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Julia Jäger, André Kaiser u.a.: Erfolgsfaktoren von ‚New Governance‘ in Stadtteilen [...]

Cover Julia Jäger, André Kaiser, Herbert Schubert, Katja Veil, Holger Spieckermann: Erfolgsfaktoren von ‚New Governance‘ in Stadtteilen mit Erneuerungsbedarf. Zwei deutsche Fallbeispiele. Verlag Sozial Raum Management (Köln) 2010. 170 Seiten. ISBN 978-3-938038-07-9. 20,00 EUR.

Reihe: Wirkungen sozialräumlicher Kriminalprävention Band 2.
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Thema

In benachteiligten Stadtteilen - also ein Stadtteilen, deren Entwicklungsbedarf erkennbar ist (die Begrifflichkeit der Erneuerung ist eher dem ersten Städtebauförderungsprogramm in NRW geschuldet, bevor das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt implementiert wurde) - in solchen Stadtteilen wird nicht nur vom Programm her Beteiligung eingefordert, sondern mittlerweile auch von den Akteuren vor Ort, auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern. "New Governance" ist also eine Strategie des Aushandelns auf kommunaler Ebene, in der deutlich wird, dass man etwas mit der Bewohnerschaft entwickeln muss und nicht für sie.

Autorinnen und Autoren

Daniela Jäger M. A. ist Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich

Prof. Dr. André Kaiser ist Professor an der Wirtschaft- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln

Prof. Dr. Dr. Herbert Schubert ist Professor an der Fachhochschule Köln

Dr. Katja Veil ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Köln

Holger Spieckermann M. A. ist Dozent und Koordinator des Forschungsschwerpunktes Sozial - Raum - Management an der Fachhochschule Köln

Entstehungshintergrund

Dies ist der zweite Band (zum ersten vgl. die Rezension) eines Forschungsprojektes "Wirkungen sozialräumlicher Kriminalprävention auf Sicherheit und Integration, Evaluation räumlich gestaltender, wohnungswirtschaftlicher und sozialplanerischer Maßnahmen in zwei deutschen Großsiedlungen (Köln-Kölnberg und Dortmund-Clarenberg)". Es ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Universität zu Köln und der Fachhochschule Köln, das von der RheinEnergieStiftung Jugend/Beruf, Wissenschaft in Köln gefördert wurde.

Aufbau

Während im ersten Band städtebauliche und wohnungswirtschaftliche Maßnahmen evaluiert werden, geht es in diesem zweiten Band um Erfolgsfaktoren von „New Governance“ in Stadtteilen mit Erneuerungsbedarf.

Nach einer Einleitung werden in fünf weiteren Kapiteln folgende Themen behandelt:

  • Was ist eine erfolgreiche Governance?
  • Das Instrument der Governanceanalyse,
  • Methoden der Analyse,
  • „New Governance“ in Kölnberg und Clarenberg und
  • (Miss-)Erfolgsfaktoren der Governance in den beiden Fallbeispielen.

Inhalt

Wann ist ein netzwerkorientierter Steuerungsmodus effektiv und effizient? Diese forschungsleitende Frage durchzieht diesen Band. Als „New Governance“ wird hier ein Steuerungsmodell verstanden, das mehr Partizipation - und damit mehr Einfluss - auf die Entscheidungen und ihre vorlaufenden Prozesse einfordert. Das Ergebnis sind in der Regel Aushandlungsprozesse zwischen Politik, Verwaltung und Bürgerschaft.

Die zweite Frage ist, welche Rolle der Staat in solchen Prozessen spielt. Was ist eine erfolgreiche Governance? Oder: Wie ist das Verhältnis von Selbststeuerung durch die Akteure und Steuerung der Akteure durch - in diesem Fall - den Staat? Reicht der Raumbezug aus, um ein angemessenes Verhältnis der im Raum Agierenden zu den für die Gestaltung des Raums Verantwortlichen aber nicht im Raum Integrierten zu konstituieren? Es geht also um institutionelle Vernetzung der in der Kriminalprävention involvierten Akteure - und das bezogen auf ein bestimmtes Quartier oder einen bestimmten Stadtteil. Der Vorteil eines solchen quartiersbezogenen Modells ist sicher, dass damit der Eigenlogik des Quartiers gerecht werden kann, durch die bestimmte Handlungen und die Reaktion darauf, bestimmte Machtkonstellationen und Ungleichheiten eine höhere Plausibilität und Anerkennung erfahren als in einem anderen Stadtteil.

Es wird dann das Instrument der Governanceanalyse vorgestellt und die Faktoren benannt und diskutiert, die für die Analyse von Governance relevant sind. Um nur einige zu nennen: Thema, Zweck, Akteure, Machtverhältnisse, prozessendogene und persönliche Faktoren etc.

Die Netzwerkanalyse der beiden Stadtteile lehnt sich hier nicht an normative Vorstellungen an, sondern geht von der Frage aus, welche sozialen Ressourcen oder welches soziale Kapital den Akteuren zur Verfügung stehen. Die unterstellte Prämisse ist, dass politisches Handeln wie soziales Handeln überhaupt von derartigen Ressourcen und Kompetenzen abhängig ist. Dabei werden Machtkonstellationen und gesellschaftliche Positionierungen nicht vernachlässigt.

Auf der Basis einer Haushaltsbefragung, einer Maßnahmenerhebung bei den in den Stadtteilen handelnden sozialen Akteuren und einer Zeitungsrecherche wurde dann in beiden Stadtteilen das Instrument der „New Governance“ eingesetzt. Dabei kristallisierten sich in beiden Stadtteilen besondere Probleme heraus, die weiter bearbeitet werden sollten.

Bei der Frage der institutionellen Rahmenbedingungen wurde die Infrastruktur erfasst, die beide Stadtteile ausmachen und prägen. Aber auch die staatlichen und gesellschaftlichen Handlungsprogramme wurden analysiert, wie in Kölnberg die Gemeinwesenarbeit, aber auch andere Programme und Initiativen, die notwendig wurden, weil sie auch Kennzeichen einer besonderen Problemlage eines deprivierten Quartiers sind. Unterdessen wurde in Clarenberg das Programm der Sozialen Stadt implementiert, das ohnehin auf Beteiligung setzt - oder: ohne Beteiligung geht gar nichts.

Zuletzt wird „New Governance“ in Blick auf die Misserfolge aber auch der Erfolge analysiert, was gleichzeitig auch eine Zusammenfassung der Ergebnisse ist. Dabei ist eine der entscheidenden Fragen, ob die Wahrnehmung der Bewohnerschaft, was ein soziales Problem ist mit den Wahrnehmungen kompatibel ist, die die Akteure haben, die sich professionell mit diesen Problemen beschäftigen.

Diskussion

Dieser Band macht deutlich, welche Strategien entwickelt und eingeschlagen werden müssen, um einen Stadtteil zu entwickeln. Denn mit der Entwicklung des Stadtteils entwickeln sich auch Menschen dort, entfalten ihre Ressourcen, wenn sie mal entdeckt sind und sind bereit und in der Lage, etwas für ihren Stadtteil zu tun. Wenn man sich als Teil einer res publica versteht, übernimmt man auch eher Verantwortung für diese res publica. Im Forschungsprojekt ist diese Erkenntnis nutzbar gemacht worden. Zusammen mit den Erkenntnissen aus der Evaluation von städtebaulichen und wohnungswirtschaftlichen Maßnahmen, die im ersten Band dokumentiert sind, lassen sich Formen von Governance entwickeln, die weit über traditionale Beteiligung hinausgehen. Hier wird das Modell einer Governanceanalyse vorgestellt, die zugeschnitten ist auf die Netzwerkstrukturen und strukturellen Bedingungen des Lebens in diesen Stadtteilen. Und nur vor einem solchen Hintergrund kann dann Governance dazu führen, dass ausgerechnet die gesellschaftlichen Gruppen plötzlich wieder dazugehören, die die Gesellschaft eher ausschließt, denen die Gesellschaft eher signalisiert, dass sie nicht gebraucht werden.

Fazit

Dieser Band sei allen empfohlen, die sich mit Governance als Methode sozialer Beteiligung beschäftigen und die in der Stadtplanung und Stadtentwicklung Stadtteile gestalten.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 28.01.2011 zu: Julia Jäger, André Kaiser, Herbert Schubert, Katja Veil, Holger Spieckermann: Erfolgsfaktoren von ‚New Governance‘ in Stadtteilen mit Erneuerungsbedarf. Zwei deutsche Fallbeispiele. Verlag Sozial Raum Management (Köln) 2010. ISBN 978-3-938038-07-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10715.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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