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Jürgen Wilhelm (Hrsg.): Kultur und globale Entwicklung

Cover Jürgen Wilhelm (Hrsg.): Kultur und globale Entwicklung. Die Bedeutung von Kultur für die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Berlin University Press (Berlin, Köln) 2010. 241 Seiten. ISBN 978-3-940432-95-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Für eine autonome Kultur- und Entwicklungspolitik

Dass Kultur und Entwicklung die zwei Seiten eines Menschenbildes darstellen, ist eine Erkenntnis, die in den zahlreichen nationalen und internationalen Bemühungen um die Rechte und Grundfreiheiten der Menschen formuliert wird. Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) hat dies eindeutig ausgedrückt: „Entwicklung, getrennt gesehen von ihrem menschlichen oder kulturellen Kontext, ist Wachstum ohne Seele“. Das bedeutet, dass es einer zweifachen Infragestellung bedarf: Zum einen die Feststellung, dass Kultur und kulturelle Identität niemals bipolar und ethnozentrisch, sondern vielfältig gedacht und gelebt werden muss; zum anderen, dass Entwicklung nicht nur wirtschaftliche Güter und Dienstleistungen umfasst, sondern ein friedliches und humanes Zusammenleben der Menschen auf der Erde in ihrer Vielfalt ermöglicht. In den Berichten an den Club of Rome (z.B.: Dennis L. Meadows, u.a., Die Grenzen des Wachstums, 1972), dem Bericht der Süd-Kommission („Das Überleben sichern“, 1980), dem Brundtland-Bericht („Unsere gemeinsame Zukunft“, 1987), dem Bericht der Süd-Kommission („Über die Eigenverantwortung der Dritten Welt für dauerhafte Entwicklung“, 1990), der Agenda 21 (1992), dem UNESCO-Übereinkommen zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen (2005)…, immer geht es um das Bemühen, die „kreative Vielfalt“ der Menschheit anstelle der nationalen, ethnischen, ökonomischen, religiösen und kulturellen Egoismen im Bewusstsein der Menschen zu etablieren. Als Ziel lässt sich definieren, was die Weltkommission für Kultur und Entwicklung den Menschen ins Stammbuch schreibt: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Spätestens, seit sich im lokalen und globalen gesellschaftlichen Leben der Menschen bemerkbar gemacht hat, dass die Welt sich immer interdependenter, entgrenzender (und ungerechter) entwickelt, werden die bis dahin scheinbar unantastbaren und ideologisierten Entwicklungsmodelle und –theorien des „throughput growth“, des „Durchflusswachstums“, in Frage gestellt und nach Alternativen Ausschau gehalten: Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil wird propagiert ( vgl. dazu: Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2010. Einfach besser leben. Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil, München 2010 in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, www.socialnet.de/rezensionen/10494.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Der Perspektivenwechsel von der offiziellen, ethno- und eurozentrierten „Entwicklungshilfe“ und der Bezeichnung für diejenigen, die zu einer (anderen) Entwicklung verhelfen sollen, den „Entwicklungshelfern“, hin zur „Entwicklungskooperation“ und „Entwicklungspolitik“, ist augenfällig und im „Entwicklungsdienst“ postuliert. Der „Deutsche Entwicklungsdienst“ (DED), eine Einrichtung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der seit Januar 2011, mit den weiteren Entwicklungseinrichtungen, der GTZ und InWEnt, als Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) firmiert, engagiert sich mit den zahlreichen Entwicklungsprojekten in 48 (Entwicklungs-)Ländern. Im DED sind derzeit rund 3.000 Mitarbeiter tätig. Der Jurist und Lehrbeauftragte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, Jürgen Wilhelm, ist Geschäftsführer des DED. Im Anschluss an das von DED und InWEnt im Dezember 2008 durchgeführte Symposium „Religion und Entwicklung“ wurde am 11. Mai 2010 in einer Konferenz die Thematik „Kultur und globale Entwicklung“ diskutiert. Kooperationspartner bei der Veranstaltung waren InWEnt, das Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen und die Deutsche Welle, Bonn. Wilhelm legt die Beiträge dieses Symposiums, ergänzt durch weitere Fachstatements, nun in einem Sammelband vor. Dabei geht es vor allem darum, „die über die Religion hinausgehende Breite kultureller Einflüsse und wechselseitiger Bedingtheiten im Zusammenhang mit politischer, wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Entwicklung auszuloten“. Der Band beginnt mit Geleitworten von Dirk Niebel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in drei Kapitel gegliedert:

  1. Im ersten Teil werden „Dimensionen von Kultur und Entwicklung“ thematisiert;
  2. im zweiten „Entwicklungspotentiale von Kultur: Kulturförderung und Strategie für eine florierende Kulturlandschaft“ diskutiert; und
  3. im dritten Kapitel wird „Kultur als Chance: Auswärtige Kulturpolitik und Entwicklungspolitik in der Praxis“ reflektiert.

Im ersten Kapitel begibt sich der Direktor des Wiener Zentrums für transdisziplinäre Entwicklungsforschung und dialogische Bildung, Gerald Faschingeder, mit seinem Beitrag auf ein „widersprüchliches Terrain“, indem er darüber nachdenkt, wie Kultur und Entwicklung (be-)greifbar gemacht werden können; weil Kultur, als Einflussfaktor und individueller und kollektiver Marker, nur erfahrbar gemacht werden kann, „wenn kulturelle Differenz gedacht wird“. Dabei stützt sich der Autor auf den erweiterten (anthropologischen) Kulturbegriff, der sich bezieht „auf die Art und Weise, wie gesellschaftliches Sein und Bewusstsein in seine Form kommt, sich versinnlicht, dabei Sinn verhandelt und produziert“. Indem er die Begriffsgeschichte, von der Kultur als Zivilisation, als Identität und als Kunst darlegt, kommt er zu „seiner“ Frage: Braucht es nicht, angesichts der Weltwirtschaftskrise, des Sparpaketwahns und der Klimakatastrophe eine „agenda…, uns neu die Frage nach dem Sinn, nach Orientierung und damit nach einer grundlegenden Erneuerung des historischen Projektes der Selbstbefreiung des Menschengeschlechts zu stellen?“.

Im zweiten Kapitel denkt der als Berater am „Turkish African Center for Strategic Studies“ der Okan Universität in Istanbul tätige Politik- und Kulturwissenschaftler Wolfgang Gieler, über „entwicklungspolitisches Verständnis und die Bedeutung von Kultur im globalen Kontext“ nach. Mit seiner Frage, ob es, angesichts der ideologischen Turbulenzen und Differenzen in der heutigen Welt zu einem Universalismus kommen könne, der kein europäischer (westlicher), sondern ein universeller oder globaler ist, weist er darauf hin, dass es nicht alleine damit getan ist, die Begriffe „Kultur“ und „Entwicklung“ zu definieren, sondern die Monozentrismen in den Blick zu nehmen und aufklärerisch das Bewusstsein zu stärken, dass es „keine Werteskala (gibt), die es erlauben könnte, eine Kultur als besser oder schlechter zu betrachten. Alle Kulturen …sind gleichwertig“.

Hartmut Ihne, Präsident der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, stellt rechtsphilosophische Überlegungen zur Typologie von Minderheiten an: „Kultur, Recht und Minderheiten“. Er arbeitet verschiedene Eigenschaften heraus und formuliert Kriterien, wie z. B. das Relevanz- das Verfahrens-, das Willensbildungs- das Freiwilligkeits-, das Austritts-, das Zielsetzungs-, das Identitäts- und das Territorialkriterium, die es ermöglichen, Gruppentypen von Minderheiten zu differenzieren und zu analysieren.

Christine M. Merkel, die Leiterin des Fachbereichs Kultur und Memory of the World der Deutschen UNESCO-Kommission, erläutert das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, das mit dem Ratifizierungsgesetz vom 7. März 2007 auch in Deutschland in Kraft ist. Dabei stellt sie die besonderen Herausforderungen dar, die sich für die deutsche, europäische und weltweite Kulturpolitik und –förderung stellen (vgl. dazu auch das Weißbuch: Deutsche UNESCO-Kommission, Kulturelle Vielfalt gestalten. Handlungsempfehlungen aus der Zivilgesellschaft zur Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und durch Deutschland, Bonn, Dezember 2009, 32 S.).

Der Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, Wolfgang Schneider weist in seinem Beitrag auf Risiken und Nebenwirkungen einer Kulturentwicklungspolitik hin: „Cultural Diplomacy: Einbahnstraße, Sackgasse, Kreisverkehr“. Die historischen und aktuellen Wege „vom Kulturexport zum Dialog der Kulturen“ sind lang, vielfach postuliert, formuliert und pragmatisiert. Die Straßenschilder wurden (neu) beschriftet, die Fahrt- und Zielrichtungen geändert, die Interessenlagen definiert, was als Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe für staatliche und zivilgesellschaftliche Entwicklungspolitik bleibt: „Eine zukunftsorientierte, nachhaltige und programmatische Außenpolitik, die Kultur und Entwicklung zusammen denkt, die Kulturkooperationen und Entwicklungszusammenarbeit nicht trennt, sondern zu Bestandteilen eines gemeinsamen politischen Handlungsfeldes erhebt“. Seine Vision von einer „Agentur für internationale kulturelle Zusammenarbeit“, die zivilgesellschaftlich organisiert und verantwortlich ist, unabhängig vom Außenministerium und BMZ, ist bisher nicht verwirklicht.

Daniel Gad, Kulturwissenschaftler und Lehrbeauftragter an der Stiftungsuniversität Hildesheim, plädiert für eine kulturpolitisch durchdachte Entwicklungstheorie: „Mit kultureller Vielfalt gestalten“. Er stellt eine merkwürdige Distanz, wenn nicht gar Abstinenz im sozialwissenschaftlichen Diskurs um die Verknüpfung von Kulturpolitik und Entwicklungszusammenarbeit fest, zeigt aber mit zahlreichen Kulturprojekten und –initiativen auf, „dass Empowerment gerade durch Kunst und Kultur geschaffen und ermöglicht werden kann“; freilich selten mit dem schnellen Akt einer fristigen (technischen) Projektinstallation, sondern getragen von dem Bewusstsein, dass „Kulturarbeit … prozessorientiert“ ist. Im entwicklungspolitischen Diskurs heißt es, „das Schnittfeld zwischen Kunst, Kultur, Kulturpolitik und Armut in den Blick zu nehmen“.

Unter der Moderation von Tina Gadow, Projektmanagerin, wurde beim Symposium eine Podiumsdiskussion durchgeführt, an der die Direktorin des „Institute for Music Development“ in Accra/Ghana, Korkor Amarteifio, der stellvertretende Direktor des General Department of Cultural Diplomacy and UNESCO Affaires des Außenministeriums von Vietnam, Nguyen Trac Ba, der Präsident von „Culture et Dévelopment“ aus Grenoble/Frankreich, Raymond Weber und die Leiterin der Abteilung Kunst des Instituts für Auslandsbeziehungen, Elke aus dem Moore, zum Thema „Kulturelle Vielfalt als strategisches Element für regionale Entwicklung“ teilnahmen. Aus der zwar etwas holperig transkribierten Fassung wird allerdings deutlich, dass der Fokus der zahlreich vorgestellten und diskutierten Projekte viel stärker auf zivilgesellschaftliche Aspekte und Initiativen gelegt und staatlichen Interventionen und Steuerungsmechanismen widerstanden werden sollte.

Tina Gadow formuliert in ihrem Schlussbeitrag zum zweiten Kapitel noch einmal die Frage danach, wie sich Kulturwandel vollzieht und was das alles mit einem selbst zu tun hat. Mit drei Thesen provoziert sie den Ist-Zustand im kultur- und entwicklungspolitischen Diskurs und ruft auf: „Respektieren wir, dass Kollektivintelligenz in Zukunft bedeutender wird als die Expertise einiger Weniger und setzen wir auf Kooperation!“.

Das dritte Kapitel beginnt der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Hans-Georg Knopp mit seiner Darstellung „Zwischen Kulturförderung und Kulturentwicklung: Die Auswärtige Kulturpolitik und die Entwicklungspolitik“. Er verweist darauf, dass „in der Kultur selbst Potentiale angelegt sind, die in Richtung auf Entwicklung einer Zivilgesellschaft in den jeweiligen Zielregionen und auf einen freien Austausch untereinander und mit den so genannten Industrienationen zielen“. Er weist zwar darauf hin, dass es im Denken und in der Realisierung von Projekten zur „Kultur und Entwicklung“ zahlreiche Widerstände, Fehlinterpretationen und Missverständnisse gibt, doch er plädiert für eine intensive(re) Kooperation zwischen den beiden Ministerien, dem Außenamt und dem BMZ, weil „Kultur ( ) eine bewegende Kraft im gesellschaftlichen und auch im wirtschaftlichen Leben der jeweiligen Länder (ist)“.

Der Intendant der Deutschen Welle, Erik Bettermann, stellt mit seinem Beitrag „Kultur- und Medienentwicklung“ das Programm des Senders am Beispiel von Bildungsprogrammen in Afrika und Afghanistan vor. Die Deutsche Welle als „mediale Visitenkarte Deutschlands in der Welt“ und die DW-Akademie, in der seit 45 Jahren Medienschaffende aus Entwicklungs- und Transformationsländern aus- und weitergebildet werden, schafft zahlreiche Möglichkeiten zur Entwicklung von intakten Medienlandschaften und Zivilgesellschaften und benötigt eine intensivere Vernetzung der Aktivitäten auf europäischer und weltweiter Ebene.

Elke aus dem Moore informiert über den Zusammenhang von „Kunst und Entwicklung“, indem sie darauf hinweist, dass „die Auseinandersetzung mit Kunst und kreativen Prozessen ( ) … ein Grundverständnis und die Bereitschaft für einen Wandel (schafft)“. Dabei setzt freilich die (inter-)kulturelle Zusammenarbeit die Fähigkeit zum Austausch und zur Auseinandersetzung auf Augenhöhe voraus. Am Beispiel des Ausstellungs- und Aktionsprojektes „Prêt-á-partager“, mit dem ein prozessorientierter Dialog und Erfahrungsaustausch von Künstlern, Modedesignern, Fotografen und Theoretikern aus Afrika und Deutschland zustande kam, zeigt sie auf, dass die individuelle, kreative Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen und die Begegnung mit unterschiedlichen kreativen Produktionsprozessen Biografien, Individuen und Gesellschaften verändern und damit die Grundlage für nachhaltige globale Entwicklung bilden kann. In dem Zusammenhang sei auch verwiesen auf das Projekt „Entangled“, mit dem, initiiert durch die VolkswagenStiftung, eine „Annäherung an zeitgenössische Künstler aus Afrika“ zustande kommen sollte (Marjorie Jongbloed, Hg., Entangled. Annäherung an zeitgenössische Künstler aus Afrika / Approaching Contenporary African Artists, Hannover 2006, mit Künstlermappe).

Der Leiter der DED-Stabsstelle „Grundsatzfragen und Unternehmensentwicklung“, Jirka Vierhaus, macht mit seinem Beitrag „Kulturelle Vielfalt fördern und Kultur nutzen“ auf Potentiale und Grenzen für die Entwicklungspolitik aufmerksam. Es ist die Forderung und Förderung der kulturellen Vielfalt, die die unterschiedlichen Bedeutungsauffassungen von Kultur zu Tage bringt und Kunstwerke und künstlerische Aussagen ins Bild und Bewusstsein der Menschen bringt, wie auch, am Beispiel des Bilderverbots im Islam und den Streit um die Mohammed-Karikaturen in Dänemark, konfrontiert. Es ist die Forderung nach Toleranz, die sich letztlich in der „goldenen Formel“ darstellt – Was du nicht willst, das man dir tu`, das füg` auch keinem anderen zu!“. In der Entwicklungszusammenarbeit gilt es, „Ownership“ in der Kulturförderung zu beachten, wie die Autorin dies am Beispiel der Gründung des Deutsch-Mosambikanischen Kulturinstituts und der künstlerischen Arbeit dieser und anderer Initiativen verdeutlicht.

Im vierten und letzten Kapitel „Kultur als Aktionsfeld“ werden Erfahrungen und Empfehlungen formuliert. Der Trierer Ethnologe und Kulturanthropologe Michael Schönhuth setzt sich mit den divergierenden Ansprüchen, Erwartungen, Hoffnungen, aber auch Befürchtungen auseinander, wie sich Entwicklungs- und Kulturvermittlung global vollzieht. Es geht um das Verständnis des lokalkulturellen Kontextes, um die Frage also, wer in den unterschiedlichen Kommunikationsprozessen Ansprechpartner ist, wer dominant wirkt und wer außen vor bleibt. Dabei weist er auf ein Postulat hin, das gelegentlich im (Über-)Eifer der „Goethe-Kultur“ verloren zu gehen scheint: „Kunst ist immer vom Zwang zur Entwicklung frei“.

Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Bohnet lässt „das sozio-kulturelle Rahmenkonzept des BMZ der 90er Jahre“ Revue passieren. Dabei weist er besonders auf den „Schlüsselfaktoren-Ansatz“ mit den Grundpositionen – Legitimität (Akzeptanz), erreichter Entwicklungsstand und sozio-kulturelle Heterogenität – hin und diskutiert die Vor- und Nachteile in diesem Perspektivenwechsel staatlicher Entwicklungspolitik. Dabei bezieht er, rekurierend auf die Unteilbarkeit von Menschenrechten, Position, indem er feststellt: „Bei Konflikten zwischen Menschenrechten und endogenen Traditionen in den Staaten der Entwicklungsländer ist … Demokratien eine moralische Neutralität verwehrt“.

Der Ethnologe von der Universität Hamburg und entwicklungspolitische Gutachter, Frank Bliss, formuliert „Sozio-kulturelle Aspekte in der entwicklungspolitischen Theorie und Praxis“. Dabei zeigt er den im BMZ seit den 1980er Jahren geführten Diskurs um die Bedeutung der Kultur im Entwicklungsprozess auf und weist mit zahlreichen Beispielen von Projektbegründungen, -zielsetzungen, -abwicklungen und –finanzierungen darauf hin, dass die sozio-kulturelle Analyse unabdingbar für entwicklungspolitisches Handeln, lokal und global, ist.

Die Leiterin der BMZ-Unterabteilung „Zivilgesellschaft und Wirtschaft“, Christiane Bögemann-Hagedorf, stellt in ihrem Beitrag „Entwicklungspolitische Praxis und Kultur“ fest, dass es zum Themenzusammenhang mehr Fragen als Antworten gäbe. Weil für den internationalen Dialog und die interkulturelle Verständigung „das Verstehen der Fragen von Herrschaft und ihrer Legitimität, von politischen Rahmenbedingungen, der Auffassung zu Menschenrechten, der Stellung der Frauen in der Gesellschaft und ihrer Bedeutung für den Entwicklungsprozess, dem Einfluss der Religionen und ihrer Akteure auf die politischen Strukturen und Prozesse“ unabdingbar sind (eine Tautologie!), bedürfe es der stärkeren Einbeziehung einer prozesshaften, soziokulturellen Begleitung bei Entwicklungsprojekten und damit auch der Einbindung von ethnologischen und anthropologischen Aspekten und Methoden ( vgl. dazu auch: Volker Gottowik, Hrsg., Die Ethnographen des letzten Paradieses, transcript Verlag, Bielefeld 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10659.php) .

Fazit

Die Auseinandersetzungen, die sich um die Fragen von kultureller Identität und Dominanz in der Universalismus-Relativismus-Debatte zeigen, nicht zuletzt dargestellt in den kontroversen Auffassungen von Individualismus, Kollektivismus, Nationalismus, Ethnozentrismus , Kolonialismus und Rassismus, müssen in der globalisierten Welt in eine lokale, regionale und globale kulturpolitische Neuorientierung münden, in der es keinen Zweifel daran geben darf, dass das friedliche und humane Überleben der Menschheit nur mit einer „globalen Ethik“ möglich ist. Jede Form von „Nationalkultur“ oder „ethnischen Kultur“ ist abzulehnen. Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat eindringlich darauf hingewiesen, dass „kultureller Pluralismus“ ein durchgängiges und überdauerndes Merkmal jeder demokratischen Gesellschaft bildet und zu einem globalen Bewusstsein der Zugehörigkeit aller Menschen auf der Erde zur menschlichen Familie führt.

Die Bemühungen der Veranstalter des Symposiums „Kultur und globale Entwicklung“ im Mai 2010 in Bonn – DED, InWEnt, DW und ifa – für entwicklungspolitisches Denken und Handeln „teleologische und durchaus auch pragmatische“ Hinweise und Anregungen zusammen zu tragen, dürften gelungen sein. In den einzelnen Beiträgen werden zwar keine „sensationellen“, neuen Ausgrabungen im Diskussionsprozess um globales Verantwortungsbewusstsein dargestellt – wir brauchen keine sensationellen Entwürfe, es sei denn die zum dringend notwendigen lokalen und globalen Perspektivenwechsel – sondern die soliden Diskussionsbeiträge stellen Bausteine für das interdisziplinäre Bemühen dar, Kultur und globale Entwicklung zusammen zu denken und in der Entwicklungspolitik und –kooperation gemeinsam wirksam werden müssen. Auch wenn die Geleittexte der zuständigen Minister den Eindruck erwecken könnten, es handele sich bei dem Sammelband um eine regierungsoffizielle oder –offiziöse Verlautbarung, widerlegen die meisten Beiträge dies, wobei freilich (allzu oft) ein Bogen um die Frage der Fragen in diesem Diskurs geschlagen wurde: Wie halten wir es mit der Systemfrage? Inwieweit trägt der „Raubtierkapitalismus“ ( Peter Jüngst: „Raubtierkapitalismus“? Globalisierung, psychosoziale Destabilisierung und territoriale Konflikte, Gießen 2004 in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/1787.php)? Wie ernst wird in der kapitalistischen Wachstumsideologie die Kapitalismuskritik genommen (Elmar Altvater, Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur, Münster 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10533.php; sowie: John Holloway, Kapitalismus aufbrechen, Münster 2010, in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, www.socialnet.de/rezensionen/10534.php)? Der neueste Bericht des New Yorker Worldwatch Instituts zur Lage der Welt 2010 drückt das Dilemma so aus: „Wenn das System falsch programmiert ist, stößt der gute Wille des Einzelnen an Grenzen“.

Sich vorzustellen, dass wir Menschen auf der Erde in einem „globalen Dorf“ leben ( Josef Nussbaumer / Andreas Exenberger / Stefan Neuner, Unser kleines Dorf. Eine Welt mit 100 Menschen, Kufstein 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10572.php) und in der EINEN WELT mit all unseren alltäglichen, gesellschaftlichen, intellektuellen und kulturellen Lebensäußerungen unverbrüchlich aufeinander angewiesen und füreinander verantwortlich sind, ist eine Anforderung, die es zu transportieren gilt, auch in der Entwicklungszusammenarbeit. Ein erster Schritt dahin ist mit dem vorliegenden Sammelband getan!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.02.2011 zu: Jürgen Wilhelm (Hrsg.): Kultur und globale Entwicklung. Die Bedeutung von Kultur für die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Berlin University Press (Berlin, Köln) 2010. ISBN 978-3-940432-95-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10774.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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