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Alexander Korittko, Karl Heinz Pleyer: Traumatischer Stress in der Familie

Cover Alexander Korittko, Karl Heinz Pleyer: Traumatischer Stress in der Familie. Systemtherapeutische Lösungswege. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 320 Seiten. ISBN 978-3-525-40207-8. 29,90 EUR.
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Thema

Im Zentrum dieses Buches stehen Kinder mit traumatischen Erfahrungen. Die Autoren, beide langjährig tätige systemische Therapeuten, zeigen auf der Basis theoretischer Erkenntnisse mit Hilfe vieler Praxisbeispiele auf, wie mit traumatisierten Kindern umgegangen werden kann.

Autoren

Alexander Korittko ist Dipl.-Sozialarbeiter, systemischer Lehrtherapeut und Lehrsupervisor und arbeitet on einer kommunalen Jugend-, Familien- und Erziehungsberatungsstelle.

Karl Heinz Pleyer ist Dipl.-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Systemischer Lehrtherapeut und Lehrsupervisor.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach einführenden Texten in zwei Teile. Im einleitenden Text finden sich Geleitworte von Dr. Wilhelm Rotthaus und Prof. Dr. Gerald Hüther, ein Vorwort der Autoren und – als inhaltlicher Einstieg – die Darstellung einer guten Synthese zwischen Systemischer Therapie und Traumatherapie.

Der erste Teil, Traumatischer Stress, der von außen auf Familien einwirken, ist von Alexander Korittko verfasst. In einem gut verständlichen Überblick zeigt er Stresskonzepte auf, neurobiologische Aspekte eines Traumas, Dimensionen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSB) und systemische Behandlungsansätze auf. Sehr angenehm ist, wie Korittko den Blick auf ein potenziell pathologisches Geschehen durch eine ressourcenorientierte Sichtweise erweitert. Dies leistet er, indem er interaktionelle Ressourcen und Selbsthilfekräfte von Familien in den Blick nimmt. Besonders hilfreich ist dabei ein Kapitel über Psychologische Erste Hilfe (S. 69 ff.). Indem der Autor einen individuumzentrierten Blick durch die Übernahme einer generationsübergreifenden Perspektive erweitert, bietet er mit Hilfe vieler Fallbeispiele einen wertvollen Einblick in systemische Praxis, innerhalb derer die durch ein Trauma entstandene Erstarrung wieder behutsam lösen kann.

Im zweiten Teil, Traumatischer Stress, der sich innerhalb der Familie entwickelt, problematisiert Karl Heinz Pleyer die häufig schwierige Täter-Opfer-Unterscheidung bei der Betrachtung problematischer Familienprozesse. Für ihn als Spezialist für stationäre Kindertherapie ist von Interesse, welchen Copingstil Eltern bei einer Traumabewältigung zeigen. In Anlehnung an Seligman entwickelte der Autor das Konstrukt einer „parentalen Hilflosigkeit“, welche oft die in stationären Kontexten zu beobachtenden „co-traumatischen Prozesse“ zwischen Kind und Eltern erklären können. Parentale Hilflosigkeit zeigt sich nach Pleyer in vier Phänomenen. der

  1. Tendenz, Bedürfnis und Botschaften ihres »Problemkindes« selektiv oder verzerrt wahrzunehmen,
  2. Tendenz zur Konfliktvermeidung im Umgang mit dem »Problemkind« und Vermeidung von Präsenz,
  3. Tendenz, die Erziehungsverantwortung direkt oder indirekt an andere zu delegieren,
  4. Tendenz, Kooperation (mit Erziehungspartnern) zu vermeiden und sich zu isolieren (S. 95 ff.).

Auf Basis dieser Annahmen entwickelt der Autor sechs Grundsätze für die Arbeit mit Eltern und ihren Kindern, die mit Hilfe von vielen Fallbeispielen gut nachvollziehbar dargestellt werden. Angerundet wird dieser zweite Teil durch einen ausführlich kommentierten Therapieverlauf eines 12jährigen Jungen mit seinen Eltern.

Diskussion

Wertvoll wird dieses Buch dadurch, dass zwei ausgewiesene systemische Praktiker vor dem Hintergrund eines profunden theoretischen Wissens einen strukturierten Einblick in eine schwierige Materie geben. Ausgehend von der Definition des ICD-10, wonach ein psychisches Trauma die individuellen Folgen „eines kurz oder lang anhaltenden Ereignisses von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß (sind), das nahezu bei jedem eine tiefgreifende Verzweifelung auslösen würde“, liegt nahe, bei der Bearbeitung auf eine individuumzentrierte Behandlung zu fokussieren. Es ist das Verdienst der beiden Autoren, auf die Kurzschlüssigkeit eines solchen Denkens hinzuweisen. Traumabewältigung vollzieht sich bei Betroffenen mit sich selbst und mit anderen. Der Erfolg bei einer Traumabehandlung ist wesentlich von der Qualität der erlebten Beziehungen und von den Reaktionen der anderen abhängig. Deshalb machen die vielen Praxisbeispiele Mut, Eltern und Kindern bei der Unterstützung eines erlittenen Traumas nicht behandlungsmäßig zu separieren, sondern gemeinsam mit einer traumaorientierten Familientherapie zu helfen.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich in erster Linie an Fachkräfte, deren Aufgabe und Interesse darin besteht, Kindern und Eltern zu helfen und beizustehen, die ein traumatisches Erlebnis erlitten haben.

Fazit

Das Buch stellt eine Bereicherung für alle dar, die sich beruflich oder in Ausbildung befindlich mit Fragen des Umgangs mit traumatisierten Kindern beschäftigen. Es ist sorgsam durchdacht und strukturiert. Das Buch ist durchgängig gut lesbar geschrieben und hat ein hohes fachliches Niveau. Sowohl die theoretischen als auch die praktischen Bezüge bieten wertvolle Informationen und vielzählige Denkanstösse. Dieses Buch kann Menschen, die beruflich mit dem Thema beschäftigt sind, eine wertvolle Hilfe beim Verstehen und Einordnen von Traumata bieten kann.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 01.02.2011 zu: Alexander Korittko, Karl Heinz Pleyer: Traumatischer Stress in der Familie. Systemtherapeutische Lösungswege. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-40207-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10777.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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