einlässt, diese jedoch nur an Hand einer (!) Sekundärliteratur referiert, statt Nikles von Nickels spricht (S. 24) und dann immer nur Schrader, nicht Schrader/ Nikles/ Griese als Autoren nennt. Es wird auch nicht reflektiert, dass unsere Studie in den 70er Jahren verfasst wurde, wie überhaupt historische Aspekte (Zeitpunkt von Studien, Prozesscharakter der Phänomene usw.) ausgeklammert werden. Unser Idealtypus des in Deutschland geborenen Kindes von Einwanderern wurde auch „Neudeutsche“ und nicht „Neue Deutsche“ genannt!

Anmerkung: Bin ich jetzt zu pedantisch oder sind diese Mängel bei Dissertationen einfach nicht zu negieren? Auch der Kollege Terkessidis wird Terakessdis (S. 40) genannt und Nora Räthzel als Rathzel erwähnt – alles aus der Sekundärliteratur! Es ist auch nicht unproblematisch, die Analysen und Erkenntnisse von Beck aus seiner „Risikogesellschaft“ (1986) auf die „Lage der Migranten in einer fremden Lebenswelt“ zu übertragen (S. 37ff). Weitere formale Mängel fallen ins Auge: Es wird falsch getrennt (S. 43, 98) – das Trennprogramm des Computers ersetzt kein Korrektur lesen! – Zitate nicht deutlich gemacht (S. 43, Literatur mal mit, mal ohne Verlagsangaben in den Fußnoten angegeben (exemplarisch ebd.) jede Menge „elektronische Medien2 aufgelistet (S. 162), deren Stellenwert im Text zumeist unklar bleibt. Auch ist zu vermuten, dass die Angaben zu Autoren im Literaturverzeichnis mit abgekürztem Vornamen (z.B. Büchner, P. oder Mausel, J; Klocke, A. – der geschätzte Kollege heißt Mansel (!), Jürgen) oder falsch geschriebene Namen (Dieheim, Isabell statt Diehm! – den „Rekord“ an Oberflächlichkeit stellen aber die drei unterschiedlichen Schreibweisen von Bönisch – Literaturverzeichnis, Boenisch im Text und Böhnisch in der Fußnote auf S. 48 dar) darauf hindeuten, dass diese Literatur nicht in der Hand gehalten geschweige im Original gelesen wurde. Und Lektorate gibt es in der Epoche der druckfertigen Manuskripte und Druckkostenzuschüsse sowieso nicht mehr. Dies entschuldigt aber nicht fehlendes Korrektur lesen.

„Theorie“ wird nur aus Sekundärliteratur und ohne Diskussion referiert (vor allem S. 27f, wenn es um „Assimilation“ und „Akkulturation“ geht). Kann man heute nicht mehr verlangen, dass die relevante Literatur im Original gelesen wird? Wohlgemerkt, es handelt sich hier nicht um Plagiate, aber um ein unkritisches und teilweise verkürztes Referieren aus der Sekundärliteratur. Ganz deutlich wird dies beim Abschnitt zum „Generationenbegriff“ nach Karl Mannheim, wenn auf Internetquellen zurückgegriffen wird und ein Satz wie „Die Soziologie spricht – je nach Intention – von ‚verlorener‘ oder ‚skeptischer‘ Generation“ (S. 29) ohne jeglichen Bezug auf dahinterstehende Studien (vgl. Schelsky 1957) oder historische Aspekte formuliert wird.

Anmerkung: All diese ärgerlichen Kleinigkeiten – es handelt sich um eine Dissertation! – führten bei mir dazu, dass ich das Buch spätestens am Ende des Kapitels über Deutschland, in dem ja die „Theoriediskussion“ (warum nicht vorweg in einem eigenen Theorieabschnitt?) geführt wurde, wegen Unzumutbarkeit aus der Hand legen wollte. Als Doktorvater hätte ich die Arbeit mit enormen Auflagen zurück gegeben! Meine Neugierde, etwas über die Migration in Großbritannien und in Australien zu erfahren sowie mein Versprechen zur Rezension zwangen mich intrinsisch, weiter zu lesen.

Die „Einwanderung in Großbritannien“ wird zu Recht als „Sonderfall“ definiert (S. 57) – kann man dann problemlos mit anderen Ländern vergleichen? Schwerpunkte sind die Darstellung des „Bildungswesens“ und die Analyse des Ziels der „Anpassung“ an den „British Way of Life“ bzw. die „Assimilierung“. Die „Bildungsmisere bei türkischen Migranten der 2. und 3. Generation“ sieht die Autorin als „vergleichbar“ mit Deutschland. Dass in englischen Analysen zumeist zwischen „Kurds“ und „Turks“ und „Cypriots“ – im Gegensatz zu Deutschland – unterschieden wird, macht den Vergleich allerdings noch schwieriger – darauf geht Keskin nicht ein. Sie sieht „Probleme, wie sie auch in Deutschland an der Tagesordnung sind“ (S. 79; empirische Belege dafür fehlen, weil auf das erhobene Material oder amtliche Statistiken über Schulerfolg nicht eingegangen wird). Einen Unterschied erkennt Keskin allerdings in der „hohen Selbstmordrate unter türkischen Jugendlichen“ in Großbritannien – eine fundierte Erklärung dafür wird nicht gegeben.

Es folgt das Kapitel über „Die Migration in Australien“, ein klassisches Einwanderungsland mit einer spezifischen Einwanderungsgeschichte („in Australien redet man nicht über Migration. Sie gehört einfach dazu“, S. 81), wobei als Besonderheiten der diskriminierende und assimilierende Umgang mit den Ureinwohnern (die „Aborigines“) sowie eine gegenüber Europa historisch bedingte „differenzierte und verschiedene Ansicht“ von Migration zu konstatieren ist (ebd.) – ich wiederhole mich: Kann man dann unreflektiert vergleichen?

„Das Schicksal der Ureinwohner“ und die „Einwanderung der Briten“ werden referiert (die Zeit des II. Weltkrieges fehlt), woraus die Autorin eine Art „Lebensphilosophie der weißen Australier“ konstruiert (S. 90f). Genauer geht Keskin auf die „türkische Migration“ ein (S. 91ff). Interessant und relevant ist (wenn es stimmt), dass Türken „ökonomisch, ethnisch wie kulturell … prinzipiell den weißen Australiern gleichgestellt (wurden)“ (S. 95), was der Tatsache der Anwesenheit der Aborigines als exkludierte Minderheit und „Fremde“ (im eigenen Land!) geschuldet ist – auch diese Tatsachen bzw. Unterschiede machen einen Vergleich mit Deutschland und Großbritannien unmöglich. Der „australische Multikulturalismus“ ist eine historisch bedingte Sonderform und bestenfalls mit den USA, eben als klassisches Einwanderungsland mit Ureinwohnern, zu vergleichen.

Die empirischen Belege für aufgestellte Thesen (exemplarisch S. 97, wenn Probleme auf der „kulturellen Ebene“ konstatiert werden) entstammen zumeist „Gesprächen mit den türkischen Migranten“ (ebd.) oder „Interviews mit türkischen Familien“ (S. 101), über die man methodisch ansonsten nichts erfährt (abgedruckt ist nur der in Deutschland verteilte Fragebogen mit Ergebnissen, S. 165-173. Dabei wird nach Geschlecht (!) und Bildung gefragt, wonach aber nicht ausgewertet wird, aber nicht nach dem Alter.

Bei den „Ergebnissen der Analysen“ und „Erklärungsversuchen“ wird auf Theorien der „Identitätsbildung“ oder „Anomie“ eingegangen. Dies erfolgt aber alles an Hand weniger Sekundärliteratur (zu den Klassikern Durkheim, Merton, Mead, Goffman, Erikson – es gibt auch aktuelle Identitätskonzepte und Devianztheorien !), wobei Hauptseminarniveau nicht überschritten wird. Der abschließende „Vergleich der drei Länder“ geht dann unbegründet und überraschend auf das „kanadische Konzept der Multikulturalismus“ ein (S. 112ff) – hieraus hätte man einleitend Kriterien für einen intendierten Vergleich ableiten können – und stellt, nicht widerspruchsfrei, u.a. fest: „Die Integrationspolitik ist in den untersuchten Ländern sehr verschieden“ (S. 114); überall ist ein „Paradigmenwechsel“ zu konstatieren (S. 117); „Segregation ist in allen drei Staaten zu beobachten“ (S. 118); „Die Identitätsentfaltung der türkischen Jugendlichen in allen drei Staaten ist, bis auf einige Unterschiede (welche? H.G.), identisch“ (S. 130) – empirisch fundiert belegt auf der Basis eigener Erhebungen ist das alles nicht.

Der Vergleich zwischen 2. und 3. Generation (nur auf Deutschland bezogen) konzentriert sich dann nur auf Sprachkompetenz und argumentiert äußerst pauschal (S. 128), wobei persönlich-familiäre Beispiele gebracht werden, so als gäbe es keine „Migrantenmilieus“ (vgl. das SINUS-Modell dazu). Gegen Ende werden neuere Studien (KFN-Nds.) zu Gewaltdelikten gegenüber Migranten referiert und „Ausländerfeindlichkeit als zentrales Problem“ genannt (S. 133ff). Bei den brutalen und unmenschlichen Anschlägen in Mölln und Solingen aber von „Massakern“ zu sprechen (S. 133) scheint mir doch etwas deplaziert (Massaker meint „Blutbad“, „Gemetzel“) und verharmlost damit wirkliche „Massaker“ in der Geschichte. Wie gesagt, der sensible Umgang mit Begriffen ist nicht die Stärke der Autorin.

Im „Fazit“ wird dann – und das ist zumindest in einer pädagogischen Perspektive interessant und weiterführend – auf die „Akzeptanz der ‚Ander(s)heit des Anderen‘“ bzw. das „Prinzip des Menschseins“ oder der „Sphäre zwischen den Menschen“ von Martin Buber eingegangen. Hier liegt ein theoretisches, universal-anthropologisches Kriterium vor, mit dem man Migration und Integration in allgemeiner vergleichender Perspektive hätte analysieren können – vor allem, wenn sich die Ureinwohner Australiens selbst als „Menschen“ bezeichnen.

Die abschließende (letzter Satz) Selbsterkenntnis „Ich bin eine Europäerin mit anatolischen Wurzeln und deutsch-türkischen Denkstrukturen“ (S. 148) klingt sympathisch und wäre als „konkrete Utopie“ oder Konzept einer möglichen allgemeinen Identität in Einwanderungsgesellschaften zu denken: Eine übernationale oder globale Orientierung/ Weltbürgertum, traditionell-familiäre Basis der Persönlichkeit und hybride bzw. transkulturelle Denk- und Verhaltensmuster (vgl. dazu unsere Studie „Wir denken deutsch und fühlen türkisch“).

Diskussion

Diese habe ich in die Darstellung des Inhalts „integriert“, weil man bei dieser Studie m. E. den Inhalt nicht kritiklos wieder geben sollte.

Fazit

Die Studie hat, gemessen an Kriterien, die man an Dissertationen anlegen sollte, enorme theoretische und methodisch-methodologische und auch formale Mängel. Die Methodenauswahl sowie das methodische Vorgehen werden nicht erläutert; eine stringente Auswertung der Daten (es handelt sich um eine qualitative Erhebung mittels Methoden-Mix/ Triangulation aus Interviews/ Befragung, „Gesprächen“ sowie Beobachtungen) oder ein konkreter Bezug auf die empirischen Befunde bei der Interpretation erfolgt faktisch nicht. Eine theoretisch orientierte Fragestellung und spätere, darauf bezogene Interpretationen der Befunde liegen nicht vor – es überwiegen subjektive Einschätzungen und Erkenntnisse.

Aussagen wie „In meinen Beobachtungen war deutlich zu erkennen“ oder „Bei meinen Interviews stellte sich heraus“ (beides S. 129 und exemplarisch) oder „so, wie ich es beobachten konnte“ (S. 131) sind gehaltlose diffuse Behauptungen, wenn die Forschungsmethoden und das Vorgehen nicht exemplifiziert und ausführlich dargestellt werden, z.B.: Gab es einen Beobachtungsleitfaden? Inwieweit waren die Beobachtungen kontrolliert? Wurden Beobachtungsnotizen gemacht? Gab es einen Interviewleitfaden – und wenn ja, warum ist dieser nicht abgedruckt (im Anhang findet sich nur ein Fragebogen)?

Die Variablen Alter, Bildung, Milieu, Geschlecht – in der Jugendforschung und im Intersektionalitätsansatz („class – race – gender“ usw.) zumindest die relevantesten Differenzierungsmerkmale, um pauschalen Schlussfolgerungen zu entgehen, fehlen in der Analyse und im Vergleich. Ich erkenne in der Arbeit auch keine diskursiven Elemente, kontroverse Debatten oder Anregungen und weiterführende Erkenntnisse für die Migrations- und Integrationsforschung.

Gewinnbringend kann das Buch für alle sein, die sich für die Einwanderung nach Großbritannien und Australien, deren Bildungssysteme und politischen Strategien interessieren oder im Sinne von Martin Buber konzeptionelle Hinweise suchen für einen allgemeinen pädagogisch-humanen Umgang mit Einwanderern auf Augenhöhe bzw. von Subjekt zu Subjekt. Diese Hinweise und Anregungen am Ende, welche die üblichen pädagogischen Postulate wie Toleranz, Respekt und Akzeptanz theoretisch anreichern, fundieren und überhöhen könnten, sind es Wert, weiter diskutiert zu werden.

Anmerkung: Liebe Kollegin Nilüfer Keskin, das klingt alles sehr hart und kritisch bis ablehnend. Das Problem liegt m. E. aber in einer ungenügenden theoretischen (hier: jugend-, identitäts- und migrationssoziologischen) und empirisch-methodisch-methodologischen Ausbildung von Studierenden der Pädagogik bzw. der Erziehungswissenschaften sowie in einer wahrscheinlich mangelhaften oder oberflächlichen, wenn auch gut gemeinten, Betreuung während der Dissertation. Dies sage ich nach fast 40 Jahren Lehr-, Prüfungs- und Forschungstätigkeit als „Professor im Ruhestand“, der aber noch Doktoranden und Diplomanden – unbezahlt – betreut. Zumindest muss ich feststellen, dass ich noch nie so lange an einer Rezension „gebastelt“ habe, weil ich diese Rezension quasi für meine Doktoranden in unserem Kolloquium verfasst habe und zur Diskussion vorlegen werde. Übrigens, und dies soll in Zeiten der Guttenbergs und Koch-Mehrins abschließend gesagt werden, ein Kolloquium, in dem jede(r) sein Dissertationsprojekt, speziell die theoretische Fragestellung und Ausrichtung, die zentralen Termini sowie das empirische Vorgehen und die begründete Methodenwahl samt Auswertungsschritte mehrfach (!) zur Diskussion vorstellen muss.

“Das Fremdeste, was man erleben kann,
ist das Eigene einmal von außen gesehen“
(Max Frisch im Tagebuch 1946-1949)

Literatur

  • Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt
  • Griese, Hartmut M./ Schulte, Rainer/ Sievers, Isabel (2007): ‚Wir denken deutsch und fühlen türkisch. Sozio-kulturelle Kompetenzen von Studierenden mit Migrationshintergrund Türkei. Frankfurt
  • Schelsky, Helmut (1957): Die skeptische Generation. Eine Soziologie der Jugend. Düsseldorf und Köln
  • Schrader, Achim/ Nikles, Bruno/ Griese, Hartmut (1976): Die Zweite Generation. Sozialisation und Akkulturation ausländischer Kinder in der Bundesrepublik. Königstein

Rezension von
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
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Es gibt 85 Rezensionen von Hartmut M. Griese.

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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 11.08.2011 zu: Nilüfer Keskin: Probleme der Integration türkischer Migranten der zweiten und dritten Generation. Ein Vergleich der Integrationslage türkischer Migranten in Deutschland, Großbritannien und Australien. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2392-1. Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag, Reihe Pädagogik - Band 19. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10701.php, Datum des Zugriffs 15.08.2022.


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