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Rainer Dollase: Gewalt in der Schule

Cover Rainer Dollase: Gewalt in der Schule. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 127 Seiten. ISBN 978-3-17-021296-1. 14,80 EUR.

Reihe: Praxiswissen Bildung.
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Thema

In seiner Einleitung schreibt Rainer Dollase treffend, dass eine Recherche in den Fachdatenbanken ca. 30.000 wissenschaftliche Publikationen zum Thema Gewalt und Aggressivität ausweisen. Darüber hinaus gibt es sehr viele Veröffentlichungen zum Thema, die nicht hochwissenschaftlich sind, sondern eher journalistisch geschrieben sind. Diese Tatsache beweist, dass das Thema der (Jugend-)Gewalt nicht nur im Focus der Wissenschaft steht, sondern auch die Fachöffentlichkeit und Massenmedien interessiert. Vor allem die Untersuchungen des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen sorgen in der Öffentlichkeit für Furore, weil das Institut in regelmäßigen Abständen große Schülerbefragungen medienwirksam vorstellt. Das Forschungsfeld der Gewalt im Allgemeinen und Gewalt in der Schule im Besonderen ist ein diffiziles Gebiet. Wenn bereits so viele Studien existieren, wäre es berechtigt, die Frage zu stellen, warum wir noch ein Buch zu diesem Thema brauchen. Die Begründung liefert Rainer Dollase wie folgt: „Um sich von andern Publikationen zum Thema (…) zu unterscheiden, werden die folgenden Prinzipien zu unterscheiden sein: 1. Zitate aus eigenen empirischen Untersuchungen (…), 2. Kritik an der empirischen Gewaltforschung, weil ihre Ergebnisse selten praktisch relevant sind, 3. Berücksichtigung alltagspsychologischer Kenntnisse (…), 4. Kritik an Anti-Gewalt-Programmen (…), 5. Berücksichtigung multifaktoriellen Verantwortung (…), 6. Orientierung an der These, dass jede Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens aggressive Emotionen und Schädigungen erzeugt (…).“ (Dollase, 2010, S. 9ff.)

Autor

Dr. Rainer Dollase ist Professor und lehrt und forscht an der Abteilung Psychologe der Universität Bielefeld.

Aufbau und Inhalt

Dollase setzt sich in dem ersten Themensegment ausführlich und vor allem kritisch mit diversen Definitionen sowie Klassifikationen zum Thema Aggression und Gewalt auseinander. Er erläutert deren, oft nicht beachteten, Folgen sowie Probleme und geht fortlaufend auf die drei allgemeinen Definitionsmerkmale „intentional, schädigend, von der Norm abweichend“ ein. Insgesamt wird die Komplexität der Aggression in der Gesellschaft beleuchtet. Dass nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer und Eltern für Gewalt in der Schule verantwortlich sind, ist eine weitere Aussage des Kapitels.
Der Autor stellt Auslöser der aggressiven Erregung und Schädigungen vor. Unter anderem die Schulklasse als Zwangsgruppe - als „heimlicher Gewalt- und Aggressivitätsauslöser“ (Dollase, 2010, S. 27f.) - würde unerwünschtes Sozialverhalten und Konflikte provozieren. Dollase arbeitet verschiedene Prinzipien als potentielle Auslöser, basierend auf der Ich-Gesellschaft heraus. Hierbei bezieht er sich unter anderem auf das Selektionsprinzip, welches seiner Meinung nach, die Orientierung im Leben sowie in der Schule beeinflusse. Des Weiteren thematisiert er die erlaubte und unerlaubte Schädigung der Mitschüler im Wettbewerb. Die Schule würde zwangsläufig aggressive Erregung und schädigendes Verhalten erzeugen. Diese These verdeutlicht der Autor, indem er die nicht zu unterschätzende Wirkung von Wettbewerbshandlungen darlegt. „Es kommt darauf an, die Aggressions- und Gewaltdynamik in der Schule richtig und komplex zu verstehen. Dann – so hoffentlich – fallen noch andere Präventionen ein“ (Dollase, 2010, S. 46f.). Der Autor stellt sich die Frage wie gewalttätig Schüler, Lehrer – die gesamte Gesellschaft ist. Diesbezüglich stellt er zahlreiche Untersuchungen und Studien zum Thema Aggressivität und Gewalt vor.

In dem zweiten Themenblock „Die Analyse von Aggression und Gewalt“ befasst sich der Autor kritisch mit wissenschaftlichen Aussagen, Theorien und stellt die These auf, dass empirisch wissenschaftliche Untersuchungen mit Sorgfalt betrachtet werden müssen. Um einen Zugang zu der Ursachenermittlung von Aggression und Gewalt zu beschreiben, skizziert er psychologische sowie soziale Theorien. Dass zahlreiche Ursachen, welche exemplarisch der gesellschaftlichen oder psychologischen Ebene zuzuordnen sind, existieren, erläutert er u.a. anhand des multifaktorellen Modells. Der hohe Stellenwert der individuellen Sozialisation ist dabei ebenso Gegenstand seiner Beschreibungen, wie der Kontext zum „Selbst“.
Zur Prognose der Aggressivität und Gewalttätigkeit zählen, laut seiner Recherchen und Erkenntnisse, neben den Risikofaktoren TV und Eltern, auch die Schule, Lehrer und Gleichaltrige. „Schulklassen sind eine sprudelnde Quelle von Anlässen für aggressive Erregung und Schädigung“ (Dollase, 2010, S. 64f.).
Ebenfalls erläutert er in diesem Segment, wie präventiv gegen die drei Bereiche der Gewalt- und Aggressivitätsursachen (Medien, Selbstwertüberschätzung und interpersonelle Beziehungen) agiert werden kann.

Das dritte Kapitel trägt den sperrigen Titel „Die stilistische Überwindung von aggressiven Erregungen und schädigendem Verhalten in der Schule“. Bezogen auf die Aggressionsentstehung stellt der Autor ein vereinfachtes 3-Schritt-Modell vor, das er wir folgt begründet: „[…] Gewalt und Aggression ist ein Lernproblem […]“ der Sozialisation, gegen das etwas unternommen werden muss“ (Dollase, 2010, S. 82f.). Das nötige Gleichgewicht zwischen den Ansatzpunkten (Provokation, Bewertung, Reaktion) wird dabei ebenso dargestellt, wie deren Vernetzungsnotwendigkeit. Dollase vertritt (diesbezüglich) die Position, dass es einer Stilistik – einem besonderem Stil – zur Überwindung von Aggression und Gewalt in der Schule sowie der Gesellschaft bedarf. Der Autor stellt ausführlich die kognitive, emotionale, aktionale und konstruktive Stilistik vor, welche anhand von Metaphern verdeutlicht wird. Neben der Entwicklung von Gewaltprävention und –intervention zu den genannten Stilistiken thematisiert er ebenfalls Inhalte und Programme, welche mit Studien und Metaanalysen verdeutlicht werden. Dollase geht auch in dem letzten umfangreichen Kapitel auf die enorme Wirkung des gesellschaftlichen Wettbewerbsverhaltens ein. Er bezeichnet das soziale Zusammenleben in allen Lebensbereichen, also auch in der Schule als ein „Mensch ärgere dich nicht“ – Spiel. (Dollase, 2010, S. 86f.). Die Provokation infolge des devianten und delinquenten Verhaltens würden folglich nicht nur die SchülerInnen betreffen. Frustrationen sozial verträglich zu verarbeiten stellte eine individuelle Aufgabe des Menschen dar.

Zielgruppen

Zielgruppen sind in erster Linie Forscherinnen und Forscher in diesem Gebiet sowie Studierende an Hochschulen. Für die Fachkräfte aus der Praxis müsste die Studie auch von großem Interesse sein, weil viele Erkenntnisse des Autors sehr praxisrelevant sind.

Fazit

Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs und Wiedergabe vieler Studien ist das Buch sehr gut lesbar. Die Struktur des Buches ist übersichtlich und nachvollziehbar. Die Kritik an den Anti-Gewalt-Programmen ist zwar berechtigt. Da aber die Anti-Gewalt-Programme nicht den Anspruch haben, die jugendliche Gewalt komplett auszulöschen, gibt es aus Sicht der Rezensenten keine Alternative zu solchen Programmen.

Das Buch kann dem Personenkreis empfohlen werden, der einen schnellen Zugang zur Ursachenforschung erhalten möchte und sich kritisch mit dem Thema Gewalt in der Schule auseinandersetzen will.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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und
Marlene Alshut
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak/Marlene Alshut. Rezension vom 14.03.2011 zu: Rainer Dollase: Gewalt in der Schule. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-021296-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10724.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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