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Angela Enders: Vorschulerziehung

Cover Angela Enders: Vorschulerziehung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 123 Seiten. ISBN 978-3-17-021097-4. 14,80 EUR.

Reihe: Praxiswissen Bildung.
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Thema und Entstehungshintergrund

Bezug nehmend auf die aktuelle Diskussion um mehr Bildungsgerechtigkeit bzw. eine größere Chancengleichheit in Kindergärten als eine Konsequenz aus den Pisa-Studien und den gezielten Forderungen von Wirtschaftsverbänden nach früher einsetzen sollenden Bildungsprozessen hat Angela Enders dieses Thema aufgegriffen, um sich kritisch mit den Voraussetzungen und notwendigen Rahmenbedingungen solcher politischen Bestrebungen auseinander zu setzen.

Autorin

Angela Enders schloss ihr Lehramtsstudium mit der Promotion (Dr. phil.) ab, habilitierte sich an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg für das Fachgebiet Pädagogik (Schwerpunkt Grundschuldidaktik) und nimmt z. Z. die Vertretung einer Professur für Grundschulpädagogik an der Universität Regensburg wahr.

Aufbau

Das mit einer Einleitung versehene Buch gliedert sich in 7 Abschnitte:

  1. Geschichte der Vorschulerziehung,
  2. Aktuelle Lage in Deutschland,
  3. Frühe Bildung für alle? Die école maternelle in Frankreich,
  4. Bildungsprogramm und Bildungspläne,
  5. Was ist eine gute Vorschuleinrichtung?
  6. Qualitätssteigerung für eine gute Vorschuleinrichtung? und
  7. Ausblick: Kindergarten oder Vorschule als Ort des sozialen Ausgleichs und der Chancengerechtigkeit?

Ergänzt wird diese Zusammenstellung durch einen Literaturverweis und einem Nachwort. Die Schrift umfasst 123 Seiten.

Inhalte

Unter der Überschrift „Geschichte der Vorschulerziehung“ setzt sich die Autorin mit den vielen Veränderungen im Anforderungsprofil an eine heutige Kleinkinderziehung auseinander und stellt dabei die Begriffe Kindergarten und Vorschule gegenüber. Dabei stellt sie fest, dass in Deutschland der Begriff Vorschulerziehung kaum gebräuchlich ist. Sie hebt hervor, dass heutige Kindergärten nach der auf Fröbel zurückgehenden Erziehungs- und Betreuungs-Funktion nun verstärkt mit den Begriffen „Frühförderung“, „frühes Lernen“ und „frühe Bildung“ konfrontiert würden. Besonders das letzte Kindergartenjahr gerate immer häufiger unter Druck, verstärkt auf schulisches Lernen vorzubereiten.

Im Abschnitt: „Aktuelle Lage in Deutschland“ geht die Autorin kurz kritisch auf die „unübersichtliche Vielfalt“ im Vorschulbereich ein um dann einen Überblick zur Inanspruchnahme von Kindertageseinrichtungen in einzelnen Bundesländern unter den Aspekten des echten elterlichen Bedarfs und den politischen Normierungsvorgaben zu geben. Sie stellt heraus, dass die von der aktuellen Forschung gestellte Frage: „Wie gut ist die Kita für Kinder?“ keine klare Antwort ermöglicht. Sie resümiert hierzu, dass eine frühe Betreuung zwar nicht grundsätzlich der Beziehung zwischen Mutter und Kind schade, „trotzdem bedeutet für das Kind die tägliche Trennung von der Mutter Stress“, was sich durch eine erhöhte Konzentration des Stresshormons Cortisol bemerkbar macht. Bezogen auf die massiven Ausbaupläne wird unterstrichen, dass es in der Diskussion nicht um die Frage nach halb- oder ganztägiger Betreuung gehen sollte, sondern in erster Linie um die Qualität von Erziehung und Bildung, kurz um das pädagogische Programm und seinen angemessenen Rahmen. Abschließend wird - auch wenn das Wächteramt des Staates als wichtig angesehen wird - vor der Gefahr eines immer lauteren Rufes nach „mehr Staat“ gewarnt, in welchem sich - wie z.B. in Schweden zu beobachten - ein totaler Sozialstaat anmaßt, Eltern ihre Kinder „zum Wohl der Kindes“ wegzunehmen.

Unter der Überschrift „Frühe Bildung für alle? Die école maternelle in Frankreich“ werden die Chancen und Grenzen dieses - nicht unmittelbar auf Deutschland übertragbaren - Ansatzes erörtert. Dabei werden Bildungspläne, Elternakzeptanz und die gute Verzahnung zur französischen Grundschule sowie der ‚Preis‘ dieser breit anerkannten Bildungseinrichtung erörtert. Es wird resümiert, dass die école maternelle trotz aller kompensatorischen Erziehung nicht zu mehr Chancengleichheit führt. Konkret: „Die Hoffnung, die benachteiligten Kinder würden verstärkt von dem längeren Vorschulbesuch profitieren, hatte sich nicht bestätigt“. Unabhängig davon erschweren undisziplinierte und sich verweigernde Schüler einen effektiven Unterricht. „Die Tatsache, dass immer mehr Eltern die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigen, zwingt die französische Schule zu zeitintensiven Maßnahmen der Elternarbeit, die traditionell im französischen Bildungssystem kaum eine Rolle gespielt hat“.

Das Kapitel „Bildungsprogramme und Bildungspläne“ geht vom Status quo aus, fragt was ein Curriculum ist und soll, diskutiert die Chancen und Grenzen von Curricula, vergleicht Kita-Konzepte aus der DDR mit westdeutschen Grundsätzen und unterstreicht die Notwendigkeit von Zielformulierungen, um daran die Qualität der Arbeit in den Kindergärten messen zu können. Kritisch fragt die Autorin aber auch, „ob Bildungsprogramme tatsächlich das leisten können, was sie zu leisten vorgeben“. Sie stellt die - zum Teil recht kontroversen - didaktischen Ansätze der vergangen 20 Jahren gegenüber und vergleicht diese auch mit den Bildungskonzepten der Vergangenheit. Die Frage, was zu tun ist, um vom Gesetz zur Umsetzung zu gelangen, wird am Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung konkretisiert.

Ein weiterer Abschnitt greift die Frage, „Was ist eine gute Vorschuleinrichtung?“ auf. Eine Kernaussage ist, dass eine möglichst enge Verzahnung zwischen Kindergarten und Grundschule notwendig ist und der vorschulische Bereich wiederum eine Kooperation mit anderen Bildungs- bzw. Freizeiteinrichtungen anzustreben habe.

Mit der Überschrift „Qualitätssteigerung durch eine neue Erzieherausbildung?“ gibt die Autorin einen wichtigen und hochaktuellen Impuls. Sie unterstreicht, dass die neuen Herausforderungen im ‚ganz normalen Kita-Alltag‘ einerseits Generalisten und andererseits Spezialisten erforderlich machen, aber für beides die Ausbildung fehlt. Außerdem wird bemängelt, dass der Status einer Fachschulausbildung - auch in Verbindung zur damit verbunden Gehaltseinstufung - den schon fast gebetsmühlenartig vorgetragenen Forderungen nach Verbesserung keineswegs gerecht wird. Ergänzend wird „die mangelnde Erziehungsbereitschaft vieler Eltern“ beklagt, welche es den Erzieherinnen schwer bis unmöglicht macht, ihren vielfältigen Aufgaben halbwegs angemessen nachkommen zu können. Bezogen auf eine Qualitätssteigerung wird aber auch „die steigende Tendenz zur Teilzeitbeschäftigung“ wegen eines ständigen Wechselns von Bezugspersonen als problematisch angesehen. Ergänzend wird unterstrichen, dass selbst eine sehr solide Ausbildung kein Garant dafür sein kann, unterschiedlichste Fortbildungsangebote nicht aufgreifen zu müssen.

Im Ausblick: „Kindergarten oder Vorschule als Ort des sozialen Ausgleichs und der Chancengerechtigkeit?“ wird resümierend verdeutlicht, dass viele Eltern und Pädagogen „in Zeiten der Bildungseuphorie“ in der Gefahr stehen, mehr zu erwarten, als diese Einrichtung - egal wie sie auch heißen mag - zu leisten in der Lage ist. Und zwischen den Zeilen ist lesbar, dass steigende Ansprüche an Bildungseinrichtungen keinesfalls mit einer größeren elterlichen oder politischen Verantwortungsübernahme einhergehen.

Diskussion und Fazit

Die Politik wird sich der Erkenntnis stellen müssen, dass staatliche Maßnahmen soziale Ungleichheit nicht ausgleichen können, weder durch eine formelle Chancengleichheit, noch durch bildungspolitische Maßnahmen wie einer frühen Einschulung der Kinder oder durch Ganztagseinrichtungen (S. 33). „Von Frankreich könnte man auch lernen, dass man Eltern und ihren Kindern ruhig etwas mehr Disziplin und Regelmäßigkeit abverlangen kann. - Eltern, die ihr Kind zu spät in die école maternelle bringen, nehmen es wieder mit nach Hause“ (S. 30). Bezogen auf den Bildungsbegriff wird - mehr oder weniger explizit - die Auffassung des politischen Mainstream diskutiert, dass Bildung nur oder überwiegend in öffentlichen Einrichtungen erlangt wird, auch wenn auf der letzten Seite die wichtige Kernaussage gemacht wird, dass ‚der Bildungsort Familie durch keine öffentliche Institution ersetzt werden kann‘. Auch wenn es viele Eltern, Wirtschafts- Lobbyisten und Politiker verdrängt zu haben scheinen: Das Elternhaus ist die erste und grundlegendste Bildungseinrichtung. In diesem Zusammenhang ist zu bemängeln, dass kein eigener Abschnitt die Notwendigkeit der engen Verzahnung von Kitas mit den Vätern und Müttern der angemeldeten Kinder unterstreicht und dementsprechend auch keine entsprechenden Modelle für eine verlässliche Kooperation entwickelt wurden. Ebenso wird nicht auf die Tendenz von Eltern eingegangen, welche immer häufiger Krippen und Kindergärten als reine ‚Dienstleitungseinrichtungen‘ zu reklamieren suchen, bei welcher die Erstverantwortung und Mitwirkung bei der Erziehung durch das Zahlen eines Betrages X als obsolet betrachtet wird, obwohl dieser Kita-Beitrag in der Regel weniger als 20% der tatsächlichen Kosten ausmacht. Wenn aber Eltern die Pflege und Erziehung ihrer Kinder nicht als zuvörderst ihnen obliegende Pflicht betrachten, stoßen alle zu Papier gebrachten Erziehungs- und Bildungskonzepte und auch ein großes Engagement von ErzieherInnen ganz schnell an ihre Grenzen.

Mit reichlich Bodenhaftung resümiert die Autorin, dass bei aller curricularen oder politisch ambitionierten Diskussion um Frühförderung und Früherziehung häufig die Gefahr besteht, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Es ist wohltuend, dass in der Schrift nicht in erster Linie auf Richtlinien bzw. ausgefeilte Konzepte gesetzt wird, sondern auf Menschen mit Einsicht und Engagement, um so unseren Kindern möglichst vielfältige Chancen für ein zukünftiges Leben in Eigenständigkeit und Selbstverantwortung zu erschließen. So ist dem Buch - trotz der herausgestellten Mängel - zu wünschen, dass es eine weite Verbreitung und Berücksichtigung erfährt und dem Wohl von Kindern dienliche Diskussionen in Gang setzt.


Rezensent
Dr. Albert Wunsch
Katholische Hochschule Köln
Schwerpunkte: Elternqualifikations-Programme, Pädagogik der Kindheit, Erziehungsberatung, Konflikt-Management, Supervision, Konzepte der sozialen Arbeit
Homepage www.albert-wunsch.de
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Zitiervorschlag
Albert Wunsch. Rezension vom 25.07.2011 zu: Angela Enders: Vorschulerziehung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-021097-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10728.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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