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Matthias Hammer: SBT, Stressbewältungstraining für psychisch kranke Menschen

Cover Matthias Hammer: SBT, Stressbewältungstraining für psychisch kranke Menschen. Ein Handbuch zur Moderation von Gruppen ; [Arbeitsmaterialien auf CD]. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. 4. Auflage. 195 Seiten. ISBN 978-3-88414-517-3. 29,95 EUR, CH: 43,50 sFr.

Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen - 24.
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Thema

Stresserleben stellt für psychisch kranke Menschen nicht nur eine Quelle für die Beeinträchtigung ihres Wohlbefindens dar, sondern birgt zugleich auch die Gefahr der Regression in die Erkrankung bzw. der Verschlechterung ihrer Symptomatik. Psychisch kranke Menschen sind darüber hinaus häufig anfälliger in Stresssituationen, da sie weniger Ressourcen bzw. eine erhöhte Vulnerabilität für Risikofaktoren haben. Vor diesem Hintergrund hat ein Stressbewältigungsprogramm für psychisch kranke Menschen präventiven Charakter. Die Betroffenen sollen lernen,

  • ihre Belastungsgrenzen realistisch einzuschätzen,
  • Überforderungssituationen zu vermeiden und
  • Strategien zur Kompensation zu erarbeiten und in Krisenzeiten anwenden zu können.

Der Autor präsentiert mit dem vorliegenden Buch ein Stressbewältigungsprogramm für psychisch kranke Menschen, welches die o.g. Zielstellungen in mehreren Trainingseinheiten umzusetzen versucht. Das vorliegende Programm ist als personenbezogenes und störungsübergreifendes Gruppenprogramm konzipiert, welches der Autor im Rahmen seiner praktischen Tätigkeit als Psychotherapeut entwickelt hat.

Autor

Dr. Matthias Hammer ist Psychotherapeut (Verhaltenstherapie). Er promovierte 2001 an der Universität Tübingen. Er arbeitet heute als Leiter der Rehabilitationsabteilung für psychisch kranke Menschen des Rudolf- Sophien-Stift in Stuttgart.

Aufbau und Inhalt

Das Buch setzt sich aus zwei Teilen zusammen.

Im ersten Teil, dem Einführungsteil, werden die Grundlagen des Stressbewältigungstrainings erläutert. Der Autor geht dabei auf das dem Training zugrunde liegende Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell ein und beschreibt Stress auslösende Faktoren (Stressoren). Weiterhin stellt der Autor dar, welche somatischen Prozesse beim Erleben von negativem Stress auf den Achsen Sympathikus-Nebennierenmark sowie auf der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse ablaufen. Kommt es zu einer andauernden Stressreaktion, geraten die gesunden Reaktionen des Körpers auf Stress und die Selbstheilungskräfte eines Menschen ins Ungleichgewicht. Der Autor beschreibt mit Bezug auf Hans Selye eine „Homöostasestörung, die sich in Form von Krankheiten manifestieren können“ (S. 23).

Möglichkeiten dieser Störung entgegenzuwirken sieht der Autor in Methoden zur Stressbewältigung. Er beschreibt Ansatzpunkte zur Stressbewältigung (emotionsorientierte Bewältigungsstrategien, aktive Veränderung von Stress auslösenden Problemen) und differenziert zwischen lang- und kurzfristigen Stressbewältigungsstrategien.

Im nächsten Schritt stellt der Autor die Zielgruppen, Zielsetzungen und Inhalte des Stressbewältigungstrainings vor. Es richtet sich an psychisch kranke Menschen mit einer psychiatrischen oder psychotherapeutischen Krankheitsgeschichte, die in Gruppensituationen nicht überfordert sind (kontraindiziert wäre das Training für Menschen mit Sozialphobie oder akuter Suizidalität). Das Ziel des Trainings besteht darin, Fähigkeiten zur Stressbewältigung zu fördern und damit eine Steigerung des Wohlbefindens zu erreichen. Das Training arbeitet personenzentriert, so dass für jeden Teilnehmer individuelle Bewältigungsstrategien herausgearbeitet werden können. Der Autor macht auch die Grenzen des Trainings deutlich: „… eine vertiefende störungsspezifische Bearbeitung von Problemen oder Belastungen oder eine längerfristige Begleitung von Teilnehmerinnen ist im Rahmen des Trainings nicht möglich“ (S. 33).

Anschließend geht der Autor auf den Aufbau und die Inhalte des Stressbewältigungstrainings ein. Das Stressbewältigungstraining ist als fortlaufendes Gruppentraining für sechs bis neun Teilnehmer konzipiert. Das Basisprogramm (siehe unten) umfasst sieben Module, die durch fünf Zusatzmodule ergänzt werden können. Jede Sitzung wird in einem Umfang von 60 bis 90 Minuten durchgeführt. Die Module können individuell und nach den gegebenen Bedingungen eingesetzt werden und müssen nicht nacheinander erfolgen.

Im nachfolgenden Kapitel werden Grundprinzipien, methodisches Vorgehen und Rahmenbedingungen erörtert. Wichtig ist, dass die Übungen auch nach den Trainingseinheiten zuhause fortgeführt werden sollen, damit sich ein Gewöhnungseffekt einstellen kann. Am Beginn der nächsten Einheit können die Teilnehmer so ihre Erfahrungen austauschen und reflektieren, welche Wirkung sich eingestellt hat.

Im zweiten Teil des Bandes werden die einzelnen Trainingseinheiten (Module) vorgestellt und es werden Instruktionen für die praktische Durchführung gegeben. Zu jedem Modul gibt es Arbeitsblätter, die auf der beiliegenden CD-Rom zur Verfügung gestellt werden. Neben den sieben Basismodulen kann der Trainer zusätzlich zwischen fünf Zusatzmodulen wählen. Diese können nach dem Basisprogramm durchgeführt werden oder als Ersatz für andere Module herangezogen werden. Die Auswahl der Module sollte an den Bedürfnissen und Interessen der Teilnehmer ausgerichtet werden.

Die Module im Überblick:

Basisprogramm

  1. Modul: Einführung. Die Teilnehmer lernen sich kennen und werden mit der Arbeitsweise im Kurs und dessen Inhalte im Überblick vertraut gemacht. Der inhaltliche Einstieg erfolgt über das Bewusstmachen und Planen von positiven Aktivitäten.
  2. Modul: Stress und psychische Erkrankung. Im Sinne einer Psychoedukation werden in diesem Modul das Verständnis von Stress und dem optimalen Belastungsniveau jedes Teilnehmers bewusst gemacht und in den Zusammenhang zum Verletztlichkeits-Stress-Bewältigungs-Modell gebracht.
  3. Modul: Entspannungstraining. Progressive Muskelentspannung: Den Teilnehmer werden grundlegende Informationen zu Entspannungsverfahren vermittelt und sie lernen in vereinfachter Form die Technik der Progressiven Muskelrelaxation kennen. Durch Übungen, die das gesamte Training über erfolgen, wird diese Technik weiter trainiert.
  4. Modul: Krisenbewältigung. Die Teilnehmer vergegenwärtigen sich Frühwarnsymptome bzw. Stresssymptome. Es werden individuelle Rückfallprophylaxe-Strategien erarbeitet. Diese sollen für Krisenzeiten Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten enthalten.
  5. Modul: Problemlösetraining für alltägliche Belastungen. Hier werden Belastungsmomente im Alltag der Teilnehmer bewusst gemacht, indem jeder Teilnehmer für sich einen Belastungsbereich identifiziert, Ziele zur Veränderung formuliert und Lösungsmöglichkeiten entwickelt.
  6. Modul: Achtsamkeit und positives Erleben. Die Teilnehmer werden grundlegend in den Ansatz des achtsamen Erlebens eingeführt. Es werden Bedingungen für positives Erleben und Wohlbefinden reflektiert und durch Übungen der achtsame Umgang im Alltag bzw. achtsames Erleben gefördert.
  7. Modul: Gruppenabschluss und Auswertung. Das Training wird gemeinsam ausgewertet. Jeder Teilnehmer kann durch eine persönliche Bilanz Erfolge und Umsetzungsschwierigkeiten benennen.

Zusatzmodule:

  1. Zusatzmodul: Tauschbörse
  2. Zusatzmodul: Gedanken und Stress
  3. Zusatzmodul: Gesundheitsförderndes Verhalten
  4. Zusatzmodul: Problemlösung am Arbeitsplatz
  5. Zusatzmodul: Fähigkeit zur selbstständigen Lebensführung verbessern

Der Aufbau der Module richtet sich nach den Inhalten. Jedes Modul enthält mindestens eine Einführung und Überblick über das Modul, einen kurzen theoretischen Input sowie Hinweise zur Durchführung der Trainingseinheit bzw. Methode.

Diskussion und Fazit

Das Training beinhaltet drei Schwerpunkte in der Stressbewältigung für psychisch kranke Menschen. Zum einen werden durch die Vermittlung von Informationen die Fähigkeiten zur Selbststeuerung und Eigenaktivierung angeregt. Durch Psychoedukation erhalten die Teilnehmer einen Einblick in die Wirkmechanismen bei Stresserleben und erwerben Einsichten in eigene Stressoren und Ressourcen. Zum anderen wird durch Einführung in verschiedene Verfahren und Einübung in Techniken die Stressbewältigungskompetenz der Teilnehmer verbessert. Der Autor greift hierbei auf das Verfahren der Progressiven Muskelentspannung sowie den Ansatz der Achtsamkeit zurück. Drittens sollen individuelle Problemlösestrategien für Krisenzeiten und die Reduzierung von alltäglichen Stressfaktoren die Teilnehmer auf kritische Momente vorbereitet werden.

Seine Praxisrelevanz erhält das Buch durch die ausführliche Beschreibung der Trainingseinheiten. Der Trainer erhält alle notwendigen Informationen zu jeder Übungseinheit, praktische Hinweise zu ihrer Durchführung sowie zur Durchführung und Moderation der Gruppe. Darüber hinaus werden Arbeitsblätter und -materialien, auf die im Training Bezug genommen wird, auf der beigefügten CD-Rom zur Verfügung gestellt. Das Buch stellt daher eine gute Grundlage für die Durchführung von Stressbewältigungstraining mit psychisch kranken Menschen dar. Es richtet sich an professionell Tätige aus dem Gesundheitssystem, wie Therapeuten und Sozialpädagogen, die mit grundlegenden Verfahren wie der Progressiven Muskelentspannung (PMR) oder dem Achtsamkeitstraining sowie im Umgang mit der Zielgruppe bereits Erfahrung haben.


Rezension von
Thomas Buchholz
M.A.
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Zitiervorschlag
Thomas Buchholz. Rezension vom 07.03.2012 zu: Matthias Hammer: SBT, Stressbewältungstraining für psychisch kranke Menschen. Ein Handbuch zur Moderation von Gruppen ; [Arbeitsmaterialien auf CD]. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. 4. Auflage. ISBN 978-3-88414-517-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10769.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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