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Detlef Petry: Die Wanderung. Eine trialogische Biografie

Cover Detlef Petry: Die Wanderung. Eine trialogische Biografie. Paranus Verlag (Neumünster) 2003. ISBN 978-3-926200-55-6. 18,00 EUR.
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Entstehungshintergrund und Überblick

Der Psychiater Dr. Petry trifft den schizophrenen Langzeitpatienten Boers und macht sich mit ihm auf den Weg. Auf der langen gemeinsamen Strecke gibt es Begleiter - die Eltern, die Geschwister, die erweiterte Familie aber auch andere wichtige Menschen wie der Dorfpfarrer. Während der Wanderung durch 20 Jahre wird der Doktor zu Detlef Petry und der Patient zu Bert Boers. Beide haben eine Geschichte, die der Leser kennen lernt. Gleichzeitig wird er auf weitere Wanderungen mitgenommen: durch psychiatrische Institutionen und ihre Geschichte, durch Welt- und Dorfgeschichten, durch Flusslandschaften an Maas und Weser. So entsteht eine "trialogische Biografie". Wenn ein individuelles Schicksal im Zusammenhang mehrerer Generationen gesehen wird, werden neue und wichtige Beziehungen sichtbar. Der Familientherapeut Hartwig Hansen stand Petry als Lektor zur Seite und schärfte seinen Blick für die Bedeutung der "Mehrgenerationenperspektive".

Der Autor

Der aus Deutschland in die Niederlande kommende Sozialpsychiater Petry übernahm 1978 die Abteilung für Langzeitpatienten in der psychiatrischen Klinik Vijverdal in Maastricht mit der festen Absicht, die Situation der dort lebenden 175 Langzeitpatienten zu verändern, und beschreibt in diesem Buch den Prozess der Veränderung: vom Aufenthalt in einer "totalen Institution" zum menschenwürdigen Leben außerhalb. Die Patienten bekommen ihr Gesicht und ihre Geschichte zurück, den beiseite geschobenen Angehörigen wird wieder mit Achtung begegnet, und das Personal auf der Langzeitstation bekommt die verdiente Anerkennung. Am Beispiel von Bert Boers und seiner Familie wird dieser Veränderungsprozess beschrieben.

"Trialog"

Der Begriff "Trialog" stammt aus den Psychose - Seminaren, an denen Patienten, Angehörige von Patienten und psychiatrische Experten teilnehmen. Er steht für den Wunsch von Patienten und Angehörigen, als Subjekte in die Behandlung mit einbezogen zu werden. Sie wehren sich damit gegen den objektivierenden Blick der Experten auf den Kranken und gegen die Schuldzuweisungen an die Angehörigen und ihre Vernachlässigung in der Psychiatrie, obwohl sie oft psychisch und finanziell maximal belastet sind durch die Erkrankung.

"Trialogische Biografie"

Das Herzstück des Buches ist die "Trialogische Biografie". Vier vorbereitende Kapitel führen uns zunächst in die Welt der Klinik, beschreiben Bert Boers Lebens- und Krankengeschichte, die Geschichte seiner Familie und die Lebensgeschichte des Psychiaters Petry. Die eigentliche "Trialogische Biografie" stellt schließlich den fortlaufenden Prozess der Verständigung und Veränderung dar und lässt ein komplexes und liebenswertes Bild von allen Beteiligten entstehen. Wie es sich für einen Reisebericht gehört ist der Text mit vielen illustrierenden Fotos, Dokumenten und Bildern ausgestattet.

Petrys zentrale These ist, dass Chronizität in der Psychiatrie und "Negativ-Symptomatik" Folgen der Klinikbehandlung sind, und er zeigt, wie Patienten sich verändern, Krankheitssymptome in den Hintergrund treten, Entspannung eintritt, Selbständigkeit, Würde und Hoffnung zurück gewonnen werden können. Diese Veränderungen sind nicht das Ergebnis einer neuen Therapie oder raffinierter Medikation. Im Gegenteil, die Medikation wurde innerhalb von fünf Jahren auf die Hälfte reduziert. Was aber hilft sind: häufige gemeinsame Hausbesuche, Entlastung der Familie durch Gespräche, gemeinsame Regelung der einfachen Dinge des Alltags, gemeinsames Handeln im Alltag, eine "Kultur des täglichen Lebens", aktive Gemeinschaft, Abbau von Macht und Ungleichheit, Verhandeln und Handeln anstelle von Behandeln, Rausgehen aus der Klinik, Kennenlernen der Orte, die mit der Psychose zu tun haben, das Verstehen der Psychose als Lebensproblem und nicht als Krankheit, Aufgeben von Diagnosen zugunsten individuellen Verstehens.

Zielgruppen

Da dieses Buch von Patienten, Eltern, Geschwistern, von Psychiatern, Krankenschwestern, Sozialarbeiterinnen und Pfarrern erzählt, ist es auch all diesen am "Trialog" beteiligten Gruppen zum Lesen zu empfehlen. Vor allem aber ist es ein wichtiges Buch für diejenigen, die mit psychiatrischen Langzeitpatienten arbeiten oder sich auf diese Arbeit vorbereiten, z. B. auch Studenten der sozialen Arbeit. Mit ihnen könnte man mit Hilfe dieses Buches sehr gut Fragen diskutieren wie:

  • Was ist grenzüberschreitende Nähe?
  • Was ist abwehrende oder angstvolle Distanz?
  • Was ist "natürliche" und passende Nähe beim Umgang mit Klienten?

Diskussion

Das Buch ist wichtig, weil es den Druck nimmt, schnell etwas bewirken zu müssen, trotzdem aber Hoffnung macht und, nicht zuletzt, die Arbeit in diesem eher vernachlässigten Bereich aufwertet. Ob allerdings diejenigen, die auf positive Wirkung der atypischen Neuroleptika bei schizophrenen "Negativsymptomen" setzen, kurze und effektive psychoedukative Kurse zur Verbesserung der Compliance durchführen und neue software für das Cognitionstraining zum Einsatz bringen, an diesem Buch Freude haben werden, wage ich zu bezweifeln.

Das Buch lässt sich gut lesen, und die vielen Fotos bringen uns die Situationen und Menschen, von denen die Rede ist, sinnlich nahe. Die Sprache ist einfach, gelegentlich auch holprig, in gewisser Weise den Themen "Wanderung" mit offenem Ziel und Suchen nach Verstehen entsprechend. Wissenschaftliche, medizinische, psychiatrische Begriffe werden eher gemieden, manchmal auch sehr verkürzt erklärt. Petry weiß, dass er mit seinem Ansatz außerhalb der "evidence based" psychiatrischen community steht, beruft sich deshalb auch umso stolzer auf den großen alten Mann der Sozialpsychiatrie, seinen Mentor undFreund Douglas Bennett, auf Klaus Dörner oder Philosophen wie Gadamar, Camus oder Habermas. Psychiatrie ist eben mehr als die Beeinflussung der Neurotransmission durch Neuroleptika.

Fazit

Es gibt heute schon eine ansehnliche Reihe bewegender subjektiver Zeugnisse zum Leben mit Psychosen aus der Sicht von Betroffenen und Angehörigen. Hier handelt es sich um den Bericht eines Psychiaters, der seinen Lebenslauf mit dem seines Patienten zusammengeführt hat und uns teilnehmen lässt an seinem Weg durch Landschaften, die sowohl menschlich, alltäglich als auch psychotisch sind.


Rezension von
Prof. Dr. Marianne Bosshard
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Zitiervorschlag
Marianne Bosshard. Rezension vom 09.12.2003 zu: Detlef Petry: Die Wanderung. Eine trialogische Biografie. Paranus Verlag (Neumünster) 2003. ISBN 978-3-926200-55-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1075.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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