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Oliver Bertsche: Erziehungswissenschaft als Systematische Pädagogik

Cover Oliver Bertsche: Erziehungswissenschaft als Systematische Pädagogik. Die prinzipienwissenschaftliche Pädagogik Marian Heitgers. Ergon Verlag (Würzburg) 2010. 429 Seiten. ISBN 978-3-89913-780-4. 58,00 EUR.

Reihe: Erziehung, Schule, Gesellschaft - Band 57.
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Thema

Bertsche widmet sich der „umfassenden wissenschaftlichen Ausarbeitung“ (S. 15) des pädagogischen Werkes des deutschen Erziehungswissenschaftlers Marian Heitger. Obwohl dieser eine erziehungswissenschaftliche Schulrichtung, nämlich die philosophisch orientierte, insbesondere transzendentalphilosophische (prinzipienwissenschaftliche) im Rückgriff auf Immanuel Kant, weitergetragen und selbst schulbildend gewirkt hat, fehlte es bisher an einer entsprechenden Gesamtdarstellung.

Marian Heitger, 1927 im Hamm/Westfalen geboren, „gehört zweifellos zu den profiliertesten Pädagogen der Gegenwart, und er hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die deutschsprachige Pädagogik maßgeblich beeinflusst und mit gestaltet“ (Winfried Böhm, S. 13). Nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Theologie in Paderborn und Münster war Heitger von 1951 bis 1954 Assistent von Alfred Petzelt in Münster, bei dem er 1955 mit der Dissertation „Staat und Kirche im Problem der Bildung“ promovierte. Nach Schuldienst und Mitarbeit im Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster nahm er 1959 bis 1962 einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule München an und habilitierte sich in dieser Zeit an der Universität München bei Martin Keilhacker mit der Schrift „Bildung und moderne Gesellschaft“ (1963). 1962 erhielt Heitger einen Ruf an die Pädagogische Hochschule Bamberg, 1966 an die Universität Wien. 1995 wurde er dort emeritiert. Lange Zeit hat er die Sektion Pädagogik der katholisch geprägten „Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft“ und die von ihr verantwortete „Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik“ geleitet.

Autor

Oliver Bertsche gehört, insofern er die Position Heitgers nicht nur darstellt, sondern auch vertritt, zur vierten Generation der „Petzelt-Schule“ (Dietrich Benner). Sein akademischer Lehrer ist Winfried Böhm, der seinerseits Schüler von Marian Heitger ist, dessen (und auch Wolfgang Fischers und Jörg Ruhloffs) Lehrer wiederum Alfred Petzelt gewesen ist. Bertsche arbeitet als freiberuflicher Dozent in der beruflichen Fort- und Weiterbildung.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die verlegerische Veröffentlichung von Bertsches Dissertation an der Universität Würzburg aus dem Jahre 2009. Bertsche erwähnt dazu im Vorwort: Es „reifte schon vor Abschluss meines Studiums der Wunsch, mich mit dem Schaffen eines Autors zu beschäftigen, dessen umfangreiches pädagogisches Werk und vielseitiges Engagement bis dato keine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung erfahren hat: Marian Heitger.“ (S. 15).

Aufbau

Das Buch besteht aus vier Kapiteln. Der Autor widmet sich zunächst dem Selbstverständnis der Pädagogik Marian Heitgers und zeigt im zweiten Kapitel die Konsequenzen dieses Verständnisses für Erziehung und Unterricht auf. Im nächsten Schritt greift Bertsche Heitgers Apologetik gegenüber vollständig anders ausgerichteteten und auch verwandten Schulrichtungen auf. Das vierte und letzte Kapitel ist den „besonderen Akzentuierungen“ gewidmet.

Inhalt

Die folgende Inhaltsangabe ist, um jegliche Doppelung zu vermeiden, nicht der Pädagogik Heitgers, sondern deren Darstellung durch Bertsche gewidmet.

Kap. 1: Zum Selbstverständnis prinzipienwissenschaftlicher Pädagogik bei Marian Heitger

In vier Unterkapiteln, die nicht immer trennscharf sind, führt Bertsche auf einer noch sehr abstrakten Ebene in das transzendentale Denken Heitgers ein. Nach Kant, der diese Denkweise zuerst entschieden erprobt hat, ist „alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht so wohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen … überhaupt beschäftigt“ (Kant, S. 115). Heitger sei in Folge dieser Denkungsart ein sowohl allgemeiner als auch systematischer Erziehungswissenschafler.

Auf einer schon konkreteren Ebene setzt Bertsche am „anthropologischen Ausgangspunkt“ Heitgers an und leitet aus ihm und den verschiedenen Schriften vier Prinzipien ab, die seine Pädagogik charakterisieren: Bildsamkeit, Person, Selbstbestimmung und Dialog. Das Kapitel gipfelt in der Skizze der Lösungen, die Heitger dem „Normproblem“ und dem „Theorie-Praxis-Problem“ der Pädagogik angedeihen lässt.

Kap. 2: Zum prinzipienwissenschaftlichen Verständnis von Erziehung und Unterricht

Im zweiten Kapitel spinnt Bertsche das Netz pädagogischer Grundbegriffe, mit denen Heitger alle pädagogischen Sachverhalte einzufangen sucht und erklärt sie je für sich und in Beziehung zu den anderen Begriffen. Besprochen werden: Erziehung und Unterricht, die für Haltung und Wissen stehen, Lehren und Lernen als Gestalten des Unterrichts und Bildung als Einheit von Erziehung und Unterricht.

Kap. 3: Herausforderungen eines pädagogischen Denkens in transzendentalkritischem Anspruch

Heitger hat sich immer wieder, auch polemisch, mit anderen und im Unterschied zum prinzipienwissenschaftlichen Ansatz verbreiteten Richtungen pädagogischen Denkens auseinandergesetzt. Das waren lange Zeit insbesondere die geisteswissenschaftliche und die sozialwissenschaftliche Tradition der Pädagogik, letztere in ihren beiden Spielarten der empirischen und kritischen Pädagogik. Den entsprechenden Abgrenzungen gilt das dritte Kapitel.

Ergänzt wird es durch der transzendentalphilosophischen Pädagogik immanente Konfliktlinien, insbesondere zwischen der prinzipienwissenschaftlichen Version Marian Heitgers (auch Dieter-Jürgen Löwischs, Johannes Schurrs, etc.) und der normkritisch-skeptischen Version Wolfgang Fischers und Jörg Ruhloffs (S. 275).

Kap. 4: Besondere Akzentuierungen in der Pädagogik Marian Heitgers

Das letzte Hauptkapitel ist den Schnittstellen von Pädagogik und Religion - Heitger ist Katholik - auf der einen, von allgemeiner und Sonder-/Heilpädagogik auf der anderen Seite gewidmet. Die „Korrespondenz von Bildung und Gesundheit“, Thema des letzten Unterkapitels, ist eine Zuspitzung des vorhergehenden.

Kap. 5: Was bleibt?

Es „gelingt Heitger die kritische Erneuerung und Rehabilitation des neukantianischen Geltungsdenkens für die Pädagogik bei gleichzeitiger Zurücknahme seines ideologisch-dogmatischen Gepräges. Systematische Pädagogik als Prinzipienwissenschaft kann ihre legitime Aufgabe heute nicht mehr darin sehen, handlungsleitende und geltungverbürgende Prinzipien gleichbleibend, endgültig und zeitlos bestimmen zu wollen. Gleichzeitig kann sie aber auch nicht darauf verzichten, ihre Praxis an Prinzipien zu orientieren, weil diese sonst richtungslos und beliebig wird und sich für externe Leitungsanspruche öffnet. In der Konzeption Marian Heitgers ist es einzig der Vernunft selbst vorbehalten, eine legitime Ordnung der Wirklichkeit gemäß der ihr eigenen Gesetzmäßigkeit zu entwerfen.“ (S. 409f.)

Diskussion

Bertsches Dissertation ist ein quantitativ und qualitativ gewichtiges Werk. Erstmals bietet es die Möglichkeit, sich dem Denken eines zeitgenössischen Erziehungswissenschaftlers öffnen zu können, der die letzten fünfzig Jahre Diskussion in der pädagogischen scientific community maßgeblich mitgeprägt hat. Allerdings ist Bertsches Darstellung des Heitgerschen Denkens schon so voraussetzungsvoll und im begrifflichen Duktus so ungewohnt, dass sie nur für Leser eine lohnende Lektüre ist, die sich entweder die Mühe einer intensiven Lektüre machen wollen oder sich schon mehrfach und gründlich mit dem Ansatz Heitgers auseinandergesetzt haben. Und es ist nicht immer eindeutig, ob Bertsches Darstellung diesen Ansatz offenlegt oder nicht mitunter, durchaus wortgewaltig, verdeckt.

Fazit

Ein gründliches Fachbuch zur prinzipienwissenschaftlichen Pädagogik Marian Heitgers und eine lohnenswerte Lektüre für wissenschaftstheoretisch und philosophisch interessierte Leser. Wem aber der lange Atem und der philosophische Backround fehlten, der lese Heitger im Original, z.B. seine „Systematische Pädagogik“ aus dem Jahre 2003. Ein schmales Büchlein - klar geschrieben und bedenkenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 25.02.2011 zu: Oliver Bertsche: Erziehungswissenschaft als Systematische Pädagogik. Die prinzipienwissenschaftliche Pädagogik Marian Heitgers. Ergon Verlag (Würzburg) 2010. ISBN 978-3-89913-780-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10716.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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