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Karl Neumann, Ulf Sauerbrey u.a. (Hrsg.): Fröbelpädagogik im Kontext der Moderne

Cover Karl Neumann, Ulf Sauerbrey, Michael Winkler (Hrsg.): Fröbelpädagogik im Kontext der Moderne. Bildung, Erziehung und soziales Handeln. Garamond Verlag (Jena) 2010. 304 Seiten. ISBN 978-3-941854-31-4. 29,90 EUR.

Reihe: Pädagogische Studien und Kritiken - Band 12. Edition Paideia.
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Entstehungshintergrund

Der vonKarl Neumann, Ulf Sauerbrey und Michael Winkler herausgegebene Sammelband „Fröbelpädagogik im Kontext der Moderne. Bildung, Erziehung und Soziales Handeln“ dokumentiert einen Teil der Beiträge der vierten Konferenz der International Froebel Society (IFS), die im April 2010 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena vom Institut für Bildung und Kultur gemeinsam mit der IFS veranstaltet wurde. Ziel der Konferenz war, ein Forum zu schaffen, „auf dem offen für pädagogische Fragen und Theorie und Praxis die verschiedenen Stränge der Modernität bzw. Aktualität der Fröbelschen Pädagogik diskutiert wurden und werden“ (S. 9).

Herausgeber

Prof. Dr. Karl Neumann ist Vorsitzender der Sektion der International Froebel Society, Professor i.R. der Abteilung Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Braunschweig.

Ulf Sauerbrey, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik am Institut für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Prof. Dr. Michael Winkler ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik und Direktor des Instituts für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Thema und Aufbau

Der Sammelband vermittelt einen Einblick in neueste Ergebnisse der Fröbelforschung zur Bildungstheorie in Auseinandersetzung mit dem Stand der Hirn-, Lern- und Bindungs-forschung sowie der Forschung zur Pädagogischen Diagnostik. Zudem werden die bildungsphilosophischen Rahmenbedingungen und unterschiedliche rezeptionsgeschichtliche Aspekte ebenso einbezogen wie neuere Untersuchungen zu einzelnen Aspekten der Ideen Fröbels (z.B. die Bedeutung des kindlichen Spiels).

Der Band gliedert sich in systematisch-pädagogische Analysen und historische Einordnungen (Teil 1), in rezeptionsgeschichtliche Studien (Teil 2) und in Beiträge zu Verbindungslinien zu zentralen Themen der frühpädagogischen Diskussion (Teil 3).

Teil 1: Systematisch-pädagogische Analysen und historische Einordnungen

Michael Winkler beginnt seinen Beitrag „Der politische und sozialpädagogische Fröbel“ mit einer Kritik an der aktuellen Bildungsdebatte. Diese drehe sich zunehmend um Steuerung, Messung und Bewertung von kindlichen Bildungs- und Entwicklungsprozessen und vergesse die Tatsache, „(…) dass Bildung mit Subjektivität zu tun haben könnte, mit dem allerdings schwer zu theoretisierenden, wohl Humanität spezifischen Sachverhalt (…) dass sie sich selbst erfassen müssen, um sich in ihrer Welt zu begreifen (…) dass Bildung solch aufregendes Geschehen ist“ (S. 28f.). Dem gegenüber stellt er den Bildungsbegriff Fröbels und schließt an diesen seine These an, dass Fröbel ein verkannt moderner Pädagoge ist, der nur deshalb unzeitgemäß wirkt, weil er unserem gegenwärtigen pädagogischen Denken voraus ist. Der angemessenen Rezeption des „politischen und sozialpädagogischen“Fröbel stehen seine „fast penetrante theologische Konzeption“ (S. 33), seine Religionsauffassung und sein Verständnis von Gott im Weg, die Winkler allerdings geschickt dekonstruiert, und so den Blick auf Fröbel als „politischer Denker der Pädagogik und pädagogischer Denker der Politik“ (S. 48) öffnet.

Helmut Heiland beschreibt in „Bildung und Freiheit bei Friedrich Fröbel – Fröbels Philosophie des "sphärischen" Lebens“ die philosophische Tradition, in der Fröbel steht und bettet ihn epochengeschichtlich ein. Fröbel ist „weder Hegel noch der Romantik zuzuordnen [ist] und auch nicht Vertreter einer politisch bestimmten Pädagogik“ (S. 54f). Vielmehr entwickelte der Autodidakt eine spezifisch von ihm entwickelte „Sphärenphilosophie“, um seine Praxis der „Erziehungskunst“ zu begründen. Heiland analysiert die Genese der Sphärenphilosophie, zeigt den Bedeutungswandel auf, den einige Grundbegriffe und Ideen bei Fröbel über die Zeit erfahren haben (z.B. von einer familiennahen kategorial bildenden Schulstufe hin zu einer institutionellen Integration von Kindergarten und Elementarschule).

Der Beitrag „Ein kritischer Überblick über alternative und oppositionelle Elemente in Fröbels Denken und deren Einfluss auf die frühe Kindergartenbewegung“ von Kevin J. Brehony betrachtet Fröbels Kulturverständnis entlang des Begriffspaares alternativ und oppositionell. Er situiert Fröbel innerhalb der großen Romantikbewegung und analysiert seine religiösen und philosophischen Ideen in Bezug auf Okkultismus, Symbolismus und Pantheismus.

Teil 2: Rezeptionsgeschichtliche Studien

Helen May stellt in „Die Neugestaltung des kolonialen Kindergartens: eine politische Geschichte“ die Verbreitung der Fröbelschen Ideen (hier v.a. seiner Kindergarten-Konzeption) in Neuseeland dar. Zwischen 1889 und 1908 eröffneten englische Siedler im Kolonialgebiet „am Ende der Welt“ Kindergartenverbände, um kostenlose Kindergartenbetreuung für alle anzubieten. Im zweiten Teil ihres Beitrages geht May auf die Transformation der neuseeländischen Kindergartenlandschaft ein, die sich aus der veränderten Angebotsstruktur (mehr private Träger, unterschiedliche Konzepte, vermehrt Kinder unter drei Jahren) ergab und die Kindergärtenverbände zwingt, sich neu zu positionieren.

In ihrem Aufsatz „Miss Mary Richmonds Reisen 1907: eine koloniale und transnationale Geschichte“ beschreibt Kerry Bethell das Phänomen der transnationalen Reisen von „reformers and kindergarteners“ im 19. Jahrhundert, die angeregt durch Erfahrungsberichte in Zeitungen, Büchern etc., Länder und Kolonien bereisten, die innovativ in der frühkindlichen Bildung waren (wie z.B. Neuseeland). Im Mittelpunkt stehen die Bildungsreisen der neuseeländischen Kindergärtnerin Mary Richmond nach England, Deutschland und die USA. Bethell zeigt auf, dass die durch die Reisen konstruierten Netzwerke eine große Rolle bei der Formierung und der Entwicklung des Kindergartens als transnationale Bewegung spielen.

Tatjana Cherkasowa gibt in ihrem Beitrag „Die Fröbel-Rezeption in der modernen russischen Pädagogik“ einen knappen Einblick in die Forschung der Autorin – die Bewertung der Fröbel-Theorie durch die heutige russische Erziehungswissenschaft. Die Ergebnisse ihrer hermeneutischen Inhaltsanalyse und kritischen Interpretation von pädagogischen Texten zeigen, dass Fröbel selten direkt zitiert wird, seine Gedanken und Ideen aber durchaus Eingang in die Pädagogik Russlands gefunden haben.

Im Fokus von „Die Entstehung Fröbelscher Helden: Ellen und Maria Moberg in der Geschichte des schwedischen Kindergartens“ von Johannes Westberg steht die Konstruktion der Schwestern Mobergs, die bis heute als Vorreiterinnen des schwedischen Kindergartens gelten. Westberg zeigt auf, wie sich die Konstruktion der beiden Frauen über die Jahrzehnte hinweg in Abhängigkeit des kulturellen und ökonomischen Kontextes verändert hat. So entwickelte sich bspw. parallel zur Frauenbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Darstellung der Moberg-Schwestern von selbstlosen und sich aufopfernden Frauen hin zu starken, rationalen feministischen Unternehmerinnen des 21. Jahrhunderts.

Teil 3: Verbindungslinien zu zentralen Themen der aktuellen frühpädagogischen Diskussion

Gerald Hüthergeht in seinem Beitrag „Frühe Bildung von Kindern aus der Sicht der Hirnforschung“ auf denParadigmenwechsel ein, den die neueren Erkenntnisse der Neurobiologie in der frühpädagogischen Forschung und Praxis eingeleitet haben. Die Feststellung, dass das menschliche Gehirn weitaus plastischer und anpassbarer ist, als bisher vermutet, hat zur Folge, dass besondere Leistungen aber auch Störungen weniger im Gehirn, denn in den Rahmenbedingungen, unter denen ein Mensch aufwächst, zu suchen sind. Die Assoziation mit Fröbel liegt nahe, wenn Hüther schreibt, dass die geeignetsten Anregungen zur Kompetenzstärkung des Kindes von diesem selbst kommen, Kinder und Jugendliche Räume zum Gestalten brauchen und es den Funken der Begeisterung des Erwachsenen bedarf, um Kinder auf Inhalte hinzuweisen, die sie stark machen für das Leben.

In „Friedrich Fröbels Mutter- und Koselieder im Lichte der Bindungsforschung“ stellt Christiane Konrad auszugsweise ihre Dissertation vor, die sich in Auseinandersetzung mit Thesen der Bindungsforschung mit den Mutter- und Koseliedern von Fröbel beschäftigt. Fröbels Absicht war es, auf die Mütter einzugehen und ihnen eine Hilfestellung zu geben, eine besonders intensive Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Wie in einem Lehrgang werden die Mütter in den sieben Koseliedern angeregt, ihre Gefühle beim Anblick ihres Kindes zum Ausdruck zu bringen und sich mit dem Säugling vertraut zu machen, um anschließend in den Spielliedern durch das gemeinsame Singen und kleine Fingerspiele die Umwelt gemeinsam zu erkunden und das Kind bei der Exploration zu begleiten.

Christine Freytaggeht in ihren Ausführungen zur „Artikulation und Phonetik bei Fröbel und heute“ auf die Beschäftigung Fröbels mit der Phonetik ein, der in seiner Schrift „Die Menschenerziehung“von 1826 eine Anleitung zum sprecherischen und sprachlichen Unterricht veröffentlichte. Das Ziel einer reinen Aussprache und dem sicheren Gebrauch der Sprachwerkzeuge war nach Fröbel, ein genaues Abbild der Innenwelt nach außen zu schaffen.

In seinemAufsatz „Umweltgerechte Erziehung und Bildung durch Fröbelpädagogik?“ wirft Ulf Sauerbrey die Frage auf, ob pädagogische Konzepte auf die Einsicht, dass ein umweltgerechtes Handeln erstrebenswert ist, vorbereiten oder diese gar vermitteln können. Der Fröbelforscher legt dar, dass eine nach den Ideen Fröbels gestaltete Erziehung und Bildung geeignet wäre, Kindern den verantwortungsvollen Umgang mit Mensch und Umwelt selbsttätig erarbeiten zu lassen und fordert angesichts der modernen ökologischen Herausforderungen eine Intensivierung dieses Ansatzes.

Den Querverweis zu Fröbel schafft Wolfram Meyerhöfers in seinem Beitrag „Vom Rechnen und vom Rechen-Schwächeln“, in der Auseinandersetzung mit der Aussage Fröbels, den Kindergarten nicht als „Zubringer“ der Schule, sondern als Raum der spielerischen Erfahrung und Erforschung zu verstehen. Meyerhöfer sieht die Aufgabe der Kindertageseinrichtungen vor allem darin, den Kindern vielfältige mathematische Erfahrungen zu ermöglichen sowie eine Fragehaltung und eine spielerische Herangehensweise an Zahlen zu eröffnen, um so „den Kindern einen gewissen Schutzmantel vor künftigem schlechten Mathematikunterricht“ umzulegen (S. 236).

Michaela Rißmanngibt in ihrem Beitrag „Be(ob)achtung und dialogische Bildungsdokumentation im Kindergarten“ einen Überblick über die gegenwärtige Bedeutung der Beobachtungs- und Dokumentationspraxis in Kindertageseinrichtungen. Sie kritisiert, dass häufig Dokumentationen nur den Erwachsenen dazu dienen, ihre Sichtweise auf den Entwicklungsprozess des Kindes darzustellen (Kind als „Beobachtungsobjekt“) und zu wenig die Perspektive des Kindes sowie die pädagogischen Chancen, die darin liegen, berücksichtigt werden. Für Fröbel war die Selbstreflexion des Erziehenden und die Berücksichtigung der Entwicklung, Bedürfnisse und Interessen des Kindes in seinem Kontext eines der ersten und obersten Grundsätze in seinem Hauptwerk „Die Menschenerziehung“ (1826).

Der letzte Beitrag des Tagungsbandes „Eltern, Kindertageseinrichtungen, Schule: Partner in den Bildungsprozessen der Kinder“ von Karl Neumann befasst sich mit der derzeit stattfindenden Neuausrichtung der Frühpädagogik, samt ihrer Grenzen, Stolpersteine und Kritikpunkte. Als mögliches Vorbild für Deutschland werden die englischen Early Excellence Centers als neue Form der Familienbildung, mit dem Verständnis von Kindertageseirichtung als „Lebens- und Lernraum“, vorgestellt. Ein Konzept wie dieses hatte laut Neumann auch Fröbel im Blick, wenn er davon sprach, die typisch moderne Dissoziation von öffentlichem und privatem „Lernort“ aufzuheben.

Fazit

Die Intention der Herausgeber, durch eine historisch-systematische Analyse der Fröbelschen Pädagogik, diesem Geltung für die Gegenwart zu geben und zugleich einen kritischen Blick auf den aktuellen elementarpädagogischen Diskurs zu schaffen, gelingt in diesem Tagungsband überwiegend. Lediglich an einzelnen Stellen wirken die Verweise auf Fröbel aufgesetzt und konstruiert. Überrascht wird der Leser von der Vielfalt an Themen und Methoden, die Fröbel in seiner Pädagogik des 19. Jahrhunderts bereits angedacht hat. Löst man seine Aussagen behutsam von der Sprache und dem religiösen Denken seiner Zeit ab, wirken sie tatsächlich sehr modern und anschlussfähig an aktuelle Theorie, Praxis und Forschung. Ein lesenswertes Buch nicht nur für Fröbelinteressierte, das die Forschungs- und Fröbelforschung um einen Ansatz erweitert, den weiter zu denken sinnvoll und lohnend scheint.


Rezension von
PD Dr. Fabienne Becker-Stoll
Direktorin Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP)
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Zitiervorschlag
Fabienne Becker-Stoll. Rezension vom 18.09.2012 zu: Karl Neumann, Ulf Sauerbrey, Michael Winkler (Hrsg.): Fröbelpädagogik im Kontext der Moderne. Bildung, Erziehung und soziales Handeln. Garamond Verlag (Jena) 2010. ISBN 978-3-941854-31-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10703.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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