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Peter J. Brenner: Bildungsgerechtigkeit

Rezensiert von Prof. Dr. Dirk Plickat, 18.01.2013

Cover Peter J. Brenner: Bildungsgerechtigkeit ISBN 978-3-17-021096-7

Peter J. Brenner: Bildungsgerechtigkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 133 Seiten. ISBN 978-3-17-021096-7. 14,80 EUR.
Reihe: Praxiswissen Bildung
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Thema

Vor dem Hintergrund der Debatten um PISA-Folgen und Bildung als Standortfaktor sind allzu oft bildungsphilosophische Fragestellungen marginalisiert worden. Die Pädagogik und Erziehungswissenschaft in Deutschland über Generationen prägende Auseinandersetzung über Ausrichtungen und Implikationen des Bildungsbegriffs wurde seit der Dominanz des Mainstreams eines neoliberalen Utilitarismus nur noch eher selten fundiert thematisiert. Es schien, als wenn mit dem Ende der Ära der „großen Didaktiker“ (Klafki & Co)Tendenzen einer erheblichen inhaltlichen Verkürzung des Themenfeldes von Didaktik in Richtung auf Methodenlehren einsetzte, welche sich auch soweit in den Curricula im Umfeld des Bologna-Prozesses niederschlug, dass bildungsphilosophische Fragen zwar von Studierenden (glücklicher Weise) bis heute aufgeworfen werden, die Struktur der Verschulung des Studiums jedoch gern als kollegiale Ausrede herangezogen wird, um den eigentlichen Bildungsfragen, eben denen, die sich nicht in einfachen Notenwerten überprüfen lassen, auszuweichen. Die Folge, ist, wie dies Kolleginnen und Kollegen aus Hochschule mit längerer Berufserfahrung häufiger hinter vorgehaltener Hand eingestehen, eine „Verflachung“ des Diskurses um Bildung.

Peter J. Brenner (Universitätsprofessor mit „klassisch“ breitem, reflexivem und tiefem eigenen Bildungsprofil; tätig in der akademischen Weiterbildung und Wissenschaftsadministration mit Schwerpunkten in der auch vergleichenden Kultur- und Bildungsphilosophie) trägt in der vorliegenden Schrift wirksam zur Restitution bildungsphilosophischer Fragen bei. Hoch anzurechnen ist, dass er die ausgesprochen komplexe und anspruchsvolle Thematik der Bildungsgerechtigkeit prägnant, pointiert und eingebettet in bilanzierende Einschätzungen vergleichender Erziehungswissenschaft in der Form eines leicht lesbaren und trotzdem sehr gehaltvollen Breviers aufbereitet hat.

Zielgruppe

Die Schrift ist auf keine spezifische Zielgruppe ausgerichtet und bietet all denen Gewinn, die reflexive Klärungen in der Frage der Bildungsgerechtigkeit suchen. Die Ausrichtung der Darstellung ist so gehalten, dass sich Zugänge zur Vielschichtigkeit der Thematik für interessierte Studierende ebenso wie für Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis und auch für Lehrende an Hochschulen ergeben. Wer jedoch Patentrezepte und einfache Formeln im Sinne einer „Gerechtigkeitsmechanik“ erwartet, welche von Politik herzustellen ist, etwa in Konturen eines „gerechten“ Systems, dürfte an der Darstellung wenig Freude finden. Bildung im Sinne der eruditio ist Basis von Individualität und diese erfordert in und von modernen Zivilgesellschaften die gemeinschaftlichen ebenso wie die individuellen Mühen des Annäherns an Einzelfallgerechtigkeit – gerade auch in der Bildungsfrage.

Aufbau und Inhalt

Der Einleitung, in der das Beispiel Rassentrennung in Arkansas (USA) mit sozialen Revolten zur Frage der Teilhabe an Bildung thematisiert wird über Hannah Arendt bis hin zu statistischen Hegemonialansprüchen empirischer Forschungsindustrien der Facettenreichtum der Thematik Bildungsgerechtigkeit angerissen und aufgezeigt, welche Verkürzungen in den öffentlichen Debatten ebenso wie in den Fachdiskursen zu konstatieren sind.

Es folgen fünf Kapitel.

Im ersten Kapitel „Bildung und Gerechtigkeit“ erfolgt eine Zuordnung der Frage in den Kontext aktueller Auseinandersetzungen, so etwa zu Chancengleichheit, Bildungsarmut, Bildungsverlierern … zum Migrationshintergrund bis zur Allokation.

In Kapitel zwei wird der Frage der Zugangsdimensionen des Gerechtigkeitsbegriffs nachgegangen.

Das dritte Kapitel zeigt auf, dass die Herstellung von Näherungen an Bildungsgerechtigkeit an zivilisatorische Lernprozesse gekoppelt ist, welche wiederum in ihre jeweiligen Kontexte einzuordnen sind. Anhand nachzeichnender Rückblicke auf Epochen des Ringens um Bildungsgerechtigkeit seit der Aufklärung gelingt eine ausgesprochen lehrreiche Übersicht.

Im vierten Kapiel wird der sozialen Dimension kontrastiv die individuelle am Beispiel der Behinderten im deutschen Schulwesen gegenüber gestellt.

Das letzte Kapitel greift Grundfragen des Verhältnisses von Staat und Schule auf. Wie auch in allen anderen Kapiteln wird auch hier exemplarisch die Absurdität simplifizierender aber gewohnter unterkomplexer Denkmuster verhandelt. Nicht nur am Beispiel der gescheiterten Bildungspolitik des Modells Schweden werden zu häufig ausgeblendete Ambivalenzen in den Mehrdeutigkeiten der Staatsräson ausgewiesen.

Im klassisch-philosophischen Sinne könnte die Kernaussage des Breviers dahingehend zusammengefasst werden, dass die Herstellung von mehr Bildungsgerechtigkeit stagniert, weil entscheidende Fragen nicht thematisiert werden, weil unterkomplexes Denken, sprich Bequemlichkeit dominiert, und gestaltende Teilhabe von zu Vielen auf zu viele Ebenen an apparative Strukturen delegiert wird. Mehr Bildungsgerechtigkeit erfordert (Rück-?)Besinnungen auf die sozial-visionären, kritischen, emanzipativen Dimensionen von Bildung als Materie einer sozial-verträglichen Individualisierung. Weder die Erweiterung der Staatsräson mit der Ausweitung von Bildungspflichten noch Markttrends der chemischen Optimierung des menschlichen Gehirns über Psychopharmaka entledigen von Autonomie und damit von der altbekannten Prämisse, dass sich jedes Individuum nur selbst bilden kann und dies auch anderen zugesteht; denn, nur wer willig zur mühevollen Selbstbildung ist, wird Bereitschaft zur Herstellung von mehr Bildungsgerechtigkeit tragen wollen und leisten können.

Diskussion

Neu sind diese Gedankengänge sicherlich nicht. Peter J. Brenner bietet sie jedoch zu einer Zeit, in der kritisch-reflexive Auseinandersetzungen um Bildung und damit implizit auch um Bildungsgerechtigkeit leider öfter wie Fremdkörper in Bildungsräumen anmuten. Das, was Peter J. Brenner anbietet, ist zudem frei von moralisierenden Belehrungen und den Eitelkeiten des Catwalks utilitaristischer Rezeptologien. Es ist und bleibt eine durch ehrliche philosophische Bescheidenheit in ihrer Wirkung darum so überzeugende Schrift, die zum Nachdenken anregt und Fragen aufwirft , welche zu oft wegen ihrer „Unbequemlichkeit“ ausgeblendet bleiben.

Fazit

Das Brevier zur Bildungsgerechtigkeit ist in jeder Hinsicht als besonders gelungen einzuschätzen. Zu hoffen bleibt, dass dieses Werk Eingang in die Grundlegung erziehungswissenschaftlicher Studiengänge findet. Kurz, prägnant, fundiert und zur kritischen Reflexivität anregend mit vielfältigen Optionen der Einbindung, da die Ausrichtung und auch die exemplarischen Konkretisierungen im Sinne von Gelenkstellen über das Thema Bildungsgerechtigkeit aktuelle Besinnungen auf Bildungsphilosophie ermöglichen.

Rezension von
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
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Es gibt 31 Rezensionen von Dirk Plickat.

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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 18.01.2013 zu: Peter J. Brenner: Bildungsgerechtigkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-021096-7. Reihe: Praxiswissen Bildung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10729.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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