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Niklas Reese, Judith Welkmann (Hrsg.): Das Echo der Migration

Cover Niklas Reese, Judith Welkmann (Hrsg.): Das Echo der Migration. Wie Auslandsmigration die Gesellschaften im globalen Süden verändert. Horlemann Verlag (Unkel) 2010. 326 Seiten. ISBN 978-3-89502-294-4. 19,90 EUR.
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Migration und Mobilität als gesellschaftlicher Normalzustand

Die Migrationsforschung, wie auch die alltäglichen, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über Fragen der Wanderung von Individuen und Gruppen von einem (angestammtem) Lebensraum zum anderen, kreisen überwiegend um die so genannten strukturellen Push- und Pull-Faktoren, sowie um die Wanderungsbewegungen von Süd nach Nord. Selten und eher unter beiläufiger historischer Betrachtung kommt zum Ausdruck, dass Migration ein gesellschaftliches Motiv ist, das dem Anthropos (Aristoteles), dem Menschen als ein existenzbejahendes, vernunftbegabtes, energisches und dynamisches Lebewesen gegeben ist. Betrachtet man Wanderungen von Menschen unter diesem Aspekt, so wird deutlich, dass der überwiegend auf wirtschaftliche und humanitäre Motivation fokussierte dominante Diskurs die Motive zur Migration nicht nur einseitig darstellt, sondern ihnen auch ihre Bedeutung für ein globales Zusammenleben der Menschen auf der Erde nimmt. Es lohnt, diese durchaus neue und überraschende Sichtweise in die kontroversen Diskussionen um Migrationsphänomene und -ursachen hinein zu nehmen.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Die „Pathologisierung“ von Migration, die sich in den nationalen und internationalen Auseinandersetzungen um die Wanderungsbewegungen von Menschen zeigt, verdeutlicht sich ja darin, dass es im Argumentations- und Sprachgebrauch darum geht, Migration als einen zu überwindenden Ausnahme- und Katastrophenzustand darzustellen. „Bootsflüchtlinge“, „illegale Einwanderer“, „Schmarotzer“…, das sind Abwehrreaktionen, die aus den meist satten Mehrheitsgesellschaften kommen; und die Drohgebärden, wie „Das Boot ist voll“ sollen von der Einwanderung abschrecken; und die rein ökonomisch und egoistisch gedachten (neueren) Argumente für eine „gezielte Einwanderungspolitik“ dahingehend entlarven und die Horrorszenarien als solche ausweisen: „Der Anteil der Migrant/innen an der Weltbevölkerung ist über Jahrhunderte relativ konstant (um drei Prozent). Nur die Richtungen der Migration, die Distanz, die überwunden wird, und zum Teil auch die Motive variieren“.

Ein Blickwechsel ist angezeigt; nicht, um die Probleme, die sich für Einwanderungsgesellschaften durch Zuwanderung ergeben, genau so für die Auswanderungsgesellschaften, klein zu reden, sondern um die Perspektiven bei den Eingesessenen wie bei den Eingewanderten zu erweitern und damit Integration als ein Geben und Nehmen für alle Beteiligten zu begreifen. Das Herausgeberteam, Niklas Reese, Geschäftsführer des Philippinenbüros, Koordinator des Projekts „Soziale Folgen der Globalisierung“ im Bonner Asienhaus und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität und die Sozialwissenschaftlerin Judith Welkmann, Mitarbeiterin im Wuppertaler Informationsbüro Nicaragua, bringt in dem Sammelband „Das Echo der Migration“ weitere 33 Expertinnen und Experten zusammen, die sich damit auseinandersetzen, „welche Veränderungen sich für die Herkunftsgesellschaften aus der Migration ergeben – in punkto Wohlstand, soziale Sicherung, Arbeitsbeziehungen, aber auch was Geschlechter- und Familienverhältnisse betrifft“. Insgesamt wird dabei vertreten, dass die Betrachtung von Migration aus der Perspektive von Herkunftsgesellschaften „weder Traum noch Alptraum“ darstellt, sondern die differenzierte Analyse der je spezifischen Motive und Zustände für Auswanderung davor bewahrt, Stereotypen zu bilden oder gar apokalyptische Szenarien an die Wand zu malen.

Der Fokus der Themen liegt dabei auf den Herkunftsgesellschaften in Südostasien und Lateinamerika, wobei Schwerpunkte der Darstellungen sich auf philippinische Migrationsverhältnisse beziehen und Fallbeispiele von Migrantinnen und Migranten aus Mexiko und Ecuador herangezogen werden. Das ist, so die Herausgeber, der Situation geschuldet, dass die hierzu vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen ein klareres Bild über die Effekte von Migration auf Herkunftsgesellschaften ermöglichen

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Das Echo der Migration“ ist in fünf Kapitel gegliedert.

Der erste Teil ist mit „Aufbruch“ überschrieben. Die Autorinnen und Autoren setzen sich darin mit der Frage auseinander: „Warum brechen Menschen auf?“. Es werden sowohl die ökonomischen und politischen Faktoren, als auch die jeweils vorherrschenden Migrationskulturen diskutiert. Im zweiten Teil wird mit der Überschrift „Zwischendrin“ sowohl auf die historischen Migrationsanlässe hingewiesen und mit der Nord-Süd-, sowie der Süd-Süd-Migration die Wanderungsbewegungen lokalisiert, als auch die Phänomene der transnationalen Migration angesprochen. Im dritten Kapitel werden zum einen die „Rückwirkungen“ angesprochen: Brain oder Gain?, zum anderen die Feminisierung der Migration an zahlreichen Fallbeispielen thematisiert. Viertens wird dargestellt, wie sich staatliches Handeln unter der Bedeutung der Migration aus der „Südperspektive“ vollzieht. Und im fünften Teil werden Fragen der Rückkehr von MigrantInnen in ihre Heimatländer angesprochen und Modelle für Rückmigration und Reintegration vorgetragen.

Die Doktorandin Lisa Kronauer hält sich seit September 2008 im Rahmen des Weltwärts-Programms in Bangladesh auf und forscht über die Verwundbarkeit von Existenzen in der Shrimpfarmzucht. Mit ihrem Beitrag „Migration im Spannungsfeld zwischen Klimawandel und industrieller Umweltzerstörung“ zeigt sie auf, wie die Shrimp- und Garnelenproduktion, am Beispiel von Bangladesh, zur Existenzvernichtung beiträgt und wie Initiativen zur Rekultivierung der Landschaft sich langsam entwickeln.

Débora Benckerts Reise nach Burma und ihre Begegnungen mit Burmesen in Südostasien haben sie veranlasst, sich mit der Situation der Chin-Flüchtlinge in Malaysia auseinander zu setzen. Sie befinden sich zwischen zwei wahrlich lebensbedrohlichen Mühlsteinen: Auf der einen Seite sind es die unmenschlichen Lebensbedingungen des Herkunftslandes mit einer diktatorischen Militärregierung und ökonomisch und politisch existentiellen Bedrohungen, auf der anderen Seite die völkerrechtlich ungeregelte und inhuman sich darstellende Situation in Malaysia.

Die an der britischen Universität Keele bei einem Forschungsprojekt zur „philippinischen Diaspora“ mitarbeitende Ethnologin Claudia Liebelt, setzt sich mit ihrem Beitrag mit Träumen, Selbstbildern und Erwartungen von philippinischen Frauen auseinander, die sie in Gesprächen mit den in vielfältigen Beschäftigungs- und Ausbeutungsformen tätigen Migrantinnen ermittelt. Dabei stellt sie Entwicklungen fest, die von „transnationalen Subjektivitäten“, bis hin zu neuen Solidaritäten reichen und sich in selbstbewussten Netzwerkstrukturen artikulieren.

Der Geograf und Doktorand an der Universität Bonn, Patrick Sakdapolrak, stellt in einer Fallstudie über die internationale Arbeitsmigration in Thailand den Wandel dar, der sich „vom Überlebenskampf zur kulturellen Praktik“ entwickelt und zeigt auf, dass „jede Migration ( ) über die … Rückkopplungsprozesse – die relative Verarmung, Ausbreitung der Migrationsnetzwerke und die Entstehung der Migrationskultur – zur Veränderung der Entsendegesellschaft (führt), die weitere Migrationsereignisse folgen lässt“.

Die Zürcher Ethnologin Daniela Reist diskutiert am Beispiel des Alltagslebens der Menschen im südlichen Hochland Ecuadors Formen von Migrationskultur, die sich seit Jahrzehnten dort etablierten Die Erfahrungen, Kontakte und Verbindungen, die sich dabei zwischen Ausgewanderten, Auswanderungswilligen und Rückwanderern und in der Region gebildet haben, prägen die Alltagsformen der Menschen dort und stellen für die Bewohner eine ständig präsente Handlungsoption dar.

Hauke Lorenz, der an der Universität Hamburg Ethnologie, Lateinamerikastudien und Geographie studiert und bei Amnesty International engagiert ist, setzt sich mit „subjektive(n) Normsetzungen und Rechtsempfinden zentralamerikanischer MigrantInnen im Transitland Mexiko“ auseinander. Er zeigt die Gefährdungen, Diskriminierungen und Verfolgungen der illegalen Migranten auf ihrem Weg zum Zielland USA auf und stellt die vielfältigen Überlebensstrategien dar, die zentralamerikanische MigrantInnen dabei entwickeln.

Judith Welkmann und Niklas Reese diskutieren mit der Frage „Should I stay or should I go?“ die Gründe, die Menschen dazu bringt, zu bleiben, bzw., wenn sie migrieren, eher die Binnen-, als die transnationale Migration wählen.

Der Geographiedidaktiker an den Pädagogischen Hochschulen in Freiburg und Schwäbisch-Gmünd, Burkard Richter, schließt mit der Darstellung der Ergebnisse einer Fallstudie aus Thailands Nordosten an die vorher gegangene Fragestellung an. Dabei kann er die bisherigen Analysen, in denen überwiegend die ökonomischen Gründe für Migrations- und Bleibeverhalten im Vordergrund stehen, relativieren, indem er deutlich macht, dass in der untersuchten Region zunehmend Motive der Selbstverwirklichung für die Nicht-Migration eine Rolle spielen.

Im zweiten Teil des Sammelbandes geht es in den ersten Beiträgen um „Migration aus dem Norden in den Süden und Süd-Süd-Migration“. Die in Niederbayern und Italien lebende Journalistin und ausgebildete Friedensfachkraft, Trainerin für interkulturelle und soziale Kompetenz, Gisela Dürselen, widmet sich den historischen Migrationsbewegungen von Europa nach Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel der Auswanderung nach Brasilien. Sie lenkt damit den Blick darauf, dass die Wanderbewegungen der vergangenen Jahrhunderte von Europa ausgegangen sind.

Die Diplom-Kulturwirtin Nina Benischke macht in ihrem Beitrag auf die rechtlichen und humanen Unterschiede zwischen Expatriates und MigrantInnen an Beispielen von Fremden in Malaysia aufmerksam und zeigt gewisse Gemeinsamkeiten der beiden unterschiedlichen Einwanderergruppen in das Land auf. Damit weist er auch auf bestimmte Entwicklungen und Praktiken hin, Einwanderung sowohl als (ökonomischen) Bedarf, als auch als (zu vermeidende) Last zu betrachten.

Die Soziologin Kirsten Clodius und die derzeit noch in Nicaragua als EIRENE-Fachkraft tätige Lateinamerikanistin Claudia Jaekel diskutieren die Situation bei der derzeit wichtigsten Bevölkerungsbewegung zwischen zwei lateinamerikanischen Nachbarstaaten, die „Süd-Süd-Migration zwischen Nicaragua und Costa Rica und ihre Folgen“. Sie weisen damit auf ein bisher in der Migrationsforschung wenig beachtetes Phänomen hin, dass sich die Migration in Lateinamerika zu einem großen Teil innerhalb des Teilkontinents vollzieht, mit all den Auswirkungen, die sich auf den Verfall von traditionellen Familienstrukturen und den Veränderungen der Geschlechterverhältnisse auswirken.

Svenja Flechtner und Daniela Reist leiten die weiteren Beiträge zur Thematik „Transnationalität“ mit dem Hinweis ein, dass sich infolge der Globalisierungsprozesse auch das Migrationsverständnis verändert, von den temporären Aufenthaltserwartungen der „Gastarbeiter“, sowie von Assimilationserwartungen, hin zur Entwicklung von dauerhaften Netzwerken, Kommunikationskanälen, multi-lokalen Familienzusammenhängen und sozialen Beziehungen, die geographische, politische und kulturelle Grenzen überschreiten. Svenja Flechtner macht am Beispiel der Filipinos und Filipinas in den USA darauf aufmerksam, „wie Transmigrant/innen ihr Herkunftsland beeinflussen“; Daniela Reist weist auf die vielfältigen, materiellen und ideellen Formen der Kontakte und Einflussnahmen der Ausgewanderten mit den Daheimgebliebenen hin.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Südostasienwissenschaft an der Universität Bonn, Simone Christ, thematisiert die Bedingungen und Auswirkungen der Kontraktarbeit am Beispiel der philippinischen VertragsarbeiterInnen in den Golfstaaten, in den USA und Europa. Die kulturell und emotional definierten Verpflichtungen der VertragsarbeiterInnen führt dazu, dass viele von ihnen durch Geldüberweisungen zum Lebensunterhalt ihrer daheim gebliebenen Angehörigen beitragen (müssen) und so selbst kaum die Chance haben, aus ihrem sowieso überwiegend prekärem Einkommen Ersparnisse für eine eigene Existenzgründung nach ihrer Rückkehr zurück legen zu können. Der Circulus vitiosus setzt ein: Sie müssen erneut eine temporäre Kontraktmigration eingehen.

Der Münsteraner Doktorand Heiko Kiser berichtet über seine Forschungsergebnisse über die mexikanischen „Braceros“, die als Arbeitsmigranten mit zeitlichen Arbeitsvisen in den USA, nicht selten in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und zudem von der Mehrheitsgesellschaft missachtet, tätig sind. Der Autor verdeutlicht die abstruse Situation, dass zumindest ein kurzer Migrationsaufenthalt in den USA für viele heranwachsende mexikanische Männer gewissermaßen zu einem „Initiationsritus“ geworden ist, mit all den nachteiligen Folgen für die Familienstrukturen und Geschlechterverhältnisse im Land. In einem zweiten Beitrag diskutiert Heiko Kiser auch die Bedeutung von Religion für den Migrationsprozess aus mexikanischer Sicht, einschließlich des einsetzenden Wandlungsverläufe in der Ausübung der religiösen Praxis und der Bereitstellung von Hilfsmaßnahmen der US-amerikanischen, kirchlichen Einrichtungen und Netzwerke.

Der Seemannsdiakon Ernst-Otto Oberstech erinnert daran, dass es „ohne philippinische Seeleute keine internationale Seeschifffahrt“ gäbe. Es sind rund 266.000 Filipinos, die traditionell weltweit als Seeleute tätig sind, deren Existenz jedoch durch (billigere) Konkurrenten aus Russland, der Ukraine, China, Indien und anderen Ländern, sowie durch ausgeflaggte Schiffe gefährdet ist. Der Autor beklagt, dass zwar die philippinische Regierung im gesellschaftlichen Diskurs (und mit Blick auf die wirtschaftlichen Interessen) die Seeleute als „new heroes“ darstellt, aber zu wenig tut, um eine ausreichende soziale Absicherung für die Filipinos und ihre Familienangehörigen, sowie für eine Verbesserung der Arbeits- und Lohnbedingungen eintritt.

Niklas Reese will mit dem Ausspruch „Wir leben in einer anderen Zeitzone!“ auf die Situation von transnationalen Arbeitsplätzen am Beispiel der Philippinen aufmerksam machen. In der philippinischen „Boomindustrie Call-Center“ werden, insbesondere für die US-amerikanische Wirtschaft, in vermehrtem Maße gut ausgebildete, ausgezeichnet Englisch sprechende Filipinos beschäftigt, die den Auftraggebern nur ein Fünftel von dem kosten, was sie in den USA als Lohnkosten ausgeben müssten; und sogar weniger als für Beschäftigte in indischen Call-Centers. Die absurde Situation, die sich auf die gesellschaftlichen Strukturen und das Selbstbewusstsein der Menschen auf den Philippinen negativ auswirkt, besteht zudem darin, dass eine Beschäftigung in einem Call-Center einen erheblich höheren Lohn bringt als College-Absolventen auf dem übrigen Arbeitsmarkt. Die bezeichnende Aussage einer philippinischen Call-Center-Beschäftigten, sie sei am Tag eine Filipino und nachts eine Amerikanerin verdeutlicht die individuelle und gesellschaftliche Zerrissenheit der Menschen.

Im dritten Teil des Sammelbandes werden die „Rückwirkungen“ diskutiert, die Migrantinnen und Migranten auf ihre Heimatländer und –gesellschaften ausüben. Der österreichische Geograf und Regionalforscher Philip Weninger zeigt die enorme, globale Bedeutung auf, die Geldüberweisungen von Migranten in ihre Herkunftsländer regelmäßig tätigen. Nach den Berechnungen der Weltbank waren es 2008 mehr als 283 Milliarden US-Dollar an remittances. Mit einer Fallstudie, die der Autor im Frühjahr 2008 auf der philippinischen Inselgruppe der Visayas, der Insel Cebu, durchführte, weist er die zahlreichen individuellen und gemeinschaftsförderlichen Wirkungen, im Bildungs-, Gesundheits- und Ernährungsbereich, nach, die für eine Gemeinde eine positive Entwicklung bedeuten.

Der seit 2009 als Geschäftsführer des Philippinenbüros im Bonner Asienhaus tätige Geograf Michael Reckordt, diskutiert am Beispiel der Stadtgestaltung der Metro Manila, einem städtischen Agglomerationsraum mit zahlreichen Marginal- und Squattersiedlungen, die Entwicklung der „Shopping Malls“ ausgerechnet in dieser Lokalität. Er identifiziert dabei den finanziellen Einfluss der Rücküberweisungen durch philippinische MigrantInnen, der Oversea Filipino Workers (OFW),sowie von Existenzgründungen der zurückgekehrten Filipinos in diesen Randgebieten der Megastädte, und damit der Herausbildung einer neuen „Mittelschicht“.

Niklas Reese und die Politikwissenschaftlerin an der De La Salle University in Manila, Johanna Wiese, nehmen die Tatsache zum Anlass, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung der Philippinen im Ausland leben und arbeiten, um festzustellen: „Das philippinische Bildungs- und Gesundheitssystem bildet für die Migration aus“. Sie zeigen auf, dass das Bewusstsein der Menschen auf den Philippinen sich stark daran orientiert, „Schulen und Universitäten… als Kaderschmieden für eine Arbeitsstelle im Ausland zu betrachten“, was andererseits zu einem enormen Mangel von qualifizierten Lehrkräften und medizinischem Personal und einem Qualitätsverlust im Lande führt und „die Spaltung vorangetrieben (wird) zwischen denen, die von der Migration profitieren, und denen, für sie zum langfristigen Verhängnis wird“.

Die Südostasienwissenschaftlerin Yvonne Bach drückt mit „Merantau“, eine indonesische Bezeichnung für (temporäres) „auswandern, in die Fremde gehen“, aus, welche Probleme sich bei der weiblichen Arbeitsmigration aus Indonesien ergeben. Es sind nicht selten Ausbeutung und Missbrauch, die jedoch von den Betroffenen häufig ausgeblendet und schon gar nicht als Rückmeldung in die Heimat gegeben werden und so das Bild von „Erfolg“ der Ausgereisten bei den Daheimgebliebenen jungen Frauen verfälscht und diese ebenfalls zur Migration ermutigt.

Die Berliner Mitarbeiterin von Watch Indonesia!, Samia Dinekaker und die mit dem Thema „Gender im Kontext Religion, Tradition, Moderne in Aceh. Positionen und Einflussnahme von Frauenaktivistinnen im Transformationsprozess" an der Goethe-Universität Frankfurt/M. promovierende Kristina Grossmann (die im AutorInnen-Verzeichnis im Buch nicht auftaucht) stellen Beobachtungen aus der Kleinstadt Tulung Agung in Ost-Java zur Diskussion, aus denen hervorgeht, dass die Migrantin, die ihre Familie im Ort zurück lässt, mit den regelmäßigen Überweisungen zum verdienenden Familienoberhaupt wird und somit die traditionellen familiären und gesellschaftlichen Strukturen beeinflusst und nach ihrer Rückkehr sogar Traditionen verändert.

Die österreichische Sozialwissenschaftlerin Alicia Allgäuer berichtet über Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit, die sie 2007/08 im spanischen Andalusien und bolivianischen Valle Alto in der Region Cochabamba durchgeführt hat. Nachdem die für spanische Migrantinnen traditionellen Wanderrichtungen USA und Argentinien immer undurchlässiger wurden, orientierten sich die migrierenden Bolivianerinnen stärker nach Spanien, bedingt durch historisch bereits vorhandene Netzwerke und Kontakte. Warum man in Bolivien – und darüber hinaus in Lateinamerika – von einer Feminisierung der Migration sprechen kann, hängt nach Meinung der Autorin im wesentlichen damit zusammen, dass die „Verantwortungslosigkeit der Väter“ die Frauen dazu zwingt, die alleinige Verantwortung für Versorgung und Erziehung der Kinder zu übernehmen. Weil aber „Migration an sich ( ) nicht automatisch eine größere soziale oder ökonomische Autonomie (bewirkt)“, schon gar nicht kurzfristig, sind längere Migrationsaufenthalte erforderlich, die wiederum zu einer Veränderung der einheimischen Familien- und Geschlechterstrukturen beitragen.

Die Soziologin von der Brown University in Rhode Island / USA, Rhacel Salazar Pyarreñas, berichtet über ein Forschungsprojekt, das sie „Betreuung in der Krise“ nennt und die Situation von Kindern aus transnationalen Familien in der neuen globalen Wirtschaft auf den Philippinen darstellt. An mehreren Fallbeispielen zeigt sie auf, wie die durch die Migration der Frauen zumindest zeitweilig mütterlosen Kinder von Ersatzmüttern oder im besseren Fall von Ersatzeltern versorgt und erzogen werden. Dabei arbeitet die Autorin heraus, dass die allzu einfache Forderung nach Rückkehr der Kleinfamilie weder realistisch noch sinnvoll ist; vielmehr geht es darum, die speziellen Bedürfnisse von transnationalen Familien deutlicher in den Blick zu nehmen, etwa durch eine Neuausrichtung der Genderideologie auf den Philippinen.

Die Kultur- und Sozialanthropologin von der Universität Wien, Heike Wagner, setzt sich zur Thematik „Transnationale Mutterschaft“ mit den in Ecuador vorherrschenden Vorurteilen auseinander, dass die Ecuadorianerinnen in Spanien ihren heimischen Partnern untreu würden und in der offiziellen Lesart, dass die Migration von Frauen die Familien und vor allem das Leben der Kinder, die in Ecuador blieben, zerstöre. In ihren Forschungsergebnissen zeigt die Autorin hingegen auf, dass „die Migration von Müttern (…) oft nicht zur Zerstörung der Familie und des Lebens ihrer Kinder (führt), sondern ( ) Probleme ans Tageslicht (bringt), die bereits vor der Migration bestanden“.

Carolyn Sobritchea von der University of the Philippines stellt Erfahrungen von „Fern-Bemuttern“ vor, die philippinische Arbeitsmigrantinnen leisten müssen. Sie reichen von finanziellen Beiträgen, über Heimweh-Aktivitäten, bis hin zu Schuldgefühlen. Es ist das „doppelte Opfer“, das Arbeitsmigrantinnen als Mütter und Familienangehörige zu bringen haben, an denen sie (ver-)zweifeln, die sie aber auch zum Äußersten herausfordern.

Alicia Pingol von der englischen University of Hull leitet ein Forschungsprojekt über philippinische Vertragsarbeiterinnen in Saudi-Arabien. In ihrem Beitrag „Die Rückeroberung der Vaterschaft“ reflektiert sie die Positionen von philippinischen (daheim gebliebenen) Hausmännern. Die sich dabei vollziehenden Rollen- und Image-Wechsel vom Machismo hin zum Hausmann vollziehen sich „vor Ort“ in unterschiedlichen Varianten, die von Tragödien bis zur Veränderung des traditionellen Vaterbildes,„“Papa ist Mama“, reichen.

Die Politologin Kathrin Zeiske, die als Betreuerin von kranken, überfallenen und verunfallten MigrantInnen in der Herberge „Buon Pastor“ in Tapachula, in der mexikanischen Grenzregion zu Guatemala tätig ist, berichtet über ihre Erfahrungen beim „Zusammenspiel von Rassismus, Abschiebungen, Korruption und Straflosigkeit“ in der Region. Auf ihrem Weg aus den zentralamerikanischen Ländern über den Grenzfluss Suchiate durch Mexiko in die USA zu gelangen, treffen die MigrantInnen auf eine Mauer der Ablehnung, des Hasses und der Ausbeutung durch mexikanische Einwohner, der sie ungeschützt ausgesetzt sind.

Die Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lateinamerika-Instituts der Freien Universität Berlin, Stefanie Kron, stellt mit ihrem Beitrag „Gender und Citizenship in der transnationalen Migration“ Prozesse des sozialen Wandels am Beispiel des guatemaltekischen Landkreises San Pedro Soloma dar. Die Region ist bekannt geworden als „pueblo sin ley“, als „Ort ohne Gesetz“, weil die Mittelsmänner der irregulären Migration in die USA, coyotes genannt, das kollektive Leben im Ort bestimmen und damit neue Formen von citizenship-Praktiken hervor bringen.

Der Politikwissenschaftler vom Arnold-Bergstraesser-Institut Freiburg, Stefan Rother, diskutiert mit der Frage „`Demokratie`“ als Rücküberweisung?“ Einflüsse von ArbeitsmigrantInnen auf die demokratische Entwicklung in ihren Heimatländern. Dabei zeigt er die unterschiedlichen Situationen und Bedingungen auf, die etwa ArbeitsmigrantInnen aus Indonesien oder von den Philippinen in den Herkunfts- und Gastländern vorfinden, oder die Partizipationsmöglichkeiten von MigrantInnen aus Mittelamerika und Mexiko. Das nicht allzu überraschende und doch interessante Ergebnis: Es ist im allgemeinen nicht die Regierungsform im Zielland, die per se Auswirkungen auf die politischen Einstellungen von Migranten hat; vielmehr ist entscheidend, „wie Migranten diese in ihrem Alltag beobachten und erleben“.

Die Berner Sozialanthropologin Regina Zürcher analysiert die „Auswirkungen der Migration auf die kommunale Organisation in El Salvador“, indem sie am Beispiel von zwei Gemeinden der Frage nachgeht, welche wirtschaftliche, soziokulturelle und politische Konsequenzen die zunehmende Migration der vor allem jungen SalvadorianerInnen insbesondere in die USA auf die regierungsamtliche, administrative und alltägliche Organisation hat.

Das vierte Kapitel „Migration. `Regieren` aus der Südperspektive“, leitet der Soziologe Boris Michel mit Überlegungen über das Verhältnis von Migration, Nation und Staat in den Philippinen ein, indem er seinen Beitrag titelt: „Vom Vertragsarbeiter zum `Global Pinoy`“. Damit diskutiert der Autor das doppelseitige Problem, das staatliches Handeln betrifft: Zum einen die Schwierigkeiten des brain drain, der Abwanderung von Fachkräften, zum anderen die Befürchtungen, dass die Bindungen der MigrantInnen an das Heimatland, nicht zuletzt die einkalkulierten enormen Unterstützungsgelder, die als Rücküberweisungen ins Land fließen, nachlassen könnten. Das staatliche Programm „Global Pinoy“ ermuntert deshalb außerhalb des Landes lebende Filipinos dazu, in der Heimat zu investieren, sogar mit dem Anreiz,etwa die doppelte Staatsbürgerschaft (USA / Philippinen) zuzulassen.

Die im Bereich der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit auf den Philippinen tätige Grazerin Helga Moser vermittelt einen Überblick über die verschiedenen Felder, in denen Nichtregierungsorganisationen (NGO) zum Thema Arbeitsmigration tätig sind. Mit ihrer unterschiedlichen, zielspezifischen Arbeit geraten die NGO dabei in die Zangenbewegung der regierungsamtlichen Version der Hero-Propaganda als Overseas Filipino Workers (OFW) und zum anderen dem Bemühen, die prekären Lebensbedingungen der OFWs zu verbessern.

Der Hamburger Ethnologe und Geograf Hauke Lorenz macht auf „Mexikos ambivalente Migrationspolitik“ aufmerksam, indem er über die unterschiedlichen Umgänge und politischen Umwege informiert, auf Menschenrechtsverletzungen hinweist und die teilweise rassistischen und verbrecherischen, staatlicherseits kaum unterbundenen Angriffe auf MigrantInnen anprangert.

Die Südostasienwissenschaftlerin Yvonne Bach informiert über legale und illegale Praktiken der Rekrutierung von indonesischen Frauen als Arbeitsmigrantinnen,. Die offizielle Stellenvermittlung beginnt für die migrationswilligen Frauen mit einem obligatorischen, mehrwöchigen Aufenthalt in Trainingszentren, in denen teilweise menschenunwürdige und korrupte Zustände herrschen und Arbeitsverträge ausgestellt werden mit horrenden Rückzahlungsforderungen der entstandenen Kosten für Training, Vermittlung und Vertragserteilung.

Im fünften und letzten Kapitel „Heim-Weh“ kommt die Doppeldeutigkeit des Bindestrich-Begriffs zum Ausdruck. Der Ethnologe, Wissenschaftsredakteur und freie Journalist, Stephan Brües weist auf die „Ambivalenz der selbstorganisierten Rückkehr der Flüchtlinge“ hin, indem er darüber berichtet, welche Schwierigkeiten und Widerstände die guetemaltekischen Flüchtlinge zu überwinden hatten, die in den 1980er Jahren durch den Bürgerkrieg in Guatemala nach Mexiko geflohen sind; es wird geschätzt, dass ca. 1,5 Millionen Menschen als anerkannte Flüchtlinge und als Illegale in Mexiko lebten. Mit dem Ende der Militärherrschaft in Guatemala, 1986, kam es mit Hilfe der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR zu Rückkehrprogrammen in von der Regierung zugewiesene und kontrollierte Modelldörfer im Land. Der Widerstand der Flüchtlinge dagegen führte zur Gründung einer Interessenvertretung (CCPP) in Mexiko, die als (allerdings weitgehendes ohnmächtiges) Sprachrohr für die Interessen der Flüchtlinge diente, heute weniger denn je.

Die Geschäftsführerin der philippinischen NGO Atikha, die Reintegrationshilfen bietet, Bildungsangebote bereit stellt und als Ansprechpartner für philippinische Rückkehrerinnen und Rückkehrer ist, Mai Dizon Añonuevo, informiert über die verschiedenen Typen der Rückmigration: Rückkehr aufgrund von Scheitern; zielorientierte Rückkehr; innovative Rückkehr; Rückkehr, um sich zur Ruhe zu setzen; und erzwungene Rückkehr. Inwieweit eine Reintegration in die Gesellschaft gelingt, hängt zum einen von den Rückkehrgründen ab, zum anderen aber auch von der Fähigkeit und Bereitschaft aller Beteiligten, mit der Rückkehr ein neues Leben beginnen zu können.

Fazit

Der Sammelband „Das Echo der Migration“ diskutiert gewiss ein sensibles Thema, das zudem meist nicht im Migrationsforschungsdiskurs, aber auch nicht in der öffentlichen und gesellschaftlichen Diskussion präsent ist. Die vielfältigen Themen, auch wenn sie ausschließlich auf südostasiatische und lateinamerikanische Migrationsphänomene fokussiert sind und Problematiken aus Afrika und Südosteuropa gar nicht berücksichtigen, vermögen die allzu einseitig auf Katastrophenszenarien ausgerichtete Auseinandersetzung um die modernen Wanderungsbewegungen von Menschen zu relativieren. Zwar vermögen die kurzen Beiträge die Probleme, Vorder- und Hintergründe, aber auch die Vorteile von Migration nur anzudeuten; aber sie können dazu dienen, die Forschungsanstrengungen zu intensivieren und nicht zuletzt einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen, bei dem Migration (auch) ein Aktivposten der menschlichen Entwicklung ist.

Sympathisch im übrigen das anschaulich und auffordernd gestaltete Layout des Bandes mit deutlich erkennbarem „Umwelt“ – Papier.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.02.2011 zu: Niklas Reese, Judith Welkmann (Hrsg.): Das Echo der Migration. Wie Auslandsmigration die Gesellschaften im globalen Süden verändert. Horlemann Verlag (Unkel) 2010. ISBN 978-3-89502-294-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10775.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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