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Robert Brumme: School Shootings

Cover Robert Brumme: School Shootings. Soziologische Analysen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 148 Seiten. ISBN 978-3-531-17745-8. 34,95 EUR.

Reihe: VS research.
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Die Analyse und Ursachenforschung von Amokläufen im schulischen Umfeld

Das meist hilflose Suchen nach den Gründen und Hintergründen von Amokläufen, die in der öffentlichen Diskussion auch Bezeichnungen erhalten, wie Massaker, Massenmord, Serienmord, macht deutlich, dass die Gesellschaft mit der außergewöhnlichen und normabweichenden Situation von Amokläufen kaum zurecht kommt. Immerhin ist die ursprüngliche, allzu einfache Zuweisung, es handele sich bei Amokläufern um Verrückte, als Versager, Unangepasste von Gewaltspielen und –filmen beeinflusste, meist depressive, aus Unterschichten stammende Menschen, einer sehr viel differenzierteren Betrachtungsweise und Einschätzung gewichen; insbesondere in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Seit in den letzten zwei Jahrzehnten sich Amokläufe in schulischen Einrichtungen häufen, ein Phänomen, das vorher entweder nicht der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit unterlag oder sich tatsächlich nicht ereignete, orientieren sich die wissenschaftlichen Bemühungen darauf, Amokläufer, die ihre Tat in Schulen ausüben, personell und situativ gesondert zu betrachten. Mit dem Begriff „School-Shooting“ wurde eine Charakterisierung vorgenommen, mit der es möglich erscheint, die besondere Situation von jugendlichen Tätern zu analysieren. Der US-amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Peter Langman untersucht in seinem Buch „Why Kids Kill“ die Lebenssituation und die Motive von zehn jugendlichen Amokläufern, die bei ihrer Tag zwischen 11 und 23 Jahren alt waren. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die meisten School-Shooter in den USA aus soliden und intakten weißen Mittelschichtfamilien kommen ( siehe dazu: Peter Langman: Amok im Kopf. Beltz Verlag, Weinheim / Basel 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/7996.php). Zur Auseinandersetzung über die Frage, wieso es Amokläufe in Schulen gibt, wie die Verbrechen in das gesellschaftliche Muster von „Gut und Böse“ eingeordnet werden und letztendlich verhindert werden können, bezieht der Leiter des Forschungsschwerpunkts „Psychoanalyse und Gesellschaft“ am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut, Rolf Häupl, die Position, dass eine Analyse der School-Shootings zwangsläufig in die Mitte der Gesellschaft führe, die alles andere als friedlich und überdies nicht nur individuell, sondern vor allem strukturell gewalttätig sei. Auch der Frankfurter Soziologe Benjamin Faust stellt fest, dass die jugendlichen Amokläufer tief verstrickt in das gesellschaftliche Umfeld seien, in dem sich ihre Tat ereignet ( siehe dazu: Benjamin Faust, School-Shooting, Psychosozial Verlag, Gießen 2010, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/9353.php).

Autor und Entstehungshintergrund

Der an der Universität Rostock am Institut für Soziologie und Demographie tätige Soziologe Robert Brumme bemängelt, dass die bisherigen, wissenschaftlichen Arbeiten zu stark von einer emotionalen Betrachtung bestimmt seien und einen klaren, unverzerrten Blick auf die Phänomene von School-Shootings vermissen ließen. Für eine soziologische Analyse sei es notwendig, „sich dem Thema neutral zu nähern und jene Mechanismen aufzuzeigen, welche an der Entstehung des Phänomens beteiligt sind“. Dabei orientiert er sich an Max Webers soziologischem Anspruch, „soziales Handeln deutend (zu) verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich (zu) erklären“. Mit diesem Bedeutungszusammenhang will Brumme ebenfalls aufzeigen, dass die gesellschaftlichen Zustände bei der Betrachtung von Amokläufen und speziell von School.Shootings herangezogen werden müssen.

Aufbau und Inhalt

Das, was die Veröffentlichung von den bisherigen Arbeiten unterscheidet, ist der Versuch, bestimmte Zuweisungen, Erklärungsansätze und Interpretationen durch eine empirische Studie über 14 Täter bei 13 ausgewählten School-Shootings zu versifizieren bzw. zu falsifizieren. Die Gründe, die der Autor für die Auswahl der Täter aus den seit 1974 bei mehr als 140 stattgefundenen bzw. bekannt gewordenen schulischen Amokläufen benennt – wie etwa Eingrenzung des Alters der Täter zwischen 15 und 25 Jahren, die Begrenzung der Fälle auf den Zeitraum von 1997 bis 2009 und die Datenverfügbarkeit – können als gültig im Sinne einer allgemeinaussagekräftigen, objektiven Analyse angesehen werden. Die Kategorien, die Brumme für seine Fallstudie heranzieht, gliedert er in die Bereiche: Allgemeine / familiäre Angaben, Persönlichkeit des Täters, soziales Umfeld, Tathergang, Stadt und Land, Leaking und untergliedert diese in verschiedene Variablen. Dabei kommt er insgesamt zu einer Datenmenge von 1.220 Informationen. Die interpretierten Ergebnisse, die zwar den wissenschaftlichen Ansprüchen an Validität, Signifikanz oder Repräsentativität nicht standhalten und weiterhin eine Reihe von Fragen offen lassen, wie etwa die Bewertung des medialen Einflusses bei der Berichterstattung von School-Shootings, bieten jedoch durch die vorliegende soziologische Analyse eine Reihe von Möglichkeiten, bisherige Erklärungsversuche entweder zu bestätigen oder auch in Frage zu stellen. So wird durch die Fallstudie ziemlich eindeutig bewiesen, dass die „permanente Verfügbarkeit von Phantasiewelten“, die in den Medien angeboten und von Jugendlichen konsumiert werden, ursächlich dazu beiträgt, dass sich labile Jugendliche in Scheinwelten flüchten und die Wirklichkeit ignorieren können. Der Autor reflektiert die bereits in anderen Studien und Untersuchungen herausgearbeiteten Einflüsse, die sich durch Nachahmung und Informationsaneignung von vorhergegangenen Amokläufen für die School-Shooter ergeben. Das „kulturelle Script“, gewissermaßen eine Handlungsanleitung für einen in der Phantasie vorbereiteten Amoklauf, kann dann zur Ausführung gelangen, wenn, nach Brumme, drei Bedingungen vorliegen: Zum einen, wenn im Umfeld des Täters relativ beständige, diffuse „amok“- ähnliche Taten auftreten; zum zweiten, wenn in der medialen Berichterstattung über diese Taten einfache Erklärungsansätze über die Motive der Täter bereitgestellt werden; und zum dritten, wenn über die Taten, z. B. im Internet, ausführliche Informationen vorhanden sind.

Es gibt keine eindeutig zu bestimmenden Risikofaktoren, die School-Shootings wahrscheinlich oder gar vorhersagbar machen, sondern es sind immer in der je konkreten Situation zusammen wirkende Einzelfaktoren, wie Mobbing, Gefühl der Isolation, Medienkonsum, Leistungsdruck und –versagen, psychische Erkrankung, usw., die gepaart, überlagert oder gefühlsbestimmend zu einer Tat führen können. Der Versuch, idealtypische Risikofaktoren anhand der analysierten Fälle herauszustellen, ergibt jeweils ein Muster, das für die Analyse, wie auch für die Prävention hilfreich sein könnte: Da bildet sich zum einen der „rachsüchtige Täter“ heraus, der „sein individuelles, subjektiv wahrgenommenes Scheitern externalen Ursachen zuschreibt“; oder der „Geltungsbedürftige“, der durch ein School-Shooting Aufmerksamkeit und Berühmtheit zu erlangen glaubt; oder schließlich der „psychisch Kranke“, der unter psychopathologischen Störungen leidet. Eine aussagefähige und auf die Problemlage des School-Shootings einigermaßen objektiv antwortende Analyse lässt sich, so der Autor, jedoch mit einem Mehr-Ebenen-Modell ausführen, bei dem mit der Gesellschafts-, der Organisations- und Institutions-, der Interaktions- und der Individualebene die verschiedenen Faktoren und beobachtbaren Befindlichkeiten betrachtet und analysiert werden können.

Fazit

Die vielfältigen Rufe und Aufforderungen, die in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommenen School-Shootings in den westlichen Ländern, insbesondere in den USA und Europa, wissenschaftlich deutlicher und intensiver zu analysieren und weg zu kommen von den allzu einfachen Antworten und unzulänglichen Schuldzuweisungen darauf, erfahren in den letzten Jahren Reaktionen, die den gesellschaftlichen Erkenntnisstand erhöhen, und nicht zuletzt präventive Maßnahmen einzuleiten ermöglichen. Robert Brumme hat mit seiner analytischen Arbeit einen Weg aufgezeigt, der als Fingerzeig auf die Gesellschaft verweist, und bei der Betrachtung, Bewertung und Prävention von School-Shootings als Türöffner für den notwendigen (professionellen) Diskurs dienen kann. Der Schwerpunkt der soziologischen Arbeit liegt vordergründig nicht bei der Frage, wie man Schulmassaker verhindern kann, sondern in der Darstellung von Analyse-Instrumenten, die allen Lösungsvorschlägen vorangestellt werden müssen. So dürfte das Buch „School Shootings“ in erster Linie für soziologische und gesellschaftspolitische Seminare interessant sein; doch auch Lehrerinnen, Lehrer und Aus- und Fortbildungseinrichtungen für Lehrämter können davon profitieren.

Dass die soziologische Arbeit nicht auch (den eigentlich notwendigen) Eingang in den allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs finden dürfte, hängt wohl damit zusammen, dass die Verlagskalkulation des Verkaufspreises m. E. zu hoch angesetzt ist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.02.2011 zu: Robert Brumme: School Shootings. Soziologische Analysen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17745-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10717.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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